Montag, 27. Juni 2016

O Maria, immer hilf!

 


Das Römische Missale von 1962 gibt unter den Festen für gewisse Orte zum heutigen Tage das Gedächtnis unserer Lieben Frau unter dem Titel der Immerwährenden Hilfe mit folgender Oration an:
Domine Iesu Christe, qui Genitricem tuam Mariam, cujus insignem veneramur imaginem, Matrem nobis dedisti perpetuo succurrere paratam: concede, quaesumus, Redemptionis tuae fructum perpetuo experiri mereamur.
O Herr Jesus Christus, der Du uns das Gnadenbild Deiner Mutter von der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast; gewähre, so bitten wir Dich, dass wir den ewigen Lohn Deiner Erlösung zu erlangen verdienen.
Weniger römisch-konzis, aber nicht weniger mit dem Geist frommer Andacht erfüllt ist eine Kollekte, die sich in den älteren Büchern findet:
Omnipotens et misericors Deus qui dedisti nobis beatissimae Genitricis tuae imaginem de Perpetuo Succursu speciali titulo venerari: concede propitius; ita nos inter omnes vitae huius varietates continuo eiusdem Immaculatae semperque Virginis Mariae protectione muniri, ut aeternae tuae redemptionis praemia consequi mereamur.
Allmächtiger und barmherziger Gott, der Du uns das Gnadenbild Deiner allerseligsten Mutter unter dem besonderen Titel der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast, gewähre gnädiglich, dass wir, unter all den Unbeständigkeiten unseres Lebens, beständig unter dem Schutz derselben Unbefleckten und immerwährenden Jungfrau Maria verwahrt bleiben, sodass wir den Lohn Deiner ewigen Erlösung zu erlangen verdienen.
O Maria, immer hilf!

Bild: aus der Pforte der Redemptoristenkirche in Atyra, Paraguay.

Freitag, 24. Juni 2016

Von wegen »die Messe beten« ! (ii)

»Der Grund, der immer für die Verwendung der Volkssprache herangezogen wird, ist dieser: ein jeder solle alles verstehen. Ich antworte darauf, dass die Gläubigen nicht alles verstehen müssen - nicht einmal wir Priester verstehen alles ! - sondern es genügt, dass sie das Allgemeine verstehen und nicht jede Einzelheit. Die tätige Teilnahme der Gläubigen besteht nicht so sehr im Singen und Beten, sondern auch in der Schau der Dinge, die am Altar geschehen. Bereits der hl. Thomas spricht von jenen, die in der Kirche nicht verstehen, was gesungen wird, und gibt in II-II, q. 81, art. 2 ad 5 folgende so schöne Worte: Wenn sie auch zuweilen das nicht verstehen, was gesungen wird, so verstehen sie jedoch, warum es gesungen wird, nämlich zum Lob Gottes, und das genügt, um eine fromme Andacht zu erwecken. Und das erlebte ich am Mittwoch, als ich bei jener wunderschönen byzantinischen Liturgie assistierte: Ich verstand nichts außer ein Wort, nämlich Amin‹, aber meine Andacht war aufs höchste erweckt, weil ich wusste, dass das Mysterium des Kreuzes dort vollzogen wird und ich auch den musikalischen Gesang begriff. Die Musik ist nämlich die universale Sprache, die von allen verstanden wird.« 
Benedikt Reetz, Erzabt von Beuron und Präses der Beuroner Benediktinerkongregation, Rede zum Schema S. Liturgia vom 26. Okt. 1962, zitiert nach AS I/1, S. 470.

Montag, 20. Juni 2016

Von der Wirksamkeit des Bittgebetes (i)

"But my dear Sebastian", pressed Charles, "you can't really believe it all. I mean about ... the star and three kings. And in prayers? You think you can kneel down in front of a statue ... and change the weather?"
aus Evelyn Waugh: Brideshead Revisited

Vor einiger Zeit tauchte in einem Seminar die sicher nicht neue Frage nach der Unveränderlichkeit Gottes und der Wirksamkeit des Gebetes auf. Dass Gott unveränderlich sein muss, semper idem, wird der getreuliche Katholik unterschreiben müssen, allen dynamistischen Moden zum Trotz, wenn er sich nicht das Anathem mehrerer Konzilien zuziehen will. Wie passt das aber zusammen mit den vielen Malen, in der wir in der Schrift von gewährten Bitten hören, ja und dem Wort und Gebot des göttlichen Erlösers selbst? Freilich konnte ich nicht anders, als mich für die rechte Lehre zu ereifern, die keine andere als die des Aquinaten ist ... und wurde im Anschluss von einem Kommilitonen und guten Freund gebeten, doch an dieser Stelle über das Thema zu schreiben, was ich denn hiermit tun möchte.

