Montag, 30. November 2015

Das (nicht andere) Konzil - mit eingebauter Selbstzerstörung

Gerade feiert man landauf landab Das Konzil mit zahllosen Veteranentreffen und dergleichen Belobhudelungsfeten. Dass hiesiger Blogautor da nicht mit von der Partie ist, sollte keinen wundern. Und nun hat mir die stets scharfsinnige Theologische Kommission des anderen Konzils auch noch einen guten Grund dafür geliefert.

Als nämlich Kardinal Bea (der sich nicht nur mit Vorliebe an der Liturgie, sondern auch an der Ekklesiologie zu schaffen machte) Einspruch gegen die Auffassung der Commissio theologica erhob, die da sagte, Leib Christi und römische Kirche seien identisch (Skandal! Denzinger-Katholik berichtete) ... und irgendwas von einem inklusivistischen Konzept faselte, das uns bis heute in arge Nöte bringt ... musste die CT darauf verweisen, dass dadurch - neben einer Infragestellung der Einheit, Unteilbarkeit, Unverletzlichkeit, Unfehlbarkeit und Heiligkeit der Kirche - kein Konzil mehr "ökumenisch" genannt werden könnte, dass nicht auch alle nichtkatholische Christen einschließt.

Demzufolge lässt sich die ganze Veranstaltung wohl bestenfalls als Plenarsynode der rheinischen Kirchenprovinzen klassifizieren.

Konzilfertigaus.

Nicht anders als durch das gebrochene Herz

Ah! happy day they whose hearts can break
  And peace of pardon win!
How else may man make straight his plan
  And cleanse his soul from Sin?
How else but through a broken heart
  May Lord Christ enter in?

Glücklich das Herz, das brechen kann
  Und zum Frieden der Gnade gedeih'n!
Wie glättet sich sonst der Pfad, wie wird
  Die Seele von Sünde sonst rein?
Wie anders als durch ein gebrochenes Herz
  Ziehet der Heiland ein?

Oscar Wilde († 30. November 1900)
aus der Ballade vom Zuchthaus zu Reading

Samstag, 28. November 2015

Die Kollekten des Advent und ihre Übersetzungen - 1. Sonntag

Dominica prima Adventus Domini nostri Iesu Christi.
- Römisches Martyrologium

Da der Beitrag zur "vergleichenden Liturgieübersetzungswissenschaft" neulich auf ein gewisses Interesse stieß, möchte ich das mal als kleines Projekt im diesjährigen Advent fortführen, in dem ich die vermutlich bedeutendsten Übersetzungen zur Verfügung und gegenüber stelle. Verweisen möchte ich dabei auf meine Serie vom vergangenen Jahr, die auch immer wieder ganz besonders auf die Orationen einging, so auch am 1. Sonntag im Advent.

Schott:
Biete Deine Macht auf, o Herr, und komm, wir bitten Dich: dann werden wir aus den Gefahren, die wegen unserer Sünden uns drohen, durch Deinen Schutz entrissen und durch Deine Erlösungstat errettet: Der Du lebst.
Bomm:
Wir bitten, Herr, erwecke Deine Macht und komme, damit wir den Gefahren, die uns von unseren Sünden drohen, durch Deinen Schutz entrissen seien und Erlösung finden, wenn Du uns befreist: Der Du lebst.
1965er Meßbuch:
Biete auf deine Macht, Herr Jesus Christus; wir bitten dich: komm! Du unser Beschützer, entreiße uns aller Gefahr, die uns droht wegen unserer Sünden; du unser Heiland, errette uns: Der Du lebst.
Schenk:
Wir bitten Dich, Herr: Biete auf Deine Macht und komm! Wenn Du uns schützest, werden wir bewahrt vor den Gefahren, die uns wegen unserer Sünden drohen; wenn Du uns rettest, können wir das Heil erlangen. Du lebst.
Erzpr. Stephan:
Laß, o Herr, wir bitten dich, wirksam werden deine Macht und komme, damit wir würdig werden, von den Gefahren, die uns auf Grund unserer Sünden drohen, herausgehoben und durch die uns von dir gebotene Befreiung beseligt zu werden. Der Du lebst. 
P. Ramm:
Biete auf, so bitten wir, Herr, Deine Macht und komm, damit wir von den drohenden Gefahren unserer Sünden durch Deinen Schutz gerettet und, von Dir befreit, erlöst zu werden verdienen, der Du lebst.

Zweifelsohne bieten die Brevierübersetzer, die unteren drei, die wortgetreueste Übersetzung des lateinischen Textes. Diese Art von Übertragung hat ihre Berechtigung und nutzt auch besonders in der Analyse des Gebetes. Davon wiederum ausgehend könnte man zu sprachlich bekömmlicheren Varianten schreiten, welche die eigentliche Gedankenführung und den "Ton" der lateinischen Kollekte besser treffen, ihn wirklich - soweit eben möglich - ins Deutsche übertragen. Meiner Meinung nach gelingt das dem lateinisch-deutschen Meßbuch von 1965 am besten. Kein Wunder, denn es war für den liturgischen Gebrauch bestimmt und nimmt den Charakter der römischen Prosa-Dichtung in deutscher Gewandung auf (und es lässt sich auch gescheit singen); hier erklingt am stärksten die Not des sündigen Menschen und die absolute Abhängigkeit vom Advent der Gnade ... wir bitten dich: komm, errette uns!

