Sonntag, 1. November 2015

Zwischen Allerheiligenjubel und Allerseelenklagen - Ein Blick zurück (liturgisch)

Die Glücklichen, die dieser Tage noch die altehrwürdige Liturgie feiern dürfen ... bekommen besagte dennoch leider all zu häufig nur auf Sparflamme zu Gesicht und Gehör. Selig, der Sonn- und Feiertags einer Missa cantata beiwohnen und das ein oder andere Proprium hören darf. Levitenamt, Vesper, und alles, was dazugehört ... bleibt den Wenigen vorbehalten. Deswegen an dieser Stelle mal ein kleiner Eindruck davon, was alles so ... früher mal war. Es geht um die Doppelvesper von Allerheiligen und Allerseelen, wie man sie dazumal - im 62er Ritus ist sie schon gestrichen - beging:
Keine Vesper des ganzen Jahres machte auf mich einen so tiefen Eindruck als die zweite Vesper von Allerheiligen mit der sich anschließenden Totenvesper von Allerseelen. Da war der Altar geziert mit den kunstvollen Reliquiarien. Die Heiligen selbst waren anwesend in ihren heiligen Gebeinen auf dem Altar, der da Christus bedeutet. Der Altar war in seine Festtagsgewänder gehüllt, in ein goldenes Antependium, in schneeweißes Linnen. Auf ihm brannten auf sechs goldenen Leuchtern die sechs mächtigen Kerzen. Auf der Rückenwand erglänze das Lamm der Geheimen Offenbarung. Am Thron saß als Stellvertreter des ewigen Vaters der Abt im golddurchwirkten Pluviale. Um ihn saßen "die Ältesten" des Klosters in den weißen liturgischen Kleidern, während unten im Chor die vier Kantores den Vespergesang leiteten, gekleidet in prächtige Pluviale, und der Mönchschor einstimmte in die himmlischen Melodien. In der weiten Abteikirche stand oder saß "die Schar der Gläubigen, die niemand zählen konnte, aus allen Volksschichten". Und über allem flötete und jauchzte und jubilierte die majestätische Orgel. Es war eine Stunde himmlischer Freude. Kaum war das festliche "Benedicamus Domino" verklungen, nahte sich der Rauchfaßträger mit acht Fackelträgern dem Altar. Die vier Kantores bestiegen den Altar und nahmen ehrfürchtig die Reliquiarien und verließen, begleitet von den flammenden Fackeln, die Kirche. Die Seligen des Himmels zogen wieder heim in die himmlische Heimat, die sie nur auf einige Augenblicke verlassen hatten, um mit ihren Brüdern und Schwestern das Allerheiligenfest zu feiern. Der Hohepriester mit seinem vornehmen Dienst schloß sich dem Zuge der heiligen Reliquien an. Symbolisch verließ auch Gottvater mit den Ältesten die Erde. Die ganze ehrwürdige Prozession war eingehüllt in Weihrauchdurft, von dem der apokalyptische Seher schreibt, daß er sei "Das Gebet der Heiligen " (Geh. Offb. 5,8). Die Lichter erlöschen. Die Orgel seufzt in klagenden Tönen. Schwarzgekleidete Mönche breiten einen schwarzen Teppich vor dem Altar aus. Gelbrote Kerzen flammen auf. Priester in schwarzen Bauschmänteln treten an den Altar und beginnen den Klagegesang des Fegefeuers. "Ich will wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen." Der Allerheiligenjubel ist verstummt, die armen Seelen klagen.
Pius Parsch: Das Jahr des Heiles, III. Bd: Nachpfingstteil. Klosterneuburg: Verlag Volksliturgisches Apostolat 1953, S. 728f. (Fußnote: Dieser schöne Bericht stammt von Pfarrer Kutzer, Mindelzell).

Kommentare:

  1. Kann man diese "tief beeindruckende" Vespern denn noch finden? :)

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    1. Das tief Beeindruckende war in diesem Fall ja zuallererst das Zeremoniell, was es wohl in dieser Form nicht mehr geben wird. Ansonsten divinumofficium.com , z.B. Divino-Afflatu-Rubriken -> Vesper vom 1.11., unten ist "Post Vesperas diei dicuntur Vesperae Defunctorum" anklickbar, welches einen zum Seelenamt führt.

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  2. Aber es gehört doch zusammen... Es gehört immer alles zusammen, das sagst Du doch immer.;-)
    Danke, werde ich mir heute Abend (zusammen mit den restlichen Messe-Kommentar) mal ansehen!:-)

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    1. Ich red' schon mal viel, wenn die Metten lang sind ... ;-)

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  3. Mhh .. "die Schar ... die niemand zählen konnte, aus allen Volksschichten" - ich wußte nicht, daß es schon damals Die Gute Nachricht in heutigen Deutsch gab ... ;-)

    Genug gemockt: Ein schöner Bericht!

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    1. Was kann man von einem Verlag erwarten, der sich volxliturgisch schimpft? ;-)

      Dankeschön!

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  4. über das Zeremoniell müsste sich doch zumindest ansatzweise was in dem Müller "Zeremonienbüchlein" finden, oder? So weit bin ich da noch nicht... und man braucht bisschen Phantasie... ;-)

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    1. Richtig, S. 107ff. Ich empfehle dafür aber den ausführlicheren Fortescue (ab S. 199), vor allem, weil er nette Skizzen für den Positionierung im Chor hat ... übrigens auch für die oben beschriebene Pontifikalvesper ... damit die Phantasie nicht ganz mit einem durchgeht. ;-)

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    2. Ah! Klasse, die Skizzen sind gut! Ich war bisher zu faul auf englisch zu lesen... allerdings liest sich das ganz nett, seh ich gerade.

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    3. Denkst Du denn, ich schicke Dir etwas Unfreundliches? ;)

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    4. Unfreundliche Rubrizistik....;-) aber nicht doch!! Der Müller liest sich nur besonders lustig-amüsant, wegen der ganzen Abkürzungen und deutsch-lateinische Mischsätze... find ich wirklich spaßig! :-)

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