Eine Hinführung zur Antwort besteht vielleicht schon in der Vorstellung, die wir uns von dieser Immutabilität Gottes machen müssen. Unser Herr ist nicht der katatonische Gott der Deisten des 18. und 19. Jahrhunderts, Seine Unveränderlichkeit ist gleichzeitig höchstes Wirken und Leben - wie Augustin im Gottesstaat schreibt: Er weiß zu handeln im Ruhen und zu ruhen im Handeln. Ja, da Gott reiner Akt, actus purus, actus purissimus ist, so bedeutet gerade das höchste Maß an Tätigkeit Seine absolute Unveränderlichkeit. Bliebe Raum für Veränderlichkeit, so wäre Er insofern im Stillstand, in Erwartung, in bloßer Möglichkeit. Und gerade das kann nicht sein.
Paul Claudel, über die Marienerscheinung von La Salette schreibend, erklärte in diesem Sinne sehr schön, wie die Gottesmutter als traurig, als weinend erscheinen und dargestellt werden könne, wo sie doch selbstverständlich die Freude des Himmels genießt: Ist denn nicht die brennende, verzehrende Sorge, die die ganze Existenz durchdringt, in Tränen überquillt ... ein echteres Bild von dem absoluten Akt, den sie schaut, vom Leben der Heiligen im Himmel, in Gott ... als ein stilles, unbeteiligtes Sitzen auf irgendeiner Wolke?  Vielleicht hilft uns dieser Gedanke auch, die Seligkeit der Entschlafenen in Einklang bringen zu können mit dem vielfachen Leid der Erdenbürger, sogar dem Leid ihrer Lieben, das sie von droben mitansehen müssen.

Schauen wir uns aber zunächst das Gebet an, denn hier liegt vielleicht die Wurzel des Übels, das uns zu einem falschen Verständnis führt und dem Spott der halbgebildeten Philosophen preisgibt. Wir stellen uns gerne vor, das Gebet habe seine Kraft in und aus uns, als wollten wir Gottes Willen durch eine Art Überredung beugen. Wenn wir so denken, kommen wir notwendigerweise in Schwierigkeiten. Gott spricht ja: "Ich bin der Herr und ändere mich nicht" (Mal. 3,6). Niemand kann sich rühmen, Gott je erleuchtet, seinen Willen geändert zu haben. In ihm ist kein Wechsel, kein Schatten von Veränderlichkeit, und die Ordnung der Dinge und Ereignisse sind durch die Ratschlüsse seiner Vorsehung von Ewigkeit her festgesetzt.

Heißt das aber dann, uns in einen blinden Fatalismus flüchten? O Fortuna! Nein, denn die Worte des Evangeliums bleiben bestehen: "Bittet, und ihr werdet empfangen, suchet, und ihr werdet finden, klopfet an, und es wird euch aufgetan werden."

Das Gebet ist nicht eine Kraft, deren Ursprung wir in uns finden können. Es ist kein Vermögen der Seele, keine Gewaltanwendung wider Gott, um die Beschlüsse Seiner Vorsehung zu ändern. Sprechen wir so, dann nur in einem bildlichen Sinn. Denn der Wille Gottes ist unveränderlich, aber gerade darin liegt die Quelle der unfehlbaren Wirksamkeit des Gebetes.

Das mag sich erstaunlich anhören, ist aber trotz des Geheimnischarakters der Gnade, den dieses Gesetz in sich schließt, ganz einfach: das wahre Gebet ist unfehlbar wirksam, weil Gott beschlossen hat, dass es wirksam sei.
Es wäre ebenso kindlich, schreibt Garrigou-Lagrange, anzunehmen, dass Gott nicht von Ewigkeit her die Gebete gewollt und vorausgesehen hätte, wie sich einen Gott vorzustellen, der seine Absichten durch unseren Willen ändern würde. So erklärt es auch Gregor der Große in seinen Dialogen*:
[Ist es so,] daß verdienstvolle Heilige bei Gott manchmal etwas erlangen können, was nicht vorher bestimmt ist?
Nein, sie können keineswegs etwas erlangen, was nicht vorausbestimmt ist, sondern das, was die heiligen Männer durch ihr Gebet erreichen, ist eben in der Weise vorausbestimmt, daß es erst durch Gebete erlangt werden soll. Denn auch selbst die Vorherbestimmung des ewigen Lebens ist von Gott so getroffen, daß die Auserwählten durch ihre Anstrengung zu demselben gelangen sollen, insofern sie so durch ihr Gebet verdienen, was der allmächtige Gott ihnen von Ewigkeit her zu schenken beschlossen hat.
Zur Sache muss noch vieles gesagt werden, aber mehr dazu im nächsten Teil.

Übersetzung entnommen der Bibliothek der Kirchenväter.

Sonntag, 19. Juni 2016

Die Berge von Gilboë II

Bereits im letzten Jahr habe ich auf eine Perle des gregorianischen Repertoires im Kirchenjahr hingewiesen, und auch dieses Jahr will ich es nicht lassen:

