Sonntag, 20. Dezember 2015

Kleine Vertheidigung der Sakristeiwisschenschaft (wo der Leib sagt, was die Seele meint)


Ein bleibender Verdienst der Liturgiereform, so hört man es selbst von liturgisch bemühten Priestern alleweil, wäre die Überwindung der klassischen Rubrizistik gewesen.* Was alles so seit mehr als einem halben Jahrhundert mit geradezu rubrizistischer Wiederholungswut wieder und wieder wider die Rubrizistik vorgebracht wurde, muss hier nicht nochmal aufgeführt werden.
Dass es darauf nicht ankomme und man alles nicht so genau nehmen müsse, darauf läuft es jedenfalls am Ende hinaus. Kleinigkeiten sind es eben. Aber muss nicht das Herrenwort: Wer im Kleinen getreu ist, ist es auch im Großen, und wer im Kleinen ungetreu ist, ist es auch im Großen (Lk 16, 10) nicht gerade auch für das liturgische Tun gelten, vor allem für die bestellten Diener des Altares? Wie wichtig diese Normen sind, nicht allein, damit nicht Chaos, Subjektivismus und Willkür in die Kirche einzieht ... das ging mir so richtig wieder heute in einem Levitenamt auf. Kardinal Bona drückte es in De divina psalmodia einmal sehr schön aus und wurde von Pius XII. in der Enzyklika Mediator Dei zitiert:
Denn wenn auch die Zeremonien aus sich selbst keine Vollkommenheit und Heiligkeit beinhalten, so sind sie doch äußere religiöse Akte, durch die der Geist wie durch Zeichen zur Verehrung alles Heiligen angeeifert, der Sinn zum Himmlischen emporgehoben, die Frömmigkeit genährt und die Liebe entflammt wird; durch sie wächst der Glaube und wird die Andacht vertieft; durch sie werden die weniger Gebildeten unterrichtet, der Gottesdienst verschönert, die Religion erhalten und die wahren Gläubigen von den unechten Christen und Irrgläubigen unterschieden. (231)
In derselben Enzyklika mahnt der Heilige Vater, der heranwachende Klerus solle zu richtigem Verständnis der Zeremonien angeleitet werden und die Rubriken recht erlernen, nicht nur, damit der Jünger des Heiligtums später die gottesdienstlichen Funktionen ordnungsgemäß, schön und würdig zu vollziehen befähigt sei, sondern vor allem damit er in innigster Vereinigung mit dem Hohenpriester Christus erzogen werde und ein heiliger Diener des Heiligen sei. (369)

Es geht hier also nicht bloß um einen reibungslosen Ablauf, um höfisches Gebaren und Schnörkelei. Die Rubrizistik bietet gleichsam eine praktische Mystagogie und eine Schule der Heiligkeit. Was die heiligen Zeichen uns sagen und bedeuten sollen, da lasse ich Romano Guardini mit seinem bekannten Werk zu Worte kommen, und zwar anhand des Beispiels einer der allerersten liturgischen Gesten: der Händefaltung.
Steht jemand in demütiger, ehrerbietiger Haltung des Herzens vor Gott, dann legt sich die gestreckte Hand flach auf die andere. Das sagt von fester Zucht, von beherrschter Ehrerbietung. Ein demütiges, wohlgeordnetes Sprechen des eigenen Wortes ist das, und ein aufmerksam bereites Hören des göttlichen. Oder es drückt Ergebung aus, Hingabe, wenn wir die Hände, mit denen wir uns wehren, gleichsam gebunden in Gottes Hände geben ... Schön und groß ist die Sprache der Hand. Von ihr sagt die Kirche, Gott habe sie uns gegeben, daß wir 'die Seele darin tragen'. So nimm sie ernst, diese heilige Sprache. Gott hört auf sie. Sie spricht vom Innern der Seele. Sie kann auch von Herzensträgheit, Zerstreutheit und anderem Unguten reden. Halte die Hände recht und sorge, daß Dein Inneres mit dem Äußeren wahrhaft übereinstimme! (...) Kein eitles, geziertes Spiel daraus machen, sondern eine Sprache soll es uns sein, durch die in lauter Wahrhaftigkeit der Leib Gott sagt, was die Seele meint. 
Und so will ich, angefangen von den Gesten der Hand, keine einzige Rubrik missen.

Die Enzyklika wurde zitiert nach der auf stjosef.at angebotenen Übersetzung. Guardini aus seinem Buch: Von heiligen Zeichen. Würzburg: Werkbund-Verlag 1937, S. 18ff.

