Freitag, 4. Dezember 2015

"Der erste deutsche Volksliturgiker" - Erzpriester Stanislaus Stephan

Nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Beiträge kam ich im blogozesanen wie im privaten Bereich einige Male auf Erzpriester Dr. Stanislaus Stephan zu sprechen, der, wenn man ihn denn noch kennt, vor allem durch seine Brevierübersetzung Bekanntheit erlangt hat. Es ist sicher angemessen, von einer Person, in deren Werke man sich immer mal wieder versenkt, mehr als den bloßen Namen zu wissen. Darum an dieser Stelle einige Worte über den Gottesmann.

Vielleicht sollte es auch mehr "einige wenige Worte" heißen, denn es ist alles andere als leicht, mehr als ein paar Wörtchen über Stephan herauszufinden. Die Quellenlage ist äußerst dünn und erschöpft sich auf zwei Bereiche: Heimatkundliches aus dem Schlesischen und Biographisches um Pius Parsch. Und noch dazu war das meiste davon für mich nicht verfügbar. Aber sei's drum, lieber wenig als gar nichts. 

Geboren wurde Stanislaus Stephan 1867 in einem kleinen Dorf 60km nordöstlich von Breslau. In der schlesischen Hauptstadt dürfte er wohl auch das Gros seiner Studien als Priesteramtskandidat getätigt haben, bemerkenswert ist aber, dass er eine Zeit lang auch in Rom studierte. Und das unter keinem Geringeren - hier tut das Tradiherz einen kleinen Freudenhupfer - als Kardinal Billot. (Damit sei an dieser Stelle genug gesagt über die vermeintliche Unverträglichkeit von neuscholastischem mit liturgischem Denken, in Kürze mehr dazu). 
Als Doktor der philosophischen und theologischen Disziplin trat er dann mehre Kaplansstellen in seiner Heimat an, bis er schließlich Pfarrer und (1915) Erzpriester der niederschlesischen Stadt Marklissa wurde, in der 1926 verstarb. 

Was kann man nun über sein Wirken sagen? Die Überschrift, bei der sich dem gemeinen Traditionalisten - mir zumindest - die Fußnägel etwas kräuseln, sagt schon viel darüber. Entnommen ist sie einem Vortrag, man kann es sich schon denken, den Pius Parsch auf dem ersten deutschen liturgischen Kongress im Jahre 1950 hielt. Mehr noch, Parsch bezeichnet sich gar als Jünger Stephans (und "nur" als Schüler Beurons und Maria Laachs). 
Wie man es nun auch immer mit dem vereinnahmenden Begriff der Volksliturgie hält, der philologisch hochgebildete und aus antimodernistischer Schule kommende Stephan vermied ihn bewusst; auf jeden Fall war es ein Anliegen des Erzpriesters, die Liturgie auch wieder mehr Sache des Volkes zu machen. Liturgie ist ja nicht nur Werk am Volk, sondern auch Werk des Volkes, ein opus publicum. Und das ist nicht nur eine eng gefasste wie hohle Phrase, wie man die tätige Teilnahme nun landläufig versteht. Dabei ist der gehorsame Vollzug von Vermächtnis und Gedächtnis des Leibes und Blutes Christi, uns von Christus selbst überkommen, unantastbarer Mittelpunkt und Herzstück aller Liturgie. Dieser Stiftung aber gerecht zu werden und sich dabei immer wieder zu hinterfragen ist Aufgabe der Liturgik. Nicht Aufgabe des Einzelnen dagegen ist es, Stiftungstat und Stiftungswillen Jesu zu verkehren, in dem er sich den Vorschriften der Kirche widersetzt. Ihre Vorschriften sind um des Willens Christi da und bilden ein Gesamt, niemals kann das eine gegen das andere ausgespielt werden. Dies ist der Grundgedanke des - allein schon vom Titel her - prophetisch erscheinenden Buches "Tuet dies" oder "Macht was ihr wollt?" aus der Feder des Schlesiers. 