»Montes Gelboë, * nec ros nec pluvia veniant super vos: quia in te abjectus est clypeus fortium, clypeus Saul, quasi non esset unctus oleo. Quomodo ceciderunt fortes in bello? Jonathas in excelsis interfectus est: Saul et Jonathas amabiles, et decori valde in vita sua, in morte quoque non sunt divisi.
Ihr Berge von Gilboë, * es soll weder tauen noch regnen auf euch: denn dort ward weggeworfen der Helden Schild, der Schild Sauls, als wäre er nicht gesalbt mit Öl. Wie sind die Starken gefallen im Kampf? Jonathan ist erschlagen auf den Höhen. Saul und Jonathan, lieblich und schön in ihrem Leben, sind auch im Tode nicht geschieden.«
Das letzte Mal legte die Nähe zum Apostelfürstenfest eine Interpretation nahe, in diesem Jahr dazu die Auslegung Gregors des Großen aus der Moralia in Iob, wie sie im Römischen Brevier in den Metten zum Sonntag gelesen werden: 
»Was haben denn die Berge Gelboes durch Sauls Tod für eine Schuld auf sich geladen, daß auf sie weder Tau noch Regen fallen soll und daß das Fluchwort all ihr Grün zum Vertrocknen verurteilt? Da aber Gelboe in unserer Sprache soviel heißt wie Ablauf, durch Saul aber, der gesalbt war und als solcher starb, der Tod unseres Mittlers vorgebildet wird, so wird hier durch die Berge nicht unpassend auf die stolzen Herzen der Juden hingedeutet, die, in alle Gelüste dieser Welt hinabsinkend, in den Tod Christi, des Gesalbten, sich einmischten. Und weil in ihrer Mitte der gesalbte König den leiblichen Tod erlitten, bleiben sie von allem Tau der Gnade augeschlossen.«
Übersetzung nach Pius Parsch: Das Jahr des Heiles. (III. Band, Nachpfingstteil). Klosterneuburg bei Wien 1953, S. 95.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Von wegen »die Messe beten« !


Lange Zeit habe ich mich gefürchtet, all zu öffentlich das ängstliche bis zwanghafte Festhalten am Schott, hiesiges Synonym für alle Ausgaben von Volksmessbüchern, wie man eben jede Küchenrolle Zewa und jeden Winkelschleifer Flex nennt ... zu kritisieren. Freilich, nicht jeder befleißigt sich seines Laienmessbuches so, als hinge sein Seelenheil daran, nicht für jeden besteht die aktuoseste Teilnahme am hl. Messopfer darin, Dünndruckpapierseiten zu bestarren, herumzubändeln, umzublättern ... als wäre der Schott für den alte-Messe-Mensch eben das, was für die Besucher neuerer Eucharistieformen das Gotteslob ist - o welch finaler Triumph der liturgischen Bewegung! Aber. Das gibt es eben doch.

Nun konnte man immer sagen, und wer fürchtet das Wort heiliger Heiliger Väter nicht: Du sollst die Messe beten, nicht in der Messe beten! Was haben die Christen nur neunzehnhundert Jahre ohne Schott gemacht? Däumchen gedreht, etwa bloß still in sich hineingebetet, oder gar, horribile dictu, mit Rosenkränzen geklackert? Es zeigt sich hier die wunderbare Indefektibilität der Kirche, dass sie daran noch nicht zu Grunde ging. Aber egal, alles Schnee von vor- und vorvorgestern, wenn San Pio X das sagt, dann ist es eben Gesetz und elftes Gebot.

Nun fiel mir aber glücklicherweise dieser Tage ein hervorragendes Buch eines deutschen Pfarrers in die Hand, der schon seinerzeit die Entgleisungen der liturgischen Bewegung erkannte und die Schott-Hysterie, von der wir Jungen uns womöglich kaum noch eine rechte Vorstellung machen können, anprangerte. Doch leset selbst:

»'Keine Messe ohne Schott', so liest man auf großen Plakaten an Kirchtüren. (...) '[D]ie eigentliche Teilnahme an der hl. Messe geschieht nur mit dem Schott, so schrieb unlängst ein Seelsorger in einem Kirchenblatt.'
Diese extreme Forderung der Hyperliturgen nach ausschließlicher Benutzung des deutschen Meßbuches bei der hl. Messe geht so weit, daß sie auch ausdrücklich jedes andere als das liturgische Gebet, so den Rosenkranz und das Beten einer Kommunionandacht, als angeblich dem Sinne der hl. Messe zuwider ablehnen.
Die Hyperliturgen berufen sich für ihre Forderung nach dem ausschließlichen Gebrauch des deutschen Meßbuches zwar gerne auf einen angeblichen Ausspruch Pius.: 'Ihr sollt nicht in der Messe beten, sondern ihr sollt d i e Messe beten." Dieser Satz ist aber, wie heute einwandfrei feststeht, niemals von Pius X. in diesem Sinne und in dieser Form geprägt worden.
« 
Nun zitiert der Pfarrer einen vormals berühmten wie wortgewaltigen Volksprediger (ja, so was gab es früher mal!), Max Kassiepe:
»Dieses Wort ist besonders im buchhändlerischen Interesse unzähligemal wiederholt worden. Wo gab es denn zur Zeit Pius X. außerhalb des französischen und deutschen Sprachgebietes ein vollständiges Meßbuch in der Landessprache? Selbst in Italien erschien ein solches erst nach dem Tode Pius' X. Deshalb konnte Pius X. vernünftigerweise jene Forderung nach dem Mitbeten aus dem Missale gar nicht gemeint haben.« 
So viel dazu.

