Freitag, 6. November 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (4) - Summen aus Stein

Die gotische Kathedrale ist gleichermaßen Vergegenwärtigung der Passion Christi wie Gegenwart der Glaubenszeugen, Bild der Communio Sanctorum und des verheißenen Paradieses, Repräsentation der Königsherrschaft und seiner Universalität. Kurzum: die Kathedrale ist Symbol des Reiches und der gesamten Christenheit.

Ein umfassender Anspruch, der wie kaum etwas anderes das gesamte christliche Weltbild des Mittelalters wiederspiegelt. Hier wird architektonisch, künstlerisch, mit bildnerischen Mitteln ... das getan, was die großen Summen eines Sentenzenmeisters oder eines Aquinaten im Bereich der (man beachte auch hier das Wort!) Universitäten zu tun versuchten. Nämlich Glauben und Wissenschaft, fides et ratio zu vereinen, und somit die unsichtbaren übernatürlichen Realitäten, die Offenbarungswahrheiten ... anschaulich sichtbar zu machen, das Transzendente greifbare Wirklichkeit werden zu lassen. Die einen taten es mit Tinte, Federkiel und schweren Folianten, die anderen mit Mörtel, Stein und buntem Glas.
Bei den Ausdrücken, die ich hier benutze, muss man aber Vorsicht walten lassen. Hier wird nichts Unwirkliches wirklich, wir verlieren uns nicht in einem Lande Phantásien. Das, was schon ist, in uns und um uns herum, Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart ... das wird ins Bauwerk gefasst. Das, was Über-Wirklich, mehr als Wirklichkeit ist, wird vielmehr hinuntergezogen in unsere Welt, damit wir es mit unseren schwachen Sinnen und verdunkeltem Verstand wahrnehmen können.

Und so breitet sich vor dem Betrachter die ganze Heilsgeschichte aus, von der Schöpfung bis zu den letzten Dingen und dem Jüngsten Gericht. Hier finden wir Jesus in der Krippe und am Kreuz, die Patriarchen und Propheten, König David und Salomo, Darstellungen von Tugenden und Lastern, Weisheit und Torheit, Tierkreiszeichnen bedeuten die kosmische Dimension, Reliefs der herrschenden Häuser verbinden Heils- und Weltgeschichte. Die Darstellung eines alttestamentlichen König-Richters waren nicht nur typologisches Bild, es hatte auch unmittelbaren Bezug zum sich an der Kathedrale abspielenden Geschehen, wo das Gotteshaus auch Gerichtsstätte war.

Maß und Zahl, ewige Ordnungen und logische Gesetze waren also nicht das einzige, was im gotischen Dom sichtbar wurde. In einer Zeit, in der die wenigsten ihre Lettern beherrschten, war es um so wichtiger, dass christliche Inhalte durch Bilder vermittelt werden konnten. Hier verstand der Einzelne seinen Platz im Kosmos, die Welt von Teufeln und Dämonen bedroht, die Kirche einzig sichere Arche, Schutz- und Zufluchtsort, des Rechtes, der Ordnung, und ein Vorgeschmack auf das Paradies.

Natürlich forderte die Kathedrale aber auch Vorwissen. Um zu wissen, was die Bildfolgen darstellen sollten, musste man schon eine Ahnung von den biblischen Geschichten haben. Trotzdem darf man nicht meinen, die Skulpturen, Glasmalereien usw. wären Teil eines umfassenden pädagogischen Programms der Kirche. Denn wenn man aufmerksam schaut, sieht man (oder eben nicht), dass längst nicht jedes Bild mit bloßem Auge zu erkennen ist! Es ist da, aber es ist für den Besucher unten nicht erkenntlich. Wo bliebe da der katechetische Wert?
Derartige "unsichtbare" Bilder sind Zeugen der Geschichte, einer Geschichte, die prinzipiell erkannt werden kann. Sie verschmelzen mit dem Gesamtkomplex der Kathedrale zu einer umfassenden Symbolwelt, die leicht betreten, aber auf Erden nur teilweise und womöglich niemals vollkommen erklommen, nie ganz begriffen werden kann.
Und das ist die Wirkung der gotischen Kathedrale. Sie soll Stein und Glas gewordene Metaphysik nicht nur ein Stückchen weit annehmbar, plausibel machen ... nein, durch die Schönheit und Transzendenz soll sie selbst für das verstockteste Herz ... unwiderstehlich werden.

Kommentare:

  1. Das hast du wieder sehr schön geschrieben.
    "hinuntergezogen in unsere Welt, damit wir es mit unseren schwachenen Sinnen wahrnehmen können." Sehr wahr und wichtig!! Etwas, was nur die Gotik getan hat! Alle anderen Epochen, vorallem die späteren haben den Menschen versucht zu erhöhen, statt das Über-Menschliche "erfahrbar" (um mal diesen neumodischen Ausdruck zu verwenden) zu machen.

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    1. Gracias!
      Und dann ist ja gut, dass ich den Satz noch eingefügt habe, beim ersten "Durchschreiben" stand der nämlich noch nicht drin ... aber da fehlte dann irgendwas. ;-)

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  2. Ahh! Sieh an! Aber natürlich war der Satz trotzdem schon da! Du musstest ihn eben nur noch schreiben, damit wir ihn auch wahrnehmen können... :-)

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    1. :-D
      Und "verdunkelt" sollte der Verstand sein, fällt mir gerade noch auf ... was direkt schon beweist, wie umnachtet man manchmal ist. ;-)

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  3. Sehr schön geschrieben!! :-) Wenn so was nach kurzen Nächten rum kommt, solltest Du die regelmäßiger haben.... Dank dem Priesterdonnerstag.:-D

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