Samstag, 10. Dezember 2016

Erklärung der Menschenrechte


In aller Frühe unerwünscht behelligt von einem gotteslästerlichen Jubiläum, sei als Antidot an dieser Stelle unser Heilige Vater, seligen Andenkens, Pius VI. zitiert:
»[D]er gesellschaftlich verfaßte Mensch solle eine vollständige Freiheit genießen, und zwar dergestalt, daß er hinsichtlich der Religion nicht behelligt werden dürfe und es seinem freien Belieben überlassen sein sollte, sogar bezüglich der Religion alles zu denken, zu reden, zu schreiben und selbst zu veröffentlichen, was er will. Und es wurde erklärt, daß diese Ungeheuerlichkeit sich aus der Gleichheit der Menschen untereinander und aus ihrer natürlichen Freiheit heraus herleite und ergebe. Was kann man Wahnsinnigeres erdenken, als eine derartige Gleichheit und Freiheit für alle zu errichten ...?
Da nun der Gebrauch, den der Mensch von seiner Vernunft machen soll, im Wesentlichen darin besteht, seinen höchsten Schöpfer zu erkennen, ihn zu ehren, ihn zu preisen, ihm sein ganzes Leben zu weihen, weil er sich von Kindheit an den Älteren unterwerfen und von ihren Lehren leiten lassen muß, weil er von ihnen lernen muß, sein Leben nach den Gesetzen der Vernunft, der Gesellschaft und der Religion auszurichten, sind für ihn die Gleichheit und die vielgerühmte Freiheit von Geburt an nichts als Hirngespinste und leere Worte.
«
Breve Quod aliquantum vom 10. März 1791

Freitag, 2. Dezember 2016

Das zweite Türchen: Lex Christo gravida erat




"Mehrmals und auf vielerlei Weise hat einst Gott 
zu den Vätern und durch die Propheten geredet,
 am letzten zu uns durch den Sohn."[i]

In dieser Zeit des Advents treten wir wieder ein in die Gedanken Gottes, in das Werk der Inkarnation und Erlösung, so sublim und groß, so eng verbunden mit dem innersten Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit selbst, daß sie über Äonen verborgen blieben in den Tiefen der göttlichen Geheimnisse: "Das Geheimnis, das von Ewigkeiten her verborgen war in Gott."[ii]
Wir wissen, daß Gott uns warten ließ für tausende und hunderte von Jahren, wie das Weihnachtsmartyrologium so eindrucksvoll wieder und immer wieder verkündet. Niemals können wir das Warum der Umstände des Heilswirken Gottes ergründen. O Saptientia! Nur die Angemeßenheit seiner Wahl können wir demütig versuchen zu fassen.

Nachdem das Menschengeschlecht, das sein wollte wie Götter, durch den Stolz gefallen ist, war es billig und recht, daß es seine eigene Not und Elend in langer Erfahrung einsieht und erkennt, wie sehr es eines Erlösers bedarf.[iii] 
Und diese Vorstellung eines zukünftigen Retters erfüllt das ganze Alte Gesetz, alle Riten und Zeremonien und Opfer deuteten auf ihn: „All dieses widerfuhr ihnen als Vorbild.“[iv] So schrieb schon Origenes: Lex Christo gravida erat.[v] Das Alte Testament war schwanger mit Christus. Das alte Israel war in der Erwartung seines Messias.
Nun mag man sagen, all diese Vorbereitungen und Zeichen – was geht das uns an? Wir leben ja in der Fülle der Zeit. Christus ist schon gekommen. Und lebt unter uns, in jedem Tabernakel.
Doch Gott will in all seinen Werken gepriesen werden. Wir treten ja ein in die göttlichen Gedanken, wenn wir die Prophezeiungen und Versprechungen des Alten Testamentes lesen. Und wir folgen dem Auftrag Christi selbst, zur Bekräftigung unseres Glaubens, der uns auftrug: Scrutamini Scripturas, durchforschet die Schriften![vi] Und das war es auch, was er selbst tat dort auf dem Weg nach Emmaus nach seiner Auferstehung. „Und er fing an von Moses und allen Propheten, und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm geschrieben steht.[vii] So finden wir den, „von dem die Propheten geschrieben haben.[viii] Vor allem aber ist diese Fülle der Zeit noch nicht zu Ende, die Mysterien Christi nicht bloße Geschichte, sondern lebendige Wirklichkeit! Christus noch immer ein Kommender, bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Wir sollen so auf die Ankunft des Herrn in unseren Herzen, gleichsam in einem mystischen Advent des Glaubens bereitet werden, auf daß wir die reichen Gnaden der Geburt Christi erfahren.

Die Rede Gottes von seinem Heilsplan begann schon im Garten Eden. Ganz anders als die Schar der gefallenen Engel wurden das erste Menschenpaar nicht für immer und ewig von seinem Angesicht verbannt. Es war das Protoevangelium, das erste Wort des Heils: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen: sie wird deinen Kopf zertreten.[ix] Ein früher Sonnenstrahl des Geheimnisses verborgen in Gott vor aller Zeit geht auf. Von nun an steht der Same der Frau, der die Menschheit erlösen wird, im Zentrum aller menschlichen Religion.
Über die Jahrtausende und Jahrhunderte hinweg wird der Spruch des Allerhöchsten immer feierlicher, immer definierter, immer klarer umrissen. Er versichert den Patriarchen von alt, Abraham, Isaak und Jakob, daß aus ihrer Rasse, aus ihrem Stamm der Erlöser hervorgehen soll: „Und in deinem Samen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.[x] Aus Juda wird er kommen, die Erwartung aller Nationen: „Bis der kommt, der gesandt soll werden, auf den die Völker harren.[xi]
Und als die Menschenvölker abfielen von der Uroffenbarung, versanken in Irrtum und Laster, erwählte Gott ein Volk als Wächter seines Versprechens. Durch die Propheten hält er das Andenken aufrecht und stärkt es.

Den Sehern stellt Gott die Person und Mission des Messias in einer Art und Weise da, die sich scheinbar fast widersprechen. Hier steht jemand, dessen Vorrechte nur einem Gott gebühren, und dort die Knechtsgestalt, die die schlimmsten Peine erleidet, die kaum dem Geringsten gebühren. König David, dem Gott geschworen, sein Geschlecht auf immer zu bewahren, wird der Kommende als „sein Sohn und sein Herr[xii] offenbart – Sohn aufgrund seiner Menschheit, Herr aufgrund seiner Gottheit. Er schaut ihn im Glanz der Heiligen, ewig gezeugt vor dem Morgenstern, Priester ewiglich nach der Ordnung des Melchisedech,[xiii] seine Rechte führt uns um der Wahrheit und Sanftmut und Gerechtigkeit willen[xiv]. Ja, es ist wahrlich der Sohn Gottes selbst, dem alle Nationen zum Erbe gegeben sind: „Der Herr hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt: Begehre von mir, so will ich dir geben die Völker zu deinem Eigentum.[xv] Nur ein Gott, schrieb der hl. Apostel Paulus, wird so verherrlicht.[xvi]

Derselbe König aber sah auch die durchbohrten Hände und Füße, die Soldateska, die das Los werfen über sein Gewand,[xvii] wie sie ihm Galle und Essig reichen als Trank.[xviii] Und dann wieder den Gott: Er lässt ihn nicht die Verwesung des Grabes schauen, sondern lässt ihn siegreich über den Tod zu seiner Rechten sitzen.[xix]

Auch im Propheten Isaias, den die Kirche im Advent liest und der wie kein anderer des Alten Testaments so lebhaft vom Messias redet, als sei er einer seiner Jünger gewesen, kennt dessen Erhöhung und Niedrigkeit. Er nennt ihn Namen, die keiner je trug: „Wunderbarer, Ratgeber, Gott, starker Held, Vater der Zukunft, Friedensfürst.[xx] Den Jungfrauensohn „wird man Emmanuel nennen“,[xxi] Gott mit uns. „Wie eine entzündete Fackel[xxii] erscheint er, er öffnet der Blinden Augen, der Tauben Ohren, löst die Zungen der Stummen und macht die Lahmen gehen,[xxiii] der Fürst und Lehrer der Heiden,[xxiv] und vertilgt die Götzen vollends.[xxv] Ihm wird sich jedes Knie beugen und jede Zunge seine Macht bezeugen.[xxvi]

Doch der gleiche Prophet sieht den gleichen Erlöser als Verachteten und Mindesten der Menschen, als Mannes der Schmerzen, der sein Antlitz verhüllt vor Schmach, einen Aussätzigen, den Gott geschlagen und gedemütigt hat, wie ein Schaf wird er zur Schlachtbank geführt, man rechnet ihn zu den Gottlosen, denn der Herr will ihn zermalmen in der Schwachheit.[xxvii]
In dieser Art reden die Propheten von der Höhe und Niedrigkeit, der Stärke und Schwäche des künftigen Messias. In wunderbarer Weise hat Gott sein Volk auf das unsagbare Geheimnis eines Gottmenschen vorbereitet, höchster Fürst aller Völker und Opfer und Löspreis für die Sünden der Welt.

