Dienstag, 31. Mai 2016

Die Krönung der Schöpfung


Rerum supremo in vertice
regina, Virgo, sisteris,
exuberanter omnium
ditata pulchritudine.

Auf der Schöpfung höchsten Gipfel,
o Jungfrau, Königin, bist Du gestellt;
beschenkt, in Überfülle
mit Schönheit jeder Art.

Princeps opus tu cetera
inter creata prænites,
prædestinata Filium,
qui protulit te, gignere.

Als prächtigstes Meisterwerk vor allen
glänzt Du vor dem schöpfend Wort,
denn Du bist vorherbestimmt
den Sohn zu tragen, der Dich schuf.

Ut Christus alta ab arbore
rex purpuratus sanguine,
sic passionis particeps
tu mater es viventium.

Wie Christus hoch am Baume 
König im Purpur des Blutes ist,
So bist Du durch Teilnahme am Leiden
Mutter aller Lebendigen.

Tantis decora laudibus,
ad nos ovantes respice,
tibique sume gratulans
quod fundimus præconium.

Geziert mit solch großer Herrlichkeit,
blick auf uns, die wir frohlocken
und nimm an den dankbaren Preis
den wir Dir singen.

Patri sit et Paraclito
tuoque Nato gloria,
qui veste te mirabili
circumdederunt gratiæ.

Dem Vater und dem Paraklet 
sei Ehre und dem Du gebarst
Die Dich mit dem wunderbaren Gewand
der Gnade umhüllten.

Bild: aus der Muttergotteskapelle in Haunstetten
Text: Hymnus zu den Metten vom Fest Mariä Königin

Montag, 30. Mai 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (iv) - Das trojanische Pferd und das geringere Übel


III.Die Strategie des trojanischen Pferdes
A. Die Lehre vom geringeren Übel
Unter den vielen Gestalten, in denen die Revolution schleichend in die Feste der Kirche dringt, ragt die Taktik des »geringeren Übels« hervor. Sie ist im diesem Kampfe das, was das berühmten Pferd im trojanischen Krieg war. 
Die katholische Doktrin lehrt: Wenn wir ein Übel nicht vermeiden können, dürfen wir ein geringeres Übel erlauben, um ein größeres Übel zu vermeiden, solange wir selbst kein direktes Übel verursachen. 
In der Praxis heißt das oftmals, dass der katholischer Widerstand unter diesem Vorwand aufgegeben wird.
1. Sie meinen, das geringere Übel sei notwendigerweise ein kleines Übel, gegen den ein Kampf nicht gerechtfertigt wäre.
2. Viele Katholiken und selbst Priester meinen, ein Kampf würde der Kirche schaden, als ob die Kirche keine streitende wäre. So erlauben sie das Übel unter dem Anschein der Klugheit, der Liebe und der apostolischen Gewandheit und Flexibilität.
3. Sie denken nicht daran, dass auch ein geringeres Übel immer ein Übel ist, und deswegen versuchen sie nicht, es einzuschränken oder abzuschaffen. Im täglichen Zusammenleben mit dem »geringeren Übel« vergessen sie das größere Gut, das diesem Übel entgegensteht, und aus dem Gebrauch der »Hypothese« vergessen sie die »These«. Und am Ende lieben sie das Übel selbst, als wäre es etwas Normales, und verabscheuen das Gute: z.B. bei der Trennung der Kirche vom Staat; der Erlaubnis der Scheidung zwischen Nichtkatholiken, damit sie nicht auch den Katholiken auferlegt werde.
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 186f.  Hervorhebungen im Original.

Samstag, 28. Mai 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (iii) - Der Sozialismus

Angeregt durch einen Gastbeitrag des Opus-Dei-Professors Martin Rhonheimer in der FAZ will ich die fortlaufende Übersetzung des Konzilsvorschlags unterbrechen und einen Teilabschnitt aus dem Kampf wider den Kommunismus, der uns heute freilich in neuen Formen, aber in der gleichen alten Philosophie begegnet, einstellen:


Dom Geraldo de Proença Sigaud
V. Der gegenrevolutionäre Kampf
D. Der Sozialismus 
Die geheime Kraft des Kommunismus liegt in seinem Hass auf Christus. Seine Verführungskraft aber besteht im sozialistischen Utopia. Der Kommunismus verspricht eine Gesellschaft der Brüder, ohne Autorität, ohne Klassen, ohne Armut, ohne Sorge, ohne Drangsale des Lebens, ohne Gott und ohne Hölle. Er verspricht das Paradies in diesem Leben.
Ohne Gott: liberté. Ohne König und Vater: egalité. Ohne Eigentum und soziale Klassen: fraternité
Katholiken glauben leichthin an dieses Utopia, sie denken, es könnte katholisch getauft werden. Sie sagen nämlich, die Urkirche sei sozialistisch gewesen.
Es scheint mir notwendig zu sein, dass das Ökumenische Konzil eine schwere und feierliche Verurteilung dieses Utopias ausspricht. Es stellt nämlich tatsächlich eine weltweite Versuchung da, gleich der Versuchung des Paradieses: »Ihr werdet wie Götter sein.« Oder: »Dies alles will ich Dir geben.« 
1. Das Leben auf Erden soll kein Paradies sein. Kreuz, Geduld und Entsagung sind notwendig, um das Ziel des Lebens auf Erden zu erreichen. Nicht nur Gerechtigkeit, auch Liebe ist notwendig.
2. Das wahre sozialistische Paradies wird niemals auf Erden errichtet werden. Wenn der Mensch das Königreich Gottes und Seine Gerechtigkeit sucht, wird er das Maß an irdischer Seligkeit finden, welches Gott in Seiner liebenden Vorsehung Seinen Söhnen hier auf Erden gewährt. Wenn der Mensch seine Glückseligkeit ausschließlich in dieser Welt sucht, wenn er die Gesetze der menschlichen Natur bricht, bereitet er sich selbst, vom Satan geleitet, die schlimmste Sklaverei. (...) Die revolutionäre Gesellschaft wird erst ein Paradies auf Erden und dann die Hölle auf Erden sein.
3. Es muss klar gelehrt werden, dass soziale und ökonomische Unterschieden zum Wesen des normalen menschlichen Gemeinschaftsleben gehören. Diese Verschiedenheit verstößt nicht gegen die Gerechtigkeit. Sie sollten nicht exzessiv sein, sondern durch die Nächstenliebe abgemildert werden. Zum Wohl der ökonomischen Gemeinschaft müssen verschiedene Klassen existieren.
4. Der Sozialismus lehrt das Volk Hass auf die Seligpreisungen und die christlichen Tugenden: Demut, Nächstenliebe, Armut und Keuschheit. Warum predigen die Bettelorden nicht mehr über das Ideal der Armut? 
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 193.  Hervorhebungen im Original.

Sonntag, 22. Mai 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (ii)

I. Unser Feind 
Der unerbittliche Feind der Kirche und der katholischen Gesellschaft befindet sich mit ihr jetzt schon seit sechs Jahrhunderten in einem tödlichen Kampf. Im behutsamen und systematischen Voranschreiten hat er fast die gesamte katholische Ordnung umgeworfen und zerstört, d.h. die Stadt Gottes, und versucht, die Stadt des Menschen an ihrer Stelle zu errichten. Sein Name lautet Revolution.
Was will sie?
Die totale Neuordnung des menschlichen Lebens, eine Gesellschaft und eine Menschheit ohne Gott, ohne Kirche, ohne Christus, ohne Offenbarung, begründet allein auf der menschlichen Vernunft, auf Fleischlichkeit, Habsucht und Stolz. Und um das zu erreichen, ist es nötig, die Kirche vollständig umzustürzen, zu vernichten, zu ersetzen.
In diesen Tagen finden wir den Feind in höchster Aktivität wieder, denn er ist sich seines nahenden Sieges sicher. Und doch verschmähen viele katholische Führer das Gesagte gleichsam als Träumereien, entsprungen einer schlechten Phantasie. Sie handeln so, wie die Männer Konstantinopels in den Jahren, die der Katastrophe vorangingen: Blinde, die die Gefahr nicht sehen wollen.  
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 182.  Hervorhebungen im Original.