Nicht nur jene

»Und es gibt Menschen, durch die Satan nicht bloß die kleine Welt einer Familie, einer Gemeinde mit den Fermenten des Hasses, der Gier und des Neides zersetzt; es gibt Menschen, deren Leidenschaften von ihm entfesselt, entflammt, wie ein Erdbeben über ein Volk, wie eine Springflut vernichtend über einen ganzen Kontinent hinweg gehen, wie ein ungeheurer Steppenbrand das Glück von Millionen wegfressen. Es kommt sehr darauf an, wo einer sündigt; es hängt viel davon ab, an welcher Stelle des göttlichen Ordnungsgefüges sitzend er es verletzt; es ist mehr oder minder immer, wie wenn einer ein Tuch an einer Stelle nur mit zwei Finger anhebt; er hebt das ganze Tuch und bringt es als Ganzes in Bewegung. (...) Warum soll sich der Teufel nur der Wollüstigen bemächtigen, die ihrer Gier zu frönen trachten? Warum nicht auch der Machtgierigen in unseren Parteigremien und Parlamenten, in unseren Zeitungsredaktionen, in den Fernsehstudios? Warum nicht auch die Eitlen und Ehrsüchtigen, der Schamlosen, der Geltungsbedürftigen in unserem Kunst- und Literaturbetrieb, in den Zentralen der Filmproduktion? Warum auch nicht jener, die die Nachrichtengebung steuern, und jener, die die Schalthebel des Wirtschaftslebens in der Hand haben? Soll ausgerechnet bei ihnen der Teufel nicht seine Chance erkennen? Oder sind wir der Meinung, eine öffentliche Sünderin bedeute für ihn mehr als ein weltanschaulich neutraler Parteiführer oder glaubensloser Staatsmann?«
Ich muss sagen, mir fiele da noch so die ein oder andere Stelle ein, Schaltstellen, an denen die - so scheint's - glaubenslos Machtgierigen und Ehrsüchtigen sitzen. Gleichzeitig mag man sich fragen: Muss da der Widersacher überhaupt noch wirken? Oder war es vielleicht nur mal ein Anstoßen, das sich nun ... wie ein diabolisches Perpetuum Mobile ... in unendliche Abgründe fortsetzt ... ?

Text: Alois WinklhoferTraktat über den Teufel. Frankfurt a.M.: Verlag Josef Knecht 1961, S. 132f. 

Freitag, 27. November 2015

Selfie zum Tage

In guter Tradition gibt es auch heuer wieder das Tagesselfie:


Domine Jesu Christe, 
qui beatissimam Virginem Maríam, 
Matrem tuam, 
ab origine immaculatam innumeris miraculis clarescere voluisti:
concede; ut, ejusdem patrocinium semper implorantes, 
gaudia consequamur aeterna.
O Herr Jesus Christus,
der Du Deine Mutter,
die ohne Sünde empfangene allerseligste Jungfrau Maria,
mit zahllosen Wundern verherrlichen wolltest:
Gewähre, dass wir, die beständig ihren Schutz erflehen,
die ewigen Freuden erlangen mögen.
(Kollekte vom Fest Unserer Lieben Frau von der Wundertätigen Medaille, Missale Romanum p.a.l.)
Besonders ans Herz gingen mir im Zusammenhang mit den vielen wundersamen Gnaden, die ich durch die Hände der Gottesmutter empfangen durfte, folgende Worte des hl. Leonhard von Porto Maurizio, dessen Fest die Kirche gestern feierte:
»Wenn ich die Gnaden alle bedenke, die ich von der seligsten Jungfrau empfangen habe, so komme ich mir vor wie eine Wallfahrtskirche. Da hängen überall herum Täfelchen; auf diesen stehen in Bildern und Worten die Erhörungen, die Maria den bittenden Pilgern gewährt hat. Da heißt es immer: Durch die Gnade Mariens. Geradeso komme ich mir vor, über und über beschrieben, an Leib und Seele, von innen und außen: Durch die Gnade Mariens.«
 PS: In diesem Jahr gibt es die Übersetzung dafür partizipienvermeidend. 

Donnerstag, 26. November 2015

Für die Zeit zwischen den Jahren

Nun mal Hand aufs Herz. Wenn wir Alte-Messe-Molche ehrlich sind, dann wissen wir: die überlieferte Liturgie wird nicht von heute auf morgen in allen römisch-katholischen Gemeinden, Klöstern, öffentlichen und halböffentlichen Oratorien usw. wiedereingeführt werden. Nein, bevor es soweit ist, und damit der Kulturschock nicht ganz so groß wird ... kommt natürlich erstmal ein paar kurze Jährchen ein Interimsmissale mit lateinisch-deutschem Mischmasch, wie schon bei der letzten großen Umstellung anno dazumal.
Der Denzinger-Katholik hat schon vorgesorgt und ist für den Ernstfall gerüstet, die zweisprachigen Messbücher nach 1965er Ritus liegen bereit. (Ja, schon damals hat die wundersame Büchervermehrung eingesetzt, weswegen manch einer glaubt, die Liturgiereform sei nichts anderes als ein Komplott des katholischen Verlagswesens gewesen - wenn dem tatsächlich so ist, haben sie sich aber am Ende aber doch ins eigene Bein geschossen).

Mit dem Meßkanon wurde auch schon mal pfleglicher umgegangen. Den hl. Joseph trug man  - gar nicht lang vorher - gewöhnlich noch fein säuberlich mit dem Füllfederhalter ein und fuhrwerkte nicht mit dem Edding im Allerheiligsten rum.
Wie die ersten Seiten erzählen, wurden die "Übersetzungen der Gesänge zum Einzug, zur Gabenbereitung und zum Kommuniongang sowie der Zwischengesänge mit Zustimmung der Erzabtei Beuron dem gemeinsamen Meßantiphonar der deutschen Meßbücher von Schott und Bomm entnommen", während die Übersetzungen der Orationen "für dieses Altarmeßbuch" neu erarbeitet wurden. Wie gut oder schlecht diese neuen Orationen sind, damit werde ich mich demnächst beschäftigen. Vielleicht aber ist besonders interessant, dass Schott und Bomm damit gewissermaßen kanonische Autorität bekamen.
Gedruckt wurden die abgebildeten Messbücher übrigens für die SBZ: Im Auftrag der Bischöflichen Ordinariate und Kommissariate der Katholischen Kirche der Deutschen Demokratischen Republik. Da schüttelt's einen gleich ein wenig beim Lesen. Eine etwas kuriose Kombination der Wörter, finde ich auch, diese Sache mit den kirchlich-katholischen Kommissariaten in bolsche kommunistischen Terrain. (Obwohl, so für einen Job also commissaire théologique könnte ich mich auch begeistern).

