Dienstag, 10. Mai 2016

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (5) - Die Metaphysik des Lichts (ii)

Et quod perfundit lux nova, claret opus
Es erstrahlt das Werk durchströmt vom neuen Licht
- Inschrift in St. Denis


Es ist würdig und recht, gerade in dieser Himmelfahrtsoktav vom Licht zu sprechen, denn das Triumphfest Christi ist ein besonders lichtreiches Fest. Nach ältester Tradition nämlich fand die Himmelfahrt zur Mittagszeit statt, zu dem Zeitpunkt, als die Sonne am höchsten stand. War es die Dunkelheit der Mitternacht, in der Christus seine dreiunddreißig Erdenjahr im Stall von Bethlehem begann, so war der Höhepunkt, die nahende Vollendung ... der Mittag, an dem sakrilegische Hände Ihn ans Kreuzesholz hefteten und gen Himmel erhoben. Doch der himmlische Vater wollte es nicht erleiden, dass auch nur ein Sonnenstrahl die Kenosis des Sohns erhellt. Und so ging die Höhe des Tages vorbei ohne Sonne, die erst drei Stunden später wieder hervorbrach, und drei Tage später ging die Sonne der Gerechtigkeit, der Gekreuzigte, im Morgengrauen auf. 

Am Himmelfahrtstag ist sein Werk vollendet, Er hat uns erlöst durch Sein Blut, und den Tod durch die Auferstehung besiegt. Und so wählte er zur Stunde seiner Himmelfahrt die Mittagsstunde, wo die Sonne am hellsten und wärmsten erstrahlt. Sollte uns das nicht täglich erinnern, wenn die Glocken zum Angelus rufen, an die Doppelweihe, die Christus an dieser Stunde vollzog; konsekriert mit dem Blut Seines bittren Leidens und dem Triumph Seiner herrlichen Ascensio?

Nun aber zur eigentlichen Licht-Thematik, die ich zuletzt mit einigen wenigen Worten über die Licht- und Farbästhetik des Mittelalters … sicherlich ungenügend … begann. 
Wenn man den gotischen Dom betritt, und vor allem, wenn man die dunkelschweren Gemäuer der Romanik kennt … ist sicherlich das auffallendste Merkmal dieses Baustils seine lichtere Struktur. Die Bauherren der Gotik erkühnten sich, Mauern zu ersetzen mit leuchtenden Wänden. Welch‘ großartiger Gedanke, welch‘ Eindruck für jeden, der Fuß setzt in ein solches Gotteshaus! Es ist der gleiche für uns wie für die Menschen, in deren Zeiten es erschaffen ward. Aber ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen uns und den Ahnen: das Erlebnis der Gotik ist ein ganz anderes geworden, da sich unsere Weltsicht so furchtbar wandelte und wir zu zeichenunfähige Menschen wurden, annihiliert, zunichte gemacht unser Vermögen, durch die Schönheit Einblick zu gewinnen in die Vollkommenheit des Kosmos und die Macht des Schöpfers. Wenn wir durch die Augen der Alten die gotische Kathedrale schauen wollen, müssen wir uns zuerst bewusst machen, was ich versuchte im Eingangsbeitrag dieses Exkurses anzudeuten: wir müssen den Bau als Sakrament, als Geheimnis, als Mysterium verstehen.

Die Metaphysik des Mittelalters war vor allem platonisch geprägt, und so bedeutete das Licht zunächst die edelste, der bloßen Materie entrückteste Erscheinung der Natur, der reinen Form am nächsten kommend. Das Licht ist gleichsam Mittler zwischen Geistigem und Körperlichen, schöpferisches Prinzip aller Dinge, aus den Himmelssphären erstrahlend, bringt es auf Erden alles organische Wachsen hervor. In den irdischen Substanzen ist es zwar am schwächsten, aber selbst hier sehen wir in den schwärzesten Stoffen ... etwa der Kohle, aus der Feuer geschlagen wird ... Leuchtkraft, ein Vorhandensein des Lichtes im Innern. Je lichter der Gegenstand, um so höher sein objektiver Wert. 
Diese Lichtmetaphysik verbindet sich mit der Lichttheologie des Johannesevangeliums zur großen Lichtmystik, Fundament des mittelalterlichen Gedankengebäudes. Die Schöpfung ist eine einzige große Theophanie, ein Akt göttlicher Illumination, sie manifestiert sich vor allem und am unmittelbarsten durch das Licht selbst. Verschwände das höchste und unfassbare Licht, das letztlich nichts anderes als Gott selbst ist, dann verschwänden auch alles Geschaffene im Nichts. So ist das Licht nicht nur notwendig für die Ordnung und Schönheit der Dinge, sondern auch für ihr Sein, das immer ein Zeugnis ist für das göttliche Licht.

