Mittwoch, 8. Juni 2016

Ein Arbeitersohn spricht - ein persönliches Zeugnis Kard. Ottavianis auf dem Konzil

Einer der weniger bekannten, aber doch mit großem Eifer geführten Konzilsdiskussionen betraf das Sakrament der Ehe. Beim Durchschauen der Acta Synodalia war selbst ich erstaunt, wie die Wortführer der sogenannten progressiven Partei Forderungen stellten, die selbst heute noch schwer verdaulich wären. So sprach sich Patriarch Maximos IV. Saigh für eine "neue Morallehre" aus, die der heutigen "Reife der Menschheit" angemessen wäre,* sein ägyptischer Kollege Msgr. Elias Zoghbi stellte die Unauflöslichkeit der Ehe selbst in Frage, und viele befürworteten eine stärkere Geburtenkontrolle, um die Familien zu entlasten und die angebliche Überbevölkerung zu verhindern. Kardinal Suenens, stets an der Speerspitze der Konzilslinken, meinte doch tatsächlich, man müsse die thomistische Anthropologie aufgeben, da die Wissenschaft stets neue Fortschritte mache und man gar nicht wissen könne, was "gemäß oder gegen die Natur" sei. Er sagte im Wortlaut: "Folgen wir dem Fortschritt der Wissenschaft. Fratres, ich beschwöre euch. Vermeiden wir einen neuen 'Galilei-Prozess'. Einer reicht der Kirche."
Solche Aussagen, die an Anstößigkeit kaum zu überbieten sind, sorgten natürlich bei nicht wenigen Kirchenfürsten für außerordentliche Entrüstung. Prälaten aus ferneren Weltgegenden konnten zudem ihren Ohren kaum trauen, dass die Väter einer Überbevölkerungstheorie Glauben schenkten. (Dass man damals einen regelrechten "Kampf der Kulturen" auf dem Konzil sah, vergleichbar mit der heutigen Hauptkampflinie zwischen den Parteien, wenngleich mit weiter verschobenem Limes, wäre Thema für einen weiteren Beitrag).
In der Ehefrage intervenierte schließlich sogar Paul VI. ausnahmsweise zugunsten der konservativen Konzilsväter, was letzten Endes zu dem Kompromissergebnis führte, das uns heute in Gaudium et Spes vorliegt.

Jedenfalls aber gab es neben den verschiedenen Interventionen eine, die durch ihren persönlichen Charakter herausragt, nämlich die Alfredo Kardinal Ottavianis:
Em.mi ac exc.mi Fratres,
Entschuldigt mich, wenn ich so plötzlich das Wort ergreife. (...) Mir sagt die Aussage des Textes Nr. 21 über die Aufgaben bzw. das Amt [der Eheleute - Anm.] nicht zu, nach der die Ehepartner die Anzahl ihrer Kinder begrenzen können. Dergleichen ist unerhört in den vergangenen Jahrhunderten bis zu unseren heutigen Zeiten. Sollen wir etwa vergessen, dass in der Hl. Schrift steht: »Seid fruchtbar und mehret euch«, welches doch nicht »das zwei ein Fleisch werden« widerspricht [wie Kard. Suenens direkt vorher zugunsten einer Umkehrung der Ehezwecke argumentierte - Anm.], denn dabei handelt sich sich nicht nur um eine Bezeichnung der Liebe zwischen den Eheleuten, sondern auch um die der Fortpflanzungsfunktion.
Was also nun? Sollen wir den Psalm »Selig alle, die fürchten den Herrn«»Dein Weib ist wie ein fruchtbarer Weinstock (...) deine Kinder wie Ölzweige um deinen Tisch her.« abschaffen?
Zu euch spricht ein Priester aus einer Familie mit zwölf Kindern; er war selber der Elfte und sein Vater war ein Arbeiter, ein Bäcker, nicht Besitzer einer Bäckerei, sondern Arbeiter in einer Bäckerei, und niemals zweifelte er an der Vorsehung, niemals dachte er daran, die die Anzahl der Kinder zu beschränken, wie groß auch immer die Schwierigkeiten waren.
Niemals vergaß er, was der Herr gesagt hat: »Sehet die Vögel die Himmels, schauet die Lilien des Feldes«.
Dann übergab der Sekretär des Hl. Offiziums Kard. Browne das Wort, dem vormaligen Ordensmeister der Dominikaner, der "mit seiner gewohnten Kompetenz die Lehre der Kirche darlegen wird."
Und ich hoffe, dass niemand durch das [gestern in der Konzilsaula - Anm.] Gesagte denken möge, dass die Kirche in den vorangegangenen Jahrhunderten geirrt hätte. 
Ottaviani schließt damit, dass sie, die Konzilskommission, die doch gerade erst die Frage der Irrtumslosigkeit der Kirche und der Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Papst behandelt hätte, nun doch nicht behaupten könne, die Kirche hätte in Fragen der Ehelehre geirrt - "quod mihi videtur abnorme."

Die Acta Synodalia geben außerdem die Textvorlage an, die sich gerade bei dem erblindeten Kardinal in größerem Maße vom - notwendigerweise frei gehaltenen - Vortrag unterscheidet. Dort spricht er davon, dass seine Eltern niemals eine Vielzahl von Kindern fürchtete, da sie der Vorsehung vertrauten, er nennt das Herrenwort von der Freude der Frau ob der Geburt ihres Kindes nach den Kümmernissen der Niederkunft, und er appelliert an die Konzilsväter, die doch zumeist ebenfalls auch aus dem Volke und aus kinderreichen Familien kämen, schließlich wären die Berufungen in großen Familien zahlreich, während sie in Familien mit wenigen Kindern versiegten.

aus dem Intervention Kardinal Ottavianis, Sekretär des Hl. Offiziums, Vorsitzender der Theologischen Konzilskommission, vom 30. Oktober 1964. Zitiert nach AS III/6, S. 85f. 

*Als Beispiele für die überkommene, legalistische Moral nennt er die Kirchengebote, wo doch niemand mehr glauben könne, dass etwa das Versäumnis einer Sonntagsmesse eine Todsünde sei.
Wie man keine zwei Jahrzehnte nach einem der moralischen Tiefstpunkte der Menschheitsgeschichte, ja, und wo zeitgleich immer noch Menschen andere Menschen massenweise dahinschlachteten, von einer ethisch reif gewordenen Menschheit sprechen kann, verschließt sich vollkommen meiner Verständnisskraft.

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