Natürlich möge man mich nicht falsch verstehen. Ich schätze den Schott, eine ganze Batterie habe ich davon zuhause, und die Beschäftigung mit der heiligen Liturgie sehr, und an einer Teilnahme am höchsten und erhabendsten Opfer bemühe ich mich doch zumindest stets. Aber wie und in welcher Form das geschieht, das soll doch jedem frei anheimgestellt sein ... auch wenn die deutsche Beamtenseele - im Ausland schmunzelt man gern darüber - wenig zum geistdurchwehten Anarchismus, zum freien Emporschwingen der Seele zu Gott hinneigt. Amen.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Von der Liebe des Erlösers zu uns

»Es wird schwierig sein, die Kraft der Liebe zu erfassen, mit der Christus sich selbst uns zur geistigen Nahrung gab, wenn wir nicht in besonderer Weise die eucharistischen Herz-Jesu-Verehrung pflegen, die nach den Worten Unseres Vorgängers seligen Gedenkens Leos XIII. erinnern soll 'an die Tat der höchsten Liebe, in der unser Erlöser, alle Reichtümer seines Herzens hinopfernd, um bis an das Ende der Zeiten bei uns zu bleiben, das anbetungswürdige Sakrament der Eucharistie einsetzte'. Denn 'nicht der geringste Teil seines Herzens ist die Eucharistie, die er uns aus so großer Liebe seines Herzens geschenkt hat'.«
(aus der Enzyklika Haurietis aquas Pius' XII. vom 15.5.1956)

Wenn etwas seinen Glauben an das Altarsakrament wankend machen könne, schrieb einmal der hl. Alfons Maria Liguori in einer Betrachtung, dann wäre das keinesfalls der Umstand, dass aus Brot Fleisch werde oder aber, wie der Herr an mehreren Orten sich in einem so kleinen Raum befinden könne ... schließlich vermag Gott doch alles. Aber wenn man ihn nun fragen würde, wie Gott die Menschen so sehr lieben konnte, dass er sich ihnen zur Speise gab ... dann müsste er doch zugeben, dass dies eine Glaubenslehre ist, die weit über seinen Verstand hinausginge. Die Liebe Jesu kann man nicht begreifen! Es sind die unergründlichen Reichtümer Christi, das Geheimnis, das seit Ewigkeit verborgen war in Gott.

In diesem Gedanken des hl. Kirchenlehrers haben wir schon in nuce das, was die Andacht zum Eucharistischen Herzen Jesu ausmacht. Um sie etwas besser zu ergründen, sofern es menschenmöglich ist, ist es aber sicher angebracht, noch etwas weiter auszuholen. 
Um das Menschengeschlecht zu erlösen, hätte sich Gott nämlich verschiedenster Mittel bedienen können, wie der hl. Thomas schreibt, etwa einen Propheten senden, der uns den Weg zum Heil und zur Vergebung der Sünden lehrt. Er hat aber unglaublich viel mehr getan. Er gab uns Seinen Sohn in Person als unseren Erlöser: "So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab." 

Doch damit nicht genug. Auch Jesus Christus wollte sich uns vollkommen selbst hingeben, in besonderer Weise im Letzten Abendmahl und auf Kalvaria. So wie Gott sich selbst in der ewigen Zeugung des Sohnes und der gemeinsamen Hauchung des Geistes mitteilte, sich uns in Person in der Fleischwerdung des Wortes gab, so gab sich Jesus selbst in Person in der Eucharistie. Aus genau diesem Grund ist Sein Herz ein Eucharistisches Herz, denn es hat uns die Eucharistie geschenkt, das erhabenste und vollkommenste aller Sakramente, das nicht nur die Gnade enthält, sondern den Urheber der Gnade selbst. Was die Inkarnation für die Menschheit als Ganze brachte, das soll die Eucharistie in uns, in jedem Einzelnen hervorbringen. Hier sehen wir das alte Axiom, Bonum est diffusivum sui, das Gute ist das Verschenken seiner selbst, in seiner höchstmöglichen Verwirklichung, die sich kein Mensch je erdenken konnte.

Das Eucharistische Herz hat uns die Eucharistie als Opfer geschenkt, um der Substanz nach das Kreuzesopfer auf den Altären bis zum Ende der Welt fortzusetzen und dessen Früchte uns zuzuwenden ... im hl. Messopfer, in dem sich der ewige Hohepriester weiterhin selbst für uns darbringt. Es ist die innere Darbietung, die immer lebendig glüht im Herzen Christi, welche die eigentliche Seele des hl. Messopfers ist und dessen eigentlichen Wert ausmacht. Jesus Christus opfert auch unsere Bitten, Wiedergutmachungen und Danksagungen dem himmlischen Vater auf. Vor allem aber ist es immer das gleiche, unendlich reine, makellose, heilige Opferlamm, der Leib des gekreuzigten Heilandes und Sein kostbares Blut, das sakramental auf dem Altären vergossen wird zur Vergebung der Sünden und das Heil der Welt.

