Samstag, 12. Dezember 2015

Columna Ecclesiae - Johannes Brinktrine zum 50. Todestag (1. Teil: Biographisches)

Heute* vor fünfzig Jahren trat der Paderborner Theologe Johannes Brinktrine seinen Heimgang an. Nur noch wenigen wird dieser Name etwas sagen, und traut man dem spärlichen lexikographischen Nachhall, könnte man meinen, es hier mit keiner besonders herausragenden Gestalt zu tun zu haben. Hört man aber, was der Diener Gottes Pius XII. über ihn gesagt haben soll, fällt das Urteil vielleicht schon wieder ein klein wenig anders aus: "Prof. Brinktrine ist die columna Ecclesiae", die Säule der Kirche.
Sein Stern, und das erklärt vermutlich auch das verhaltene Echo mitten in der konziliaren Zeitenwende, begann sicherlich schon nach der großen Zäsur in der deutschen Theologie und Gesellschaft zu sinken, die der Zweite Weltkrieg war. Seinem Ansehen in Rom tat das zur gleichen Zeit aber keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Er wurde nicht ohne Grund als Konsultor zur theologischen Vorbereitungskommission berufen und arbeitete eng mit Sebastian Tromp zusammen. Es wäre aber reichlich verkehrt, Brinktrine nun einfach in die Schublade alter Schulbuchtheologen zu stecken und möglichst schnell wieder zu vergessen. Der Paderborner markierte mit seinen Schriften nicht nur das Ende einer theologiegeschichtlichen Epoche "zwischen den Konzilien", sondern auch ihren Höhepunkt.

Beschäftigt man sich auch nur ein ganz klein wenig mit Person und Werk, merkt man zudem schnell, dass man es hier mit einem neuscholastischen Systematiker zu tun hat, den es - jedenfalls nach aktueller schultheologischer Auffassung - per definitionem gar nicht geben dürfte. Der Paderborner war nämlich nicht nur Dogmatiker und Fundamentaltheologie, sondern zuallererst und von Haus aus Liturgiewissenschaftler. Und das macht sich nicht nur in seinem liturgischen Werken, sondern auch in der Dogmatik und Apologetik erheblich bemerkbar. Daneben bieten seine Lehrbücher eine breite bibeltheologische und patrologische Grundlegung, kurzum: Hier wird ein thomistisches Theologieverständnis ersichtlich, das Brinktrine wie kaum ein anderer verinnerlicht und vor allem auch verwirklicht hat. Es gibt nämlich keine Wissenschaft der Dogmatik, der Liturgie, der Kanonistik ... sondern nur die eine theologische Wissenschaft, sie und alle ihre Zweige handeln von Gott sub ratione Deitas, unter dem Aspekt Gottes. Mit dem Einzug historisch-kritischen Denkens wurde diese Einheit der Theologie zunehmend aufgegeben, sodass sie aktuell im Grunde vollkommen auseinandergebrochen ist. Mit den damit verbundenen Implikationen im Bereich der Liturgik werden wir uns noch beschäftigen müssen.

Wer aber war nun Johannes Brinktrine? 1889 geboren, wächst er in einer tiefgläubigen Familie auf; früh zeigt sich seine besondere Begabung, und so wird ihm der Besuch des Gymnasium Theodorianum in Paderborn ermöglicht. Hier lernt er neben anderen klassischen und modernen Sprachen das Lateinische kennen und lieben, welches er zeitlebens nicht nur hochschätzte, sondern auch gründlichst beherrschte. Als Konsultor der theologischen Kommission verbesserte er besonders oft die Latinität zahlreicher Stellen, und nach der Apostolischen Konstitution Veterum sapientiae Johannes XXIII. begann er als einziger der Paderborner Professoren, seine Vorlesungen in lateinischer Sprache zu halten. Eine Anekdote macht seine Sprachkenntnis vielleicht besonders eindrücklich. Als er in dem 50er Jahren am Hermannsdenkmal vorbeispazierte, fiel ihm auf, dass die dort angebrachte Inschrift aus den Annalen des Tacitus fehlerhaft zitiert war - und das einfach so aus dem Gedächtnis.
In seiner Klasse von 18 Schülern treten zehn nach dem Abitur ins Priesterseminar ein. Brinktrine ist einer von ihnen. Noch in der Modernismuskrise begann er also sein Studium an der Philosophisch-Theologischen Lehranstalt Paderborns, dem Leonianum, ein Freisemester verbrachte er in Breslau, seine Dissertation über den "Meßopferbegriff in den ersten zwei Jahrhunderten" schrieb er nach zwei Seelsorgejahren in Freiburg. Zufall dürfte die Wahl der Studienorte nicht gewesen sein, tatsächlich zeichneten sich alle drei nicht nur durch ihr hohes akademisches Niveau, sondern auch durch eine besonders feste Kirchlichkeit und einen strammen Antimodernismus aus. Als sich die theologische Fakultät Freiburgs der Breslauer Erklärung anschloss, die besagte, dass es sich beim Antimodernisteneid keineswegs um eine neue Verbindlichkeit handle, sondern sie viel mehr um die immer geltende katholische Glaubensregel, die die Forschungsfreiheit keinesfalls einschränkt, schlitterte sie haarscharf an der Auflösung durch den Universitätssenat vorbei.

