Freitag, 20. Mai 2016

Bischofsumfrage anno dazumal (Das andere Konzil)

Dass es rund um das Concilium Conciliorum noch wesentlich mehr zu berichten gibt, als uns die von Medien und Systemkatholizismus gnädiglich zur Verfügung gestellten Büchlein weismachen wollen, darauf wollte ich mit meiner kleinen Serie hier immer wieder hinweisen - wenn es die schiere Masse von 23 Bänden Acta et Documenta und 32 Bänden Acta Synodalia nicht ohnehin schon verraten.
Nun sollte man meinen, im traditiophilen Lager wüsste man noch ein wenig mehr davon, was da vonstatten ging und wer für die Sache Christi und seiner Kirche kämpfte. Ich befürchte aber, da macht mancher schnell schnapp. Sicher, einen Kardinal Ottaviani kennt man noch, den Oberbösewicht Lefebvre sowieso, und ganz Ausgefuchste haben Purpurträger wie Siri, Bacci und Ruffini vielleicht auch noch auf dem Schirm. Aber wer kennt noch den irischen Dominikanerordensmeister, der vermutlich mehr peritus der Theologie war als alle periti zusammen, Kardinal Browne, einen Kardinal Staffa, einen Erzbischof Oddi, Abtpräses Prou von Solesmes (in der Abtei trafen sich die konservativen Konzilsväter und erhielten dort viel Unterstützung) ... oder den damaligen Bischof Carli, der wohl wahrlich Hirte einer der geringsten Diözeschen Italiens war, aber den Döpfner, wie er später sagte, auf dem Konzil mehr als alle anderen fürchtete? Ja, und da wäre noch, last but not least, Bischof Geraldo de Proença Sigaud, der den Coetus Internationalis Patrum mit ins Leben rief und als Sekretär vorstand.

Auf den letztgenannten brasilianischen Bischof und Steyler Missionar wurde ich dieser Tage besonders aufmerksam. Im Sommer 1959 verschickte Staatssekretär Tardini einen Brief an alle Bischöfe totius mundi mit der Frage, welche Themen auf dem Konzil behandelt werden sollen. Viele Antworten sind sich ähnlich und versprühen den Charme einer Exceltabelle. In Deutschland sorgte man sich scheinbar vor allem um die Ökumene, wollte weniger Fasten und Kirchenrecht und mehr Volkssprache und Präfationen. Nun ja. Und sicherlich, die konservativeren Bischöfe fragten häufig nach einer Verurteilung des doktrinellen Evolutionismus und des Kommunismus. So weit wenig Ingeniöses. Ein gewisser französischer Erzbischof von Dakar und Apostolischer Delegat stach da auch kaum hervor, ihm ging es vor allem um pastorale Reformen, die sicherlich aus seinen Erfahrungen im Missionsgebiet herrührten.

Mgr. de Proença Sigaud aber schlug einen komplett anderen Stil an. Der Brasilianer, der sich selbst als Episcopus humilis et obscurus, als geringen und unbekannten Bischof bezeichnete, schrieb gleich zu Beginn seines vergleichsweise sehr langen Briefes, dass er keine dogmatischen oder juridischen Fragen anbringen wollte - das hätten andere Bischöfe sicher längst getan - sondern vielmehr praktische Dinge, die für die Zukunft der Kirche von entscheidender Bedeutung seien. Und diese Dinge haben es in sich. In der nächsten Zeit will ich einige Teile davon auf dieser Seite einstellen. Vielleicht mag der ein oder andere darüber lächeln, über diesen Brief, den man dieser Tage mehr auf einem Schriftenstand einer Tradi-Kapelle oder auf sonderbaren katholischen Kampfseiten vermuten würde, als auf dem Schreibtisch des Kardinalstaatssekretärs. Aber vielleicht gibt es auch doch einen Blick darauf, wie ein anderes Konzil hätte aussehen können und was ein Bischof - der nie in Ungnade fiel und später noch Erzbischof wurde - allen Ernstes von einem Konzil erwartete. Und vielleicht merkt man auch, dass doch mehr Wahrheit in dem einfachen, obskurantistischen Traditionalismus der Vergangenheit war, den endlich als fast überwunden geglaubten, als in intellektualisierenden Hermeneutiken unserer Tage.

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