Samstag, 21. Mai 2016

Contra-Revolução! Der etwas andere Konzilsvorschlag (i)



Proemium
(...) Ich sehe, wie die Prinzipien und der Geist dessen, was wir die Revolution nennen, den Klerus und das christliche Volk durchdringt, genau so, wie in der Vergangenheit die Prinzipien, die Lehren, der Geist und die Liebe zum Heidentum die mittelalterliche Gesellschaft durchdrang und eine Pseudoreform hervorbrachte. Viele im Klerus erkennen die Irrtümer der Revolution nicht mehr und widerstehen ihnen nicht. Andere lieben die Revolution als ihr Ideal, sie verbreiten sie, kollaborieren mit ihr, sie verfolgen und verleumden die Gegner der Revolution und behindern deren Apostolat. Viele Hirten schweigen. Andere nehmen die Irrtümer und den Geist der Revolution an und fördern diesen Geist offen oder heimlich, genau so, wie es die Hirten in der Zeit des Jansenismus taten. Jene, die die Irrtümer benennen und gegen sie kämpfen, erleiden die Verfolgung ihrer Kollegen und werden »Integralisten« genannt. Seminaristen, erfüllt von den Ideen der Revolution, entströmen den Seminaren, selbst jene aus der Ewigen Stadt selbst. Sie nennen sich »Maritainisten«, »Jünger Theilhard de Chardins«, »katholische Sozialisten« und »Evolutionisten«. Ein Priester, der gegen die Revolution kämpft, wird selten zum Bischof erhoben; oft aber diejenigen, welche die Revolution begünstigen. 
Meiner bescheidenen Meinung nach sollte die Kirche einen weltweiten systematischen Kampf gegen die Revolution organisieren. Ich weiß nicht, ob das geschehen wird, aber die Revolutionäre selbst handeln nicht anders. Ein Beispiel dieser organisierten und systematischen Arbeit ist die weltweite, gleichzeitige und gleichförmige Geburt der Christdemokratie in vielen Staaten unmittelbar nach dem furchtbaren Kriege. Dieses Ferment durchdringt jedes Land. Sie halten Kongresse ab, schaffen die Internationale, und überall ist ihr »Slogan« : Wir müssen die Revolution starten, bevor es die anderen tun. Dank der Einwilligung der Katholiken wird die Revolution erhalten. Meiner demütigen Meinung nach muss das Konzil, wenn es heilbringende Wirkungen hervorbringen soll, zuallererst den Zustand der heutigen Kirche betrachten, die gleichsam wie Christus einen neuen Karfreitag erleidet und ihren Feinden ohne Verteidigung ausgeliefert ist, wie es Papst Pius XII. in einer Rede an die Jugend Italiens ausdrückte. Man muss erkennen, dass allerorts ein Kampf auf Leben und Tod gegen die Kirche geführt wird, man muss den Feind erkennen, die Strategie und Taktik seines Kampfes durchschauen, seine Logik, Psychologie und Dynamik klar sehen, damit wir jede einzelne Schlacht in diesem Krieg verstehen und einen Gegenkampf sicher organisieren und durchführen können.    
aus dem Brief Geraldo de Proença Sigauds SVD, Bischof von Jacarezinho, an Kardinalstaatssekretär Tardini vom 22. August 1959. Zitiert nach AD I/II/VII, S. 181.  Hervorhebungen im Original.

Freitag, 20. Mai 2016

Bischofsumfrage anno dazumal (Das andere Konzil)

Dass es rund um das Concilium Conciliorum noch wesentlich mehr zu berichten gibt, als uns die von Medien und Systemkatholizismus gnädiglich zur Verfügung gestellten Büchlein weismachen wollen, darauf wollte ich mit meiner kleinen Serie hier immer wieder hinweisen - wenn es die schiere Masse von 23 Bänden Acta et Documenta und 32 Bänden Acta Synodalia nicht ohnehin schon verraten.
Nun sollte man meinen, im traditiophilen Lager wüsste man noch ein wenig mehr davon, was da vonstatten ging und wer für die Sache Christi und seiner Kirche kämpfte. Ich befürchte aber, da macht mancher schnell schnapp. Sicher, einen Kardinal Ottaviani kennt man noch, den Oberbösewicht Lefebvre sowieso, und ganz Ausgefuchste haben Purpurträger wie Siri, Bacci und Ruffini vielleicht auch noch auf dem Schirm. Aber wer kennt noch den irischen Dominikanerordensmeister, der vermutlich mehr peritus der Theologie war als alle periti zusammen, Kardinal Browne, einen Kardinal Staffa, einen Erzbischof Oddi, Abtpräses Prou von Solesmes (in der Abtei trafen sich die konservativen Konzilsväter und erhielten dort viel Unterstützung) ... oder den damaligen Bischof Carli, der wohl wahrlich Hirte einer der geringsten Diözeschen Italiens war, aber den Döpfner, wie er später sagte, auf dem Konzil mehr als alle anderen fürchtete? Ja, und da wäre noch, last but not least, Bischof Geraldo de Proença Sigaud, der den Coetus Internationalis Patrum mit ins Leben rief und als Sekretär vorstand.

