Montag, 11. April 2016

Today there is no refuge

Aufmerksam gemacht hat mich gestern die FAZ auf den fünfzigsten Todestag des englischen Schriftstellers und Konvertiten Evelyn Waugh - unter der hiesigen Leserschaft sicher kein Unbekannter. Da dieser Beitrag nun gerade über den Zeilen Reinhold Schneiders steht, drängte sich mir der Gedanke auf, dass es sich bei dem Engländer um eine Art Antitypus des badischen Literaten handelt, stirbt der eine, in Grabesstimmung, am Karsamstag, doch in die Auferstehungsmysterien hinein, der andere nach dem Sonntagshochamt in Osterfreude. Freilich, die Gnade, am Ostersonntag dahinzuscheiden - insofern man diesen Ausdruck am Osterfest benutzen darf - hatten beide. Und es lassen sich noch mehr Gemeinsamkeiten finden. Vielleicht also ein falscher erster Gedanke, auf jeden Fall aber ein Beitrag für ein anderes Mal.

Verbunden fühle ich mich mit Waugh dieser Tage sowieso nicht wegen Osterfreuden ... Freude hatte er in seinen letzten Jahren ohnehin wenig, und mit oberflächlicher Freundlichkeit hatte er nie etwas am Hut.* Vielmehr ist es die tiefe Melancholie, die lebensaufzehrende Depression, in die ihn das Konzil und die kirchliche Lage stürzte. Die ersten Konzilswehen, sie waren freilich schon einige Zeit vorher spürbar, vor allem in der Reform der Karwoche, die der Schriftsteller bitter beklagte. Die Beobachtungen, die Waugh dabei machte ... und vor allem die Schlussfolgerung ... dürften genau so für die runderneuerte Liturgie gelten:
»For centuries these [Ceremonies of Holy Week - Anm.] had been enriched by devotions which were dear to the laity—the anticipation of the morning office of Tenebrae, the vigil at the Altar of Repose, the Mass of the Presanctified. (...)  Now nothing happens before Thursday evening. All Friday morning is empty. There is an hour or so in church on Friday afternoon. All Saturday is quite blank until late at night. The Easter Mass is sung at midnight to a weary congregation who are constrained to renew their baptismal vows in the vernacular and later repair to bed. The significance of Easter as a feast of dawn is quite lost. It may well be that these services are nearer to the practice of primitive Christianity, but the Church rejoices in the development of dogma; why does it not also admit the development of liturgy?«
Zunächst war Waugh dennoch wenig beunruhigt, vielleicht stand kaum einer auf der Insel fester im Glauben als dieser staunch churchman, wenn auch die anderen Tugenden ihm weniger lagen. Schließlich stand er auf dem sicheren Fels, der Kirche, die dem Chaos entgegensteht, demselben Chaos, in dem er in seiner Jugend zu versinken drohte ... bis ihm die rettende Planke des Heiles gereicht wurde. So sagte er noch zu Konzilsbeginn: »The Council if of the highest importance. As in 1869-70 the French & Germans are full of mischief but, as then, the truth of God will prevail