Auch hat uns Christus das Priestertum geschenkt, damit die Eucharistie dargebracht werden kann bis an das Ende der Zeiten. Und schließlich schenkt sich uns Jesus als Speise in der hl. Kommunion, damit wir mehr und mehr ihm gleichförmig gemacht werden, belebt, geheiligt, einverleibt. Was der Heiland zu Katharina von Siena sagte, "ich nehme dein Herz von dir und gebe dir meins", ist sinnliches Symbol dessen, was in einer guten Kommunion geschieht - der Herzenstausch. Unser Herz wird befreit von der Enge und Eigenliebe des eigenen Herzens, es stirbt sich selbst und wird weit wie das Herz Jesu, rein, stark und großmütig.  
Der gleichen Heiligen wurde auch die Gnade zuteil, aus der Herzenswunde des Erlösers trinken zu dürfen. Auch das ist für uns ein Bildnis der eifrigen Kommunion, bei der man die Lippen an den Quell aller Gnaden legt, dem Zufluchtsort des verborgenen Lebens, dem Meister der Geheimnisse göttlicher Vereinigung. 
Die Eucharistie ist das tägliche, unaufhörliche Geschenk Seiner selbst. Es ist die unaufhörliche Offenbarung Seiner barmherzigen Liebe, zu jeder Zeit, in jeder Not, und zu jeder einzelnen Seele. Alle Gnaden, alle Stärken, alle geistliche Schönheit, die in ihrer ganzen Pracht nur Got und seine Engel und Heiligen sehen können, das innere Leben der Kirche, all das stammt aus dem Eucharistischen Herzen Jesu, das uns die Messe und die hl. Kommunion geschenkt hat. 
Wer verstand dieses Geheimnis besser als Charles de Foucauld, der starb für die Bekehrung des Islams und der mohammedanischen Länder? Ein Tropfen göttlichen Blutes kann tausende Seelen zurückführen auf den Pfad der Gnade und Gerechtigkeit. Es handelt sich um nichts andere als die Worte des Adoro Te, die der Aquinate dichtete:

Wasch' rein mein unrein Herz mit Deinem teuren Blut.
Ein einz'ger Tropfen schafft die ganze Erde neu,
Wäscht alle Sünder rein, stellt alle schuldenfrei. 

Christus starb für jeden Menschen. Wenn wir auch nur einen Menschen sehen, der sich noch nicht von Christus anrühren ließ, der im Materialismus oder irgendeinem Unglauben lebt, müssten wir zutiefst erschüttert sein, wie es so viele Heilige waren. Und erst recht die vielen dunklen Flecken in unserem eigenen Herzen beweinen. Das Blut Jesu wird vergossen auch und gerade für die Ärmsten aller Sünder, ja auch für jene, die Ihn in Wort und Tat am meisten beleidigen. Vergessen wir nicht, Ihnen die Reichtümer des Herzens Jesu zuzuwenden.

Darum ist die Andacht zum Eucharistischen Herzen, die man vielleicht gerne, sofern man sie noch kennt, in eine Ecke mit anderen vermeintlich süßlich-affektierten Devotionsformen stellt, alles andere als ein auf die Spitze getriebenes Ergebnis dankbarerweise überwundener Frömmigkeit aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.
Sie ist vielmehr das Vorbild der vollkommenen Selbsthingabe, eine Hingabe, die in unserem eigenen Leben jeden Tag großherziger werden sollte. Wie für den Priester jede neue Konsekration ein Wachstum an Glaube, Hoffnung und Liebe für Gott und die Seelen bewirken sollte, so muss für uns Gläubige jede Kommunion inbrünstiger sein als die vorhergehende. Jede Kommunion sollte in uns nämlich ein Wachstum an Liebe in unseren Herzen hervorrufen, es soll dem Herzen des Heilandes gleichförmiger werden, sodass Er am nächsten Tag noch eifriger empfangen werden kann. Wie der Stein immer schneller zu der Erde hinabfällt, die ihn mit der Schwerkraft anzieht, so soll sich die Seele immer schneller zu Gott emporschwingen, je näher sie Ihm kommt und je mehr sie von Ihm angezogen wird.

Selig, der das so often gedemütigte, verlassene, geschundene, geöffnete Eucharistische Herz Jesu kennt. Es ist das Herz, das trotz alldem unsre Herzen liebt, und uns in stiller Schule das verborgene Leben lehren will.

Wenn eine Seele wie die Charles de Foucaulds, selbst inmitten eines Heidenlandes, im Stand der Gnade großherzig und eifrig lebt, alles annimmt, was das Eucharistische Herz schenkt, dann wird diese Seele ein Feuerherd, der die Liebe Christi selbst unfehlbar wirksam ausstrahlt. Es ist undenkbar, dass das kostbare Blut aus dem Kelch der heiligen Messe nicht überquillt und selbst die verirrteste Seele erreichen ... und ihre Bekehrung erwirken kann. Und das ist die letzte Frucht dieser Andacht, dieser Andacht zur göttlichen Liebe, die in der Eucharistie ihren erhabendsten Ausdruck findet.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Ein Arbeitersohn spricht - ein persönliches Zeugnis Kard. Ottavianis auf dem Konzil