Auf den letztgenannten brasilianischen Bischof und Steyler Missionar wurde ich dieser Tage besonders aufmerksam. Im Sommer 1959 verschickte Staatssekretär Tardini einen Brief an alle Bischöfe totius mundi mit der Frage, welche Themen auf dem Konzil behandelt werden sollen. Viele Antworten sind sich ähnlich und versprühen den Charme einer Exceltabelle. In Deutschland sorgte man sich scheinbar vor allem um die Ökumene, wollte weniger Fasten und Kirchenrecht und mehr Volkssprache und Präfationen. Nun ja. Und sicherlich, die konservativeren Bischöfe fragten häufig nach einer Verurteilung des doktrinellen Evolutionismus und des Kommunismus. So weit wenig Ingeniöses. Ein gewisser französischer Erzbischof von Dakar und Apostolischer Delegat stach da auch kaum hervor, ihm ging es vor allem um pastorale Reformen, die sicherlich aus seinen Erfahrungen im Missionsgebiet herrührten.

Mgr. de Proença Sigaud aber schlug einen komplett anderen Stil an. Der Brasilianer, der sich selbst als Episcopus humilis et obscurus, als geringen und unbekannten Bischof bezeichnete, schrieb gleich zu Beginn seines vergleichsweise sehr langen Briefes, dass er keine dogmatischen oder juridischen Fragen anbringen wollte - das hätten andere Bischöfe sicher längst getan - sondern vielmehr praktische Dinge, die für die Zukunft der Kirche von entscheidender Bedeutung seien. Und diese Dinge haben es in sich. In der nächsten Zeit will ich einige Teile davon auf dieser Seite einstellen. Vielleicht mag der ein oder andere darüber lächeln, über diesen Brief, den man dieser Tage mehr auf einem Schriftenstand einer Tradi-Kapelle oder auf sonderbaren katholischen Kampfseiten vermuten würde, als auf dem Schreibtisch des Kardinalstaatssekretärs. Aber vielleicht gibt es auch doch einen Blick darauf, wie ein anderes Konzil hätte aussehen können und was ein Bischof - der nie in Ungnade fiel und später noch Erzbischof wurde - allen Ernstes von einem Konzil erwartete. Und vielleicht merkt man auch, dass doch mehr Wahrheit in dem einfachen, obskurantistischen Traditionalismus der Vergangenheit war, den endlich als fast überwunden geglaubten, als in intellektualisierenden Hermeneutiken unserer Tage.

Dienstag, 10. Mai 2016

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (5) - Die Metaphysik des Lichts (ii)

Et quod perfundit lux nova, claret opus
Es erstrahlt das Werk durchströmt vom neuen Licht
- Inschrift in St. Denis


Es ist würdig und recht, gerade in dieser Himmelfahrtsoktav vom Licht zu sprechen, denn das Triumphfest Christi ist ein besonders lichtreiches Fest. Nach ältester Tradition nämlich fand die Himmelfahrt zur Mittagszeit statt, zu dem Zeitpunkt, als die Sonne am höchsten stand. War es die Dunkelheit der Mitternacht, in der Christus seine dreiunddreißig Erdenjahr im Stall von Bethlehem begann, so war der Höhepunkt, die nahende Vollendung ... der Mittag, an dem sakrilegische Hände Ihn ans Kreuzesholz hefteten und gen Himmel erhoben. Doch der himmlische Vater wollte es nicht erleiden, dass auch nur ein Sonnenstrahl die Kenosis des Sohns erhellt. Und so ging die Höhe des Tages vorbei ohne Sonne, die erst drei Stunden später wieder hervorbrach, und drei Tage später ging die Sonne der Gerechtigkeit, der Gekreuzigte, im Morgengrauen auf. 

Am Himmelfahrtstag ist sein Werk vollendet, Er hat uns erlöst durch Sein Blut, und den Tod durch die Auferstehung besiegt. Und so wählte er zur Stunde seiner Himmelfahrt die Mittagsstunde, wo die Sonne am hellsten und wärmsten erstrahlt. Sollte uns das nicht täglich erinnern, wenn die Glocken zum Angelus rufen, an die Doppelweihe, die Christus an dieser Stunde vollzog; konsekriert mit dem Blut Seines bittren Leidens und dem Triumph Seiner herrlichen Ascensio?