Durch die Versprechungen, Erinnerungen und Offenbarungen aus dem Mund der Propheten wollte Gott die Herzen der Gerechten des Alten Bundes derart bereiten, daß die Ankunft des Messias heilbringend für sie wird. Und je mehr die Gerechten erfüllt waren mit Glauben und Hoffnung – der Glaube kommt ja vom Hören,[xxviii] durch die verkündeten Wahrheiten der Prediger und Seher -, umso mehr entbrannten sie in dem Verlangen, ihren Erlöser zu schauen, und umso mehr waren sie dazu bereit, die Überfülle der Gnaden anzunehmen, die der Heiland der Welt bringt.  Darum erkannten die heiligen Seelen der Jungfrau Maria, des Zacharias und der Elisabeth, Simeon, Anna und so viele andere sogleich in Jesus Christus ihren Herrn und Erlöser.

Diese Vorbereitung, die Gott im großen Weltadvent der Menschheit und den gläubigen Juden hat zukommen lassen, soll auch unsere Vorbereitung sein. Wie die Juden in ständiger Erwartung seiner Ankunft waren, im Licht des Glaubens erkannten, daß in der Person des Retters ein König und Gott gesandt wird, der vom Elend und allen Sünden befreit … so sollen auch wir durch das Hören und Erforschen der Schriften im Glauben unseren Erlöser erkennen und erwarten. Mehrmals und in vielerlei Weise hat ja Er zu uns gesprochen vor der Ankunft des Sohnes. So hören wir, hören wir, was er sprach und spricht.

Dann soll das Gebet der Gerechten, das einzige Verlangen ihrer Herzen, im Advent auch das unsere werden: Sende ihn, der da kommen soll!

Das nächste Türchen wird auf dem Hellen Berg zu öffnen sein.
Der Adventskalender der Blogozese findet sich hier.




[i] Hebr 1,1
[ii] Eph 3,9
[iii] Hl. Thomas von Aquin, STh IIIa, q. 1, a. 5 c.
[iv] I Kor 10,11
[v] In Lucam, Orat. II; siehe auch (Pseudo-)Augustins Sermo CXCVI
[vi] Joh 5,39
[vii] Lukas 24,27
[viii] Joh 1,45
[ix] Gen 3,15
[x] Gen 12,18
[xi] Gen 49,10
[xii] Ps 109,1
[xiii] ebd., 3f
[xiv] Ps 104,5
[xv] Ps 2,7f
[xvi] Hebr 1,5
[xvii] Ps 21, 27-19
[xviii] Ps 68, 22
[xix] Ps. 15,10f
[xx] Isa 9,6
[xxi] Isa 7,14
[xxii] Isa 62,1
[xxiii] Isa 35,5f
[xxiv] Isa 55,4
[xxv] Isa 2,18
[xxvi] Isa 45,24
[xxvii] Isa 53,3ff
[xxviii] Röm 10,17

Montag, 7. November 2016

Abteilung Popkultur: The Young Pope


Als dieser Tage Paolo Sorrentinos Meisterstück The Young Pope anlief, war ich schon drauf und dran, ein paar Worte darüber zu verlieren. Schon hatten sich aber die notablen Blätter der Sache gewidmet, drum will ich's auch dabei belassen. Man mag dran mäkeln, Papsttum und Kirche würde dem Spott feilgeboten, kehre das Privatimste nach Außen und das Eigentliche unter den Teppich. So what? Das Durcheinanderwerfen aller Dinge ist doch ohnehin Desiderat des (fast) Allerhöchsten, wo die Hausgenossen des Hl. Vaters vor laufenden Kameras gescholten und die päpstlichen Kapellen zu Reklamezwecken an finanzkräftige Unternehmen verpachtet werden. Und unschuldiger (wenn man, wie es üblich ist, die Moral auf's contra sextum reduziert) als etwa der zeitgenössische Unterstufenunterricht kommt die multinationale Produktion, mirabile dictu, allemal daher.
Das mag daran liegen, daß Sorrentino gar nicht wie hiesige Kirchenfunktionäre utriusque status die Kirche zerstören möchte. Ob's daher kommt, daß er Italiener ist, ich weiß es nicht, sein Verhältnis zur Ekklesia ist jedenfalls ein komplexeres. Er erträumt sich eine Kirche, ein fernes Elysium nah, wie sie sein könnte, sein müsste, um ... ja, um wieder Christ zu werden? Ein schaurig-schreckliches Gespenst, gold und karmesinrot, und doch so furchtbar unwiderstehlich wie die dunkle Gespielin der Nacht, der sich alle Sinne, nolens volens, im trunkenen Rausch ergeben. Gesprengt wird hier die zwanghafte Mediokrität, das Credo der Bourgeoisie, die institutionsgewordene Religion zum Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag.
Mit Pius XIII. sitzt ein antinietzscheanischer Nietzsche auf dem Stuhle Petri, ein Machtmensch, der den bedingungslosen Glauben verlangt, der vielleicht selbst gar kein Glaubender ist, ein Dionysos und Gekreuzigter zugleich, der Cherry Coke und Kippe zum Frühstück und Tiara und Goldbrokat zur Vesper verlangt, der mehr Machiavelli ist als die machiavellistischsten Kurialisten und auf Knien zur Gottesmutter betet, der Kallos Agathos, der sich für schöner als Christus hält und nicht gesehen werden will, dem Keuschen, vor dem die Frauen verschmachten, dieser Papa Angelicus redivivus, doch kein Gefangener des Vatikans, sondern einer, der die Welt gefangen nimmt. In surrealistischen Bildern verwischt Sorrentino die Grenzen von Zynismus und Schwärmerei, von Traum und Wirklichkeit.

Und vielleicht ist gerade das der Reiz an The Young Pope, wieder einmal Kirche träumen dürfen, der Traum, zu dem uns einst Papa Benedikt erweckte? Nur diesmal eben nicht wieder sanft dämmernd entschlafen, statt blauweißer Folklore und Rollator steht da der griechische Held in goldschimmernd weißester Rüstung, die herrlichste, die je einer getragen, doch herrlicher noch ... ist er.

Doch, genug von mir, nun höret Seine Heiligkeit höchstselbst. Doch Vorsicht - nach diesem Mittsommernachstraum will man vielleicht gar nicht mehr wachen:

"Knock knock!"

"Knock knock!"

We're not in.

Brother Cardinals,

from this day forward, we're not in, no matter who's knocking on our door. We're in, but only for God. From this day forward, everything that was wide open is gonna be closed.
Evangelization. We've already done it. 
Ecumenicalism. Been there, done that. 
Tolerance. It doesn't live here anymore. It's been evicted. It vacated the house for the new tenant, who has diametrically opposite tastes in decorating. We've been reaching out to others for years now. It's time to stop! 

We are not going anywhere. We are here. Because, what are we? We are cement. And cement doesn't move. We are cement without windows. So, we don't look to the outside world. 
"Only the Church possesses the charisma of truth", said St. Ignatius of Antioch. And he was right. We have no reason to look out. Instead, look over there. What do you see? That's the door. The only way in. Small and extremely uncomfortable. And anyone who wants to know us has to find out how to get through that door.

Brother Cardinals, we need to go back to being prohibited. Inaccessible and mysterious. That's the only way we can once again become desirable. That is the only way great loves stories are born. And I don't want any more part-time believers. I want great love stories. I want fanatics for God. Because fanaticism is love. Everything else is strictly a surrogate, and it stays outside the Church.

With the attitudes of the last Papacy, the Church won for itself great expressions of fondness from the masses. It became popular. Isn't that wonderful, you might be thinking! We received plenty of esteem and lots of friendship. I have no idea what to do with the friendship of the whole wide world. What I want is absolute love and total devotion to God.

