Montag, 6. Juni 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (iv) - Das Reich des Heiligsten Herzens (letzter Teil)


Aus dem Votum, dass Mgr. de Proença Sigaud dem Kardinalstaatssekretäriat überreichte, ließe sich noch einiges zitieren. Uns Nachgeborenen, die wir mit dem scharfen Urteil der Rückschau und bald fünfzigjährigem Wiederkäuen des Ewiggleichen ausgestattet und ermüdet sind, mag das wenig "revolutionär" erscheinen. Interessant finde ich aber sehr wohl, wie manche Prälaten doch ganz glasklar die Zeichen der Zeit erkannten, und das, was da noch kommen sollte ... und zwar noch vor dem Konzil, als diejenigen Kirchenfürsten, die die Revolution maßgeblich antreiben sollten, diese noch nicht einmal wünschten oder zu erträumen wagten, traut man den entsprechenden Eingaben der Rheinfraktion.

Im Brief des brasilianischen Bischofs liest man ganz klar die Rhetorik Plinio Corrêa de Oliveiras heraus, an dessen Seite er zu diesem Zeitpunkt schon über zwei Jahrzehnte stritt. Die wichtigste Waffe im Arsenal der Revolution, da sind sich die beiden einig, ist die menschliche Leidenschaft, die Sinnlichkeit und der Hochmut. Diese ungeordneten Leidenschaften richtet die Revolution aus, um die Stadt Gottes von ihren Grundfesten her zu zerstören und die Stadt des Menschen an ihre Stelle zu setzen.
Dom Geraldo fordert auch eine Neuausgabe des Syllabus errorum, in den die Irrtümer des Sozialismus, der "Götzendienst der Demokratie und der Götze der Christdemokratie", "die gesamte soziale Häresie Maritains", die "Irrtümer des Liturgizismus" uvm. verurteilt werden. Ferner sollte die Anpassung an Nichtkatholiken vermieden werden, ja, wenn die Welt heute mehr heidnisch als christliche wäre, dann könne die Kirche eben nicht "von heute" sein! Und selbst, wenn die rechten Prinzipien gewahrt blieben, so wäre die Gefahr für den Menschen, der aus Schwachheit immer zum Bösen neigt, immens. Außerdem solle man nicht zu viel auf den Mythos des "guten Willens" geben, in steter Sorge, den Nichtgläubigen Grund zum Anstoß zu geben. Wo doch gerade das die Methode des Herrn selbst war! Man braucht nicht zu denken, die Menschen würden konvertieren, nur, weil ihnen die katholische Wahrheit in freundlicher Weise vorgelegt würde.

So viel zum negativen Teil des Votums. Auch wenn es sich hier schon stark von den anderen Eingaben unterscheidet, ist das doch nicht der unkonventionelle Teil des Briefes. Viel mehr als Verurteilungen, die wichtig sind, aber doch nicht genügen, fordert Mgr. Sigaud den aktiven Kampf, den Wiederaufbau der katholischen Gesellschaft und eine Wissenschaft von der Gegenrevolution:

