Samstag, 30. Januar 2016

Columba Marmion zum Gedächtnis

»Unter den Seelen, die Gott suchen, finden sich manche, die nur mit großer Mühe zu ihm gelangen. Die einen haben keinen bestimmten Begriff davon, worin eigentlich die Heiligkeit besteht. Sie kennen den Heilsplan nicht, den Gottes Weisheit entworfen hat, oder sie lassen ihn beiseite und sehen die Heiligkeit in dieser oder jener ihrem eigenen Geiste entsprungenen Auffassung ... Andere besitzen eine klare Erkenntnis über Einzelheiten, aber es fehlt ihnen die große Linie, der Überblick ... Es ist also eine äußerst wichtige Sache, zu laufen auf dem Wege, wie Paulus sagt, aber nicht ins Ungewisse, sondern so, daß man das Ziel erreiche, (1 Kor 9,26) ... Wir wollen also im Licht der Offenbarung den Heilsplan Gottes über uns betrachten; diese Betrachtung wird für unsere Seele eine Quelle des Lichtes, der Kraft und der Freude sein.«
Den Heilsplan Gottes über uns betrachten - so lässt sich trefflich das Wesen der geistlichen Werke Columba Marmions beschreiben. Quelle seiner Spiritualität, ganz in der Tradition der Söhne Benedikts verwurzelt, ist die Schrift im Licht der Väter und die kirchliche Liturgie. Schriftworte sind für Dom Marmion nicht Gegenstand trockener historisch-kritischer Bearbeitung - die stets kritisch in jedem Wortsinn, aber oft wenig historisch ist - sondern der Betrachtung, der lectio divina, aus der er lebte. Ziel und Mittelpunkt der Offenbarung ist Jesus Christus, und schon das Alte Testament ist auf ihn hingeordnet, kann und muss auf Christus und sein Erlösungswerk hingedeutet werden. Zur Erkenntnis dieser Typen gelangt man nicht bloß durch das Väterstudium - man muss vielmehr, wie die Väter, selbst unter Führung des Heiligen Geistes zu deren Erkenntnis und Bedeutung gelangen, sei es die Berufung Abrahams, das Leben Isaaks in Genesis, das Zeichen der ehernen Schlange in Numeri, das Manna vom Himmel, das Paschalamm, die Wolkensäule, die Durchschreitung des Roten Meeres in Exodus, die Geschichte einer Liebe im Hohenlied ... Hier sehen wir Gottes Wirken in der Weltgeschichte, die sich fortsetzt in der Geschichte Israels ... und schließlich in Jesus Christus ihren Höhepunkt findet und im Neuen Testament ausgefaltet wird. Wenn wir also im Sinne Marmions und der Väter Schrift betrachten, reicht nicht bloß ein einmaliges Drüberlesen vielleicht längst bekannter Stellen. Die Seele muss sich immer tiefer versenken in die unerschöpflichen Reichtümer des Textes, jeden Satz, jedes Wort auskosten, verinnerlichen - und sich daraus wieder Gott in Lob und Preis, in Bitte und Anbetung zuwenden. So kann sich auch Altbekanntes immer wieder neu enthüllen, immer wieder leuchten neue Zusammenhänge der Heilsgeschichte auf ... die wiederum die Richtschnur für unseren Tag nach der Betrachtung sein können, ja vielleicht sogar für ein ganzes Leben. Eingeführt werden sollen wir durch die Schriftbetrachtung also nicht etwa in eine Art weltliches Wissen, sondern in die Erkenntnis Jesu Christi, qui est in sinu patris.

Genau so verhält sich Columba Marmions Zugang zur Liturgie. Wiederum geht es nicht um eine äußerliche Beschäftigung, erst recht die schon zu seiner Zeit heftig diskutierte Umformung der Gestalt der Liturgie liegt ihm fern. Beteiligung an der Liturgie ist da nicht zuallererst Aufstehen, Sitzen, Knien oder Mitsprechen - es geht um ihren Inhalt, das Kennenlernen Jesu Christi, auf das uns die Schrift vorbereitet hat, und das neue Miterleben der Geschehnisse im Leben Jesu. Wir gelangen, um mit den Worten des Abtes zu sprechen, mit der Kirche und ihrer Liturgie unfehlbar zur Kenntnis der Geheimnisse Christi und dringen in die Gesinnungen seines göttlichen Herzens ein.

Vielleicht kann dieser Zugang auch uns eine Hilfe darin sein, zur Kenntnis Jesu Christi zu gelangen und ihn zum Leben unserer Seele werden zu lassen, um damit das Ziel des göttlichen Heilsplanes zu verwirklichen, welches Er von Ewigkeit vorbestimmt hat: In laudem gloriae gratiae suae, zum Lob der Herrlichkeit Seiner Gnade (Eph 1, 6).

Eingangsworte entnommen aus Christus, das Leben der Seele. Paderborn: Schöningh-Verlag 1931, S. 2f.

Kommentare:

  1. Gefällt mir sehr! Das "vielleicht" aus der drittletzten Zeile des ersten Absatzes würde ich streichen: Der Heilsgeschichte Raum in unserem Leben zu geben, sagen wir mal: ganz im Sinn der participatio actuosa, ist in der Tat keine Tagwerk, sondern Lebensaufgabe ... ;-)

    AntwortenLöschen
  2. Schöner Beitrag. :-)
    Allerdings, hätte ich mir gewünscht wenn Du etwas mehr auf diesen Punkt eingegangen wärst: "es geht um ihren Inhalt (...), und das neue Miterleben der Geschehnisse im Leben Jesu." - Vielleicht beim nächsten Mal. ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast doch jetzt den Casel zu Hause ... ;)

      Löschen
    2. In der Tat ein interessantes Thema! Vielleicht kümmere ich mich da mal drum ...

      Andere Sache ... warum nur muß ich jetzt an den - je nach Deutungshorizont mal so, mal so bedenkenswerten - Satz vom Lebenswert der Dogmen denken ...?!?

      Löschen
    3. *grusel* Klingt da nicht auch eine bedenkenswerte "Halbwertszeit" der Dogmen mit an? Aber um dem meinen Kommentar noch etwas mehr Lebenswert zu verleihen, ein wenig Hölderlin:

      »Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
      Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
      Warum siehet mit Liebe,
      Wie auf Götter, dein Aug' auf ihn?«

      Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
      Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblickt,
      Und es neigen die Weisen
      Oft am Ende zu Schönem sich.


      Vom Tiefsten kommen wir zum Lebendigsten, sofern wir es zu denken vermögen ...

      Löschen
    4. Zufällig hab ich heute sogar etwas vom Casel dazu gelesen! Aber ich glaube, da gibt es noch einiges mehr zu entdecken... (Und so viel hab ich nun auch nicht von dem) ;-)

      Löschen