Samstag, 21. Mai 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (i)



Proemium
(...) Ich sehe, wie die Prinzipien und der Geist dessen, was wir die Revolution nennen, den Klerus und das christliche Volk durchdringt, genau so, wie in der Vergangenheit die Prinzipien, die Lehren, der Geist und die Liebe zum Heidentum die mittelalterliche Gesellschaft durchdrang und eine Pseudoreform hervorbrachte. Viele im Klerus erkennen die Irrtümer der Revolution nicht mehr und widerstehen ihnen nicht. Andere lieben die Revolution als ihr Ideal, sie verbreiten sie, kollaborieren mit ihr, sie verfolgen und verleumden die Gegner der Revolution und behindern deren Apostolat. Viele Hirten schweigen. Andere nehmen die Irrtümer und den Geist der Revolution an und fördern diesen Geist offen oder heimlich, genau so, wie es die Hirten in der Zeit des Jansenismus taten. Jene, die die Irrtümer benennen und gegen sie kämpfen, erleiden die Verfolgung ihrer Kollegen und werden »Integralisten« genannt. Seminaristen, erfüllt von den Ideen der Revolution, entströmen den Seminaren, selbst jene aus der Ewigen Stadt selbst. Sie nennen sich »Maritainisten«, »Jünger Theilhard de Chardins«, »katholische Sozialisten« und »Evolutionisten«. Ein Priester, der gegen die Revolution kämpft, wird selten zum Bischof erhoben; oft aber diejenigen, welche die Revolution begünstigen. 
Meiner bescheidenen Meinung nach sollte die Kirche einen weltweiten systematischen Kampf gegen die Revolution organisieren. Ich weiß nicht, ob das geschehen wird, aber die Revolutionäre selbst handeln nicht anders. Ein Beispiel dieser organisierten und systematischen Arbeit ist die weltweite, gleichzeitige und gleichförmige Geburt der Christdemokratie in vielen Staaten unmittelbar nach dem furchtbaren Kriege. Dieses Ferment durchdringt jedes Land. Sie halten Kongresse ab, schaffen die Internationale, und überall ist ihr »Slogan« : Wir müssen die Revolution starten, bevor es die anderen tun. Dank der Einwilligung der Katholiken wird die Revolution erhalten. Meiner demütigen Meinung nach muss das Konzil, wenn es heilbringende Wirkungen hervorbringen soll, zuallererst den Zustand der heutigen Kirche betrachten, die gleichsam wie Christus einen neuen Karfreitag erleidet und ihren Feinden ohne Verteidigung ausgeliefert ist, wie es Papst Pius XII. in einer Rede an die Jugend Italiens ausdrückte. Man muss erkennen, dass allerorts ein Kampf auf Leben und Tod gegen die Kirche geführt wird, man muss den Feind erkennen, die Strategie und Taktik seines Kampfes durchschauen, seine Logik, Psychologie und Dynamik klar sehen, damit wir jede einzelne Schlacht in diesem Krieg verstehen und einen Gegenkampf sicher organisieren und durchführen können.    
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 181.  Hervorhebungen im Original.

Kommentare:

  1. Protestantischer Konvertit21. Mai 2016 um 12:56

    Ich wage mich hier mal mit einem Erstkommentar ans Licht der Öffentlichkeit :-): Werden wir denn auch erfahren, ob und wie Kardinal Tardini diese Eingabe kommentiert hat? Oder ist die nach Art der Behörden gar nicht auf den Chef-Schreibtisch gekommen?

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    1. Na dann herzlich willkommen, mögen diesem noch viele Kommentare folgen! :-)
      Eine vorläufige Antwort gibt es gleich hier: Ob Kard. Tardini den Brief, immerhin einer von über 2000, selbst gelesen hat, wage ich fast zu bezweifeln. Aber er stand der zehnköpfigen Vor-Vorbereitungskommission vor, die alles zusammentrug und noch im gleichen Jahr sub secreto (es wurde erst nach dem Konzil veröffentlicht) drucken lies. Ich habe gelesen, dass "synthetische Berichte" über die Wünsche und Vorschläge der Bischöfe verschiedener Weltenteile für den Papst und die Kongregationen abgefasst wurden. Darauf, so kann ich erstmal nur mutmaßen, basierte die Arbeit der Vorbereitungskommissionen, die aber Einblick hatten in alle Briefe. Ob und wie das zitierte Schreiben einen gewissen Einfluss hatte, lässt sich erstmal schwerlich feststellen. Persönlich kann ich am vorläufigen Endergebnis der Kommissionsarbeit das aber erst einmal nicht erkennen, es handelt sich um konservative Dokumente im Geist der Schultheologie mit einem pastoralem Fokus. Kein Kampfprogramm zur Gegenrevolution, wenngleich der milde Konservatismus früherer Tage uns heute als schwärzeste Reaktion erscheinen mag. ;-)

      Auch der SPIEGEL schrieb etwas dazu.