Aber nicht das Buch ist es, welches Stephan so bekannt machte. Seine Übersetzungen, die erste erschien nur drei Jahre nach seiner Priesterweihe, und volkstümlichen Schriften zur Liturgie verbreiteten sich schon kurz nach der Herausgabe millionenfach. Schnell sah er aber ein, dass einer Reform liturgischen Geistes nicht allein per Graswurzelbewegung Erfolg beschienen sein kann, sondern vor allem durch die gründliche Ausbildung des Klerus. Neben dem Missale war ihm Brevier und Psalter besonders wichtig, die Psalmen, das von Gott verfasste Gebet- und Gesangbuch, sollte von den Seelsorgern besser durchdrungen und Gemeingut des Volkes werden. 

Bei aller Verbindung zur liturgischen Bewegung bleibt aber doch ein entscheidender Unterschied zwischen Stephan und den anderen "Volksliturgikern" seiner und vor allem späterer Zeit. Während letztere sich in einem rubrikalen Gefängnis eingesperrt sahen und zurück wollten zu irgendwelchen tatsächlichen oder eingebildeten liturgischen Zuständen grauer Vorzeit, sind für Stephan die geltenden Rubriken Garant dafür, dass dem Stiftungswillen Christi Folge geleistet wird. Vereinfacht ausgedrückt: Während Parsch und andere die Rubriken "zu den Menschen" bringen wollen, will Stephan die "Menschen zu den Rubriken" bringen. Er will die Liturgie, wie sie nach den geltenden Normen gefeiert wird, ihrem Wesen nach verstehen und würdigen. Wie in der Dogmatik - und aus der kam Stephan - entfaltet sich hier Leben und Lehre der Kirche im beständigen Fortschritt und wird nicht zunehmend korrumpiert. Eine "Archäologie des Erstbesten" (J. Ratzinger), wie sie sich verbreiten sollte, ist ihm vollkommen fremd.

Hier sehe ich einen Ansatz, den ein anderer deutscher Liturgiewissenschaftler und Dogmatiker, Johannes Brinktrine - gegen den Strom der damals vorherrschen und immer noch bestimmenden liturgischen Auffassungen von Jungmann auf der einen und Casel auf der anderen Seite - weiter ausfalten wird. Um ihn soll es ein andermal gehen. 

Kommentare:

  1. Grandioso! Vielen Dank für den Beitrag! Der Herr Erzpriester gefällt mir!

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    1. Vielen Dank! Wenn man so einen eisernen Amtstitel führt, muss man wahrscheinlich auch einfach gut sein!

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  2. Stephans Brevierübersetzung gehörte zu den ersten Büchern (genauer, waren nach dem Schott die ersten Bände), mit denen sich der junge Alte-Messe-Molch - mit damals eher minderem Erfolg freilich - beschäftigt hatte. Ich schätze sie bis heute und hüte sie im Schrank ... die Übersetzungen wirken vor lauter pädagogischer Ambition allerdings manchmal schon etwas gesucht - auch im Vergleich zu anverwandten Publikationen dieser Zeit.

    (Und in einer Zeit, als kleine Alte-Messe-Molche kein LThK im Schrank hatten, nur die Jugendabteilung der Stadtbibliothek kannten und das Internet gerade erst in irgendwelchen Amilaboren erfunden wurde, schien es kaum möglich, den Vornamen des Erzpriesters zu erkunden) ;-)

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    1. Und nicht nur Du hast sie gehütet, sie haben auch Dich, wie's scheint, behütet auf all Deinen altmessmolchlerischen Pfaden. ;-)

      Jaja, so sind die Herren Erzpriester. Alle Titel und Ehrungen vor sich hertragen, aber nach dem Vornamen muss man zwei mal fragen ... ;-) Aber ich sag mal: Lieber so, als anders herum. Unter "Andreas" z.B. könnte ich wohl schlecht im LThK nachschlagen ... ?

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  3. Warum? Unter diesem Lemma gibt es doch jede Menge Einträge! ;-)

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