Mittwoch, 11. November 2015

In den unendlichen Räumen

»Und es ist besser, zu sterben mit einer brennenden Frage auf dem Herzen, als mit einem nicht mehr ganz ehrlichen Glauben: besser in der Agonie als in der Narkose. Die Hoffnung bleibt, daß die Menschheit einmal Christus wandeln sehen wird durch die Räume, wie ihn Petrus sah auf dem Meere. Ist es ein "Gespenst", ein Widerschein der Erde? Ist es der Herr? Fast so groß wie diese Hoffnung ist die Gefahr, daß wir aufschreiend versinken in den unendlichen Räumen.«
Reinhold Schneider: Das Schweigen der unendlichen Räume. In: Pfeiler im Strom. Wiesbaden: Insel-Verlag 1958, S. 242.

Kommentare:

  1. Irgendwie kommt mir der Autor schon wieder bekannt vor ... :-)

    Spaß beiseite: Gewiß kein narkotisches Zitat, sondern selbst ein brennendes. Danke!

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    1. Es gibt eben am Ende doch nur eine begrenzte Anzahl von jenen ... ;-)

      Über ein ganz anderes Traktat kam ich auf eine ebenfalls andere Stelle, wo es um den verderbten, entordneten Kosmos ging, der sich geradezu wie eine brutale Faust auf das geistliche Auge drückt. Winter in Wien! "Es müssen Tod und Zweifel in der Kirche sein. Vor ihren Mauern bedeuten sie wenig, sind sie überall. Aber hier! Welche Konzeption der Kirche, die Raum für solche Schmerzen, solche Haltungen hat!" Und nach dem Raum für Schmerz und Tod und Zweifel landete ich dann bei den unendlichen Räumen ... und bitte sehr!

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    2. Winter in Wien ... recht schwere Kost bei einem Autor, der es sich und seinen Lesern sowieso nicht immer leicht macht. Wie kommen wir denn da drauf?

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    3. Ich habe mich gerade mit einem Alois Winklhofer, ein eigentlich aus moderner Sicht unverdächtiger Theologe, und seinem "Traktat über den Teufel" zu beschäftigen. Der Dogmatiker mit Hang zur Mystik hatte aber auch mal einen Lehrauftrag für neure deutsche Literatur inne, und das merkt man auch. Da heißt es:

      Die durch ihn mißbrauchte Schöpfung ruft wieder das Böse in ihm, stumpfte ihn ab, verhüllt ihr Geheimnis vor ihm, das das unzerstörbare Siegel des Dreifaltigen Gottes ist und bleibt. Da mußte also die Schöpfung am Menschen und der Mensch der Schöpfung verderben. Wie diese Zusammenhänge Wirklichkeit sind, zeigt das Buch Reinhold Schneiders 'Winter in Wien', wo wir lesen, wie tief dieser verletzbare Geist von dem Grauen, das die Schöpfung allenthalten in sich birgt, verletzt wurde, ja, wie sich ihm da ein tiefgehender entordneter Kosmos geradezu wie eine brutale Faust auf das geistige Auge drückt, so daß er Gott nicht mehr sieht und in Verzweiflung ausbricht ..."

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