Donnerstag, 22. Oktober 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (2) - Die Himmelsstadt

Wer du immer verlangst, die Pracht der Tore zu rühmen, nicht bewundere den Stein und den Aufwand, sondern die Arbeit. Herrlich glänzet das Werk, doch das Werk, das herrlich erglänzet, möge erhellen die Geister, damit sie, wahrhaft erleuchtet, kommen zum wahren Licht, wo Christus in Wahrheit die Tür ist. Was im Innern ist, zeigt hier die steinerne Pforte. Durch die Materie schwingt sich der Geist, der schwache, zur Wahrheit und entwindet dem Irdischen sich, umstrahlt von dem Licht.
- Am Tore von St. Denis

Im ersten Teil dieses Exkurses tauchte im Kommentarbereich die Frage auf, ob man nicht das, was ich da beschrieb, nicht auch in einer jeden anderen Kirche sehen kann - nicht nur in der gotischen Kathedrale. Man könnte die Frage durchaus mit einem klaren "Ja" beantworten. Der Leitspruch der Gotik, Ecclesia materialis significat ecclesiam spiritualem, die materielle Kirche bedeutet die geistige, kann für jede Kirche gelten, erst recht jede mittelalterliche. Schon seit jeher bedeutete Ecclesia Gotteshaus und Gemeinde. 

Kirchenbau war auch schon immer ein Symbol des himmlischen Jerusalems. Darum stellt sich weniger die Frage, was die Gotik darstellen will, daran ist nichts Neues oder Außergewöhnliches. Man darf also nicht fragen, ob der gotische Sakralbau eine Vision Jerusalems in Stein und Glas verwirklicht, sondern vielmehr, wie sie das tut. 
In früherer Zeit war die Kirche vielleicht mehr Festsaal und Triumphweg zum Altar-Thron der Gottheit, später die Gottesburg von regnum und sacerdotium, ein Spiegelbild der jenseitigen und irdischen Hierarchie. In der gotischen Kathedrale nimmt aber das himmlische Jerusalem eine neue Gestalt an. Sie wird zur Himmelsstadt.

Wer sich ein ein erstes Bild von dieser Himmelsstadt Jerusalem machen will, der braucht bloß seine Bibel aufschlagen. Der Seher von Patmos beschreibt sie nach visionärer Schau in Offb. 21, 1-3; 9-25. Will man die Passage näher verstehen, dann muss man sie so auslegen, wie sie ihre damaligen Leser verstanden, nämlich nach dem vierfachen Schriftsinn.
So ist Jerusalem im Literalsinn die historische Stätte der Passion Christi; im typologischen, bildhaften Sinn ist sie die wohlgeordnete Gemeinde bzw. der Staat; im allegorischen Sinn die Kirche; anagogisch verstanden ist sie das ewige Leben, das Paradies, das Himmelreich. In der gotischen Kathedrale kommen all diese Aspekte zusammen, denn der Teil steht immer auch für das Ganze, pars pro toto.

Schaut man sich den Sakralbau also durch die Offenbarungsbrille an, ist kaum zu übersehen, dass er ein Abbild der Himmelsstadt ist. Sie steht begründet auf festen Mauern, in ihren Toren ist sie weit geöffnet und umstanden von hohen Türmen. Die Dreizahl von Portalen, die Johannes beschreibt, findet sich oft an den Fassaden; die himmlischen Heerscharen wachen an den Strebepfeilern, in den Wimpergen, Nischen und Tabernakeln wohnen die heiligen Männer und Frauen, gleich dem Hause, das viele Wohnungen hat. Aber die Kirche ist auch Ort der Passion Christi, die Glasmalereien, in Statuen und Reliefs fast spürbar gegenwärtig wird.

Kann jemand bezweifeln, dass es die Stadt ist, die reinem Golde gleicht, wie Kristall in ihren Wänden ist, edelsteinfunkelnd, bräutlich geschmückt?

Ich merke schon, diese Serie wird immer länger, je mehr Gedanken ich mir dazu mache. Aber bevor wir zu philosophischen Feinheiten schreiten, müssen wir nach diesem Blick auf den gotischen Dom von außen ... auch erst einmal noch eintreten. Das beim nächsten Mal.

Kommentare:

  1. "Gebe Gott, daß wir diese Stadt so regieren, daß herabsteigt unter uns jene himmlische Stadt, von welcher der Apostel spricht: Ich sah die Stadt Jerusalem."

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    1. Sehr löblich, den heilgen Albert in Ehren zu halten. :-)

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    2. Das Zitat sprang mir vorhin förmlich ins Auge, als ich ein Buch aufschlug... Zufall? ;-)

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