Samstag, 10. Oktober 2015

Schön ist, was gefällt - des hl. Thomas Ästhetik (1)

Mensch, nichts ist unvollkomm’n. Der Kies gleicht dem Rubin,
Der Frosch ist ja so schön als Engel Seraphin.
- Angelus Silesius

Der hl. Thomas war, so meint Maritain, von ebenso großer Weisheit wie nüchterner Schlichtheit. Darum hat er es geschafft, das Schöne mit bloß drei Worten zu definieren: quae visa placent, was im Angeschautwerden gefällt. Abstrakt und vage klingt das, gemeinplätzig, möchte man fast einwenden. Aber genau das macht sie so exakt, tiefsinnig und richtig.

Wie das beim Aquinaten immer so ist ... hinter jedem noch so kleinen Sätzchen steckt ein ganzer Berg von Gedanken. Und die Philosophen, die Theologen, arbeiten sich daran wie an einem Steinbruch ab und schreiben ganze Bände darüber. So auch hier. Zum Glück hilft Thomas uns an anderer Stelle noch einmal weiter und gibt uns noch eine Definition dazu. Schön wird das genannt, dessen Wahrnehmung selbst gefällt, id cuius ipsa apprehensio placet. 

Was brauchen wir also für die Schönheit? Das Schauen, d.h. die intuitive Wahrnehmung, und das Wohlgefallen. Schönheit ist das, was Wohlgefallen bringt, aber nicht irgendein Wohlgefallen, sondern Wohlgefallen im Wahrnehmen. Nicht der Erkenntnisakt selbst ist es, der gefällt. Das Gefallen quillt daraus hervor, erfüllt unsere Seele wegen des erkannten Objektes.

Wenn das schiere Wahrnehmen uns also ergötzt und erfreut, dann ist etwas schön.

Wir haben gesagt, dass es das Wahrnehmen ist, welches das Wohlgefallen mit sich bringt. Das bedeutet, das Schöne steht vor allem in einer Beziehung zur Erkenntniskraft.
Wenn etwas nur über den Verstand erkennbar ist, nennen das die Philosophen intelligibel. Hier, im Intellekt, im Verstand, dort hat die Schönheit ihren eigentlich Platz. Was könnte auch sonst diesen unendlichen Ozean fassen, die Schönheit des Seins ... wenn nicht der Kosmos, der unsere Seele ist?
Nur ein Problem tut sich auf. Wir erfassen eben die um uns liegende Welt durch die Sinne. Nur sie ermöglichen uns dieses intuitive Erkennen, durch das wir Schönheit wahrnehmen. Das Schöne gefällt dem Verstand durch die Sinne.

Der schon eingangs erwähnte Maritain, der ein großer Ästhet war, sagte, dass durch die Schönheit das Paradies, der Garten Eden, nicht ganz verloren ist. Das Schöne, und sei es nur für einen Moment, stellt den Frieden und die Freude im Einklang von Verstand und Sinnen wieder her, die im Paradiese herrschten. 

Kommentare:

  1. Just vorgestern habe ich ein passendes Zitat zu diesem spannenden Thema gehört: Wir müssen lernen, durch Schönheit zu evangelisieren! (Pierre-Marie Delfieux, Gründer der Monastischen Gem. von Jerusalem)

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    1. Nun müssen wir ja nur noch herausfinden, was Schönheit ist. ;-) Freilich hat die viele Facetten ... was uns vielleicht ganz besonders interessiert, die geistliche und transzendente Schönheit, darauf werden wir hoffentlich noch kommen.

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