Dienstag, 26. April 2016

Corpus Reginaldum online

P. Garrigou-Lagrange OP
Gut, nicht das komplette Œuvre Réginald Marie Garrigou-Lagranges ist im Internet verfügbar, aber zumindest einige bedeutsame Werke im inzwischen unverzichtbaren Internet Archive. Die sieben Thomaskommentare über die Traktate von Gott dem Einen, Gott dem Dreieinigen und Schöpfer, die Seligkeit, die Gnade, die theologischen Tugenden, Christus dem Erlöser, die Eucharistie und das Bußsakrament gibt es hier, außerdem das zweibändige apologetische Werk über die durch die Kirche vorgelegte Offenbarung. Ins Englische übersetzt finden sich vor allem die geistlichen Werke des Dominikaners, computerlesbar gibt es unter dieser Adresse schon länger einiges.

"Was nutzt uns das nun alles", mag man mir entgegenhalten, "wenn es das nicht auch auf Deutsch gibt?" Fürwahr, hier macht sich ein großer Mangel bemerkbar, ein Mangel, der mir in seiner immensen Auswirkungen erst wieder dieser Tage besonders gewahr geworden ist. Doch immerhin, die große Systematik des Geisteslebens P. Garrigou-Lagranges gibt es in unserer Sprache, und gar vor nicht langer Zeit neu herausgegeben vom Verlag nova & vetera: Des Christen Weg zu Gott, Aszetik und Mystik nach den drei Stufen des geistlichen Lebens. Im Vorwort des Übersetzers, P. Swidbert Soreth, findet sich eine der vielleicht schönsten Beschreibungen der Art und Weise, wie der römische Professor uns lehrt:
P. Garrigou-Lagrange sitzt nicht nur vor seinen Lesern gleichsam auf dem Lehrstuhl, er kniet neben oder vor ihnen auf dem Betstuhl, ja bekennt und bereut mit ihnen im Beichtstuhl, ringt Seite an Seite mit ihnen in den Leiden und Versuchungen des Alltages um heroische Tugend, steig ihnen voran zum Gipfel. 
Pater Reginald verwirklicht in seinen Arbeiten den Leitspruch Suárez', est enim sine veritate pietas imbecilla, et sine pietate veritas sterilis et ieiuna, ohne Wahrheit ist die Frömmigkeit hohl, und ohne Frömmigkeit ist die Wahrheit unfruchtbar und trocken. Aber es geht nicht bloß darum, dass der Predigerpater, der jedes einzelne seiner vielen Werke der Gottesmutter widmete, klug und fromm wahr, sondern vielmehr darum, dass das Prinzip seiner Theologie, die ja keine andere ist als die des Doctor angelicus et communis, eine Theologie ex alto, eine Theologie von oben ist.

Und damit kommen wir auch auf einen der vielleicht wichtigsten Punkte in der Lehre des Pater, die wiederum die Lehre Thomas' ist, nämlich die wesenhafte Übernatürlichkeit des Glaubens. Erstmal mag das banal erscheinen, schließlich sprechen wir vom Glauben als einer übernatürlichen Tugend. Aber nun muss man erst einmal zum Glauben kommen, und dann muss zudem der Glaube verteidigt werden können gegenüber denjenigen, die ihn nicht haben. Das Fach, das sich damit beschäftigt, nennt man gemeinhin Apologetik oder Fundamentaltheologie. Was ist nun die Methode der Apologetik, und wie weit reicht sie an den Glauben heran? Zwei Antworten treten uns entgegen, die eine die Antwort des Thomas, die eine die Antwort Molinas. Nach letzterem geht die Apologetik ausschließlich durch Benutzung des Verstandeslichtes vor und bringt uns zu einem natürlichen Glauben, der nur noch durch die Gnade vervollkommt werden muss. Nach der Antwort Thomas' besteht die Methode der Apologetik in der Benutzung des Verstandes unter Anleitung oder Erleuchtung durch den Glauben, und nur durch übernatürliche Erkenntnis, durch das innere Glaubenslicht, kann die Vernunft den Glauben annehmen.
Anders ausgedrückt: Dort ist rationale Glaubensverteidigung Fundament und Ursache des Glaubens, hier lediglich die Hinführung zum selbigen.