Dem Meßbuchspender auch nochmal an dieser Stelle ein herzliches Vergelt's Gott!

Mittwoch, 25. November 2015

Sei gegrüßt, Gottes würdige Jungfrau

Diesen Morgen wurde ich durch eine alte Antiphon gewahr, dass man der heil'gen Jungfrau-Märtyrin dereinst eine große Bitte gewährte:
Vox de cælis insonuit: Veni, electa mea, veni intra thalamum Sponsi tui.  Quæ postulas impetrasti: qui te laudant, salvi fient.
Vom Himmel erschall eine Stimme: Komm, meine Erwählte, geh' ein ins Gemach deines Bräutigams. Was du begehrst, wird dir gewährt: wer dich lobt, der wird gerettet werden. 
So wollen wir Katharina also preisen, Du aber, o edle Jungfrau, sei Deines Versprechens eingedenk!
Ave, virginum gemma, Catherina: ave, sponsa Regis regum gloriosa: ave, viva Christi hostia!  Tua venerantibus patrocinia, impetrata non deneges suffragia. 
Sei gegrüßt, Gemme der Jungfrauen, Katharina: Sei gegrüßt, herrliche Braut des Königs der Könige: Sei gegrüßt, Du lebendiges Opfer Christi! Verwehr' Deine Fürsprache nicht denen, die erfurchtsvoll Dein Patronat erflehn.
Text: Horae Diurnae S.O.P., Rom 1956 ('62 wurde das Katharinenoffizium unterdrückt)
Bild: Maria Vesperbild, südliche Altarseite

Sonntag, 22. November 2015

Die vielen Übersetzungen und die eine Kollekte

Wer so wie ich, was die Sprachkenntnisse anbelangt, eher ein bisschen auf den Kopf gefallen ist ... greift gerne auf das reichlich vorhandene Angebot an Messformularienübersetzungen zurück. Gerade, wenn man sich so kurz vorm heil'gen Opfer die Texte der Liturgie nochmal, gewissermaßen so ... to go reinziehen will. Doch was tun, wenn ein Jeder etwas anderes übersetzt, wie an diesem Sonntage, die Oration so einen ganz neuen Geheimnischarakter gewinnt?

Anselm Schott:
Rüttle auf, o Herr, wir bitten Dich, den Willen Deiner Gläubigen, damit sie mit ganzem Eifer die Frucht der heiligen Liturgie sich auswirken lassen und so noch reichere Heilmittel von Deiner Vatergüte empfangen.
Pater Ramms Diurnale (und auch das neue Volxmissale?):
Rüttle auf, so bitten wir, Herr, den Willen Deiner Gläubigen, dass sie die Frucht des göttlichen Werkes williger vollziehend, größere Heilmittel von Deiner Vaterliebe erlangen. 
Der sel. Kardinal Schuster:
Rüttle auf, o Herr, wir bitten Dich, den Willen Deiner Gläubigen, dass sie aufrichtiger die Früchte der göttlichen Gnade anstreben und noch reichlicher die Heilmittel Deiner Barmherzigkeit empfangen.
Dom Gueranger:
Rüttle auf, o Herr, wir bitten Dich, die Willen Deiner Gläubigen, dass sie, eifriger werdend für die Frucht des göttlichen Werkes, die größeren Heilmittel Deiner Güte empfangen mögen.
Lauren Pristas:
Rüttle auf, wir bitten Dich, o Herr, die Willen Deiner Gläubigen, damit sie bereitwilliger/schneller/eifriger die Wirkungen der göttlichen Tätigkeit [in unserer Seele] ausführend, die größeren Heilmittel Deiner Gnade empfangen mögen.
Fr. Z:
Rüttle auf, wir bitten Dich, o Herr, den Willen Deiner Gläubigen, dass sie eifriger die Frucht Deines göttlichen Werkes suchend, in größerem Maße die heilende Wirkungen Deiner Barmherzigkeit finden.  

Und wie lautet nun die katholische Antwort auf die Frage? Der liebe Herrgott wird schon wissen, was wir uns da zurechtbeten. Und wenn die Fülle und der Reichtum unseres Glaubens in den vielen Übersetzungen ganz besonders zum Ausdruck kommt, dann um so besser.

Samstag, 21. November 2015

Nur Frömmigkeit sah sie, Opfer und Gebet


»Feierlich war ihre Kindheit aufgewachsen in der heiligen hochgetönten Einsamkeit des Tempels.
Nur Frömmigkeit sah sie, Opfer und Gebet, hin zum gütig erhörenden Vater. Und ihr frommer Fleiß, die ernste Anmut ihrer weiblichen Kunstfertigkeit wob am Schmuck des Hauses, in dessen Dienst sie sich gestellt hatte.
Und ruhete sie ihre Finger streckend aus, sie legte sie zum Gebet zusammen. Und neben ihr betete die Blume des frommen Gebetes: die Lilie, die Blüte unantastbarer Reinheit.
Deren makelloser Kelch war der heranwachsenden Jungfrau auch hier an heiliger Stätte ein schärferer Mahner zu unausgesetzter Flucht und Wachsamkeit, die ja ist die Tapferkeit der Seele. Die Seele kann stäubchenloser sein als irgendwas in der Welt und den König und Meister der Seelen erfreuen und erquicken in seiner wunschlosen Heiligkeit.
Und je mehr Tugend, so mehr Pflege, so kostbarer wird sie, um so mehr wird ihr nachgestellt, um so mehr muß sie behütet werden.«
Peter Hille: Das Mysterium Jesu. Wiesbaden: Limes-Verlag 1952, S. 9.
Bild: Kathedrale von Caacupé, Paraguay.

