Montag, 2. Mai 2016

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (5) - Die Metaphysik des Lichts (i)

Alsdann sah ich ein überhelles Licht und darin eine saphirblaue Menschengestalt, 
die durch und durch im sanften Rot funkelnder Lohe brannte. 
Das helle Licht durchflutete ganz die funkelnde Lohe 
und die funkelnde Lohe ganz das helle Licht. Und beide, das helle Licht
 und die funkelnde Lohe durchfluteten ganz die Menschengestalt, 
alle drei als ein Licht wesend in einer Kraft und einer Macht. 
Wiederum hörte ich, wie dieses lebendige Licht zu mir sprach: 
Das ist der Sinn der Geheimnisse Gottes, dass klar erschaut und erkannt werde, 
welche die Fülle sei, die ohne Ursprung ist ...
Hl. Hildegard von BingenDas Buch vom Wirken Gottes



Erinnert sich noch jemand an diese kleine Serie, die, wie ich doch mit einer gewissen Hinneigung zum Stolz bekenne, doch zu den besseren Beiträgen dieses demütigen kleinen Blogs gehört? Aber ich sollte mich, falls alles schon vergessen ist - und welch weltlich Ding fällt nicht irgendwann dem Vergessen anheim - nicht grämen. Tempus edax rerum! Der letzte Teil liegt ein gefühltes aevum zurück, und überhaupt neigen solche Serien, bei mir zumindest, doch dazu, erst mit großer Lust begonnen, dann irgendwann unvollendet zu versanden ... ganz im Gegensatz zu Fernsehserien US-amerikanischen Herkommens, derer ich mich oftmals mit größtem Eifer bis zur letzten Folge widme.

Nun hat es durchaus seinen Grund, warum die Serie gerade an dieser Stelle einbrach. Das Licht oder die claritas, das dritte Element der Schönheit nach Thomas von Aquin, ist nämlich besonders vielgestalt und hat auch beim Aquinaten keine univoke Bedeutung. Die verschiedenen Konnotationen, die das Licht, der Glanz, die claritas umgibt, werden dabei auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen offenbar: Es kann sich handeln um a) Licht und Farben im physischen Sinne, b) das Verstandeslicht, durch welches wir die Dinge erkennen, c) der Glanz irdischen Ruhms, d) die himmlische Herrlichkeit der verherrlichten Körper der Seligen, Christi verklärte Gestalt, der Glanz der neuen Erde.

Wie kommt es, dass so ein klarsichtiger Denker, für seinen Scharfsinn, seine messerscharfen Definitionen berühmt, hier ein so unklares ... oder besser ... weites Bild vom Licht und der claritas zeichnet? Die Antwort dürfte eine ganz einfache sein, aber wie es so ist bei den grundlegendsten Dinge, darüber ließe sich ein ganzes Buch oder zumindest doch ein weiterer Exkurs schreiben: Er spiegelte die Tradition wieder, in die er ganz und wie selbstverständlich versunken war. Das Mittelalter war nämlich wie kein anderes Zeitalter ein Zeitalter, nicht der Finsternis und Dunkelheit, sondern des Lichtes und der Farben.

Das Licht bedingt die Farben, so viel wissen wir heute wie damals, im Mittelalter waren Farben aber immer elementare und leuchtende Farben. "Gras ist grün, Blut ist rot und Milch ist weiß", so beschreibt es Eco, und keine Farbe erstirbt dabei in Grautönen. Man muss nur einmal den so trefflich als Illuminationen bezeichneten Buchschmuck des Mittelalters geschaut haben, mit eigenen Augen betrachtet noch viel brillanter als auf dem Schirm oder im Druck, um zu wissen, welche Lust und Begeisterung man der Farben entgegenbrachte. Die begegneten einem aber nicht nur in der Kunst, in den Kirchen, bei den Reichen (wenn sicherlich auch besonders dort), sondern überall im täglichen Leben. Überhaupt wird alles schön genannt, was und weil es etwas mit Licht und Farbe zu tun hat. Marmor, weil er weiß ist, Edelsteine, weil sie das Licht einfangen, Metall, weil es das Licht reflektiert, und die Luft, weil sie, vom Licht getroffen, wie Gold schimmert. (Das kündet nach Isidors Etymologiae auch die Wortherkunft, Erz, aes/aeris, Gold und Silber, aurum und argentum, heißen so, weil sie in der Luft, aer/aeris, schimmern und glänzen).

Auch in den Schriften, in der Dichtkunst und Mystik ist es nicht anders. Überall leuchtende Farben ... selbst ein blasses Hellblau wird bei Dante zu einem Blau, wie morgenländischer Saphir ... gleißendes Licht - man lese die Visionen der hl. Hildegard! Das Mittelalter, wie im Eingangsbeitrag der Serie gesagt, ist ein Zeitalter der visio, der Schau. Und wie konnte es da ohne Licht auskommen?
Was das nun genau für den Kirchenbau der Gotik bedeutet, dazu komme ich der Länge wegen erst im nächsten Teil.

Kommentare:

  1. Bekannt, aber immer wieder faszinierend ist doch die polychrome Bemalung gotischer Kathedralen innen und außen. Bei einer Kirchenführung hörte ich einmal, daß man sich das Paradies bunt (der Paradiesvogel!) vorgestellt habe, Grau hingegen im Mittelalter die Farbe der Hölle gewesen sei. Leider habe ich das nirgendwo in der Literatur wiedergefunden. Se non è vero, è ben trovato...

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    1. Immer wieder faszinierend und auch immer wieder erwähnenswert, um uns ein Stück weit aus unserer monochrom-infernalen Weltsicht zu entreißen.
      Es wird wohl nicht nur gut erfunden sein, malt denn Dante nicht auch den höllischen Himmel grau, während das Paradies im Glanz und in Farben erstrahlt? Oder man schaue sich die bekannte Höllendarstellung im Hortus Deliciarum an - sicherlich, Flammen sieht man da vor allem, aber die Grundfarben sind Schwarz und Grau, und grau sind auch die Dämonen. Und wie könnte es auch anders sein, wenn die Hölle der Ort ist, der am weitesten entfernt steht von dem wahren Licht, den Sphären des empyreischen Himmels? Kein Strahl göttlichen Glanzes trifft mehr auf die verdammten Seelen ... und ohne Gott sind alle Höllen grau.

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  2. Schön, dass du die Serie fortsetzt! Besonders bin ich natürlich auf den nächsten Teil gespannt... ;-)

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