Could that mean a Church only for the few? That's a hypothesis, and a hypothesis isn't the same as reality. But even this hypothesis isn't so scandalous. I say: better to have a few that are reliable than to have a great many that are distractible and indifferent. The public squares have been jam-packed, but the hearts have been emptied of God. You can't measure love with numbers, you can only measure it in terms of intensity. In terms of blind loyalty to the imperative. Fix that word firmly in your souls: Imperative. From this day forth, that's what the Pope wants, that's what the Church wants, that's what God wants.And so the liturgy will no longer be a social engagement, it will become hard work. And sin will no longer be forgiven at will.

I don't expect any applause from you. There will be no expressions of thanks in this chapel. None from me. And none from you. Courtesy and good manners are not the business of men of God.
What I do expect... is that you will do what I have told you to do. There is nothing outside your obedience to Pius XIII. Nothing except Hell. A Hell you may know nothing about, but I do. Because I've built it, right behind that door: Hell. In the past few days, I've had to build Hell for you, that's why I've come to you belatedly. I know you will obey, because you've already figured out that this pope isn't afraid to lose the faithful if they're been even slightly unfaithful, and that means this Pope does not negotiate. On anything or with anyone. And this Pope cannot be blackmailed! From this day forth, the word "compromise", has been banished from the vocabulary. I've just deleted it.

When Jesus willingly mounted the cross, he was not making compromises. 
And neither am I.

Amen.

(Antrittsrede vor dem Kardinalskollegium, Staffel 1 Folge 5)

Montag, 24. Oktober 2016

Läuterung

»Denke, daß alle (die rings um dich leben) die Aufgabe haben — so ist es ja wirklich —, dich zu erproben, indem sie dich bearbeiten: der eine mit Worten, der andere mit Taten, andere endlich mit Gedanken. Und darin mußt du allen so unterworfen sein, wie ein Bildnis dem, der es meißelt oder bemalt oder vergoldet.«
Hl. Johannes vom Kreuz, Vorsichtsmaßregeln, 15.

Freitag, 21. Oktober 2016

Von der zwiefachen Wirkung


In gewohnt tiefgründiger wie leicht verständlicher Art hat der Scholastiker die scholastische Antwort auf Ihr Urteil gegeben, nämlich die des kaum noch gehörten Naturrechts. In dem Schaustück, in dem es um Schuld oder Unschuld eines Bundeswehrpiloten ging, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschoß, um einen Terroranschlag zu verhindern, wurden freilich nur aus konsequentialistischer und kantianischer Sicht argumentiert. Daß das Naturrecht in der Krise steckt ist eine Binsenweisheit, daß diese Entwicklung aber selbst katholischerseits als Triumph gefeiert wird, ist dagegen nur traurig. Schließlich gibt es nur durch die Gründung der Moral in der Natur des Menschen ein objektives Fundament der Ethik - aber natürlich geht es vielen gerade darum, dieses Fundament zu zerstören.

Eines hat der Scholastiker in seinem Beitrag aber nicht beschrieben - man kann auch nicht alles tun - nämlich die Möglichkeit der Verteidigung des Kampfpiloten aus naturrechtlicher Perspektive mittels des Prinzips der doppelten Wirkung.
Das erste Mal sprach wohl der Aquinate höchstselbst von einer zweifachen Wirkung, die aus einer einzigen Handlung folgt, als er die Legitimität einer gewaltsamen Selbstverteidigung behandelte. Indem ich dem Angreifer etwa eines mit dem Baseballschläger überbrate, verteidige ich mein Leben (gut), schade aber dem Angreifer (schlecht). Den Schaden des Angreifers nehme ich wegen des größeren Gutes in Kauf. Und darf das gewöhnlich auch tun, jedenfalls wenn meine Verteidigungshandlung verhältnismäßig ist. Nun muss man aber gar nicht in mittelalterliche Summen oder moraltheologische Handbücher schauen, und auch nicht unbedingt die gewaltsamsten Beispiele heranziehen, um das Prinzip der Doppelwirkung zu erklären. Daß eine Handlung mehrere Folgen hat, das begegnet uns im täglichen, immer komplexer verquicktem Leben nämlich ständig. In wir lösen das damit verbundene Problem zumeist ganz intuitiv richtig.

Starte ich meinen (mit Verbrennungsmotor betriebenen) Wagen, um zur Arbeit zu kommen, dann verpeste ich die Luft. Das ist schlecht. Zu fahren, um zur Arbeit zu kommen, ist aber gut. Ich nehme dieses kleinere Übel aufgrund eines größeren Gutes in Kauf. Offensichtlich betreibe ich ja meinen Verbrennungsmotor nicht, um die Umwelt zu schädigen. Jedoch bin ich der Ansicht, daß die guten Gründe, nämlich zu arbeiten, schwerer wiegen als die Umweltschädigung, die ich dabei, unbeabsichtigt, aber vorhersehbar, hervorrufe.
Anderes Beispiel: Ich gehe mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt. Der fügt mir obendrauf noch Schmerz zu, wenn er den Bohrer ansetzt oder mir gar den Zahn zieht. Letztlich will er mir dabei aber nicht schaden (hoffentlich), sondern ein größeres Gut erwirken, nämlich meine zahnmedizinische Gesundheit.

Das Grundgesetz allen moralischen Handelns lautet: Bonum est faciendum et malum vitandum. Das Gute ist zu tun, das Üble zu meiden. Wie wir aber an den Beispielen sehen, kommen wir kaum umher, beim Tun des Guten auch irgendwie etwas Schlechtes anzurichten. Das Prinzip der Doppelwirkung will ein kohärentes System bereitstellen, um kompliziertere Gewissensfälle zu lösen, ohne vom genannten fundamentalen Moralgesetz abzuweichen.

Die Ethik hat schließlich das Prinzip der doppelten Wirkung kodifiziert und mit vier Bedingungen ausgestattet, die erfüllt werden müssen, damit eine Handlung mit guten und schlechten Wirkungen erlaubt sei:
  1. Die Handlung muß in sich selbst gut oder wenigstens indifferent sein.
  2. Die gute Folge muß unmittelbar aus der Handlung hervorgehen. Geht die gute Folge erst aus der schlechten hervor, dann ist die Handlung nicht erlaubt. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.* 
  3. Der Zweck, die Absicht, muß sittlich gut sein. Die schlechten Folgen dürfen nicht beabsichtigt, sondern nur zugelassen werden.
  4. Es muß ein entsprechend wichtiger Grund vorliegen, der die schlechten Folgen aufwiegt.
Applizieren wir das auf das ursprüngliche Thema, den Abschuß eines zu Terrorzwecken gekaperten Passiergierflugzeugs, werden sich die Punkte weiter erhellen.

Der Scholastiker hat in seinem Beitrag ein Beispiel für eine in sich schlechte Handlung angeführt, das ich hier zitieren möchte:
»Ein Amerikaner kommt in ein Dorf in Südamerika, wo Soldaten der Militärjunta gerade zehn Personen festgenommen haben, von denen sie behaupten, dass es sich um Rebellen handelt und die gleich hingerichtet werden sollen. Der führende Offizier freut sich über den Besuch des Amerikaners und bietet ihm an, einen von den zehn Rebellen zu erschießen und dafür die anderen neun freizulassen, gewissermaßen zur Feier des Tages. Lehnt er dies aber ab, werden alle Zehn erschossen. Der Amerikaner kann also neun Menschenleben retten, wenn er eins tötet. Die Konstellation ist sehr ähnlich derjenigen des Films. Doch auch hier ist offensichtlich, dass der Amerikaner nicht verantwortlich für den Tod der zehn Personen ist. Verantwortlich ist allein der Offizier. Es gibt daher auch keine Handlungspflicht für den Amerikaner, er hat aber die Unterlassungspflicht, keinen Menschen zu töten.«
Der Amerikaner darf natürlich keinen der zehn Rebellen töten. Die direkt Tötung eines Unschuldigen ist immer wider die Natur, sündhaft und daher unerlaubt, eine in sich schlechte Handlung. Kommen wir zu Punkt 2, so ließe sich aber sagen, aus dem Übel folge eben ein größeres Gut, nämlich die Freilassung der Neun. Das ist aber unmoralisch, denn dann hätte der Zweck die Mittel, nämlich der Mord an einem Menschen, geheiligt.