Freitag, 20. November 2015

Hervorgeholt: Oremus pro Francisco mal anders

Zum 40. Todestag des Caudillo sei heute noch einmal ein alter Beitrag hervorgekramt. Möge der Generalísimo in Frieden ruhen ... ein Wunsch, der in diesem Fall sowohl die unsterbliche Seele als auch insbesondere die sterblichen Überreste betrifft.
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Aufgrund der jüngsten Abdankungsnachricht [Link entfernt - Anm.] kam mir eine Fürbitte in den Sinn, die ehemals am Karfreitag in den Ländern der spanischen Krone verrichtet wurde:

Lasset uns auch beten für unseren katholischen Caudillo Francisco, dass unser Gott und Herr alle Barbarenvölker ihm untertan mache zu unsrem beständigen Frieden. 
Lasset uns beten. Beugen wir die Knie. Erhebet euch.
Allmächtiger ewiger Gott, in Deiner Hand sind die Gewalten und die Rechte aller Reiche, schau gnädig herab auf das spanische Königreich, dass die Völker, die auf ihre wilde Kraft vertrauen, durch Deine mächtige Hand gebändigt werden. Durch unsern Herrn. Amen.

Das Gebet fand früher für den Römischen Kaiser und die christlichen Könige Verwendung. In den älteren Schott-Ausgaben mit der alten Karwoche dürfte es ebenfalls noch abgedruckt sein, obige Fürbitte wurde aber auch nach der Reform der Heiligen Woche durch Pius XII. in Spanien weiter vorgetragen, während sie (freilich ohne Caudillo Francisco) in den Messbüchern der anderen Länder verschwand.

PS: In meinem ersten Spanienurlaub habe ich noch mit diesen beiden Herren bezahlt:

Interessant auch die unterschiedliche Prägung: Francisco ist von Gottes Gnaden
Caudillo, Juan Carlos anscheinend "einfach nur so" König von Spanien

Donnerstag, 19. November 2015

Der vorweggenommene Tod

»Je länger die ›Welt‹ sich selber überlassen ist, desto mehr verdichtet sich da Böse in ihr und desto unerlösbarer wird sie. Ihre Existenz nähert sich immer mehr den Formen des vorweggenommenen Todes an: Der Zerfall der natürlichen Ordnungen greift um sich; wie ein Gestank breitet sich in ihr eine vielleicht mit dem Parfum der Humanität noch mühsam verdeckte Vertierung des Menschen aus, eine Angleichung an jenes Böse, das in der Apokalypse in der Gestalt des ›Tieres‹ erscheint. Planmäßig erweitert Satan sein ›Feld‹, immer mehr Weltstoff eignet er sich an, um darin seine eigene Bosheit zu reproduzieren und in immer neuen Formen zu aktuieren. Immer geringer wird der Widerstand, den der Mensch schließlich gegen einen geradezu mystischen Mißbrauch seiner Freiheit, den er manchmal wohl ahnt, wie die Selbstzeugnisse mancher neuzeitlicher Dichter (...) hie und da bezeugen, aufzubieten hat. Das Ende ist eine Verwesung der Menschheit bei lebendigen Leibe. ›Du hast den Namen, daß du lebst, aber du bist tot‹ (Apk 3, 1). Entwicklungen, die ohne ein Eingreifen Gottes mit der der Sünde innewohnenden Logik und also gewissermaßen notwendig verlaufen.«
Alois Winklhofer: Traktat über den Teufel. Frankfurt a.M.: Verlag Josef Knecht 1961, S. 112f. 

Mittwoch, 18. November 2015

Das andere Konzil - Zwischentöne (2)

Das letzte Mal ging es um eine Nachricht an einen Paderborner, diesmal ist es eine von einem Paderborner (ja, es gibt dort scheinbar noch mehr als Libori!): Johannes Brinktrine, der vor dem Konzil der Theologischen Kommission als Konsultor angehörte. Während der eigentlichen Synode hatte er kein offizielle Position mehr inne, aber er arbeitete Sebastian Tromp zu - und an den ging auch folgender Zettel ... mit Bemerkungen, die vielleicht genau so gut aus der unsrigen Zeit stammen könnten:
»Ursachen für langsamen Fortgang:
1) Kurialisten - Gegensatz Episkopat.
2) Episcopi: theol. minus eruditi.
3) brüderl. Liebe bisw. verletzt.
4) Theologen - u. es scheint auch Eppi von Protestant. Ideen beeinflußt.
5) Bei manchen fehlt es an übernatürl. Glaubensgeist.
Bislang: welchen Eindruck bekommen die andersgläub. Beobachter von der Einheit der Kirche?
Von der Liebe, die in d. Kirche henschen soll? Teilnehmer an den Sitzungen kommen, wie ich selbst erlebt habe, u. von anderen gehört habe, niedergeschlagen wieder.«