Vieles spielte sich noch ab, Brinktrine wurde zeitweise Oberer am Priesterseminar, wo er die längste Zeit seines Lebens tätig bleiben wird, er lernt Guardini kennen, wird Duzfreund Joseph Frings, besucht Maria Laach und bleibt trotz unterschiedlicher Ansichten mit Ildefons Herwegen im Briefkontakt, wenig später wird er Oblate ... von besonderer Wichtigkeit dürfte aber sein Romaufenthalt 1920-22 gewesen sein. Dass sich ihm die großen Zeremonien Roms besonders einprägten, wird nicht nur aus privaten Briefen deutlich, sondern auch aus dem Pilgerbüchlein "Die feierliche Papstmesse und die Zeremonien bei Selig- und Heiligsprechungen", das er ein paar Jahre später verfasste. "In Deutschland bekommt man niemals ähnliches zu sehen", schrieb er nach dem Fest der Apostelfürsten an seine Eltern. In Rom lernte der Paderborner auch den späteren ukrainischen Großerzbischof Jossyf Slipyj kennen, mit dem er bis 1945 regelmäßig korrespondieren konnte. Auch das will nicht recht ins Klischeebild des typischen Neuscholastikers passen: Brinktrine interessierte sich sehr für die Ostkirchen und beschäftigte sich mit ihren Liturgien, einer seiner Forschungsschwerpunkte betraf außerdem eine pneumatologische Fragestellung, nämlich die Bedeutung der Anrufung des Hl. Geistes bei der Epiklese in der Liturgie.
Und last but not least wäre da, dass er Vorlesungen Garrigou-Lagranges hören konnte. Der Dominikaner wird einen derart großen Einfluss auf die Theologie Brinktrines haben, dass man von ihm zuweilen schon als dem "deutschen Garrigou-Lagrange" spricht. Tatsächlich liest sich sein Zweibänder über die Offenbarung fast wie eine Übersetzung des entsprechenden Werkes aus der Feder des Franzosen. Derlei Vergleiche haben immer etwas Identitätsnivellierendes, hier wäre es aber eine besonders starke Verkürzung, nur einen Abklatsch, eine billige deutsche Kopie der römisch-dominikanischen Schule sehen zu wollen. Mit ihr ist er fraglos eng verbunden, nicht jedoch als bloßer Abschreiber, sondern als eigenständiger Denker von Rang.