Wie ist es aber jetzt bei dem Piloten? Er setzt niemandem die Pistole an den Kopf. Er schießt ein Flugzeug ab, eine zunächst einmal indifferente Handlung. Die gute Folge dagegen geht unmittelbar daraus hervor. Ist das Flugzeug zerstört, sind die 70.000 Menschen im vollbesetzten Stadion gerettet.
Ob die Tötung der Passagiere Mittel zum Zweck sind, lässt sich leicht anhand eines Gedankenexperiments herausfinden. Was wäre, wenn kein Passagier im Flugzeug säße? Das Flugzeug könnte immer noch abgeschossen und der Mord an 70.000 verhindert werden. Das ist keine Folge des Todes der Passagiere, so tragisch er auch wäre.
Beim dritten Punkt sollte auch alles klar sein. Wenn ein Übel kein Mittel sein darf, dann erst recht kein Zweck. Der Pilot will die Flugzeugpassagiere nicht töten, er lässt es "lediglich" zu.** Wenn aber ein sadistischer Zahnarzt mir Schmerz zufügen will, dann handelt er unsittlich - selbst, wenn damit ein größeres Gut bewirkt.

Am schwierigsten dürfte der vierte Punkt zu erklären sein. Zunächst schaut er einmal aus wie ein konsequentialistisches Addendum. Das ist aber keinesfalls so. Es geht hier nicht allein um eine Maximalisierung, ein reines Zahlenspiel. Es geht hier um Gründe, die gemäß der objektiven Seins- und Werteordnung abgewogen werden müssen. Für den Konsequentialisten zählt allein der zusammengerechnete Gesamtnutzen. Für den Naturrechtler zählt die relative Wichtigkeit der Gründe.

Für die 4. Bedingung des Prinzips der doppelten Wirkung wurden eine Reihe von Unterprinzipien aufgestellt, die die Findung des rechten Urteils erleichtern sollen. Würde die schlechte Folge ohne den Handelnden ebenfalls eintreten, wie in unserem Terrorbeispiel, dann kann der gute Grund auch kleiner sein. Würden sie ohne den Handelnden nicht eintreten, muss er größer sein. Hat der Handelnde eine Pflicht von Amtswegen, die Handlung zu setzen oder zu unterlassen? Und so weiter und so weiter. Die jahrhundertealte Erfahrung der katholischen Kasuistik bietet hier Leitlinien, gegen die kein noch so ausgeklügelter Konsequentialismus angekommen kann.

All die vielen weiteren Details auslassend, die über den Rahmen eines Blogbeitrages hinausgehen, lautet mein Urteil anhand der vier Bedingungen der doppelten Wirkung: Nicht schuldig.


*derartiges hat die "Jesuitenmoral", entgegen protestantisch-jansenistischer Anklagen, nie behauptet
** auch wenn der Unterscheidung zwischen Intendierung und Zulassung seit Pascals Karikierung in seinen Provinzlettern in die Kritik gekommen ist, ist es doch, man blicke nur zurück auf das Zahnarztbeispiel, eigentlich evident.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Der Helferin der Christen (2)

Zeugen sind die Echinaden,
Ion'sche Inseln, deiner Macht:
Heute noch in aller Munde
Lebt die Tat, die du vollbracht.

Kampfgerüstet gegenüber
Halten Schiffe, lang gereih't,
Und der Krieger Herzen glühen,
Lechzend nach dem wilden Streit.

Nun zum Angriff zieh'n die Reihen:
Hier Mariä Banner winkt
Himmelwärts, und dort der Halbmond
Drohend her und trotzig blinkt.

Gellend der Trompeten Schmettern
Zum Beginn des Kampfes tönt,
Schrecklich bis zum Sternenhimmel
fort und fort der Donner dröhnt

Der Geschütze. Meer und Ufer
Hallt und strahlt im Feuerschein.
Furchtlos hier und dort die Führer
Ihre Kampfbefehle schrei'n.

Da zerschmettert Rumpf und Ruder,
Klafft geborsten manches Schiff
Und versinkt im mächt'gen Strudel,
In des Meeres Gründen tief.

Leichen schleudert schrecklich rauschend
Weit umher des Meeres Flut,
Und der weiße Schaum der Wogen
Rötet sich von Menschenblut.

Doch des Sieges Wage schwanket:
Hier hemmt gleiche Kraft den Streit;
Dort bei gleichem Los und Ausgang
Tobet Kampf und Schlacht erneut.

Wieder schwankt das Glück der Waffen -
Seltsam! - Plötzlich wilderregt
Scheint und wirr der Türken Flotte:
Schrecken ihre Reihen fegt.

Und trotz ihrer Streiter Stärke,
Trotz der Krieger Uebermacht
Scheuet sie, von Furcht ergriffen,
Auszuharren in der Schlacht.

Wunderbar! Sie wankt und weichet
Jetzt und ziehet sich zurück
Und vertrauet Christi Streitern
An ihr Los und ihr Geschickt.

Hei! Juchhei! wie jauchzt der Sieger!
An die Ufer prallt und schallt
Ueberall Mariä Namen,
Den das Echo widerhallt.

Und die Völker schei'n zusammen
Bei des Sieges Wundermär',
Den die Lenkerin der Schlachten
Nun verlieh'n, die Jungfrau hehr,

Voller Huld; voran die Römer,
Denen Pius' weiser Mund
Kündete des Himmels Fügung
Just, als schlug des Sieges Stund'.

*

Jetzt erst ward Europa Frieden
Nach der Drangsal schwer verlieh'n,
Jetzt erst konnt' der Väter Glauben
Auf zu neuem Glanze blüh'n.

*

Doch was steht ihr, Spätgebor'ne,
Zaudernd da, ein feig Geschlecht? -
Würdig diesen Sieg zu feiern,
Jetzt zum Werk die Kräfte regt:

Wo die Schlacht sich zugetragen,
Soll am Strand ein Denkmal sein,
Himmelwärts ein Tempel ragen
Ganz aus heim'schen Marmorstein:

Dort im Tempel thron' die Jungfrau
Wie 'ne Königin im Glanz
Und gebiet' den Meereswellen
Um das Haupt den - Rosenkranz! -


Übersetzt von Bernhard BarthDes Papstes Leo XIII Sämtliche Gedichte nebst Inschriften und Denkmünzen. Köln: J.P. Bachem 1904, S. 92ff.

PS: Das Denkmal, zu dessen Bau Leo XIII. anregte, steht bist heute nicht.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Helferin der Christen (1)


Trefflicher Weise ward uns anlässlich des Rosenkranzfestes auf Löwenschwingen ein Gedicht des vorerst letzten Löwen auf dem Stuhle Petri* gebracht - eine Elegie Leos XIII. in zwei Teilen, ersterer gedenkt des Sieges über die Albigenser durch Dominikus, dem Guzmán, zweiterer des Sieges der christlichen Flotte über die Türken bei Lepanto. 
Zwar habe ich mich auch schon an Klopstockdistichen versucht, in denen ich das klassische Versmaß goldener Latinität Papa Peccis verdeutschen wollte ... ließ es dann aber in Anbetracht fehlender eigener Dichtkunst und der Länge des Werkes bleiben. Und, mal ehrlich und ganz unter uns: ist uns nicht echt teutsche Dichtung, die Reimpaare und vierhebige Quatrainen lieber als altklassische Metrik, wärmen sie das Herz nicht mehr als Hexameter und Pentameter, alkäische und sapphische Strophen? Gottlob gibt es eine derart'ge Übertragung schon und ich nenne sie mein eigen (und den Poetenpapst wird's sicher nicht stören, schließlich dichtete er im Italienischen auch stets in modernen Reimen). 

So also nun etwas verspätet - Rosenkranzmonat ist aber noch - in zwei Teilen das Elegeion von 1896: 

Der Helferin der Christen

Nun, o mächt'ge Jungfrau, leihe
Meiner Leier voll'ren Klang,
Daß zu deinem Preise klinge
Deiner hehren Siege Sang.

Denn du hast in alten Zeiten
Uns'ren Vätern Sieg verlieh'n:
Ließest lächelnd dann des Friedens
Engel durch die Lande zieh'n. - 

*

Frankreich, du hast es erfahren,
Als der finstern Hölle Macht
Dir mit Teufels List und Bosheit
Unheil und Verrat entfacht.

Da warst du des Tugendglanzes
Und des Glaubens Zierde bar.
Ach, wie deine alte Würde
Und dein Stolz gesunken war!

Strotzend vor dem Schmutz der Laster
Und Verirrung warst du voll,
Der, verpestend Land und Leute,
Wie 'ne Quelle floß und quoll.