Dienstag, 17. November 2015

Der domestizierte Gott

Eigentlich wollte ich heute noch etwas zum Herzen Jesu nachreichen, gewissermaßen als Nachtrag zum Fest der - nein, einer der! Heiligen von Helfta. Über verschiedenen Wegen kam ich aber, wie so oft, vom einen zum anderen, von Rahner (ausgerechnet!) ... zu Fridolin Stier. Und seinen folgenden Worten:
»Das Sapientia-Salomonis-Wort: ›Die Gott liebt, züchtigt er‹! Was für ein komischer Kauz, dieser Gott, seine Geliebten zu prügeln, zur Schnecke zu machen! Schickt ihn zum Psycho! Oder, wenn ihr ihn für voll verantwortlich nehmt, psychiatrisch begutachtet, verurteilt ihn wegen grundloser Feindseligkeit, Bösartigkeit, zieht ihn aus dem Verkehr, bringt ihn auf Nummer Sicher, es sei denn...
es sei denn, man halte ihm den mildernden Umstand zugute, daß er unglücklich liebt, eifersüchtig, sich rächt für verschmähte Liebe und wähnt, mit dem Prügel zur Liebe zu zwingen...In deiner Finsternis, Herr, - oder ist es dein blendendes Licht? - tappen meine Gedanken herum, und ihr Gebet klingt wie Lästerung. Erlaß mir die Prozedur, einen theologisch domestizierten Theodizee-Gott aus der Schlinge dieses insipient, widersinnig scheinenden Bibelspruchs zu ziehen. Ich habe es ja mit dir, nicht mit deiner Denkpuppe zu tun. Kant war wohl näher bei dir, als er schrieb, ich weiß nicht mehr wo: Jeder Versuch, Gott zu rechtfertigen, ist ›schlimmer als die Anklage. Soll ich also schweigen, weil auch die Anklage schon ›schlimm‹ genug ist? 
Was soll ich von deinen und deines Sohnes großen Worten halten? ›Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters‹ - also: kein Auto schleudert und kracht an einen Baum, ohne ...
Gibt mir dieses Wort, wenn ich es wörtlich nehme, das Vollkorn deiner Wahrheit? Aber da sind sie schon, deine wackeren Verteidiger, um mich zu belehren, man brauche ›ein Körnchen Salz‹ zum Verständnis dieses Wortes, das als  ›Hyperbolismus‹, als rhetorisch übertreibende Rede zu erklären sei. Was bleibt mir noch an Wahrheit übrig? Wie Salzsäure wirkt, zersetzend dein Wort, das hermeneutische granum salis. Ich aber, ich nehme dich dennoch beim Wort.«
Zitat aus Fridolin Stier: Vielleicht ist irgendwo Tag. Heidelberg: Verlag Kerle 1981. Notiz unter dem 30. September 1971, wenige Wochen nach dem tödlichen Autounfall der Tochter des Autoren. 

Ein paar mehr oder minder passende Worte diesmal nur als Art Appendix:

Sonntag, 15. November 2015

Baumeister am Weisheitsdom


Es gab da die fromme Legende, die besagte, der heilige Albert habe Plan und Grundriss für den Kölner Dom entworfen. Das dürfte vermutlich nicht der Fall gewesen sein, wenngleich er noch den Altar der eben fertiggestellten Domsakristei weihen durfte. An der Predigerkirche Kölns, in der lange Zeit seine sterblichen Überreste ruhten, hat er aber sehr wohl mitgewirkt. Leider überstand das bis dahin zweitgrößte Gotteshaus der Stadt die Revolutionskriege nicht - es wurde von der Besatzungsmacht ausgeplündert und schließlich abgerissen. Ein vom Heiligen gestiftetes Chorfenster konnte glücklicherweise noch in den Kölner Dom gerettet werden.
Nun hat er also nicht Hand an den Entwurf dieser Kathedrale gelegt, doch aber, wie der Ratzinger-Lehrer Söhngen schreibt, den Plan zu einem neuen gewaltigen Dome entworfen, "zu dem neuen, auf den aristotelischen Begriffspfeilern und Gedankenbogen emporstrebenden, christlichen Weisheitsdom, den Alberts Schüler, Thomas von Aquin, vollendete."

Beim Schreiben dieses Beitrages drängt sich mir da eine gewisse Parallele auf. Der Weisheitsdom, auf so festen Fundamenten und Pfeilern begründet, an dem über die Jahrhunderte gebaut wurde, ist nicht auch er nach einer neuerlichen Revolution wie ausgeplündert? Gewiss, ein paar Gebeine, ein zwei Kostbarkeiten sind gerettet ... was das Gebäude aber eigentlich ausmachte, davon blieb uns nicht viel erhalten. Hoffen und bitten wir, dass durch die Fürsprache so großer Gelehrter dieser Weisheitsdom nicht vollends abgerissen wird ... und so Gott will, irgendwann vielleicht gar einmal wieder eine neue und gewaltige Kathedrale ersteht.

Bild: Fassade von St. Albert, Haunstetten.

Samstag, 14. November 2015

Was Staatenlenker nicht vermögen

Es fällt schwer, nach den Ereignissen der vergangenen Nacht einfach weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Nein, geschehen ist etwas, und wir sollen es auch nicht vergessen ... aber noch weniger sollte es uns lähmen. RIP.