*Auf die Frage, wie es ohne gehen soll, müssen sie dann aber mit den Achseln zucken. Pfarrer Terlinden macht einen für den deutschsprachigen Raum (meines Wissens nach) einmaligen Versuch einer Rubrizistik für die neue Messordnung, hier als PDF herunterladbar. 

Kommentare:

  1. Ich finde auch manche alten Bücher schon interessant, wie etwa:

    Rudolf Fattinger: Pastoralchemie: eine Orientierung über die sakramentalen Materien, liturgischen Metalle, Textilien und Beleuchtungsstoffe nach den kirchlichen Bestimmungen. Freiburg : Herder, 1930

    (Nein, das Buch besitze ich nicht. Ich habe es aber mal gelesen.)

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    1. Ich fand den Titel allein schon immer hammermäßig. :-)

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    2. Fortgeschrieben und ergänzt in des Verfassers lexikalischem Werk "Liturgisch-praktische Requisitenkunde", Herder 1955. Wenn man schon immer wissen wollte, wie man ein Sakrarium aushebt oder welche Darstellungen auf Bildern und Figuren des Gotteshauses erlaubt und welche verboten sind (und noch vieles mehr!). Ich besitze übrigens beide Titel (*protz*) ;-)

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    3. Du bist morgen Vormittag nicht zu Hause, oder? Zwecks liturgisch-praktischer Aushebung bzw. Requisition Deiner Protzbibliothek ... ;-)

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  2. 64 Seiten...das sagt alles...

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    1. Unter 500 Seiten fang ich gar nicht erst an!

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    2. Ich auch nicht. Das lohnt sich sonst ja gar nicht. Oder ist das mit den 64 Seiten vielleicht eine Art Fortsetzungsroman? ;-)

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    3. ... oder so eine Abo-Falle! Allerdings glaube ich auch nicht, dass Band II: Die Messe im Kirchenjahr, Bd. III: Außerordentliche Funktionen und Bd. IV: Pontifikalfunktionen ... den Kohl noch fett machen. ;-)

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    4. das sind dann auch keine ganzen Bände, sondern mehr so direktive Info-Flyer...;-)

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    5. Genau, "Handreichungen", so nennen das die Diözesen hierzulande gern ... (ist aber gewöhnliche keine ganze "Handvoll", da reichen Daumen und Zeigefinger ;-) )

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    6. Na, wenigstens eine Gelegenheit um mal Daumen und Zeigefinger geschlossen zu halten... wenn auch mit einem Stück Papier dazwischen... ;-)

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    7. Und dann ins Weihwasserbecken tunken ...

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    8. mit dem Papier?? naja, gut... für Papmacheegebilde als Requisiten um den Gottesdienst zu gestalten... :-D ich hör schon auf.... ;-)

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  3. Awww, das hast Du aber schön gesagt: "Und so will ich, angefangen von den Gesten der Hand, keine einzige Rubrik missen." :-)

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  4. Eine Rubrizistik ist zumindest der derzeitigen Art und Weise, Messen in der ordentlichen Form des römischen Ritus zu zelebrieren, zutiefst wesensfremd. Dass Messopfer ist ja lediglich noch Kulisse für den "kreativ gestalteten" Gemeinschaftskult - jedwege Regeln würden spontane liturgische Einfälle der Pfarrer unmöglich machen und den Selbstdarstellungsdrang ambitionierter Laien am Ambo hemmen. Obgleich beispielsweise der Friedensgruß klar reglementiert ist, kommt es - dazu im klaren Widerspruch - in unseren Breiten bei jeder Gemeindemesse zu veritablen Turnübungen: angestrengte Rumpfbeugen über mehrere Bänke, allgemeines unverbindliches Herumwinken. Auch Applaus für Organisten, Messdiener oder sonstige "Mitwirkende" halte ich dem Ernst der Messe gegenüber für abträglich. Papst Benedikt XVI. führt in seinem Buch "Der Geist der Liturgie" (2. A., 2007) auf Seite 170 dazu treffend aus: "Wo immer Beifall für menschliches Machen in der Liturgie aufbricht, ist dies ein sicheres Zeichen, dass man das Wesen der Liturgie gänzlich verloren und sie durch eine Art religiös gemeinter Unterhaltung ersetzt hat. Solche Attraktivität hält nicht lange; auf dem Markt der Freizeitangebote , der zusehends Formen des Religiösen als Kitzel einbezieht, ist die Konkurrenz nicht bestehen."
    Heute wird in der durchschnittlichen deutschen Pfarrei weniger die Messe als vielmehr penetrant und aufdringlich die Masse gefeiert und zwar natürlich „alle zusammen gemeinschaftlich miteinander ohne auszugrenzen“...

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    1. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar ... und Amen!

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