Da erscheint die heil'ge Jungfrau.
Fern' aus dem hispan'schen Land
Ruft sie ihren frommen Diener,
Durch sein Wirken wohlbekannt.

Reichet dar ihm Rosenkränze
Voller Gnad' und Huld und spricht:
"Diese Waffen werden bringen
Frankreich Rettung, Heil und Licht!"

Und mit dieser Waffenrüstung
Zieht Gusmanus aus, der Held.
Betend schlägt er seine Schlachten,
Betend siegt er auf dem Feld.

Und die Feinde sind erlegen. - 
Schöner strahlt im Glanz aufs neu',
Reiner in der Gallier Lande
Wieder alte Glaubenstreu'. 

Übersetzt von Bernhard Barth: Des Papstes Leo XIII Sämtliche Gedichte nebst Inschriften und Denkmünzen. Köln: J.P. Bachem 1904, S. 92ff. Das lateinische Original findet sich z.B. in Joseph Bach: Leonis XIII P.M. Carmina. Inscriptiones. Numismata. Gleicher Verlag, 1903

* So richtig thronen auf den Stuhle Petri, in Berninibronze interniert, kann seit eben jenem Bernini freilich niemand mehr - ob's wohl was nützen würde, wenn ... ? 

Sonntag, 16. Oktober 2016

Dom Guéranger am Sonntag

»Wenn Gott nicht mit dem ist, der regiert, dann ist dessen Regierung nicht mehr als rohe Gewalt. Der Souverän, oder das Parlament, das vorgibt ein Land zu regieren wider die Gesetze Gottes, hat kein Recht als das Recht auf Widerstand und Verachtung eines jeden aufrechten Menschen. Tyrannenedikte mit dem heiligen Namen des Gesetzes zu bezeichnen ist eine Profanierung, unwürdig nicht nur eines Christen, sondern unwürdig eines jeden Menschen, der kein Sklave ist.«
Das Liturgische Jahr: Kommentar zum Evangelium des XXII. Sonntags nach Pfingsten.  

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Die Religion der Humanität

»Die Welt der politischen Realität gehört in das Reich der Vernunft, die Religion dagegen in das irrationale Reich des Glaubens. Nichtsdestotrotz lehrt die säkulare Ideologie eine Reihe von heiligen Wahrheiten; sie beinhalten die der Freiheit und Gleichheit, beide bestimmt als selbstevident. Darunter stehen gewisse furchtbare Sünden, für die es keine Vergebung gibt. Es ist z.B. sündhaft, zu glauben, daß eine Rasse oder ein Geschlecht dem anderen überlegen sei, oder auch nur irgendeinen Unterschied zwischen ihnen zu bemerken. Die Freiheit der Rede ist Dogma, aber manch totalitäre Theorie zu anstößig für fromme Ohren. Das ist allerdings nur wahr (und der Gläubige muss diesen Mysterien gehorsame Zustimmung entgegenbringen), wenn es sich dabei um faschistische Theorien handelt, begründet auf nationalen Überlegungen, nicht aber, wenn es sich um sozialistische Theorien handelt, basierend auf den Ideen der Klasse. Während alle Männer und Frauen gleich sind, gibt es bestimmte Berufungen, die eine besondere Sakralität genießen. Darum wäre es ruchlos, vorzuschlagen, daß Nationen auf andere Weise regiert werden sollten, als durch heilige Versammlungen professioneller Politiker. Ebenjene müssen sich, wie es ihrem hieratischen Stand geziemt, besonders rein halten von Gedankenverbrechen – fehlen sie, so sind sie eo ipso Excommunicati. Gleichfalls heilig ist das Priestertum der Journalisten und anderer, die Wache halten wider die benannten Ketzereien.« 
H.J.A. Sire: Phoenix from the Ases - The Making, Unmaking an Restoration of Catholic Tradition. Angelico Press 2015, S. 352f.  

Dienstag, 11. Oktober 2016

Das Keuzesopfer, das Meßopfer, die allerseligste Jungfrau

Vor einiger Zeit begegnete mir in dem Band, der Sebastian Tromps* Lebenswerk (sieht man nun ab von der Editierung der opera oratoria Bellarmins) abschloss, nämlich im vierten Teil seiner Ekklesiologie Corpus Christi quod est Ecclesia über die Jungfrau-Gottesgebärerin, das Herz des Mystischen Leibes ... eine Tabelle, welche die Stellung der Gottesmutter unterm Kreuze anhand eines Vergleiches mit der Stellung der Christgläubigen in der hl. Messe anschaulich machen soll. Das wollte ich nun auch der werten Leserschaft nicht länger vorenthalten.


*der hier schon öfter Erwähnung fand.
entnommen und übertragen aus Corpus Christi quod est Ecclesia, Pars Quarta: De Virgine Deipara Maria Corde Mystici Corporis. Rom: Gregoriana 1972, S. 179f.

Donnerstag, 29. September 2016

Kann den Zinsen Sünde sein?

»Der Zinswucher wird unsere Gesellschaft zerstören, indes aber kann man ihm nicht entkommen.«
- Hilaire Belloc

Kürzlich stieß ich bei unser aller Lieblingsitaliener um die Ecke, im Venezia (bzw. auf dessen FB-Seite), auf eine kleine disputatio um den Islam, den Kommunismus und das Zinsverbot. Welch herrliche Gelegenheit, hiesigen Blog mal wieder aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und meinen Zinseszins dazuzugeben. Aber Vorsicht: hier schreibt kein Ökonom, sondern vielmehr der Dogmatiker mit der ihm eigentümlichen Arroganz, aus Sicht einer überlegenen Wissenschaft zu urteilen, nämlich der Theologie.

Warum aber, mag man mich zuallererst fragen, sorge ich mich derart um ein Thema, das doch mehr die Erbsenzähler und Volkswirtschaftler interessieren sollte, und weniger eine Sache ist, bei der es um Gott und die göttlichen Dinge geht. Die Antwort ist eine einfache: es dient den Bösewichten als Paradebeispiel der Mutabilität kirchlicher Lehre. Wir wissen aber, wie es mit der Lehre wirklich bestellt ist: ändern kann sich da nix.

Was ist nun die sana doctrina? Statt hier lang und breit die griechischen wie römischen Philosophen und das Neue und Alte Testament auszulegen, dazu den consensus patrum, lege ich einfach den Beschluss des sakrosankten 15. Ökumenischen Konzils vor, das da in seiner Konstitution Ex gravi ad Nos (DH 906) wie folgt sprach:
»Si quis in illum errorem inciderit, ut pertinaciter affirmare praesumat, exercere usuras non esse peccatum, decernimus eum velut haereticum puniendum.
Wer in jenen Irrtum verfällt, daß er sich erdreistet, hartnäckig zu behaupten, Zins zu nehmen sei keine Sünde, der ist, so Unser Beschluß, als Häretiker zu bestrafen.«
So viel zur solemnen Definition der Kirche. Nun stellt sich die Frage, was nun das sündhafte Zinsnehmen eigentlich darstellt... und vielleicht auch, warum das so eine schlimme Sache ist. Die Antwort darauf hat die Scholastik ausgeklügelt, und die heilige Mutter Kirche hat sich dabei besonders die Meinung des Fürsten der Scholastik zu eigen gemacht, der in seiner Summa theologiae das Grundprinzip bennent:
»Zinsen (usuria) zu nehmen für geliehen Geld ist an sich ungerecht, denn es wird verkauft was nicht existiert, und dies führt offensichtlich zur Ungleichheit, was gegen die Gerechtigkeit verstößt.« (IIa-IIae q. 78 a. 1 c.)
Nun unterscheidet Thomas aber scharf zwischen dem an sich falschen Zinswucher und dem legitimen Geldverleih - erster ist unproduktiv, zweiterer produktiv. Ein Darlehensgeber kann sich etwa am Geschäft eines Handwerkers beteiligen, in der er Besitzer des Geldes bleibt, die Risiken mitträgt und ein Recht auf den Gewinn hat. Das ist alles würdig und recht. Secundum se iniustum aber ist, wenn der Besitz des Geldes transferiert wird ohne Partnerschaft zwischen Darlehensgeber und Nehmer, wo kein Risiko geteilt und in Abwesenheit eines produktiven Ertrages ein Anspruch auf etwas erhoben wird, das gar nicht existiert.
Durch den Zinswucher wird also Geld aus der laufenden Wirtschaft genommen, ohne wieder etwas ins Töpfchen zu stecken - abgesehen von neuen wucherhaften Zinsgeschäften durch die Zinsgwinnler, die dadurch eine Geldansaugmaschine schufen. Hier wird Wohlstand produziert, der nicht länger an ökonomisches Wachstum gebunden ist. Ergebnis ist die unaufhaltsame Inflation, das Markenzeichen moderner Volkswirtschaften. Was die Potentaten früher in finanzieller Not zulasten ihrer Untertanen taten, nämlich betrügerisch das Münzgeld entwerten, ist nun Teil eines Systems, das gar nicht anders funktionieren kann als durch die systematische Abzocke der Gesellschaft. It's not a bug, it's a feature. Dadurch, daß Wohlstand da herausgesogen, wo keiner geschaffen wird, sind die Darlehensgeber, die Wenigen, die Bankinstitute und Financiers die großen Gewinner. Viel mehr noch als zu des hl. Thomas' Zeiten sollten wir dessen gewahr geworden sein, daß Zinswucher jene unglaubliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorbringt, die das Proprium der Postmoderne ist.