Nun aber zur eigentlichen Licht-Thematik, die ich zuletzt mit einigen wenigen Worten über die Licht- und Farbästhetik des Mittelalters … sicherlich ungenügend … begann. 
Wenn man den gotischen Dom betritt, und vor allem, wenn man die dunkelschweren Gemäuer der Romanik kennt … ist sicherlich das auffallendste Merkmal dieses Baustils seine lichtere Struktur. Die Bauherren der Gotik erkühnten sich, Mauern zu ersetzen mit leuchtenden Wänden. Welch‘ großartiger Gedanke, welch‘ Eindruck für jeden, der Fuß setzt in ein solches Gotteshaus! Es ist der gleiche für uns wie für die Menschen, in deren Zeiten es erschaffen ward. Aber ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen uns und den Ahnen: das Erlebnis der Gotik ist ein ganz anderes geworden, da sich unsere Weltsicht so furchtbar wandelte und wir zu zeichenunfähige Menschen wurden, annihiliert, zunichte gemacht unser Vermögen, durch die Schönheit Einblick zu gewinnen in die Vollkommenheit des Kosmos und die Macht des Schöpfers. Wenn wir durch die Augen der Alten die gotische Kathedrale schauen wollen, müssen wir uns zuerst bewusst machen, was ich versuchte im Eingangsbeitrag dieses Exkurses anzudeuten: wir müssen den Bau als Sakrament, als Geheimnis, als Mysterium verstehen.

Die Metaphysik des Mittelalters war vor allem platonisch geprägt, und so bedeutete das Licht zunächst die edelste, der bloßen Materie entrückteste Erscheinung der Natur, der reinen Form am nächsten kommend. Das Licht ist gleichsam Mittler zwischen Geistigem und Körperlichen, schöpferisches Prinzip aller Dinge, aus den Himmelssphären erstrahlend, bringt es auf Erden alles organische Wachsen hervor. In den irdischen Substanzen ist es zwar am schwächsten, aber selbst hier sehen wir in den schwärzesten Stoffen ... etwa der Kohle, aus der Feuer geschlagen wird ... Leuchtkraft, ein Vorhandensein des Lichtes im Innern. Je lichter der Gegenstand, um so höher sein objektiver Wert. 
Diese Lichtmetaphysik verbindet sich mit der Lichttheologie des Johannesevangeliums zur großen Lichtmystik, Fundament des mittelalterlichen Gedankengebäudes. Die Schöpfung ist eine einzige große Theophanie, ein Akt göttlicher Illumination, sie manifestiert sich vor allem und am unmittelbarsten durch das Licht selbst. Verschwände das höchste und unfassbare Licht, das letztlich nichts anderes als Gott selbst ist, dann verschwänden auch alles Geschaffene im Nichts. So ist das Licht nicht nur notwendig für die Ordnung und Schönheit der Dinge, sondern auch für ihr Sein, das immer ein Zeugnis ist für das göttliche Licht.

Wenn Christus als Licht bezeichnet wird, ist das nicht nur figurativ gesprochen wie etwa bei Christus als Tür oder Eckstein, hier steckt ontologischer Gehalt dahinter. Für uns neuzeitliche Menschen ist es ein großer und schwerer Schritt, aber wir müssen lernen, die alte Erfahrung von Welt und Gottheit nachzuempfinden, wenn wir die gotische Kirche verstehen wollen ... und ich denke, auch unabhängig von davon wäre es ein großer Gewinn. Beim Eintreten ins Diaphane müssen wir uns verabschieden vom Gedanken, das buntes Glas und durchleuchtete Hallen "religiöse Gefühle" hervorbringen sollen, gar autonom empfundenes "Schönes". Genau so wenig ist das Licht Metapher für irgendeine innerliche religiöse Erfahrung, für eine unbegreifliche Gottheit ... und ebenso wenig Ausdruck eines ketzerischen Pantheismus. Und wenn hier von Licht die Rede ist, brauch man sich nicht fragen, ob gerade physikalisches Licht gemeint ist, über das uns ein Wikipediaartikel aufklären kann, oder ein überwirkliches Licht, auf welches die Eigenschaften des physikalischen Lichtes übertragen wurden. Um all das geht es nicht.
Das mittelalterliche Gedankenmodell ist das der Analogie, dem Verhältnis oder der Ähnlichkeit, und alle Dinge sind in einem gewissen Grade gottähnlich, sind Spuren, Bilder und Schatten des Schöpfers. Es steht damit zwischen dem rein Zweideutigen, dem Äquivoken, und dem rein Eindeutigen, dem Univoken. Diese Lehre ist weder leerer Symbolismus noch blasphemischer Antropomorphismus, denn sie begründet sich immer auf die Abhängigkeit, die das Bezogene mit dem "ganz Anderen" verbindet, und durch die das Eine in gewissem Sinne durch das Andere bestimmt wird. Und so ist es erlaubt zu sagen und zu denken, ja, man kann gar nicht anders als zu denken: Je ähnliche ein Seiendes Gott ist, um so vorzüglicher ist es. Und das lässt sich erkennen, ja, es ist sogar das "Ersterkannte", selbst ein Stein am Wegesrand kann erst dann begriffen werden, wenn Gott darin erkannt wird.
Die Architekten der Gotik gaben sich darum nicht länger zufrieden, durch naive Malerei die Illusion des Himmelreiches an die Apsis zu zaubern, die Kirche soll nicht länger lediglich Hinführung zu einer übernatürlichen Wahrheit, sondern Offenbarung derselben sein. Nun machten sie sich die Struktur des Universums zunutze, die geordnet ist "nach Maß und Zahl und Gewicht" (Weis. Salom. 11,29) durch den elegans architectus, des universalis artifex. Der gotische Kirchenbau verwirklicht im höchsten Maß die Wahrheit selbst und nimmt Anteil am göttlichen Licht.