In neuerer Zeit hat vor allem Scheeben großen Wert auf die thomistische Antwort gelegt und als erster die Gefahr eines rationalisierenden Glaubenszugangs erkannt. Leider lag sein Werk, gerade in Deutschland, vollkommen brach. Erst viele Jahre später sollte Garrigou-Lagrange diesen Gedanken wieder aufnehmen und fruchtbar machen. Leider hatte derweil die entgegengesetzte Ansicht, vor allem durch die traditionell um die Apologetik bemühten Jesuiten, inzwischen längst Schule gemacht. Als Karl Eschweiler als bereits in den frühen 20ern davor warnte, dass die moderne Theologie, trotz scheinbarer Feindschaft, schon fast mit dem neuzeitlichen Rationalismus und Anthropozentrismus zusammenfällt ... kam ihm das entgegen, was man, in der allerneusten Neuzeit, wohl einen Shitstorm epischen Ausmaßes nennen würde. Allen voran damals Erich Przywara. Dem Garrigou-Lagrange-Schüler Johannes Brinktrine wird es mit seiner Fundamentaltheologie kurze Zeit später nicht besser gehen, als er sich sich der Anschuldigung des Fideismus erwehren musste.

Welche Auswirkung diese Entwicklung in der Theologie hatte, die vielleicht zunächst als scholastische Spitzfindigkeit abgetan werden könnte, zeigt sich für uns Nachgeborenen erst in voller Klarheit. Wenn die Gnade nur noch das Sahnehäubchen auf unserer natürlichen Erkenntnis ist, unser natürlicher Glaube, wie Scheeben schreibt, nur noch von droben ein wenig verklärt wird ... ist es nicht mehr weit, bis sich die Glaubenswissenschaft - in der Fundamentaltheologie bereits von der wissenschaftlichen Einheit der Theologie getrennt - in eine bloße Religionsphilosophie auflöst. Und schon haben wir das, was wir in so erschreckendem Maße an den real existierenden katholischen Fakultäten, zumal in deutschen Landen, als Überbleibsel der alten Gotteswissenschaft vorfinden.

Soviel nur als kleiner Einblick, der eigentlich mehr das Werk Garrigou-Lagranges streift als beschreibt. Schließen will ich mit einem seiner Worte über die angerissene Frage von der Apologetik, die sich aber genau so auf die ganze Theologie beziehen lässt:
»Unde scala apologetica non erigenda est a terra ad coelum, sicut turris (Genes. XI, 4), sed de coelo ad terram descendit, sicut scala, quam in sommo vidit Iacob › Vidit in somnus scalam stantem super terram et cacumen illius tangens coelum : Angelos quoque Dei ascendentes et descendentes per eam et Dominum innixum scalae dicentem sibi : Ego sum Dominus, Deus Abraham patris tui, Deus Isaac ... ‹. (Genes. XXVIII, 12).
Die apologetische Leiter lässt sich nicht von von der Erde hin zum Himmel errichten, so wie der Turm von Babel (Genes. 11, 4), sie steigt viel mehr vom Himmel herab, wie die Leiter, die Jakob im Traum gesehen hat: ›Er sah im Traum eine Leiter, die da stand auf der Erde, und mit der Spitze den Himmel berührte, und die Engel Gottes stiegen auf und nieder auf derselben, und der Herr stand auf der Leiter, und sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der Gott Abrahams, deines Vaters, und der Gott Isaaks ... (Genes. 28, 12).«
(De Revelatione per Ecclesiam Catholicam proposita, I. Bd. Rom u.a. 1950, S. 5) 

Kommentare:

  1. Zusätzlich zum nur englischen Inhalt ist es auch bedauerlich, dass man das Ganze nicht als PDF downloaden kann, um es auf ein tragbares, lesekomfortableres Gerät zu überspielen... ;-)

    Nichtsdestotrotz ein schöner Artikel... bei dem ich mal fast keine Fremdworte googlen musste! :-D

    AntwortenLöschen
  2. Wieso nicht als PDF downloaden? Bei archive.org gibt es diese Möglichkeit!

    AntwortenLöschen
  3. Ah, wunderbar! :) Wenn ich die Bib nicht mehr nutzen kann, ist das jedenfalls eine gute Alternative, danke.

    AntwortenLöschen