Als sich bald aber die ersten Folgen des Konzils zeigten, wiederum zuallererst in der Liturgie, wuchs die Verzweiflung. »They are destroying all that was superficially attractive about my Church. It is a great sorrow to me.« Wie die Tradition der Kirche in kürzester Zeit verfiel, hinweggefegt wurde, so zerfiel Waugh körperlich. »I am toothless, deaf, melancholic, shaky on my pins, unable to eat, full of dope, quite idle - a wreck.« Ihm dämmerte, dass er mit seiner Trilogie, Sword of Honour, unbeabsichtigt einen Nekrolog auf die alte Kirche schrieb, wie sie einmal war.
Welche geistige Wirkung die neue Liturgie auf ihn hatte, das beschreibt wohl am besten seine Anfrage an eine kirchliche Zeitschrift, in der er sich über die Mindestpflicht zur Beiwohnung der hl. Messe erkundigte:
»I do not ask what is best for me; merely what is the least I am obliged to do without grave sin. I find the new liturgy a temptation against Faith, Hope and Charity, but I shall never, pray God, apostatise.« 
An anderer Stelle schrieb er:
»The Vatican Council has knocked the guts out of me ... I have not yet soaked myself in petrol and gone up in flames, but I now cling to the Faith doggedly without joy.«
Seine letzten Buchverträge konnte der Autor nicht mehr einhalten und bat um Befreiung: »Tell them I have temporarily lost my reason as the result of the Vatican Council.« Kein Funken Kraft blieb ihm mehr, erst recht keine Schaffenskraft. Der Kampf gegen den Zeitgeist, gegen die Dekadenz dieser Welt, er hatte ihm schon alles abverlangt. Kirche und Glaube war dabei nicht nur einzige Stütze und Halt, sondern in vielerlei Hinsicht Beweggrund und Ziel seines Wirkens. Mit dem Fall, der Selbstzerstörung der Kirche ... fiel der Himmel, während der Boden unter ihm gebrach.

Der jesuitische Konvertitenmacher D'Arcy, der großen Einfluss auf seine Bekehrung hatte, sorgte sich zunehmends um Waughs Zustand. In einem Brief verglich er, Ermutigung versuchend, seine Situation mit der eines anderen kirchlich desillusionierten Engländers aus der Elisabethanischen Ära, Robert Peckham, der schließlich nach Rom floh. Die Antwort, die Waugh damals gab ... könnte heute die gleiche sein: »Peckham had an easy choice of exile. Today there is no refuge.«

Aber um den Beitrag nicht mit Verzweiflung zu Ende zu bringen ... schließlich starb Waugh womöglich geistig verzweifelt, aber nicht in theologischer Desperatio, wenngleich in Umnachtung ... vielleicht wird auch mir, uns, einst ein letztes Osterfest gewährt, in einer letzten lateinischen Messe ... damit wir, nach der langen Nacht des Glaubens, noch einmal hier die beständigen Freuden des Herrn verkosten können, bevor wir die ewigen Wonnen genießen dürfen - denn Er hat uns Darniederliegende bereits aufgerichtet und uns vor dem Todessturz errettet.


*"How can you call yourself a Catholic an be so badly behaved, so mean, such a jerk, so spiteful?", fragte ihn einmal jemand. "Your have no idea", antwortete Waugh, "how much nastier I would be if I was not a Catholic. Without supernatural aid I would hardly be a human being." 

Zitate aus Selina Hastings: The life of Evelyn Waugh: a critical biographyLondon u.a.: Sinclair-Stevenson 1994.

Kommentare:

  1. Jenes unsägliche Großereignis hat viele Opfer gefordert. Ähnlich liegt der Fall bei Guareschi. Leider ist sein letzter Roman "Don Camillo und die Rothaarige", eine Abrechnung mit dem VII, kaum mehr erhältlich.
    In England haben, fünf Jahre nach Waughs Tod, einige Künstler mit dem sogenannten "Agatha Christie Indult" erreicht, dass das Hl. Messopfer weiter gefeiert werden durfte. Weniger als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, aber immerhin

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    1. In der Tat, Waugh regte auch damals schon an, den Hl. Stuhl um die Errichtung einer "Unierten Lateinischen Kirche" zu bitten, die dem überlieferten Ritus treu bleiben darf. So etwas ähnliches haben wir ja jetzt, freilich ohne eigene Hierarchie.
      Das Ausmaß der Katastrophe konnte Waugh natürlich auch nur erahnen, er sah ja selbst nie die eigentliche neue Messe, die erst nach seinem Tode kam. Und auch die Zerrüttung des Dogmas - dieser Tage wieder besonders sichtbar, wo sich unser emeritierter Heiliger Vater fragt, warum man überhaupt glauben sollte, während der regierende Pontifex der Meinung ist, dass die Gnade Gottes nicht genügt - ich weiß nicht, ob das für den Engländer überhaupt vorstellbar gewesen wäre. Was sicher ist: in so eine Kirche wäre er bestimmt nicht konvertiert.

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