Fast zum Gemeinplatz ist es geworden, dass uns mit den getrennten Brüdern des Ostens so viel verbindet und man doch eigentlich hier viel mehr Ökumene haben müsste. Ich will meinen, auch an diesem "Randgebiet" zur Schau gestellter Einheit, institutionalisierter und zwangsverordneter Brüderlichkeit tut sich eigentlich sehr wenig. Vielleicht sind wir einer Kircheneinheit sogar ferner denn je. 
Schaut man auf den Tagesheiligen, so müsste man sich auch eigentlich für ihn schämen. Seine Mittel und Wege, sei es in privater Frömmigkeit, sei es in der Förderung der Kirchenunion ... sind heute alles andere als gerne gesehen, statt Kanonisationsgrundlage wären sie viel mehr Grund zur Leistung öffentlicher Abbitte. Man mag es vielleicht noch als zeitbedingten Fanatismus entschuldigen.
Eine gewisse persönliche Verbundenheit verspürte ich auch stets zu diesem Gottesmann, da dort, wo er sein Martyrium erlitt, in Witebsk ... im letzten großen Kriege auch eigene Ahnen mit Blut den Boden tränkten. Wie sinnlos und leer kommt einem all dies Schlachten vor, gerade unter Christenmenschen ... und auch zu Lebzeiten des hl. Josaphat holte der Schnitter Tod auf den vielen europäischen Kriegsschauplätzen seine furchtbare Ernte ein. Die Staatslenker scheinen wenig dazugelernt zu haben, statt Frieden, Einklang und Gerechtigkeit ... wird wieder, weiterhin und immer noch ... neues und neue Feuer angefacht. Doch kann uns der heilige Bischof-Märtyrer vielleicht lehren, wo und wie ein wahrer Friede, eine echte Eintracht zu finden ist, die nicht von dieser Welt ist ... und auch niemals aus dieser Welt entspringen kann? 

Diese Frucht finden wir vielleicht da, wo Orient und Okzident vereint sind. Im erhabenen Opfer: Verleihe Deiner Kirche gnädig die Gaben der Einheit und des Friedens, die unter den dargebrachten Gaben geheimnisvoll bezeichnet sind. (Stillgebet von Fronleichnam)

Diese Gaben, dieses geheimnisvoll Bezeichnete klingt auch an, so glaube ich, in Reinhold Schneiders Winter in Wien. Der Autor findet, unbeirrt vom bescheidenen Äußeren des Portals, Zuflucht in der Barbarakirche, welche einige Jahre die Gebeine des Heiligen aufbewahren durfte, bis sie in der Nähe des Petrusgrabes die (hoffentlich) letzte Ruhe fanden.
»Innen schweben Kristallüster im Dunkel; zwei Engel, derer jeder drei Kerzen trägt, stehen vor der geöffneten Pforte der Ikonostasis; der Priester im roten Meßgewand singt am Altar, in fremden Lauten, fremdfeierlichen Rhythmen; er schreitet singend heraus mit den heiligen Geräten und kehrt singend zurück; dunkle Männerstimmen antworten hinter dem Opfertisch, der Diakon liest. Eine alte, in Schwarz gehüllte Frau kniet auf dem Boden und küßt den Teppich; eine Mutter führt ihr buntgekleidetes Mädelchen herein; ein junges Mädchen sitzt in einem der Kirchenstühle: das ist für heute die Gemeinde, stark unter erhabenem Ritus, unter dem Schutzgebet der Heiligen, deren Bilder im Kerzenschein ruhn und von den Gewölbefeldern der Decke leuchten. (...) Die griechische, römische und slawische Tradition, dreifacheiniger Glaube und Feierdienst, vereinen sich Tag für Tag im Gesang, unter dem Gebet weniger Frauen und eines Kindes. (...) Und was die Lenker der Staaten nicht vermögen, ereignet sich hier, hinter geschlossener und doch so willig sich öffnender Pforte. Rom und Byzanz in der Gegenwart der Ikonen, das Lateinische, das Slawische (wie stark ist das nordische Element im Griechentum) unter gedämpftem byzantinischen Glanz: Was könnte, was muß dieser Zusammenklang bedeuten!«
Ja, was könnte und was muss es bedeuten!

Freitag, 13. November 2015

Der heilige Thomas, Patron der katholischen Schulen


Wie schon im vergangenen Jahr soll auch heuer wieder an das Patronatsfest der katholischen Schulen erinnert werden. Und zwar diesmal mit der ziemlich jungen Präfation (von 1943) für alle Feste und Votivmessen des hl. Thomas im Missale des Predigerordens:


Vere dignum et justum est, aequum et salutare, 
nos tibi semper et ubique gratias agere, 
Domine sancte, Pater omnipotens, aeterne Deus. 
Qui beatum Thomam Doctorem, 
vitae innocentia et ingenii sublimitate vere angelicum, 
in Ecclesia tua suscitare voluisti, 
ut eam saluberrima et firmissima communiret doctrina, 
et solis instar illustraret: 
cujus sapientiam, omnibus praecipue commendatam,
totus admiratur orbis terrarum.  
Et ideo cum angelis et archangelis,
cum thronis et dominationibus, 
cumque omni militia caelestis exercitus,
hymnum gloriae tuae canimus,
sine fine dicentes: Sanctus, etc.

Es ist wahrhaft würdig und recht, billig und heilsam,
Dir immer und überall Dank zu sagen,
o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott. 
Der Du den seligen Thomas, 
wahrhaft engelsgleich in der Reinheit des Lebens und der Höhe des Geistes,
in Deiner Kirche zum Lehrer emporheben wolltest; 
damit er seine so heilbringende und sichere Lehre überall fest begründe, 
und gleich der Sonne die Himmel erleuchte; 
dessen Weisheit, von allen vornehmlich empfohlen, 
die Bewunderung der ganzen Welt gewann. 
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, 
mit den Thronen und Herrschaften 
und mit der ganzen himmlischen Heerschar
den Hochgesang Deiner Herrlichkeit 
ohne Unterlass rufen: Heilig ...

