Montag, 20. Juni 2016

Von der Wirksamkeit des Bittgebetes (i)

"But my dear Sebastian", pressed Charles, "you can't really believe it all. I mean about ... the star and three kings. And in prayers? You think you can kneel down in front of a statue ... and change the weather?"
aus Evelyn Waugh: Brideshead Revisited

Vor einiger Zeit tauchte in einem Seminar die sicher nicht neue Frage nach der Unveränderlichkeit Gottes und der Wirksamkeit des Gebetes auf. Dass Gott unveränderlich sein muss, semper idem, wird der getreuliche Katholik unterschreiben müssen, allen dynamistischen Moden zum Trotz, wenn er sich nicht das Anathem mehrerer Konzilien zuziehen will. Wie passt das aber zusammen mit den vielen Malen, in der wir in der Schrift von gewährten Bitten hören, ja und dem Wort und Gebot des göttlichen Erlösers selbst? Freilich konnte ich nicht anders, als mich für die rechte Lehre zu ereifern, die keine andere als die des Aquinaten ist ... und wurde im Anschluss von einem Kommilitonen und guten Freund gebeten, doch an dieser Stelle über das Thema zu schreiben, was ich denn hiermit tun möchte.

Eine Hinführung zur Antwort besteht vielleicht schon in der Vorstellung, die wir uns von dieser Immutabilität Gottes machen müssen. Unser Herr ist nicht der katatonische Gott der Deisten des 18. und 19. Jahrhunderts, Seine Unveränderlichkeit ist gleichzeitig höchstes Wirken und Leben - wie Augustin im Gottesstaat schreibt: Er weiß zu handeln im Ruhen und zu ruhen im Handeln. Ja, da Gott reiner Akt, actus purus, actus purissimus ist, so bedeutet gerade das höchste Maß an Tätigkeit Seine absolute Unveränderlichkeit. Bliebe Raum für Veränderlichkeit, so wäre Er insofern im Stillstand, in Erwartung, in bloßer Möglichkeit. Und gerade das kann nicht sein.
Paul Claudel, über die Marienerscheinung von La Salette schreibend, erklärte in diesem Sinne sehr schön, wie die Gottesmutter als traurig, als weinend erscheinen und dargestellt werden könne, wo sie doch selbstverständlich die Freude des Himmels genießt: Ist denn nicht die brennende, verzehrende Sorge, die die ganze Existenz durchdringt, in Tränen überquillt ... ein echteres Bild von dem absoluten Akt, den sie schaut, vom Leben der Heiligen im Himmel, in Gott ... als ein stilles, unbeteiligtes Sitzen auf irgendeiner Wolke?  Vielleicht hilft uns dieser Gedanke auch, die Seligkeit der Entschlafenen in Einklang bringen zu können mit dem vielfachen Leid der Erdenbürger, sogar dem Leid ihrer Lieben, das sie von droben mitansehen müssen.

Schauen wir uns aber zunächst das Gebet an, denn hier liegt vielleicht die Wurzel des Übels, das uns zu einem falschen Verständnis führt und dem Spott der halbgebildeten Philosophen preisgibt. Wir stellen uns gerne vor, das Gebet habe seine Kraft in und aus uns, als wollten wir Gottes Willen durch eine Art Überredung beugen. Wenn wir so denken, kommen wir notwendigerweise in Schwierigkeiten. Gott spricht ja: "Ich bin der Herr und ändere mich nicht" (Mal. 3,6). Niemand kann sich rühmen, Gott je erleuchtet, seinen Willen geändert zu haben. In ihm ist kein Wechsel, kein Schatten von Veränderlichkeit, und die Ordnung der Dinge und Ereignisse sind durch die Ratschlüsse seiner Vorsehung von Ewigkeit her festgesetzt.

Heißt das aber dann, uns in einen blinden Fatalismus flüchten? O Fortuna! Nein, denn die Worte des Evangeliums bleiben bestehen: "Bittet, und ihr werdet empfangen, suchet, und ihr werdet finden, klopfet an, und es wird euch aufgetan werden."

Das Gebet ist nicht eine Kraft, deren Ursprung wir in uns finden können. Es ist kein Vermögen der Seele, keine Gewaltanwendung wider Gott, um die Beschlüsse Seiner Vorsehung zu ändern. Sprechen wir so, dann nur in einem bildlichen Sinn. Denn der Wille Gottes ist unveränderlich, aber gerade darin liegt die Quelle der unfehlbaren Wirksamkeit des Gebetes.

Das mag sich erstaunlich anhören, ist aber trotz des Geheimnischarakters der Gnade, den dieses Gesetz in sich schließt, ganz einfach: das wahre Gebet ist unfehlbar wirksam, weil Gott beschlossen hat, dass es wirksam sei.
Es wäre ebenso kindlich, schreibt Garrigou-Lagrange, anzunehmen, dass Gott nicht von Ewigkeit her die Gebete gewollt und vorausgesehen hätte, wie sich einen Gott vorzustellen, der seine Absichten durch unseren Willen ändern würde. So erklärt es auch Gregor der Große in seinen Dialogen*:
[Ist es so,] daß verdienstvolle Heilige bei Gott manchmal etwas erlangen können, was nicht vorher bestimmt ist?
Nein, sie können keineswegs etwas erlangen, was nicht vorausbestimmt ist, sondern das, was die heiligen Männer durch ihr Gebet erreichen, ist eben in der Weise vorausbestimmt, daß es erst durch Gebete erlangt werden soll. Denn auch selbst die Vorherbestimmung des ewigen Lebens ist von Gott so getroffen, daß die Auserwählten durch ihre Anstrengung zu demselben gelangen sollen, insofern sie so durch ihr Gebet verdienen, was der allmächtige Gott ihnen von Ewigkeit her zu schenken beschlossen hat.
Zur Sache muss noch vieles gesagt werden, aber mehr dazu im nächsten Teil.

Übersetzung entnommen der Bibliothek der Kirchenväter.

Kommentare: