Samstag, 14. November 2015

Was Staatenlenker nicht vermögen

Es fällt schwer, nach den Ereignissen der vergangenen Nacht einfach weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Nein, geschehen ist etwas, und wir sollen es auch nicht vergessen ... aber noch weniger sollte es uns lähmen. RIP.

Fast zum Gemeinplatz ist es geworden, dass uns mit den getrennten Brüdern des Ostens so viel verbindet und man doch eigentlich hier viel mehr Ökumene haben müsste. Ich will meinen, auch an diesem "Randgebiet" zur Schau gestellter Einheit, institutionalisierter und zwangsverordneter Brüderlichkeit tut sich eigentlich sehr wenig. Vielleicht sind wir einer Kircheneinheit sogar ferner denn je. 
Schaut man auf den Tagesheiligen, so müsste man sich auch eigentlich für ihn schämen. Seine Mittel und Wege, sei es in privater Frömmigkeit, sei es in der Förderung der Kirchenunion ... sind heute alles andere als gerne gesehen, statt Kanonisationsgrundlage wären sie viel mehr Grund zur Leistung öffentlicher Abbitte. Man mag es vielleicht noch als zeitbedingten Fanatismus entschuldigen.
Eine gewisse persönliche Verbundenheit verspürte ich auch stets zu diesem Gottesmann, da dort, wo er sein Martyrium erlitt, in Witebsk ... im letzten großen Kriege auch eigene Ahnen mit Blut den Boden tränkten. Wie sinnlos und leer kommt einem all dies Schlachten vor, gerade unter Christenmenschen ... und auch zu Lebzeiten des hl. Josaphat holte der Schnitter Tod auf den vielen europäischen Kriegsschauplätzen seine furchtbare Ernte ein. Die Staatslenker scheinen wenig dazugelernt zu haben, statt Frieden, Einklang und Gerechtigkeit ... wird wieder, weiterhin und immer noch ... neues und neue Feuer angefacht. Doch kann uns der heilige Bischof-Märtyrer vielleicht lehren, wo und wie ein wahrer Friede, eine echte Eintracht zu finden ist, die nicht von dieser Welt ist ... und auch niemals aus dieser Welt entspringen kann? 

Diese Frucht finden wir vielleicht da, wo Orient und Okzident vereint sind. Im erhabenen Opfer: Verleihe Deiner Kirche gnädig die Gaben der Einheit und des Friedens, die unter den dargebrachten Gaben geheimnisvoll bezeichnet sind. (Stillgebet von Fronleichnam)

Diese Gaben, dieses geheimnisvoll Bezeichnete klingt auch an, so glaube ich, in Reinhold Schneiders Winter in Wien. Der Autor findet, unbeirrt vom bescheidenen Äußeren des Portals, Zuflucht in der Barbarakirche, welche einige Jahre die Gebeine des Heiligen aufbewahren durfte, bis sie in der Nähe des Petrusgrabes die (hoffentlich) letzte Ruhe fanden.
»Innen schweben Kristallüster im Dunkel; zwei Engel, derer jeder drei Kerzen trägt, stehen vor der geöffneten Pforte der Ikonostasis; der Priester im roten Meßgewand singt am Altar, in fremden Lauten, fremdfeierlichen Rhythmen; er schreitet singend heraus mit den heiligen Geräten und kehrt singend zurück; dunkle Männerstimmen antworten hinter dem Opfertisch, der Diakon liest. Eine alte, in Schwarz gehüllte Frau kniet auf dem Boden und küßt den Teppich; eine Mutter führt ihr buntgekleidetes Mädelchen herein; ein junges Mädchen sitzt in einem der Kirchenstühle: das ist für heute die Gemeinde, stark unter erhabenem Ritus, unter dem Schutzgebet der Heiligen, deren Bilder im Kerzenschein ruhn und von den Gewölbefeldern der Decke leuchten. (...) Die griechische, römische und slawische Tradition, dreifacheiniger Glaube und Feierdienst, vereinen sich Tag für Tag im Gesang, unter dem Gebet weniger Frauen und eines Kindes. (...) Und was die Lenker der Staaten nicht vermögen, ereignet sich hier, hinter geschlossener und doch so willig sich öffnender Pforte. Rom und Byzanz in der Gegenwart der Ikonen, das Lateinische, das Slawische (wie stark ist das nordische Element im Griechentum) unter gedämpftem byzantinischen Glanz: Was könnte, was muß dieser Zusammenklang bedeuten!«
Ja, was könnte und was muss es bedeuten!

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