Mittwoch, 27. April 2016

Eine Symphonie Beethovens und die Stimme des Vaters

»Eine Symphonie Beethovens kann auf zwei ganz verschiedene Weisen gehört werden. Wer, ohne taub zu sein, kein musikalisches Verständnis hat, kann sie nur sinnfällig hören, und von so einem Menschen sagen wir, daß er kein Gehör hat. Fragt man ihn: Haben Sie diese Symphonie gehört? so kann er mit ja antworten. Fragt man ihn: Ist sie wirklich ein Meisterwerk?, so kann er nicht nein sagen, es wäre dumm zu leugnen, was von Sachverständigen allgemein anerkannt wird. So wäre es dumm von dem bösen Geist, das durch seine Zeichen nur allzu offensichtliche Ereignis der Offenbarung zu leugnen. Die Symphonie Beethovens wird ganz anders von einem wahren Musiker gehört, der ihren formgebenden Beweggrund erfaßt. Nicht daß er unmittelbar das Genie Beethovens begriffe, er erfaßt es bloß durch die sinnfällige Ausführung eines Werkes; darin aber erfaßt er die Seele der Symphonie. Kann er jedoch einen einzigen Ton angeben, der nicht auch von dem anderen Hörer sinnfällig gehört wurde? Nein; dieser hat sinnfällig alle Töne wohl vernommen, aber die Seele der Symphonie ist ihm entgangen, in Wahrheit hörte er Töne und nicht die Symphonie. 
Das Gleiche gilt von der Lesung des Evangeliums: der gewaltigste natürliche Verstand versteht ohne die Gnade den übernatürlichen Sinn der Geheimnisse Gottes bloß äußerlich. Er begreift eigentlich den menschlichen Sinn der Worte, aus denen das Credo sich aufbaut, etwa wie ein Tier ein Menschenwort äußerlich hört, ohne seinen einsehbaren Sinn zu begreifen. Dagegen versteht der in die Übernatur erhobene Verstand des demütigsten Gläubigen das Evangelium wie der Musiker die Symphonie Beethovens. Vom übernatürlichen Standpunkt aus kann man sagen, der Gläubige hat Gehör. Durch den Glauben hört er übernatürlich die Stimme des himmlischen Vaters, nicht unmittelbar wie der Prophet, sondern durch den Mund der Kirche. So vernimmt er wesenhaft die Tiefen der Gottheit, die die göttliche Stimme offenbart. Er glaubt wesenhaft daran, während der böse Geist nur das Eine sagen kann, daß eine Leugnung unmöglich ist, da diese geheimnisvollen Worte durch den Urheber der Natur selber bekräftigt werden, so daß man sie von außen her wohl zugeben muß, weil sie nicht falsch sein können.«
Reginald Garrigou-Lagrange, OP: Der Sinn für das Geheimnis und das Hell-Dunkel des Geistes. Natur und Übernatur. Paderborn 1937, S. 239f.

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