Einer der weniger bekannten, aber doch mit großem Eifer geführten Konzilsdiskussionen betraf das Sakrament der Ehe. Beim Durchschauen der Acta Synodalia war selbst ich erstaunt, wie die Wortführer der sogenannten progressiven Partei Forderungen stellten, die selbst heute noch schwer verdaulich wären. So sprach sich Patriarch Maximos IV. Saigh für eine "neue Morallehre" aus, die der heutigen "Reife der Menschheit" angemessen wäre,* sein ägyptischer Kollege Msgr. Elias Zoghbi stellte die Unauflöslichkeit der Ehe selbst in Frage, und viele befürworteten eine stärkere Geburtenkontrolle, um die Familien zu entlasten und die angebliche Überbevölkerung zu verhindern. Kardinal Suenens, stets an der Speerspitze der Konzilslinken, meinte doch tatsächlich, man müsse die thomistische Anthropologie aufgeben, da die Wissenschaft stets neue Fortschritte mache und man gar nicht wissen könne, was "gemäß oder gegen die Natur" sei. Er sagte im Wortlaut: "Folgen wir dem Fortschritt der Wissenschaft. Fratres, ich beschwöre euch. Vermeiden wir einen neuen 'Galilei-Prozess'. Einer reicht der Kirche."
Solche Aussagen, die an Anstößigkeit kaum zu überbieten sind, sorgten natürlich bei nicht wenigen Kirchenfürsten für außerordentliche Entrüstung. Prälaten aus ferneren Weltgegenden konnten zudem ihren Ohren kaum trauen, dass die Väter einer Überbevölkerungstheorie Glauben schenkten. (Dass man damals einen regelrechten "Kampf der Kulturen" auf dem Konzil sah, vergleichbar mit der heutigen Hauptkampflinie zwischen den Parteien, wenngleich mit weiter verschobenem Limes, wäre Thema für einen weiteren Beitrag).
In der Ehefrage intervenierte schließlich sogar Paul VI. ausnahmsweise zugunsten der konservativen Konzilsväter, was letzten Endes zu dem Kompromissergebnis führte, das uns heute in Gaudium et Spes vorliegt.

Jedenfalls aber gab es neben den verschiedenen Interventionen eine, die durch ihren persönlichen Charakter herausragt, nämlich die Alfredo Kardinal Ottavianis:
Em.mi ac exc.mi Fratres,
Entschuldigt mich, wenn ich so plötzlich das Wort ergreife. (...) Mir sagt die Aussage des Textes Nr. 21 über die Aufgaben bzw. das Amt [der Eheleute - Anm.] nicht zu, nach der die Ehepartner die Anzahl ihrer Kinder begrenzen können. Dergleichen ist unerhört in den vergangenen Jahrhunderten bis zu unseren heutigen Zeiten. Sollen wir etwa vergessen, dass in der Hl. Schrift steht: »Seid fruchtbar und mehret euch«, welches doch nicht »das zwei ein Fleisch werden« widerspricht [wie Kard. Suenens direkt vorher zugunsten einer Umkehrung der Ehezwecke argumentierte - Anm.], denn dabei handelt sich sich nicht nur um eine Bezeichnung der Liebe zwischen den Eheleuten, sondern auch um die der Fortpflanzungsfunktion.
Was also nun? Sollen wir den Psalm »Selig alle, die fürchten den Herrn«»Dein Weib ist wie ein fruchtbarer Weinstock (...) deine Kinder wie Ölzweige um deinen Tisch her.« abschaffen?
Zu euch spricht ein Priester aus einer Familie mit zwölf Kindern; er war selber der Elfte und sein Vater war ein Arbeiter, ein Bäcker, nicht Besitzer einer Bäckerei, sondern Arbeiter in einer Bäckerei, und niemals zweifelte er an der Vorsehung, niemals dachte er daran, die die Anzahl der Kinder zu beschränken, wie groß auch immer die Schwierigkeiten waren.
Niemals vergaß er, was der Herr gesagt hat: »Sehet die Vögel die Himmels, schauet die Lilien des Feldes«.
Dann übergab der Sekretär des Hl. Offiziums Kard. Browne das Wort, dem vormaligen Ordensmeister der Dominikaner, der "mit seiner gewohnten Kompetenz die Lehre der Kirche darlegen wird."
Und ich hoffe, dass niemand durch das [gestern in der Konzilsaula - Anm.] Gesagte denken möge, dass die Kirche in den vorangegangenen Jahrhunderten geirrt hätte. 
Ottaviani schließt damit, dass sie, die Konzilskommission, die doch gerade erst die Frage der Irrtumslosigkeit der Kirche und der Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Papst behandelt hätte, nun doch nicht behaupten könne, die Kirche hätte in Fragen der Ehelehre geirrt - "quod mihi videtur abnorme."

Die Acta Synodalia geben außerdem die Textvorlage an, die sich gerade bei dem erblindeten Kardinal in größerem Maße vom - notwendigerweise frei gehaltenen - Vortrag unterscheidet. Dort spricht er davon, dass seine Eltern niemals eine Vielzahl von Kindern fürchtete, da sie der Vorsehung vertrauten, er nennt das Herrenwort von der Freude der Frau ob der Geburt ihres Kindes nach den Kümmernissen der Niederkunft, und er appelliert an die Konzilsväter, die doch zumeist ebenfalls auch aus dem Volke und aus kinderreichen Familien kämen, schließlich wären die Berufungen in großen Familien zahlreich, während sie in Familien mit wenigen Kindern versiegten.

aus dem Intervention Kardinal Ottavianis, Sekretär des Hl. Offiziums, Vorsitzender der Theologischen Konzilskommission, vom 30. Oktober 1964. Zitiert nach AS III/6, S. 85f. 

*Als Beispiele für die überkommene, legalistische Moral nennt er die Kirchengebote, wo doch niemand mehr glauben könne, dass etwa das Versäumnis einer Sonntagsmesse eine Todsünde sei.
Wie man keine zwei Jahrzehnte nach einem der moralischen Tiefstpunkte der Menschheitsgeschichte, ja, und wo zeitgleich immer noch Menschen andere Menschen massenweise dahinschlachteten, von einer ethisch reif gewordenen Menschheit sprechen kann, verschließt sich vollkommen meiner Verständnisskraft.