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    2. Es sei noch dazu erwähnt, dass das Thema praktisch überhaupt nicht wissenschaftlich aufgearbeitet ist.

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  2. Mal für gerade etwas verwirrte - Der Herr Bischof hätte sich gewünscht, dass das Konzil das Gegenteil davon getan hätte was es getan hat, ja?
    Ich frage mich übrigens wo all diese Leute denn plötzlich hin sind die gar nicht so zufrieden waren was das Konzil so beschlossen hat... Oder wurden/werden solche Persönlichkeiten einfach weitestgehend von der Öffentlichkeit fern gehalten?

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    1. "Herr Bischof", also bitte ... ;-)
      Die waren, sofern sie nicht gestorben sind, natürlich immer noch da und machten ganz unterschiedlich weiter. Der eine gründete eine Priesterbruderschaft, der andere versuchte seine Diözese katholisch zu halten, wieder andere stritten gegen die Kommunisten ... genau aus diesem Grunde gibt es ja noch einen Restkatholizismus und verschiedene katholische Organisationen - etwa die TFP, um im Bereich Mgr. Sigauds zu bleiben.

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  3. Es ist immer wieder erschütternd zu lesen, wie, trotz bester Vorbereitung, die Revolutionäre mit satanischer Flatulenz alle Vorbereitungen über den Haufen werfen konnten und ihr eigenes kirchenzerstörendes Programm durchsetzen konnten.

    Persönlich erinnere ich mich noch an jenen „schwarzen Donnerstag“, an dem die ganze Nachbarschaft (gutmenschliche Revolutionskatholiken) Trauer trugen. Zehnjährig dachte ich, die Kirche sei untergegangen. Viel später erst habe ich erkannt, an jenem Tag hätte noch vieles gerettet werden können.

    Heute sind die Revolutionäre bis ins höchste Lehramt vorgedrungen und fressen schon lange ihre Kinder.

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    1. Es ist in der Tat kaum zu glauben.

      Erst durch diesen Brief, der hier zitiert wird, ist mir so richtig aufgefallen, dass die Taktik der Revolutionäre damals wie heute genau die gleiche war. Was damals etwa das rechte Verhältnis von Staat und Kirche war, das Ideal, die These, stand der Religionsfreiheit gegenüber, die Realität, die Hypothese ... und genau so wird heute die Ehe zum Ideal und zur These gemacht, während der Ehebruch die Realität und die Hypothese ist. Und am Ende wird das Ideal zugunsten der Realität aufgelöst. Es geschah schon einmal, genau da, auf dem Konzil.

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    2. Die Revolutionäre sind alt und senil geworden. Aber ein Kasperle weiß noch wie es damals war. Glorreich.
      Also forderte er nicht nur letztens (Ehesynode) sonder immer schon, es so zu machen wie auf dem Konzil und, heißa, es hat funktioniert. Venceremos, commandante franziscus.

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    3. Die Kinder der Revolution kommen dummerweise nur schon alt und senil auf die Welt. Aber sei's drum.
      Im nächsten Teil der Serie benennt Bischof Sigaud das Ziel der Revolution, damals wie heute.

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    4. Protestantischer Konvertit22. Mai 2016 um 12:53

      Was war denn das für ein "schwarzer Donnerstag"? Ich weiss nur von meiner Mutter, jetzt über 80, dass alle überrascht waren, als die Messe plötzlich völlig anders zelebriert wurde, man nicht genau wusste, welcher Teil dran war, und die schönen Blumen auf dem Altar nicht mehr da waren. Soviel zum Thema "aktive Teilnahme".

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  4. Wow. Das klingt ja so ganz anders als dann Gaudium et Spes...
    Vielen Dank für diesen Einblick in die Konzilsgeschichte...
    LG thesaurus http://katholischeschatzkiste.blogspot.de/

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    1. Angedacht war ursprünglich tatsächlich deutlich weniger Gaudium und Spes. ;-) Unter dem Label "das andere Konzil" gibt es noch mehr in diese Richtung.
      Und herzlich willkommen hier, da muss ich doch gleich mal dem Link folgen ...

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    2. Vielen Dank für die nette Begrüßung, ich werde ihre/deine Beiträge zum Konzil definitiv weiter verfolgen..

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