Auch wenn die Zinswirtschaft noch zahlreiche andere Übel erwachsen lässt, etwa den Konjunkturzyklus mit seinem Auf und Ab, Boom und Rezession ... kann man zweifelsohne sagen, daß nur mit ihm das unvergleichliche kapitalistische Wirtschaftswachstum und vor allem das enorme Anschwellen der Produktion möglich geworden ist. Nur sagt der Erfolg einer Sache nicht unbedingt etwas darüber aus, ob die Sache auch moralisch rechtens ist. Und schließlich hat sich doch inzwischen auch der Gedanke durchgesetzt, daß es etwa gar nicht so doll ist, wenn die dritte Welt heillos verschuldet bleibt und das gesamte Erdenrund im Abfall und Abgas der industriellen Überproduktion versinkt.

Das bringt mich auch auf den letzten Punkt, bevor es für heute gut sein soll.* Wie kommt es, daß wir kirchlicherseits das letzte mal in enzyklikalem Umfang etwas über das Zinsverbot gehört haben, als der Österreichische Erbfolgekrieg tobte und Händel in London seine Oratorien aufführte? Freilich wurde es noch in den Seminaren bis zum (vorersten) Ende der Scholastik in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gelehrt, aber bloß im Bereich der persönlichen Sünde, ohne Bezug zur Wirtschaftstheorie - und selbst da blieb es mehr ein toter Buchstabe. Während die Barockgelehrten noch alles aufboten, um den immer komplizierter werdenden Kommerz mit dem Zinsverbot unter einen Hut zu bringen, gaben die römischen Kongregationen schließlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Windmühlenkampf auf. Und seither blieb es still.
In unseren Zeiten scheint das höchste Lehramt händeringend nach Gegenmitteln wider die wirtschaftliche Schieflage der Welt zu suchen, als fände sich ihr Heil in fremden Denksystemen, im Sozialismus oder Ökologismus, und gipfelt schließlich in der Banalität einer Anathematisierung von Klimaanlagen und Co. Dabei besitzt die Kirche eine genuin eigene Antwort, fest begründet in der Philosophie, in der hl. Schrift ... und sogar mit konfessionsübergreifender und interreligiöser Relevanz.

Aber wer würde schon die Schlußfolgerung wagen, daß wir wohl in einer ökonomisch und ökologisch gesünderen Welt leben könnten, hätte man auf die katholische Morallehre gehört? Ein zu heißes Eisen, scheint's, selbst für das höchste Kirchenamt.


* Zu sagen gäbe es noch viel, etwa über die Koinzidenz von kanonischem Zinsverbot und der Blütezeit des Mittelalters und der Gotik; sowie das Zusammenspiel von calvinistischem Protestantismus und modernem Kapitalismus.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Islam die Zweite

Bei der Lektüre einer Diskussion im Gesichtsbuch, die sich um die Frage des quid faciendum drehte, was also nun zu tun sei, nachdem Anhänger des falschen Propheten der Kirche Galliens ihren priesterlichen Erstlingsmartyrer des 21. Jahrhunderts bescherte, einen rubinroten Edelstein, der fortan die Krone auch der Kirche totius orbis ziert und fürbittend eintritt vor dem Throne Gottes und des Lammes ... ja, da musste ich an zweierlei denken, nämlich an die Frage, die der Scholastiker in gewohnter Kompetenz beantwortete, ob Christen und Mohammedaner den gleichen Gott anbeten ... und an die viel beachtete und wenig verstandene Regensburger Rede unseres vormaligen Papstes seligen Andenkens Benedikt XVI.

Viel zitiert daraus wird vor allem, ausgerechnet, ein Zitat. Es ist der Leserschaft sicherlich hinlänglich bekannt:
»Er [Kaiser Manuel II. Palaeologos - Anm.] sagt: 'Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten'.«
Der Witz am mediengemachten Skandal damals war aber, man mag es bejubeln oder bedauern, dass es dem Hl. Vater eigentlich gar nicht um eine (horribile auditu!) Islamkritik ging, sondern um das Zusammenspiel von Vernunft und Glauben. Erfrischend war es freilich, dass Benedikt ausgerechnet dieses Exemplum heranzog und damit den bislang tiefsten Punkt eines zwanghaften interreligiösen Irenismus markierte, der obersten Kirchenraison postkonziliarer Zeitrechnung.

Weiter im Text geht es nämlich so:
»Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. 'Gott hat kein Gefallen am Blut', sagt er, 'und nicht vernunftgemäß, nicht 'σὺν λόγω' zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. [...]
Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.
An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf (...)«
Nun ist die Geschichte des Islams, die der Basileus so trefflich paraphrasiert, jedem halbwegs Wissbegierigen nicht fremd. Offiziellerseits weiß man sich von zeitgenössischen Gewalttaten nun dahingehend zu distanzieren (ein schönes modernes Wort, das einmal ausgesprochen geradezu performativ Distanz schafft), indem darauf hingewiesen wird, dass doch nur das Kalifat bewaffnete Exkursionen rechtmäßig durchführen könne, und das gäbe es bekanntlich nicht mehr. Viel Stoff zur Diskussion, denn immerhin gibt es aktuell einen oder gar mehrere Kalifen ... und wie der gemeine Muslim nach der Austilgung des Kalifats vorzugehen hat, hat anno dazumal sicher auch niemand antizipiert.

Entscheidend ist hier aber etwas ganz anderes. Wir wundern uns stets, wenn uns von der bescheidensten Kanzel bis zum höchsten Lehrstuhl, vom Dorfschultheiß bis zum Kanzleramt immer der gleiche Sermon gepredigt wird: Der Islam ist die Religion des Friedens. Und auch jetzt, traut man den Stellungnahmen der Diözesen entlang des Rheins, der Isar, der Seine und der Loire, handle es sich um einen Anschlag des Hasses auf den Frieden, die Toleranz, die Liebe ... als sei die letztgenannte Trias Gemeingut von Christenheit und Umma, wenn nicht gar aller Menschen, die guten Willens sind. Gefühlt stellt sich das nur ganz anders da, ganz unabhängig davon, ob der Nachbarstürke nun ein netter Mann ist oder nicht.
Um zu verstehen, dass der Islam aber tatsächlich die Religion des Friedens ist, müssen wir gleich zwei Brillen abnehmen. Die christliche und die der abendländischen Denktradition. Wie im Zitat oben deutlich wird, handelt es sich beim Islam um einen Nominalismus radikalster Spielart. Rohe Gewalt als nicht vernunftgemäß, nicht σὺν λόγω, ist für den Moslem gar keine denkbare Kategorie. Es gibt keine Vernunft, kein ewiges Gesetz, ja, nicht einmal Wahrheit und Freiheit, Natur: die Willkür Allahs ist allbestimmend, höchster Oktroy des Allerhöchsten. Wo keine Natur und Freiheit ist, nur Gotteswille, da ist, ganz klar, nur Raum für Frieden.

Der gewitzte Leser mag mir nun entgegenhalten, mit Ockham und Duns Scotus habe der Westen doch den gleichen Voluntarismus, und in Averroes der Ibn Hazm seinen muslimischen Antipoden gefunden. Nun, gottlob sind die Lehren der ersteren mit größerem oder kleinerem Anathem belegt und versumpfen im Nichts aussterbender Häresien ... und der Kommentator fiel auf der anderen Seite herunter und ist unter den Gesetzeslehrern des Koran alles andere als wohlgelitten.

