Dienstag, 17. November 2015

Der domestizierte Gott

Eigentlich wollte ich heute noch etwas zum Herzen Jesu nachreichen, gewissermaßen als Nachtrag zum Fest der - nein, einer der! Heiligen von Helfta. Über verschiedenen Wegen kam ich aber, wie so oft, vom einen zum anderen, von Rahner (ausgerechnet!) ... zu Fridolin Stier. Und seinen folgenden Worten:
»Das Sapientia-Salomonis-Wort: ›Die Gott liebt, züchtigt er‹! Was für ein komischer Kauz, dieser Gott, seine Geliebten zu prügeln, zur Schnecke zu machen! Schickt ihn zum Psycho! Oder, wenn ihr ihn für voll verantwortlich nehmt, psychiatrisch begutachtet, verurteilt ihn wegen grundloser Feindseligkeit, Bösartigkeit, zieht ihn aus dem Verkehr, bringt ihn auf Nummer Sicher, es sei denn...
es sei denn, man halte ihm den mildernden Umstand zugute, daß er unglücklich liebt, eifersüchtig, sich rächt für verschmähte Liebe und wähnt, mit dem Prügel zur Liebe zu zwingen...In deiner Finsternis, Herr, - oder ist es dein blendendes Licht? - tappen meine Gedanken herum, und ihr Gebet klingt wie Lästerung. Erlaß mir die Prozedur, einen theologisch domestizierten Theodizee-Gott aus der Schlinge dieses insipient, widersinnig scheinenden Bibelspruchs zu ziehen. Ich habe es ja mit dir, nicht mit deiner Denkpuppe zu tun. Kant war wohl näher bei dir, als er schrieb, ich weiß nicht mehr wo: Jeder Versuch, Gott zu rechtfertigen, ist ›schlimmer als die Anklage. Soll ich also schweigen, weil auch die Anklage schon ›schlimm‹ genug ist? 
Was soll ich von deinen und deines Sohnes großen Worten halten? ›Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters‹ - also: kein Auto schleudert und kracht an einen Baum, ohne ...
Gibt mir dieses Wort, wenn ich es wörtlich nehme, das Vollkorn deiner Wahrheit? Aber da sind sie schon, deine wackeren Verteidiger, um mich zu belehren, man brauche ›ein Körnchen Salz‹ zum Verständnis dieses Wortes, das als  ›Hyperbolismus‹, als rhetorisch übertreibende Rede zu erklären sei. Was bleibt mir noch an Wahrheit übrig? Wie Salzsäure wirkt, zersetzend dein Wort, das hermeneutische granum salis. Ich aber, ich nehme dich dennoch beim Wort.«
Zitat aus Fridolin Stier: Vielleicht ist irgendwo Tag. Heidelberg: Verlag Kerle 1981. Notiz unter dem 30. September 1971, wenige Wochen nach dem tödlichen Autounfall der Tochter des Autoren. 

Ein paar mehr oder minder passende Worte diesmal nur als Art Appendix:

[Der Gott der Theologen, von dem Stier spricht, ist der Gott des Hörensagens, der Gott der Freunde Hiobs. Im Hell-Dunkel des geschauten Gottes verblasst alles andere, was nicht gottesunmittelbarer Glaube ist. Vor seinen unergründlichen Abgründen muss geschwiegen werden, so wie der Kronzeuge der Theodizee-Frage, Hiob, schwieg. Kein wissendes zynisches Schweigen, keine fade Indifferenz. (Und hier schlage ich - man verzeih', wenn es gezwungen erscheint - doch noch eine Brücke zum ursprünglich angedachten Thema). Es ist nämlich vielmehr ein Blick dort hinein, wo dieser Abgrund sich aufgetan hat. In der geöffneten Seite Jesu, im durchbohrten Herz.
Aus dieser Quelle strömt alle unbegreifliche Wirklichkeit, alle Qual - und wenn wir zu ihr finden, finden wir zur compassio eines hl. Bernhard. Hier hebt sich nicht Leiden in Höheres auf, hier ist keine billige Vertröstung oder falsche Gewissheit. In der dem Mensch eingeschlagenen Wunde können wir den mit-leidenden Gott erfahren ... denn der, Er ... leidet am Menschen leidend für den Menschen. Und damit können wir sogar ... und gerade in der Gottesferne Gott einmal finden. Dass dürfen wir sagen, weil Jesus selbst dieses Leiden und die Gottesferne für uns getragen hat, und nirgendwo anders sehen wir das so deutlich, wie im Abgrund seiner Herzenswunde.]

Halb mittendrin wurde mir auf einmal so gewahr, dass der Kollege ... oder sollte ich sagen, DER Kollege? ... in der Vergangenheit schon über Stier und genau jene Passage, freilich viel eindrücklicher, schrieb.

Kommentare:

  1. Danke für den Beitrag... Irgendwie passend.

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    1. Ich gebe erst "das Ende" gelesen.ä zu haben... (Über meine seltsame Art Beiträge zu lesen sprachen wir ja schon mal..)
      Mit dem Wissen dieses Unfalles, lief mir an entsprechender Stelle des Textes ein kalter Schauer über den Rücken... Ich weiß nicht wie das ist ein Kind zu verlieren aber so "abgebrüht" nach wenigen Wochen darüber schreiben zu können... Ist das nun bedauerns- oder bewundernswert?

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    2. Ich finde daran so gar nichts Abgebrühtes. Welch ein doppelt und dreifaches Ringen da in dem Gottesmann vorging, können wir uns wohl schwerlich vorstellen ...

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    3. Ist vielleicht (wahrscheinlich) eine subjektive Wahrnehmung... Aber nein, vorstellen können wir uns das wohl nicht (und erleben müssen wir es so Gott will hoffentlich auch niemals)

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  2. Andere schreiben Eindrückliches in sehr kleinen Buchstaben ...

    Und wieder andere bekommen keinen Tarquinius-Award, weil ... ;-)

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    1. Ich bin wohl doch nicht so ganz Stahl und Eisen, wie ich mir manchmal selber glauben mache ... ;-) Zumal man sich ja eben hüten sollte, zu sehr sein eigenes Glaubenssüppchen zu kochen ... leichter fällt es da, wenn derartiges "Modernes" auch zum Gemüt passt. Zu irgendwelchen Omegapunkten werde ich dafür wohl zeitlebens nie gelangen ...

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