Mittwoch, 6. Januar 2016

Einen Neustern schenkt der Himmel


Für den liturgische Denkenden, der mehr in der längeren und älteren Tradition der lateinischen Kirche beheimatet ist als in den wenigen kurzen Jahren des kirchlichen Vormärzes zwischen 1955 und 1965 ... dem mutet es reichlich komisch an, dass Epiphanie - wo uns gerade die großen Reformgeister doch immer wieder darauf stoßen, dass es sich hier um das eigentliche und große Weihnachtsfest handelt - so richtig nur einen Tag gefeiert werden darf. Besonders schräge Situationen ergeben sich, wenn am ehemaligen Vigiltag, zur Zeit der 1. Vesper, noch einmal die Oktavmesse von Weihnachten (schon lange vorbei, aber uns fehlen die anderen unterdrückten Oktavtage, also wird die wieder reanimiert) gelesen und danach Dreikönigswasser geweiht wird. Entschwunden ist auch der enge Zusammenhang vom Epiphaniefest und Taufe des Herrn am Oktavtag, die lateinische Kirche gliederte die Festgeheimnisse nämlich entdrei, letztere hängt da nun so etwas frei in der Luft wie bestellt und nicht abgeholt. Kurzum: Das Erscheinungsfest kommt in der semireformierten Liturgie ein wenig so eingepfercht daher, wie die Könige, pardon, die Magoi, und die Heilige Familie oben.

Aber genug ins neue Jahr gemeckert und gemosert, heute dürfen wir feiern, und ich denke, auch durch die ganze vormalige Oktav. Den Anfang soll Rabanus Maurus machen mit einem Epiphanielied:

Venit Deus factus homo,
Exsultet omnis natio,
Caelium dedit sidus novum,
Apparet auctor omnium.

Gott ist gekommen, Mensch geworden,
Jubel singt ihm jedes Volk,
Einen Neustern schenkt der Himmel
da der Schöpfer selbst erscheint.

Magi ferebant munera
Primi legati gentium
Quae cum sacro mysterio
Signant latentis gloriam.

Erstgesandte aller Völker
Weise bringen Gaben dar,
die als heilig tiefe Zeichen
deuten des Verborgenen Glanz:

Aurum potentis regmina,
Numen sacrum tus indicat
Carnemque murra mortuam,
Mundi piantem machinam.

Gold spricht von des Mächtigen Herrschaft
Weihrauch von dem heiligen Gott
Myrrhe deutet auf den Leichnam,
auf den Heilsplan für die Welt.

Herodes, hostes invidus,
Ignorat haec trucissimus,
Christus saluti gentium
Quae sic ministrat praevius.

Nur der trutzdende Herodes
neidet, haßt und will nicht sehn,
was der Herr zuerst entfaltet
zu der Erdenvölker Heil.

Jesus precamur, omptime, 
Tu nos benignus dirige,
Prompti feramus quod tibi
Laudis sacrata munera.

Bester Jesus, laß dich bitten,
hüt in Gnaden unsern Weg,
da wir willig dir entbieten,
unsres Festlobs Weihgeschenk.

J. van Acken: Germanische Frömmigkeit in liturgischen Hymnen. Freiburg i. Br.: Caritasverlag 1937, S. 12f. Das lateinische Original ist den Analecta Hymnica (Bd. L, no. 139) entnommen.
Bild: Anbetungsszene im Hohen Dom zu Augsburg

Kommentare:

  1. Da bist du ja auch wieder! :-)
    Ich denke übrigens auch immer sehr liturgisch... ;-)

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    1. Ich weiß! Du hast das liturgische Denken gewissermaßen schon transzendiert und bist ins rubrizistische eingedrungen ... ! ;-)

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    2. Allerdings! Bis in alle noch so verborgenen Einzelheiten!

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    3. Aber sei der Worte der Rubrizisten eingedenk! "Nicht bloß richtig, sondern auch würdig und schön!" Und natürlich auch exakt ... und vollständig.

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    4. Von würdig, schön, exakt und vollständig hab ich natürlich eine genaue Vorstellung....allein, die würdige, schöne, exakte und vollständige Ausführung obliegt dem Zelebranten... ;-)

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  2. Ach, das hinter dem Gitter sind Könige und die Heilige Familie ... Sag mal, wofür hat Dir die Bärin eigentlich eine offenbar gute Kamera vermacht, wenn man sie auf so ein Motiv draufhält ...? ;-)

    Und: Gewiß vermisse auch ich die Epiphanie-Oktav (die Streichung der ganzen nach Weihnachten sich überlagernden Oktaven kann ich gut wegstecken), aber welches Drama muss sich hier für einen Rubriken-Innstetten auftun: Achten zu müssen, was man zutiefst verachtet ... *jetzt-aber-wegduck*

    Doch genug scharmützelt (das Lamento hat mich wohl ein wenig infiziert) ... Ecce advenit - gesegnete Epiphanie!

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    1. Wie der Habit nicht den Mönch macht, so macht eine bärige Kamera noch keinen guten Fotografen, wie's scheint. ;-)

      Dramatisch geht es für mich im liturgischen Drama natürlich alleweil zu. Was aber ansonsten die Privatandacht angeht ... erlaube ich mir für den persönlichen Vollzug des Glaubens heraus, auch ältere Traditionsstränge heranzuziehen. ;-)

      Ebenfalls ein gesegnetes Fest, ob mit oder ohne allem rubrizistischen Drumherum!

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    2. Und noch vergessen: Statt überlagernder Oktaven haben wir jetzt eine verlängerte Geisteroktav ... ob das besser ist?

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  3. Das nächste Mal lässt Du einfach Deine Verbindungen spielen und dann lässt man Dich vielleicht auch ein Foto machen auf dem sich was erkennen lässt. ;-)

    So richtig nachvollziehen muss man diese früheren Entscheidungen aber auch nicht können...

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    1. Meine Verbindungen? Sicher, wenn ich an den Dom komme, werde ich schon immer feierlich von Bischof und Domkapitel in Empfang genommen ... Ecce, Denzinger magnus!

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    2. Ahh... das erklärt warum mir die Domkapelle ohne Dich versperrt blieb! ;-)

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  4. Den Denzinger zu lesen lohnt immer; auch mir als katholisch zwischen den Jahren 1955 und 1965 sozialisierten Teddybären haben diese Ausführungen die Augen (ein wenig) geöffnet.

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    1. Das sage ich auch immer! Für diese Jahre gilt das gleiche wie für den Straßenverkehr: Augen (weit) auf!

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