Nun will ich mich gar nicht weiter in biographischen Details verlieren und den geneigten Leser langweilen - der Artikel ist ohnehin schon wesentlich länger geworden, als geplant - das ein oder andere habe ich bereits vorweggenommen, alles weitere von Bedeutung wird sich in den folgenden Teilen der Serie finden. Nur eine Sache noch. Den antiliberalen Kirchenmännern jener Zeit wird gerne nachgesagt, sie hätten der nationalsozialistischen Diktatur den Weg bereitet, sie unterstützt oder zumindest stillschweigend gutgeheißen. Am Beispiel Brinktrine sieht man aber, wie bei vielen anderen, das genau das nicht der Fall war. Er sah sich u.a. wegen Verweigerung des Hitlergrußes zahlreichen Drangsalen durch die Schergen der Machthaber ausgesetzt. Es war ja gerade seine antimodernistische Haltung, die ihn davor bewahrte, auch dieser Mode einheimzufallen. Sein reformkatholischer Kollege in Paderborn, der Moraltheologe Joseph Mayer, verdingte sich dagegen als Gestapospitzel und brachte die ganze Disziplin durch seine eugenischen Entgleisungen in Verruf. Womit natürlich ebenfalls nicht gesagt sein soll, eine Zuneigung zur neueren Theologie hätte gezwungenermaßen zu Sympathien für Hitlerdeutschland geführt. Insgesamt bleibt die aktive Kollaboration ein absolutes Randphänomen.
Apropos Politk: Schon in den fünfziger Jahren beklagte Brinktrine das, was vielen anscheinend erst seit kurzem klar wurde: Dass innerhalb der Christlich-Demokratischen Union so wenig Christliches ist.

Im nächsten Teil soll es dann um das liturgiewissenschaftliche Wirken des Theologen gehen.


*Ich vertraue hier der Angabe aus Martin Riegers Dissertation Liturgie und objektive Theologie : Johannes Brinktrine - ein Liturgiewissenschaftler? (Paderborn 2002), die Enzyklopädien geben den 13.12. an. 

Bild aus Johannes Brinktrine: Die heilige MesseHrsg. und eingeleitet von Peter Hofmann (Reprint der 4. Auflage von 1950, ergänzt um eine Einleitung). Augsburg: Dominus-Verlag 2015. 

Kommentare:

  1. Es gibt eine schöne Anekdote:
    Als 1959 bekannt wurde, daß ein Konzil einberufen werden sollte, stieß dies bei Prof. Brinktrine auf Unverständnis.
    Er soll gesagt haben, es gäbe doch nur noch zwei ungeklärte Fragen in der Dogmatik (er meinte eine Gnadentheologische und eine Mariologische) und dafür bräuchte man kein Konzil, sondern die könnte das ordentliche Lehramt auch ohne Konzil verbindlich klären.

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    1. Und hatte er nicht Recht? Jetzt haben wir ein Konzil, und statt zwei Unklarheiten ist nun alles ungeklärt. (Und die beiden Fragen sowieso) ;-)

      Schon de Maistre sagte zu seiner Zeit, die Kirche käme ganz augenscheinlich ziemlich gut ohne Konzilien aus ... der Dauerkonzilsmodus scheint auf jeden Fall mal nicht so gute Früchte zu tragen.

      Ich habe auf jeden Fall auch noch eine sehr schöne das Konzil betreffende Anekdote ... aber die hebe ich mir für den Schluss auf! ;-)

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    2. Das ist ja so spannend hier!

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    3. Im Kommentarbereich, oder bei den Artikeln? ;-)

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    4. Was ich mir noch aufbehalte, das dreht sich um den historischen Wert des Konzils, von dem unser emeritierter Pontifex sagte, über seinen endgültigen historischen Wert sei noch nicht das letzte Wort gesprochen. Überhaupt äußerte der sich ja öfter mal kritisch über Konzilien ...

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    5. Überall natürlich! Und es scheint spannend weiterzugehen :)

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  2. Danach solltest Du dann eine Reihe über "Garrigou-Lagrange" machen... Den hast Du zwar schon oftmals erwähnt aber noch nicht näher beleuchtet (oder irre ich da?).

    Jedenfalls mal wieder was Fachsprache gelernt.;-)

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    1. "Carina", mir geht es vor allem auch immer wieder darum, das Unbekannte, Versteckte, Vergessene wieder hervorzuholen. Garrigou-Lagrange ist aber auf jeden Fall der bekannteste Neuthomist, über den sich glücklicherweise schon genügend finden lässt. Da muss ich nicht, wie der Widersacher, auf den größten Haufen ... ;-)

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    2. Soviel zum Thema "Servicewüste Blogozese" ... ;-)

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  3. Daß er nach „Veterum sapientiae“ seine Vorlesungen auf Latein hielt, ist wohl richtig. Er kehrte aber, als die Studenten daraufhin seinen Vorlesungen fern blieben, innerhalb sehr kurzer Zeit zur deutschen Sprache zurück.

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    1. Ob sie da wohl mehr verstanden haben ... ?

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