Wenn Christus als Licht bezeichnet wird, ist das nicht nur figurativ gesprochen wie etwa bei Christus als Tür oder Eckstein, hier steckt ontologischer Gehalt dahinter. Für uns neuzeitliche Menschen ist es ein großer und schwerer Schritt, aber wir müssen lernen, die alte Erfahrung von Welt und Gottheit nachzuempfinden, wenn wir die gotische Kirche verstehen wollen ... und ich denke, auch unabhängig von davon wäre es ein großer Gewinn. Beim Eintreten ins Diaphane müssen wir uns verabschieden vom Gedanken, das buntes Glas und durchleuchtete Hallen "religiöse Gefühle" hervorbringen sollen, gar autonom empfundenes "Schönes". Genau so wenig ist das Licht Metapher für irgendeine innerliche religiöse Erfahrung, für eine unbegreifliche Gottheit ... und ebenso wenig Ausdruck eines ketzerischen Pantheismus. Und wenn hier von Licht die Rede ist, brauch man sich nicht fragen, ob gerade physikalisches Licht gemeint ist, über das uns ein Wikipediaartikel aufklären kann, oder ein überwirkliches Licht, auf welches die Eigenschaften des physikalischen Lichtes übertragen wurden. Um all das geht es nicht.
Das mittelalterliche Gedankenmodell ist das der Analogie, dem Verhältnis oder der Ähnlichkeit, und alle Dinge sind in einem gewissen Grade gottähnlich, sind Spuren, Bilder und Schatten des Schöpfers. Es steht damit zwischen dem rein Zweideutigen, dem Äquivoken, und dem rein Eindeutigen, dem Univoken. Diese Lehre ist weder leerer Symbolismus noch blasphemischer Antropomorphismus, denn sie begründet sich immer auf die Abhängigkeit, die das Bezogene mit dem "ganz Anderen" verbindet, und durch die das Eine in gewissem Sinne durch das Andere bestimmt wird. Und so ist es erlaubt zu sagen und zu denken, ja, man kann gar nicht anders als zu denken: Je ähnliche ein Seiendes Gott ist, um so vorzüglicher ist es. Und das lässt sich erkennen, ja, es ist sogar das "Ersterkannte", selbst ein Stein am Wegesrand kann erst dann begriffen werden, wenn Gott darin erkannt wird.
Die Architekten der Gotik gaben sich darum nicht länger zufrieden, durch naive Malerei die Illusion des Himmelreiches an die Apsis zu zaubern, die Kirche soll nicht länger lediglich Hinführung zu einer übernatürlichen Wahrheit, sondern Offenbarung derselben sein. Nun machten sie sich die Struktur des Universums zunutze, die geordnet ist "nach Maß und Zahl und Gewicht" (Weis. Salom. 11,29) durch den elegans architectus, des universalis artifex. Der gotische Kirchenbau verwirklicht im höchsten Maß die Wahrheit selbst und nimmt Anteil am göttlichen Licht.

Nun ist das Gesagte zu verbinden. Wenn das Licht das beste geschaffene Symbol zur Schau und Erkenntnis Gottes ist, ist es angemessen, die Kirchen von der lux nova, dem neuen Licht erstrahlen zu lassen. Die durchstrahlende lux ist sowohl physisches Licht als auch Christus selbst, der juwelen-, reliquiarhafte Glanz Bezug zum splendor, d.h., zur Schönheit (die wir nur durch Licht erkennen können), die ein objektiver Wert, ein Strahl der Wahrheit ist. Die transparenten Wände lassen mystische Wirklichkeit sinnlich greifbar werden - dabei gibt es keinen Gegensatz zwischen physischer Natur und theologischer Bedeutung, denn das "wirkliche" Licht ist nichts anderes als Analogie des göttlichen Lichtes.  Und daher tut es nicht Wunder, dass der mittelalterliche Kirchenbau der Gotik, dem Zeitalter der Schau ... sich vor allem und besonders das Diaphane, Transluzente zunutze macht.

Ein abschließendes Wort zum Zeichen und Symbolhaften: Wie Otto von Simson schreibt, war für das Mittelalter "die symbolische Deutung die einzige ontologisch gültige Bestimmung der Wirklichkeit." Wenn wir die gotische Kathedrale entdecken wollen, und nicht nur sie, sondern auch die Liturgie, ja den ganzen geschaffenen Kosmos, dann müssen wir das wiedergewinnen, was Maximus Confessor die symbolische Vision nennt, nämlich die Fähigkeit, "hinter den Gegenständen der sinnlichen Wahrnehmung die unsichtbare Wirklichkeit des Intelligiblen zu begreifen."

So will ich dann hiermit auch den ganzen Exkurs zum Abschluss bringen, der die Thematik, wenn überhaupt, auch nur an der Oberfläche angekratzt hat, und selbst das in unvollkommener Weise. Wenn es aber jemanden dazu gebracht hat, sich einen Kirchenbau nun zwei mal anzusehen ... fühle ich mich für die kleine Mühe reich belohnt.

Kommentare:

  1. Wie schade, dass es vorbei ist - aber ein schöner, ausführlicher(!) letzter Beitrag! :)

    Eine persönlichere Frage: Gelingt es Dir denn einen Bau durch "die Augen der Alten" und als Mysterium zu betrachten? Ist das reine Übungssache oder bedarf es dafür nicht auch ein wenig Hilfe von weiter oben?

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    1. Bitteschön!
      Der Hilfe von oben bedarf es allein schon für die Erhebung der Augen, da wir nichts tun können ohne Ihn.
      Gelingt es mir? Wahrscheinlich mehr schlecht als recht. Aber ich versuche es. Es würde sicher leichter fallen, würde man sich selber mehr mit der alten Geisteswelt umgeben. Wenn wir nicht hören, dass die vier Wände die vier Evangelien (die Kardinaltugenden, die Vollkommenheit Gottes ...) sind, die Fenster die Lehrer, durch die das himmlische Licht in die Kirche tritt, die Türme die Prälaten, die Glocken die Gebete ...... wie sollen wir es dann sehen können?

      Zwischenzeitlich könnte soetwas wie bei der Sagrada Familia helfen :) https://de.wikipedia.org/wiki/Sagrada_Fam%C3%ADlia#/media/File:2008_Sagrada_Familia_28.JPG

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  2. Die Mühe hat sich gelohnt! Kurz vor Deinem Bericht war ich in Chartres, wo ich in einer Führung in ähnlicher Weise an das andere "Erleben der Gotik" eingeführt wurde - was jetzt durch Deinen schönen Beitrag weitergeführt wurde.

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