Montag, 6. Juni 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (iv) - Das Reich des Heiligsten Herzens (letzter Teil)


Aus dem Votum, dass Mgr. de Proença Sigaud dem Kardinalstaatssekretäriat überreichte, ließe sich noch einiges zitieren. Uns Nachgeborenen, die wir mit dem scharfen Urteil der Rückschau und bald fünfzigjährigem Wiederkäuen des Ewiggleichen ausgestattet und ermüdet sind, mag das wenig "revolutionär" erscheinen. Interessant finde ich aber sehr wohl, wie manche Prälaten doch ganz glasklar die Zeichen der Zeit erkannten, und das, was da noch kommen sollte ... und zwar noch vor dem Konzil, als diejenigen Kirchenfürsten, die die Revolution maßgeblich antreiben sollten, diese noch nicht einmal wünschten oder zu erträumen wagten, traut man den entsprechenden Eingaben der Rheinfraktion.

Im Brief des brasilianischen Bischofs liest man ganz klar die Rhetorik Plinio Corrêa de Oliveiras heraus, an dessen Seite er zu diesem Zeitpunkt schon über zwei Jahrzehnte stritt. Die wichtigste Waffe im Arsenal der Revolution, da sind sich die beiden einig, ist die menschliche Leidenschaft, die Sinnlichkeit und der Hochmut. Diese ungeordneten Leidenschaften richtet die Revolution aus, um die Stadt Gottes von ihren Grundfesten her zu zerstören und die Stadt des Menschen an ihre Stelle zu setzen.
Dom Geraldo fordert auch eine Neuausgabe des Syllabus errorum, in den die Irrtümer des Sozialismus, der "Götzendienst der Demokratie und der Götze der Christdemokratie", "die gesamte soziale Häresie Maritains", die "Irrtümer des Liturgizismus" uvm. verurteilt werden. Ferner sollte die Anpassung an Nichtkatholiken vermieden werden, ja, wenn die Welt heute mehr heidnisch als christliche wäre, dann könne die Kirche eben nicht "von heute" sein! Und selbst, wenn die rechten Prinzipien gewahrt blieben, so wäre die Gefahr für den Menschen, der aus Schwachheit immer zum Bösen neigt, immens. Außerdem solle man nicht zu viel auf den Mythos des "guten Willens" geben, in steter Sorge, den Nichtgläubigen Grund zum Anstoß zu geben. Wo doch gerade das die Methode des Herrn selbst war! Man braucht nicht zu denken, die Menschen würden konvertieren, nur, weil ihnen die katholische Wahrheit in freundlicher Weise vorgelegt würde.

So viel zum negativen Teil des Votums. Auch wenn es sich hier schon stark von den anderen Eingaben unterscheidet, ist das doch nicht der unkonventionelle Teil des Briefes. Viel mehr als Verurteilungen, die wichtig sind, aber doch nicht genügen, fordert Mgr. Sigaud den aktiven Kampf, den Wiederaufbau der katholischen Gesellschaft und eine Wissenschaft von der Gegenrevolution:

Die Verschwörung der Revolution ist einheitlich und organisch. Also muss eine derartige Verschwörung in einheitlicher und organische Art und Weise bekämpft werden.
Mir scheint, dass
eine katholische Strategie und ein Zentrum für den methodischen gegenrevolutionären Kampf für die ganze Welt geschaffen und die Katholiken dazu aufgerufen werden müssen. Dann gäbe es die Hoffnung auf den Anbruch einer wirklich besseren Welt. Es ist angemessen, wenn der Heilige Stuhl diese »Offensive« anführt. (...)
Der katholische Kampf gegen die Feinde der Kirche erscheint mir oftmals wie ein Kampf von Blinden gegen Sehende zu. Wir kennen weder Ziel, noch Methode, Dynamik, Strategie und Waffen. (...)
Die Macht des Heiligen Stuhls ist immens. Wenn die Gläubigen energisch, klar und methodisch zu diesem Werk gerufen würden, in einem wirklich weltumspannenden Kampf, unter Führung des Papstes, dann würde der Triumphzug der Revolution unterbrochen und das Reich des Heiligsten Herzens Jesu begründet werden. (...)
Die Lösung der heutigen Schwierigkeiten findet sich nicht an erster Stelle auf internationalen Konferenzen, sondern in einer neuen Christianisierung der Sitten. Wenn Gott und sein Gesalbter zum Fundament des Lebens der Individuen, der Familien und der Nationen gemacht würden, so würden die Kräfte der Natur konnaturale Lösungen erfordern, die durch den Intellekt und den guten Willen der Menschen Unterstützung erhalten müssten. (...)
Die Wiederherstellung der Christenheit ist eine Sache größter Wichtigkeit. Am wichtigsten ist die Begründung der Herrschaft des Heiligsten Herzens Jesu. Gott kann selbst in einer revolutionären Gesellschaft eine jede einzelne Seele retten. Aber die Bedingungen zur Errettung sind die schlechtesten und das Heil einer jeden Seele ein Wunder.
Die christliche Ordnung dagegen ist die größte äußere Gnade, die behutsam und effektiv, nicht nur Einzelne, sondern ganze Massen zur Heiligkeit des Lebens und dem ewigen Heil bewegt. In einer revolutionären Gesellschaft fischt Gott mit einem Fischhaken nach Seelen. In einer christlichen Gesellschaft werden die Seelen in Netze eingefangen. Die erste Gesellschaft ist das größte Hindernis, die zweite die größte äußere Gnade. (...)
Verschiedene katholische Soziologen sprechen von einer »neuen Menschheit«, die bald geboren würde, als wüssten sie das aus einer esoterischen oder gnostischen Wissenschaft. Das »Dogma« der Evolution würde diese Wissenschaft und Hoffnung zum Teil erklären. Der Mensch war einmal ein Affe. Jetzt kann er sich weiterentwickeln und etwas höheres als die heutige Menschennatur werden: ein Übermensch. Andere Naturgesetze hätten Geltung, selbst die Moralgesetze, die aus dem gleichen Grund relativ würden. Wir müssen diese Dinge zurückweisen.
Meiner demütigen Meinung nach müssten wir ein positives Programm vorstellen. Die Katholiken verlangen danach. Sie sagen: Wenn es um den Kampf gegen den Irrtum geht, sind alle Katholiken vereint. Aber wenn es um positiven Aufbau geht, ist die Einheit dahin. (...)
Und schließlich schließt der brasilianischen Bischof mit klingenden Worten. Es bleibt der bittere Geschmack, dass dieser Vorschlag keinen bleibenden Nachhall gefunden hat ... und das, was Dom Geraldo fordert, was doch die Forderung und der Wunsch eines jeden Christen sein muss ... von den promulgierten Konzilsdokumenten nicht einmal im Ansatz angedacht wurde:
Wenn das Ökumenische Konzil ein positives Programm der gegenrevolutionären Aktion und des Aufbaus der Christenheit mit konkreten Plänen präsentiert und zu diesem Zweck die Katholiken zusammenriefe, so würde, wie ich meine, das Reich des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens anbrechen. 
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 191f, 194f.  Hervorhebungen im Original.

Freitag, 3. Juni 2016

Heiligstes Herz, Kirche, Liebe, Mann und Frau

Diese Tage stieß ich, nolens volens, mehrfach auf das Thema von der christlichen Ehe und Familie. Zuallererst waren das die Konzilsdiskussionen um die Schemata zu Gaudium et Spes, gewissermaßen Amoris laetitiae 1.0, die bereits vorzeichneten, was da noch auf uns zukommen sollte. Die heillose Fortschrittsfrömmigkeit auf der einen Seite, gepaart mit einer kuriosen Mischung aus hedonistischem Optimismus, der Sorge um das rein irdische Glück der Familien unter falschesten Prämissen, sowie der protestantisch-jansenistischen Vorstellung, welche sich am besten mit der Umkehrung der Worte Augustins beschreiben ließe: Gott befiehlt das Unmögliche. 
In Bälde will ich mehr darüber schreiben und vor allem Kard. Ottaviani zu Worte kommen lassen, der ein ungewohnt persönliches und dadurch besonders bewegendes Zeugnis zur Sache abgab.

Heute begegneten mir aber in Dom Guérangers unvergleichlichem Liturgischen Jahr einige Zeilen zum Herzen Jesu, der Kirche und dem Verhältnis von Ehemann und Ehefrau. Diesen erbaulichen Abschnitt, der vielleicht die Lehre von der Beziehung Christus-Kirche sowie Mann und Frau in nuce zusammenfasst, möchte ich euch nicht vorenthalten:
»Christus aber, der nun in Besitz derjenigen ist, die sein Herz verwundet hat, gibt ihr, im Gegenzug, volle Gewalt über sein heiliges Herz, aus dem sie kam. Hier liegt das Geheimnis aller Gewalt der Kirche. In der Beziehung, die zwischen Ehemann und Ehefrau besteht, die durch Gott zu Beginn der Welt geschaffen wurde und (wie der Apostel uns versichert) in Hinblick auf das große Mysterium von Christus und der Kirche - der Mann ist das Haupt, und die Frau soll nicht herrschen in der Leitung der Familie. Hat die Frau also gar keine Gewalt? Sie hat Gewalt, und zwar eine große Gewalt,- sie muss sich an das Herz ihres Mannes wenden, und alles durch Liebe gewinnen.
Wenn Adam, unserer Urvater, gesündigt hat, so geschah das, weil Eva ihren Einfluss nutzte, und zwar zum Üblen, den sie auf sein Herz hatte, indem sie ihn irreleitete und uns in ihm;- Jesus rettet uns, da die Kirche sein Herz gewonnen hat; und das menschliche Herz konnte nicht gewonnen werden, ohne dass die Gottheit auch zur Barmherzigkeit bewegt wurde. So haben wir hier die Lehre von der Andacht zum heiligen Herzen Jesu, insofern es das Prinzip betrifft, auf dem sie ruht. In ihrem ersten und wesentlichen Aspekt ist diese Andacht so alt wie die Kirche selbst, denn sie ruht auf der Wahrheit, die durch alle Zeiten hin anerkannt war,- dass Christus der Bräutigam ist, und die Kirche seine Braut.«