Donnerstag, 12. November 2015

Das andere Konzil - Zwischentöne (1)

Der Beitrag vom Kollegen drüben erinnerte mich an eine Stelle, die mir bei Recherchen für einen zukünftigen Blogartikel begegneten. Da schrieb nämlich der Freiburger Dogmatiker Friedrich Stegmüller im konzilsglücklichen Jahre 1964 an einen Paderborner Kollegen, dass sich manche
»darin gefallen, auch sichere Antworten wieder einmal in Fragen zu verwandeln. Immer wieder muß ich erfahren, wie eine Unsicherheit um sich greift: 'Was ist eigentlich noch sicher?' 'Glauben wir eigentlich noch dasselbe?' 'Kann die Kirche bei schwindender Glaubenseinheit sich auf eine Kultuseinheit beschränken?
Nun, der Hw. Herr Professor musste einer Antwort nicht lange harren. Nein, das kann sie nicht. Denn auf die schwindende Glaubenseinheit folgte, ganz unausweichlich und schon vor der Liturgiereform, die faktische Aufbrechung der kirchlichen Einheit im Kult.

Mittwoch, 11. November 2015

In den unendlichen Räumen

»Und es ist besser, zu sterben mit einer brennenden Frage auf dem Herzen, als mit einem nicht mehr ganz ehrlichen Glauben: besser in der Agonie als in der Narkose. Die Hoffnung bleibt, daß die Menschheit einmal Christus wandeln sehen wird durch die Räume, wie ihn Petrus sah auf dem Meere. Ist es ein "Gespenst", ein Widerschein der Erde? Ist es der Herr? Fast so groß wie diese Hoffnung ist die Gefahr, daß wir aufschreiend versinken in den unendlichen Räumen.«
Reinhold Schneider: Das Schweigen der unendlichen Räume. In: Pfeiler im Strom. Wiesbaden: Insel-Verlag 1958, S. 242.

Dienstag, 10. November 2015

Diabolus, Dr. theol. - Die Zweite

Eine kleine Reminiszenz an einen alten Summenkommentar


Gewöhnlich geht meinereiner öfters beladen mit einem Sack voll Ärgernissen - nach vollbrachten Tag in academia - gen heimwärts, als selig beflügelt von der Wissenschaft von Gott und den göttlichen Dingen. Dieser Tage war das aber ausnahmsweise mal anders, nämlich wurde mir in der Behandlung von Ia q. 63 a. 3 c. * in des hl. Thomas STh etwas offenbart. Und zwar etwas, was ich irgendwo schon ahnte, ja, gerade in dieser Sache sah ich das Grundübel allen neuzeitlichen Theologierens ... auch auf dieser Seite deutete ich es schon öfters an, noch öfter schwieg ich stille, um niemanden mit meinen Privatanliegen zu ermüden. Nun wurde es mir aber besonders eindrücklich bestätigt, und es sagt viel über Herkunft, Wirkung und Ziel der Sache aus, die mir so zuwider ist:

Der Satan war der erste seiner Art, der Ur-Pelagianer. Derjenige, der als allererster die Gnade des Höchsten verschmähte und Kraft eigenen Vermögens das rauben wollte, was nur geschenkt werden kann: die Seligkeit.


Bild aus Franz Diekamp: Katholische Dogmatik nach den Grundsätzen des heiligen Thomas. Zweiter Band. Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung 1952, S. 75. Der Autor wäre vergangenen Sonntag 151 Jahre alt geworden, Kollege Andreas gedachte seiner dankenswerterweise im letzten Jahre. Ein eigener Artikel wurde anno 2015 leider nicht mehr rechtzeitig fertig. Doch verzaget nicht, in Bälde steht ein runder Heimgangstag eines weiteren bedeutsamen deutschen Dogmatikers und Fundamentaltheologen an, der gerade auf hiesigem Blog nicht unerwähnt bleiben soll. 
*zu Deutsch in der Bibliothek der Kirchenväter

Freitag, 6. November 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (4) - Summen aus Stein

Die gotische Kathedrale ist gleichermaßen Vergegenwärtigung der Passion Christi wie Gegenwart der Glaubenszeugen, Bild der Communio Sanctorum und des verheißenen Paradieses, Repräsentation der Königsherrschaft und seiner Universalität. Kurzum: die Kathedrale ist Symbol des Reiches und der gesamten Christenheit.

Ein umfassender Anspruch, der wie kaum etwas anderes das gesamte christliche Weltbild des Mittelalters wiederspiegelt. Hier wird architektonisch, künstlerisch, mit bildnerischen Mitteln ... das getan, was die großen Summen eines Sentenzenmeisters oder eines Aquinaten im Bereich der (man beachte auch hier das Wort!) Universitäten zu tun versuchten. Nämlich Glauben und Wissenschaft, fides et ratio zu vereinen, und somit die unsichtbaren übernatürlichen Realitäten, die Offenbarungswahrheiten ... anschaulich sichtbar zu machen, das Transzendente greifbare Wirklichkeit werden zu lassen. Die einen taten es mit Tinte, Federkiel und schweren Folianten, die anderen mit Mörtel, Stein und buntem Glas.
Bei den Ausdrücken, die ich hier benutze, muss man aber Vorsicht walten lassen. Hier wird nichts Unwirkliches wirklich, wir verlieren uns nicht in einem Lande Phantásien. Das, was schon ist, in uns und um uns herum, Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart ... das wird ins Bauwerk gefasst. Das, was Über-Wirklich, mehr als Wirklichkeit ist, wird vielmehr hinuntergezogen in unsere Welt, damit wir es mit unseren schwachen Sinnen und verdunkeltem Verstand wahrnehmen können.

Und so breitet sich vor dem Betrachter die ganze Heilsgeschichte aus, von der Schöpfung bis zu den letzten Dingen und dem Jüngsten Gericht. Hier finden wir Jesus in der Krippe und am Kreuz, die Patriarchen und Propheten, König David und Salomo, Darstellungen von Tugenden und Lastern, Weisheit und Torheit, Tierkreiszeichnen bedeuten die kosmische Dimension, Reliefs der herrschenden Häuser verbinden Heils- und Weltgeschichte. Die Darstellung eines alttestamentlichen König-Richters waren nicht nur typologisches Bild, es hatte auch unmittelbaren Bezug zum sich an der Kathedrale abspielenden Geschehen, wo das Gotteshaus auch Gerichtsstätte war.