Nun ist das Gesagte zu verbinden. Wenn das Licht das beste geschaffene Symbol zur Schau und Erkenntnis Gottes ist, ist es angemessen, die Kirchen von der lux nova, dem neuen Licht erstrahlen zu lassen. Die durchstrahlende lux ist sowohl physisches Licht als auch Christus selbst, der juwelen-, reliquiarhafte Glanz Bezug zum splendor, d.h., zur Schönheit (die wir nur durch Licht erkennen können), die ein objektiver Wert, ein Strahl der Wahrheit ist. Die transparenten Wände lassen mystische Wirklichkeit sinnlich greifbar werden - dabei gibt es keinen Gegensatz zwischen physischer Natur und theologischer Bedeutung, denn das "wirkliche" Licht ist nichts anderes als Analogie des göttlichen Lichtes.  Und daher tut es nicht Wunder, dass der mittelalterliche Kirchenbau der Gotik, dem Zeitalter der Schau ... sich vor allem und besonders das Diaphane, Transluzente zunutze macht.

Ein abschließendes Wort zum Zeichen und Symbolhaften: Wie Otto von Simson schreibt, war für das Mittelalter "die symbolische Deutung die einzige ontologisch gültige Bestimmung der Wirklichkeit." Wenn wir die gotische Kathedrale entdecken wollen, und nicht nur sie, sondern auch die Liturgie, ja den ganzen geschaffenen Kosmos, dann müssen wir das wiedergewinnen, was Maximus Confessor die symbolische Vision nennt, nämlich die Fähigkeit, "hinter den Gegenständen der sinnlichen Wahrnehmung die unsichtbare Wirklichkeit des Intelligiblen zu begreifen."

So will ich dann hiermit auch den ganzen Exkurs zum Abschluss bringen, der die Thematik, wenn überhaupt, auch nur an der Oberfläche angekratzt hat, und selbst das in unvollkommener Weise. Wenn es aber jemanden dazu gebracht hat, sich einen Kirchenbau nun zwei mal anzusehen ... fühle ich mich für die kleine Mühe reich belohnt.