Noch ein Wort Spekulatius, bevor es den Blogbeitrag sprengt: Der Regensburger Rede und Benedikt/Ratzingers Gedankengängen folgend, da scheint es doch so, als führe die (u.a.) islamische Geisteshaltung zu einem falschen Wissen von Gott. Wie ein gelehrter anglophoner Blogger schreibt, kann das eine ziemlich gravierende Folge haben. Wenn unsere Rede, unser Wissen vom zu uns sprechenden Gott keine Grundlage hat in unseren Verstand, wenn sich seine Offenbarung uns derart fundamentaliter entzieht, woher wissen wir dann, dass es der eine wahre Gott ist, oder der Gott, dem wir unsere latreia darbieten?

Nun mag es sein, dass die Muslime "den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde" (NA 3), aber dann gewissermaßen nolens volens, weil sie wie wir alle, das Vatikanum definierte es so, durch die natürliche Vernunft zum Schöpfer gelangen. Schließlich ist es schlechterdings unmöglich, dass Mohammed von seinem Würgeengel eine wahre Botschaft von droben empfing.
Doch würde gerade das, der natürliche Glaube, den Bruch mit ihrer Religion bedeuten, denn dann gäbe es Natur und Vernunft, Wahres und Falsches. Und der Islam wäre doch eine Religion getränkt in Blut und Gewalt, nicht ölzweigbekränzet vom Frieden ...

Sonntag, 3. Juli 2016

Die Ursache für den Triumph des Islam - von Dom Guéranger

Einige Beiträge in, um und um die Blogozese herum riefen mir eine Schrift des unvergesslichen und heiligmäßigen französischen Abtes in Erinnerung, die sich, in einigen Absätzen, dem Mohammedanismus widmete. Täglich sind wir schockiert ob neuer und immer neuer Terrormeldungen - und wie viel mehr sollte es uns bestürzen, wenn die Bestürzung der Gewohnheit weicht! - und stellen uns vielleicht die Frage, welches Strafgericht diese Geißelung herbeigerufen hat. Und wie es das Angesicht Europas, des Nahen Ostens (auf immer?) entstellen soll. Die Ursache für die größten Bewegungen der Geschichte, und so beginnt auch Dom Guéranger, in dem er den christlichen von dem profan-naturalistischen Historiker unterscheidet, sind nicht in der Natur, sondern in der Übernatur, der höchsten Ursache zu suchen. Das ist die Lektion einer wahrhaft christlichen Theologie der Geschichte, wie sie wohl als erster Augustinus schrieb. Und es ist nicht bloß ein Kanzlerinnenwort, ein Staatenmoloch gleich dem apokalyptischen Tiere, oder ein gebrochenes Schengen. Doch leset selbst:
»Der Islam ist nicht einfach eine Revolution von Arabern, die sich unter ihren Zelten langweilten, von einem geschickten Anführer aufrührerisch gemacht wurden und die opulentesten Städte des Orients im Streich einnahmen. Es war vielmehr Gott, der dem alten Feind des Menschengeschlechtes eine besondere Gelegenheit bot und die Wahl eines Werkzeuges erlaubte, mit dem er Völker verführen, indem er sie durch das Schwert versklaven kann. Und da war Mohammed, der Mann Satans, und der Koran, sein Evangelium. 
Aber was war das Verbrechen, das die göttliche Gerechtigkeit in dieses Extrem führte, die Völker einer Sklaverei zu überlassen, deren Ende immer noch nicht in Sicht ist? Die Häresie ist es, das fürchterliche Verbrechen, das den Eintritt des Menschensohns in die Welt nutzlos macht. Sie protestiert gegen das Wort Gottes, sie trampelt mit Füßen die unfehlbare Lehre der Kirche. Solch ein Vergehen muss gesühnt werden, sodass die christlichen Völker lernen mögen, dass keine Nation sich wider das offenbarte Wort ungestraft erheben kann, selbst in dieser Welt, die Strafe für ihre Dreistigkeit und Undankbarkeit. Und so fiel Alexandrien, der zweite Stuhl Petri, und Antiochien, wo er zuerst Bischof war, und Jerusalem, Hüterin des glorreichen Grabes. [...]
Der Strom wurde vor Konstantinopel gestoppt und überflutete nicht sofort die umliegenden Gebiete. Dem östliche Reich, das bald das griechische werden wird, wurde die Gelegenheit geboten, daraus eine Lehre zu ziehen. Hätte Byzanz über den Glauben gewacht, dann wäre Omar niemals nach Alexandrien, noch nach Antiochien, noch nach Jerusalem gekommen. Ein Aufschub wurde gewährt, er währte acht Jahrhunderte. Aber als Byzanz das Maß bis oben gefüllt hatte, dann erschien der Halbmond zur neuerlichen Rache. Nicht länger der Sarazene ist es, er ist verbraucht, sondern der Türke. Die Hagia Sophia wird ihre christlichen Bilder übertüncht sehen, übermalt mit Koranversen. Und dies ist der Grund: sie war zum Heiligtum von Schisma und Häresie geworden. In der Zeit, die wir übersprungen haben, versklavte der Sarazene drei heilige Städte, er stieß nach Armenien, dessen Volk den monophysitischen Irrtum angenommen hatten; er fegte über die Küste Afrikas, befleckt vom Arianismus, und mit einem Sprung erreichte er Spanien. Er verliert seine Stärke, denn hier ist keine Häresie: es braucht Zeit. Er erkühnte sich sogar, französische Erde zu betreten. Aber er musste schwere Buße dafür leisten auf den Feldern von Poitou. Der Islam machte einen Fehler: wo die Häresie nicht herrscht, da ist kein Platz für ihn. [...]
Hier wollen wir einhalten, nachdem wir die Gerechtigkeit Gottes bezüglich der Häresie anerkannt haben, und den wahren Grund für den Triumph des Islam. Wir haben die einzige Ursache gesehen, warum Gott den Aufstieg des Islams erlaubte, und warum er nicht eine obskure und ephemere Sekte in der Wüste Arabiens blieb.«
aus einer Serie von dreizehn Artikeln über den Naturalismus in der Geschichte (Du Naturalisme dans l’Histoire) in L'Univers, 7. Teil von 4. Juni 1858)

Freitag, 1. Juli 2016

Neues Gesangbuch »Laudate Patrem« erschienen!

»Der Name soll eine Verbindung sein zum alten Augsburger Gesangbuch 'Laudate', das vom Jahr 1859 hundert Jahre lang in sehr vielen Auflagen in Gebrauch war. 'Laudate Patrem' deshalb, weil Jesus Christus seinen Wunsch an die Menschheit gepredigt hat, sein himmlischer Vater möge gelobt, geehrt und geliebt werden. Möge nach zweitausend Jahren endlich das Reich des himmlischen Vaters anbrechen – wie wir es in jedem 'Vater unser' beten. Den Vater im Himmel zu ehren und lieben sollten wir zu unserer Lebensaufgabe und zum Programm unseres geistlichen Lebens machen.« - aus dem Augsburger Rundbrief August/September 2015
Das mit kirchlicher Druckerlaubnis herausgegebene, etwa 1200 Seiten starke Gesang- und Gebetbuch ist ab sofort für 20 Euro per Email (laudate.patrem@t-online.de) und demnächst auch bei introibo.net bestellbar!

Update: Inzwischen kann das Laudate Patrem hier bezogen werden: http://introibo.net/laudate-patrem.php

Montag, 27. Juni 2016

O Maria, immer hilf!

 


Das Römische Missale von 1962 gibt unter den Festen für gewisse Orte zum heutigen Tage das Gedächtnis unserer Lieben Frau unter dem Titel der Immerwährenden Hilfe mit folgender Oration an:
Domine Iesu Christe, qui Genitricem tuam Mariam, cujus insignem veneramur imaginem, Matrem nobis dedisti perpetuo succurrere paratam: concede, quaesumus, Redemptionis tuae fructum perpetuo experiri mereamur.
O Herr Jesus Christus, der Du uns das Gnadenbild Deiner Mutter von der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast; gewähre, so bitten wir Dich, dass wir den ewigen Lohn Deiner Erlösung zu erlangen verdienen.
Weniger römisch-konzis, aber nicht weniger mit dem Geist frommer Andacht erfüllt ist eine Kollekte, die sich in den älteren Büchern findet:
Omnipotens et misericors Deus qui dedisti nobis beatissimae Genitricis tuae imaginem de Perpetuo Succursu speciali titulo venerari: concede propitius; ita nos inter omnes vitae huius varietates continuo eiusdem Immaculatae semperque Virginis Mariae protectione muniri, ut aeternae tuae redemptionis praemia consequi mereamur.
Allmächtiger und barmherziger Gott, der Du uns das Gnadenbild Deiner allerseligsten Mutter unter dem besonderen Titel der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast, gewähre gnädiglich, dass wir, unter all den Unbeständigkeiten unseres Lebens, beständig unter dem Schutz derselben Unbefleckten und immerwährenden Jungfrau Maria verwahrt bleiben, sodass wir den Lohn Deiner ewigen Erlösung zu erlangen verdienen.
O Maria, immer hilf!