Maß und Zahl, ewige Ordnungen und logische Gesetze waren also nicht das einzige, was im gotischen Dom sichtbar wurde. In einer Zeit, in der die wenigsten ihre Lettern beherrschten, war es um so wichtiger, dass christliche Inhalte durch Bilder vermittelt werden konnten. Hier verstand der Einzelne seinen Platz im Kosmos, die Welt von Teufeln und Dämonen bedroht, die Kirche einzig sichere Arche, Schutz- und Zufluchtsort, des Rechtes, der Ordnung, und ein Vorgeschmack auf das Paradies.

Natürlich forderte die Kathedrale aber auch Vorwissen. Um zu wissen, was die Bildfolgen darstellen sollten, musste man schon eine Ahnung von den biblischen Geschichten haben. Trotzdem darf man nicht meinen, die Skulpturen, Glasmalereien usw. wären Teil eines umfassenden pädagogischen Programms der Kirche. Denn wenn man aufmerksam schaut, sieht man (oder eben nicht), dass längst nicht jedes Bild mit bloßem Auge zu erkennen ist! Es ist da, aber es ist für den Besucher unten nicht erkenntlich. Wo bliebe da der katechetische Wert?
Derartige "unsichtbare" Bilder sind Zeugen der Geschichte, einer Geschichte, die prinzipiell erkannt werden kann. Sie verschmelzen mit dem Gesamtkomplex der Kathedrale zu einer umfassenden Symbolwelt, die leicht betreten, aber auf Erden nur teilweise und womöglich niemals vollkommen erklommen, nie ganz begriffen werden kann.
Und das ist die Wirkung der gotischen Kathedrale. Sie soll Stein und Glas gewordene Metaphysik nicht nur ein Stückchen weit annehmbar, plausibel machen ... nein, durch die Schönheit und Transzendenz soll sie selbst für das verstockteste Herz ... unwiderstehlich werden.

Sonntag, 1. November 2015

Zwischen Allerheiligenjubel und Allerseelenklagen - Ein Blick zurück (liturgisch)

Die Glücklichen, die dieser Tage noch die altehrwürdige Liturgie feiern dürfen ... bekommen besagte dennoch leider all zu häufig nur auf Sparflamme zu Gesicht und Gehör. Selig, der Sonn- und Feiertags einer Missa cantata beiwohnen und das ein oder andere Proprium hören darf. Levitenamt, Vesper, und alles, was dazugehört ... bleibt den Wenigen vorbehalten. Deswegen an dieser Stelle mal ein kleiner Eindruck davon, was alles so ... früher mal war. Es geht um die Doppelvesper von Allerheiligen und Allerseelen, wie man sie dazumal - im 62er Ritus ist sie schon gestrichen - beging:
Keine Vesper des ganzen Jahres machte auf mich einen so tiefen Eindruck als die zweite Vesper von Allerheiligen mit der sich anschließenden Totenvesper von Allerseelen. Da war der Altar geziert mit den kunstvollen Reliquiarien. Die Heiligen selbst waren anwesend in ihren heiligen Gebeinen auf dem Altar, der da Christus bedeutet. Der Altar war in seine Festtagsgewänder gehüllt, in ein goldenes Antependium, in schneeweißes Linnen. Auf ihm brannten auf sechs goldenen Leuchtern die sechs mächtigen Kerzen. Auf der Rückenwand erglänze das Lamm der Geheimen Offenbarung. Am Thron saß als Stellvertreter des ewigen Vaters der Abt im golddurchwirkten Pluviale. Um ihn saßen "die Ältesten" des Klosters in den weißen liturgischen Kleidern, während unten im Chor die vier Kantores den Vespergesang leiteten, gekleidet in prächtige Pluviale, und der Mönchschor einstimmte in die himmlischen Melodien. In der weiten Abteikirche stand oder saß "die Schar der Gläubigen, die niemand zählen konnte, aus allen Volksschichten". Und über allem flötete und jauchzte und jubilierte die majestätische Orgel. Es war eine Stunde himmlischer Freude. Kaum war das festliche "Benedicamus Domino" verklungen, nahte sich der Rauchfaßträger mit acht Fackelträgern dem Altar. Die vier Kantores bestiegen den Altar und nahmen ehrfürchtig die Reliquiarien und verließen, begleitet von den flammenden Fackeln, die Kirche. Die Seligen des Himmels zogen wieder heim in die himmlische Heimat, die sie nur auf einige Augenblicke verlassen hatten, um mit ihren Brüdern und Schwestern das Allerheiligenfest zu feiern. Der Hohepriester mit seinem vornehmen Dienst schloß sich dem Zuge der heiligen Reliquien an. Symbolisch verließ auch Gottvater mit den Ältesten die Erde. Die ganze ehrwürdige Prozession war eingehüllt in Weihrauchdurft, von dem der apokalyptische Seher schreibt, daß er sei "Das Gebet der Heiligen " (Geh. Offb. 5,8). Die Lichter erlöschen. Die Orgel seufzt in klagenden Tönen. Schwarzgekleidete Mönche breiten einen schwarzen Teppich vor dem Altar aus. Gelbrote Kerzen flammen auf. Priester in schwarzen Bauschmänteln treten an den Altar und beginnen den Klagegesang des Fegefeuers. "Ich will wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen." Der Allerheiligenjubel ist verstummt, die armen Seelen klagen.
Pius Parsch: Das Jahr des Heiles, III. Bd: Nachpfingstteil. Klosterneuburg: Verlag Volksliturgisches Apostolat 1953, S. 728f. (Fußnote: Dieser schöne Bericht stammt von Pfarrer Kutzer, Mindelzell).