Sonntag, 8. Mai 2016

Maria, Mediatrix Omnium Gratiarum

Im pro-aliquibus-locis-Anhang des Römischen Messbuches von 1962 findet sich für den heutigen Tag, frisch frei geworden vom getilgten Gedächtnis der Erscheinung des Erzengels Michael, ein Formular für das Fest der Mittlerin aller Gnaden. Und nicht nur das, wahlweise gäbe es auch noch eines für das Fest der Königin aller Heiligen und Mutter der schönen Liebe sowie der Gottesmutter vom heiligsten Herzen. Nun mag man mir mit Recht vorhalten, dass ich mich doch erst gestern als ausgewiesener Altkalendarier gegeben habe, ein Anhänger des ritus antiquissimus, gewissermaßen ... sollte ich da nicht das Fest, von Kardinal Mercier 1921 zunächst für Belgien erbeten und sich danach rasch ausbreitend ... am letzten Maitag feiern, wie es sich gehört? Jawohl, gewiss, das tue ich auch, zumal ich so selig bin, o Belgique, o mon chérie, ein Lütticher Brevier zu besitzen. Aber da Maria niemals genug gepriesen werden kann, so wollte ich mir doch diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, ja, ich konnte es schon gar nicht mehr abwarten ... das Gebet des hl. Kirchenlehrers Ephräm des Syrers hier einzustellen, welches zur II. Nokturn am Fest gelesen wird. Wie ein anglokatholischer Gottesmann mal ganz richtig bemerkte, dann greift die römische Liturgie, gerade nach den tridentinischen Purifikationen allzu nüchtern, immer dann auf die Lehrer des Orients zurück, wenn ein mal so richtig auf den Putz gehauen werden soll. Und so, denke ich, ist es auch hier:
»Meine Herrin, heiligste Gottesgebärerin und Gnadenvolle, unerschöpfliches Meer der göttlichen und unaussprechlichen Gnaden und Gaben, aller Güter Austeilerin. Du nach der Dreieinigkeit aller Herrin, du nach dem Tröster ein anderer Tröster und nach dem Mittler Mittlerin der ganzen Welt. Siehe an meinen Glauben und meine gottbegeisterte Sehnsucht. Verachte nicht den Unwürdigen, und möge nicht die Häßlichkeit meiner Werke dein unermessliches Erbarmen zurückstoßen, Gottesgebärerin, für mich der begehrenswerteste Name; denn nichts ist ein sichereres Siegeszeichen als deine Hilfe. Denn du hast alle Tränen vom Angesicht der Erde beseitigt, du hast die Schöpfung mit Wohltaten aller Art erfüllt, das Himmlische hast du entzückt, das Irdische errettet. Durch dich besitzen wir das untrügliche Wahrzeichen unsrer Auferstehung; durch dich hoffen wir das himmlische Reich zu erlangen; durch dich, o ganz Unbefleckte, war, ist und wird sein alle Herrlichkeit, Ehre und Heiligkeit seit dem ersten Adam selbst und bis zur Vollendung der Weltzeit für die Apostel, Propheten, Märtyrer, Gerechten und Sanftmütigen von Herzen, und in dir erfreut sich die ganze begnadigte Schöpfung.«
Ora pro nobis, Mediatrix nostra potentissima, alleluja!
Ut digni efficiamur promissionibus Christi, alleluja!

Übersetzung entnommen Manfred Haukes (Hg.): Maria, Mittlerin aller Gnaden. Die universale Gnadenmittlerschaft Mariens im theologischen und seelsorglichen Schaffen von Kardinal Mercier (Mariologische Studien 17). Regensburg 2004, S. 165.

Samstag, 7. Mai 2016

Patrona Bavariae


Als dezidierter Altritualist, nein, nicht nur Altritualist, sondern auch Altgläubiger und Altkalendarier ... feierte ich heute - schließlich habe ich mein ständiges Domizil dieser Tage im Bayernlande - das Fest Patrona Bavariae, am angestammten Tage. Nicht, dass ich den 1. Mai für ein schlechtes Datum hielte, aber da ist schließlich Philippus und Jakobus!

Schenkt man den Worten Pii septimi Glauben, die in den Metten zum Fest gelesen werden ... dann taten sich hiesige Landen stets durch eine besondere Andacht zur Muttergottes hervor. Was davon blieb, und wie viel eitler marianischer Folklorismus geworden ist, das möge der liebe Herrgott beurteilen.

Mir bleibt zu beten mit einer Strophe zum Matutinhymnus:

Bavariae praesidium;
da robur, fer auxilium;
de caelis rora gratiam
in tuam hanc familiam.

O Bayerns Wehr und Schutzpanier
gib Kraft, schenk Beistand;
lass regnen reichen Gnadentau
auf uns, Deine Familie!

Bild: St. Sebastian, Augsburg.