Die Verschwörung der Revolution ist einheitlich und organisch. Also muss eine derartige Verschwörung in einheitlicher und organische Art und Weise bekämpft werden.
Mir scheint, dass
eine katholische Strategie und ein Zentrum für den methodischen gegenrevolutionären Kampf für die ganze Welt geschaffen und die Katholiken dazu aufgerufen werden müssen. Dann gäbe es die Hoffnung auf den Anbruch einer wirklich besseren Welt. Es ist angemessen, wenn der Heilige Stuhl diese »Offensive« anführt. (...)
Der katholische Kampf gegen die Feinde der Kirche erscheint mir oftmals wie ein Kampf von Blinden gegen Sehende zu. Wir kennen weder Ziel, noch Methode, Dynamik, Strategie und Waffen. (...)
Die Macht des Heiligen Stuhls ist immens. Wenn die Gläubigen energisch, klar und methodisch zu diesem Werk gerufen würden, in einem wirklich weltumspannenden Kampf, unter Führung des Papstes, dann würde der Triumphzug der Revolution unterbrochen und das Reich des Heiligsten Herzens Jesu begründet werden. (...)
Die Lösung der heutigen Schwierigkeiten findet sich nicht an erster Stelle auf internationalen Konferenzen, sondern in einer neuen Christianisierung der Sitten. Wenn Gott und sein Gesalbter zum Fundament des Lebens der Individuen, der Familien und der Nationen gemacht würden, so würden die Kräfte der Natur konnaturale Lösungen erfordern, die durch den Intellekt und den guten Willen der Menschen Unterstützung erhalten müssten. (...)
Die Wiederherstellung der Christenheit ist eine Sache größter Wichtigkeit. Am wichtigsten ist die Begründung der Herrschaft des Heiligsten Herzens Jesu. Gott kann selbst in einer revolutionären Gesellschaft eine jede einzelne Seele retten. Aber die Bedingungen zur Errettung sind die schlechtesten und das Heil einer jeden Seele ein Wunder.
Die christliche Ordnung dagegen ist die größte äußere Gnade, die behutsam und effektiv, nicht nur Einzelne, sondern ganze Massen zur Heiligkeit des Lebens und dem ewigen Heil bewegt. In einer revolutionären Gesellschaft fischt Gott mit einem Fischhaken nach Seelen. In einer christlichen Gesellschaft werden die Seelen in Netze eingefangen. Die erste Gesellschaft ist das größte Hindernis, die zweite die größte äußere Gnade. (...)
Verschiedene katholische Soziologen sprechen von einer »neuen Menschheit«, die bald geboren würde, als wüssten sie das aus einer esoterischen oder gnostischen Wissenschaft. Das »Dogma« der Evolution würde diese Wissenschaft und Hoffnung zum Teil erklären. Der Mensch war einmal ein Affe. Jetzt kann er sich weiterentwickeln und etwas höheres als die heutige Menschennatur werden: ein Übermensch. Andere Naturgesetze hätten Geltung, selbst die Moralgesetze, die aus dem gleichen Grund relativ würden. Wir müssen diese Dinge zurückweisen.
Meiner demütigen Meinung nach müssten wir ein positives Programm vorstellen. Die Katholiken verlangen danach. Sie sagen: Wenn es um den Kampf gegen den Irrtum geht, sind alle Katholiken vereint. Aber wenn es um positiven Aufbau geht, ist die Einheit dahin. (...)
Und schließlich schließt der brasilianischen Bischof mit klingenden Worten. Es bleibt der bittere Geschmack, dass dieser Vorschlag keinen bleibenden Nachhall gefunden hat ... und das, was Dom Geraldo fordert, was doch die Forderung und der Wunsch eines jeden Christen sein muss ... von den promulgierten Konzilsdokumenten nicht einmal im Ansatz angedacht wurde:
Wenn das Ökumenische Konzil ein positives Programm der gegenrevolutionären Aktion und des Aufbaus der Christenheit mit konkreten Plänen präsentiert und zu diesem Zweck die Katholiken zusammenriefe, so würde, wie ich meine, das Reich des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens anbrechen. 
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 191f, 194f.  Hervorhebungen im Original.

Kommentare:

  1. Protestantischer Konvertit7. Juni 2016 um 21:39

    Mir macht ehrlich gesagt die Aussage zu schaffen:"Man braucht nicht zu denken, die Menschen würden konvertieren, nur, weil ihnen die katholische Wahrheit in freundlicher Weise vorgelegt würde." Wollte er denn einen Jihad beginnen? Auch verstehe ich nicht ganz, was er gegen die Christdemokraten hat. Hatte nicht noch Pius XII alle Katholiken aufgefordert, die Democrazia Cristiana zu wählen? Man möge mir mein konvertitenhaftes Unwissen verzeihen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es geht keinesfalls um einen Kreuzzug, sondern viel mehr darum, die Wahrheit nicht zu verschweigen und das Falsche zu verurteilen. Eben schlicht dem Beispiel folgen, welches der Heiland selbst gegeben hat. (Es geht hier in diesem Fall um Häretiker und Schismatiker). Die progressiven Kräfte wollten ja um jeden Preis alle Polemiken vermeiden ... und fielen damit doch in den Irenismus, den Pius XII. als falschen Ökumenismus verurteilt hat.

      Papa Pacelli hat tatsächlich als erster in großem Umfang die Christdemokratie - ein Name, den Leo XIII. noch verurteilte - unterstützt. Ich finde das aus diesem Grund auch sehr kurios, aber mutig. Auf der politischen Ebene halte ich das, neben der "neuen Ostpolitik" Pauls VI., für den größten Fehler des Papsttums im letzten Jahrhundert. Und schon kurz nach dem Tod des letzten Pius-Papstes begann die Linksöffnung und Entchristianisierung der Democrazia Cristiana.
      Klassischerweise bevorzugten konservative Kräfte Staats- und Regierungsformen, wie so zu der Zeit etwa in Portugal oder Spanien herrschten. In Deutschland ist da insbesondere die "Abendländische Bewegung" zu nennen, die zeitweise sehr bedeutsam war.

      Löschen