Bild: aus der Pforte der Redemptoristenkirche in Atyra, Paraguay.

Freitag, 24. Juni 2016

Von wegen »die Messe beten« ! (ii)

»Der Grund, der immer für die Verwendung der Volkssprache herangezogen wird, ist dieser: ein jeder solle alles verstehen. Ich antworte darauf, dass die Gläubigen nicht alles verstehen müssen - nicht einmal wir Priester verstehen alles ! - sondern es genügt, dass sie das Allgemeine verstehen und nicht jede Einzelheit. Die tätige Teilnahme der Gläubigen besteht nicht so sehr im Singen und Beten, sondern auch in der Schau der Dinge, die am Altar geschehen. Bereits der hl. Thomas spricht von jenen, die in der Kirche nicht verstehen, was gesungen wird, und gibt in II-II, q. 81, art. 2 ad 5 folgende so schöne Worte: Wenn sie auch zuweilen das nicht verstehen, was gesungen wird, so verstehen sie jedoch, warum es gesungen wird, nämlich zum Lob Gottes, und das genügt, um eine fromme Andacht zu erwecken. Und das erlebte ich am Mittwoch, als ich bei jener wunderschönen byzantinischen Liturgie assistierte: Ich verstand nichts außer ein Wort, nämlich Amin‹, aber meine Andacht war aufs höchste erweckt, weil ich wusste, dass das Mysterium des Kreuzes dort vollzogen wird und ich auch den musikalischen Gesang begriff. Die Musik ist nämlich die universale Sprache, die von allen verstanden wird.« 
Benedikt Reetz, Erzabt von Beuron und Präses der Beuroner Benediktinerkongregation, Rede zum Schema S. Liturgia vom 26. Okt. 1962, zitiert nach AS I/1, S. 470.

Montag, 20. Juni 2016

Von der Wirksamkeit des Bittgebetes (i)

"But my dear Sebastian", pressed Charles, "you can't really believe it all. I mean about ... the star and three kings. And in prayers? You think you can kneel down in front of a statue ... and change the weather?"
aus Evelyn Waugh: Brideshead Revisited

Vor einiger Zeit tauchte in einem Seminar die sicher nicht neue Frage nach der Unveränderlichkeit Gottes und der Wirksamkeit des Gebetes auf. Dass Gott unveränderlich sein muss, semper idem, wird der getreuliche Katholik unterschreiben müssen, allen dynamistischen Moden zum Trotz, wenn er sich nicht das Anathem mehrerer Konzilien zuziehen will. Wie passt das aber zusammen mit den vielen Malen, in der wir in der Schrift von gewährten Bitten hören, ja und dem Wort und Gebot des göttlichen Erlösers selbst? Freilich konnte ich nicht anders, als mich für die rechte Lehre zu ereifern, die keine andere als die des Aquinaten ist ... und wurde im Anschluss von einem Kommilitonen und guten Freund gebeten, doch an dieser Stelle über das Thema zu schreiben, was ich denn hiermit tun möchte.

Eine Hinführung zur Antwort besteht vielleicht schon in der Vorstellung, die wir uns von dieser Immutabilität Gottes machen müssen. Unser Herr ist nicht der katatonische Gott der Deisten des 18. und 19. Jahrhunderts, Seine Unveränderlichkeit ist gleichzeitig höchstes Wirken und Leben - wie Augustin im Gottesstaat schreibt: Er weiß zu handeln im Ruhen und zu ruhen im Handeln. Ja, da Gott reiner Akt, actus purus, actus purissimus ist, so bedeutet gerade das höchste Maß an Tätigkeit Seine absolute Unveränderlichkeit. Bliebe Raum für Veränderlichkeit, so wäre Er insofern im Stillstand, in Erwartung, in bloßer Möglichkeit. Und gerade das kann nicht sein.
Paul Claudel, über die Marienerscheinung von La Salette schreibend, erklärte in diesem Sinne sehr schön, wie die Gottesmutter als traurig, als weinend erscheinen und dargestellt werden könne, wo sie doch selbstverständlich die Freude des Himmels genießt: Ist denn nicht die brennende, verzehrende Sorge, die die ganze Existenz durchdringt, in Tränen überquillt ... ein echteres Bild von dem absoluten Akt, den sie schaut, vom Leben der Heiligen im Himmel, in Gott ... als ein stilles, unbeteiligtes Sitzen auf irgendeiner Wolke?  Vielleicht hilft uns dieser Gedanke auch, die Seligkeit der Entschlafenen in Einklang bringen zu können mit dem vielfachen Leid der Erdenbürger, sogar dem Leid ihrer Lieben, das sie von droben mitansehen müssen.

Schauen wir uns aber zunächst das Gebet an, denn hier liegt vielleicht die Wurzel des Übels, das uns zu einem falschen Verständnis führt und dem Spott der halbgebildeten Philosophen preisgibt. Wir stellen uns gerne vor, das Gebet habe seine Kraft in und aus uns, als wollten wir Gottes Willen durch eine Art Überredung beugen. Wenn wir so denken, kommen wir notwendigerweise in Schwierigkeiten. Gott spricht ja: "Ich bin der Herr und ändere mich nicht" (Mal. 3,6). Niemand kann sich rühmen, Gott je erleuchtet, seinen Willen geändert zu haben. In ihm ist kein Wechsel, kein Schatten von Veränderlichkeit, und die Ordnung der Dinge und Ereignisse sind durch die Ratschlüsse seiner Vorsehung von Ewigkeit her festgesetzt.

Heißt das aber dann, uns in einen blinden Fatalismus flüchten? O Fortuna! Nein, denn die Worte des Evangeliums bleiben bestehen: "Bittet, und ihr werdet empfangen, suchet, und ihr werdet finden, klopfet an, und es wird euch aufgetan werden."

Das Gebet ist nicht eine Kraft, deren Ursprung wir in uns finden können. Es ist kein Vermögen der Seele, keine Gewaltanwendung wider Gott, um die Beschlüsse Seiner Vorsehung zu ändern. Sprechen wir so, dann nur in einem bildlichen Sinn. Denn der Wille Gottes ist unveränderlich, aber gerade darin liegt die Quelle der unfehlbaren Wirksamkeit des Gebetes.

Das mag sich erstaunlich anhören, ist aber trotz des Geheimnischarakters der Gnade, den dieses Gesetz in sich schließt, ganz einfach: das wahre Gebet ist unfehlbar wirksam, weil Gott beschlossen hat, dass es wirksam sei.
Es wäre ebenso kindlich, schreibt Garrigou-Lagrange, anzunehmen, dass Gott nicht von Ewigkeit her die Gebete gewollt und vorausgesehen hätte, wie sich einen Gott vorzustellen, der seine Absichten durch unseren Willen ändern würde. So erklärt es auch Gregor der Große in seinen Dialogen*:
[Ist es so,] daß verdienstvolle Heilige bei Gott manchmal etwas erlangen können, was nicht vorher bestimmt ist?
Nein, sie können keineswegs etwas erlangen, was nicht vorausbestimmt ist, sondern das, was die heiligen Männer durch ihr Gebet erreichen, ist eben in der Weise vorausbestimmt, daß es erst durch Gebete erlangt werden soll. Denn auch selbst die Vorherbestimmung des ewigen Lebens ist von Gott so getroffen, daß die Auserwählten durch ihre Anstrengung zu demselben gelangen sollen, insofern sie so durch ihr Gebet verdienen, was der allmächtige Gott ihnen von Ewigkeit her zu schenken beschlossen hat.
Zur Sache muss noch vieles gesagt werden, aber mehr dazu im nächsten Teil.

Übersetzung entnommen der Bibliothek der Kirchenväter.