Montag, 2. Mai 2016

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (5) - Die Metaphysik des Lichts (i)

Alsdann sah ich ein überhelles Licht und darin eine saphirblaue Menschengestalt, 
die durch und durch im sanften Rot funkelnder Lohe brannte. 
Das helle Licht durchflutete ganz die funkelnde Lohe 
und die funkelnde Lohe ganz das helle Licht. Und beide, das helle Licht
 und die funkelnde Lohe durchfluteten ganz die Menschengestalt, 
alle drei als ein Licht wesend in einer Kraft und einer Macht. 
Wiederum hörte ich, wie dieses lebendige Licht zu mir sprach: 
Das ist der Sinn der Geheimnisse Gottes, dass klar erschaut und erkannt werde, 
welche die Fülle sei, die ohne Ursprung ist ...
Hl. Hildegard von BingenDas Buch vom Wirken Gottes



Erinnert sich noch jemand an diese kleine Serie, die, wie ich doch mit einer gewissen Hinneigung zum Stolz bekenne, doch zu den besseren Beiträgen dieses demütigen kleinen Blogs gehört? Aber ich sollte mich, falls alles schon vergessen ist - und welch weltlich Ding fällt nicht irgendwann dem Vergessen anheim - nicht grämen. Tempus edax rerum! Der letzte Teil liegt ein gefühltes aevum zurück, und überhaupt neigen solche Serien, bei mir zumindest, doch dazu, erst mit großer Lust begonnen, dann irgendwann unvollendet zu versanden ... ganz im Gegensatz zu Fernsehserien US-amerikanischen Herkommens, derer ich mich oftmals mit größtem Eifer bis zur letzten Folge widme.

Nun hat es durchaus seinen Grund, warum die Serie gerade an dieser Stelle einbrach. Das Licht oder die claritas, das dritte Element der Schönheit nach Thomas von Aquin, ist nämlich besonders vielgestalt und hat auch beim Aquinaten keine univoke Bedeutung. Die verschiedenen Konnotationen, die das Licht, der Glanz, die claritas umgibt, werden dabei auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen offenbar: Es kann sich handeln um a) Licht und Farben im physischen Sinne, b) das Verstandeslicht, durch welches wir die Dinge erkennen, c) der Glanz irdischen Ruhms, d) die himmlische Herrlichkeit der verherrlichten Körper der Seligen, Christi verklärte Gestalt, der Glanz der neuen Erde.

Wie kommt es, dass so ein klarsichtiger Denker, für seinen Scharfsinn, seine messerscharfen Definitionen berühmt, hier ein so unklares ... oder besser ... weites Bild vom Licht und der claritas zeichnet? Die Antwort dürfte eine ganz einfache sein, aber wie es so ist bei den grundlegendsten Dinge, darüber ließe sich ein ganzes Buch oder zumindest doch ein weiterer Exkurs schreiben: Er spiegelte die Tradition wieder, in die er ganz und wie selbstverständlich versunken war. Das Mittelalter war nämlich wie kein anderes Zeitalter ein Zeitalter, nicht der Finsternis und Dunkelheit, sondern des Lichtes und der Farben.

Das Licht bedingt die Farben, so viel wissen wir heute wie damals, im Mittelalter waren Farben aber immer elementare und leuchtende Farben. "Gras ist grün, Blut ist rot und Milch ist weiß", so beschreibt es Eco, und keine Farbe erstirbt dabei in Grautönen. Man muss nur einmal den so trefflich als Illuminationen bezeichneten Buchschmuck des Mittelalters geschaut haben, mit eigenen Augen betrachtet noch viel brillanter als auf dem Schirm oder im Druck, um zu wissen, welche Lust und Begeisterung man der Farben entgegenbrachte. Die begegneten einem aber nicht nur in der Kunst, in den Kirchen, bei den Reichen (wenn sicherlich auch besonders dort), sondern überall im täglichen Leben. Überhaupt wird alles schön genannt, was und weil es etwas mit Licht und Farbe zu tun hat. Marmor, weil er weiß ist, Edelsteine, weil sie das Licht einfangen, Metall, weil es das Licht reflektiert, und die Luft, weil sie, vom Licht getroffen, wie Gold schimmert. (Das kündet nach Isidors Etymologiae auch die Wortherkunft, Erz, aes/aeris, Gold und Silber, aurum und argentum, heißen so, weil sie in der Luft, aer/aeris, schimmern und glänzen).

Auch in den Schriften, in der Dichtkunst und Mystik ist es nicht anders. Überall leuchtende Farben ... selbst ein blasses Hellblau wird bei Dante zu einem Blau, wie morgenländischer Saphir ... gleißendes Licht - man lese die Visionen der hl. Hildegard! Das Mittelalter, wie im Eingangsbeitrag der Serie gesagt, ist ein Zeitalter der visio, der Schau. Und wie konnte es da ohne Licht auskommen?
Was das nun genau für den Kirchenbau der Gotik bedeutet, dazu komme ich der Länge wegen erst im nächsten Teil.