Dienstag, 20. Oktober 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (1) - Kunst als Sakrament

Locus iste a Deo factus est, inaestimabile sacramentum; irreprehensibilis est. 
Dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein unschätzbares Sakrament, kein Fehl ist an ihm.
- aus dem Graduale der Kirchweihmesse

Die eingeborene Kollegin unterm Kreuze begann just eine Serie über die Gotik. Das passt mir gerade doppelt und dreifach gut, denn nach einer Randbemerkung in meiner eigenen kleinen Ästhetik-Serie wurde ich gefragt, ob ich nicht ein wenig über Sakralarchitektur schreiben könne. Wäre zwar wunderbar, nur so richtig können kann ich das aus "technischer" Sicht leider nicht. Das wäre ein ziemlicher Murks geworden. Also fiel mir als ein Stein von Herzen, dass jemand mit echter téchne an die Sache herangeht.

Nun schreibe ich hier, so verrät es der Titel, doch etwas zum Thema. Das hat der Gründe zwei. Einmal würde ich das in den Serienbeiträgen Gesagte - ich bin mal wieder recht unzufrieden damit - nochmal gerne etwas anschaulicher und farbenfroher gestalten. Zum anderen könnten sich die Artikel drüben wie hüben vielleicht wunderbar ergänzen und gegenseitig vertiefen. Was unigentia vorhat, weiß ich natürlich nicht so ganz genau, ich will aber natürlich über die theologische und metaphysische Dimension des gotischen Kirchenbaues sprechen. Gesprochen ist damit jetzt auch genug in eigener Sache.

Wenn wir von einer mittelalterlichen Weltanschauung sprechen, dann ist damit ein wichtiger Punkt fast schon gesagt. Von zentraler Bedeutung war nämlich das Schauen. Thomas sagt, dass schön ist, was im Angeschautwerden gefällt. Die schönen Dinge, die von Gott ihre Schönheit haben, nehmen wir durch die Sinne wahr. Damit sind in senso lato alle Sinne gemeint, besonders aber der Gesichtssinn. Es ist daher kein Wunder, dass für die Alten der Himmel hier zuallererst beseligende Schau, visio beatifica ist.

Nun wissen wir, dass Gottes Wesen nicht mit unseren Augen geschaut werden kann, erst recht nicht auf Erden. Er hat auch gar keinen Körper, besteht nicht aus Stoff, Materie. Was wir aber wahrnehmen können, sind Dinge, die Gott auf gewisse Art ähnlich sind, so wie es auch die heiligen Schriften tun, die die göttlichen Dinge metaphorisch durch sinnliche beschreiben. Hier liegt der Schlüssel zu einer Weltanschauung, die man "sakramental" nennen kann: Stoffliches steht für Geistiges, und durch das Stoffliche nehmen wir das Geistige wahr. "Was materiell ist, in Immaterielles verwandeln", ein Gedanke Abt Sugers, das ist zentrales Anliegen der Gotik; das Unbekannte durch das Bekannte erkennbar werden lassen.

All das wird möglich, weil geschöpfliche Schönheit nichts anderes als ein Abbild göttlicher Schönheit ist, die an den Dingen Anteil hat. Wie man zu jener Zeit die Sakramente als Vehikel oder Gefäße göttlicher Gnade sah, so war auch die Kunst bloßes Gefäß geistiger Inhalte. Die gotische Kathedrale will demnach nicht nur Zeichen hin/zu/auf das Göttliche sein, sondern tatsächlich "Fleischwerdung" der himmlischen Wirklichkeit. Mit der Himmelfahrt hört die inkarnatorische Kommunikation Gottes mit uns nicht auf, er wirkt sie weiter durch Seine sichtbaren und stofflichen Mittel.

Wir transzendentieren hier also den bloß äußerlich-ästhetischen Rahmen um Längen. Die gotische Kirche verwandelt Materie und Raum, um die Gesamtrealität der erlösten Schöpfung nicht nur sichtbar zu machen, sondern wirklich mitzuteilen, so wie sie sakramental in der Kirche Gottes sichtbar ist und mitgeteilt wird.

Kommentare:

  1. Das war ein schöner Beitrag, der auch nicht ganz so kompliziert war wie gewisse Kommentare.:-)
    Eine Frage hab ich trotzdem (auch wenn sie vielleicht ziemlich dumm ist): Wieso beschränkt sich das alles nur auf die Gotik? Damit ist ja irgendwie gesagt, dass Gott erst ab dem Mittelalter angefangen hat "durch Seine sichtbaren und stofflichen Mittel" zu wirken... Und davor?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ich habe auch überlegt, ob ich das noch etwas anders formulieren sollte. Hier geht es eben um eine recht bewusste Theologie und Metaphysik, die zumindest in den Hinterköpfen der Bauherren der Gotik steckte. Ich denke, das inkarnatorische Prinzip war - zumindest in dieser Weise - im Denken der Altvorderen der Alten noch nicht so ausgeprägt. Das tut natürlich der Sache keinen Abbruch, Ähnliches etwa in einer alten Basilika zu sehen. Und die Sakramente gab es freilich auch schon. ;-)

      PS: Die Gotik (welche eigentlich?) ist auch noch nicht einmal mein liebster Baustil, muss ich zugeben, aber ich schätze sie immer mehr.

      Löschen
    2. Ich hoffe, ich darf an dieser Stelle mal noch etwas aus baugeschichtlicher Sicht ergänzen.
      Es ist ja so, die Basilika, die ja jahrhundertelang und sogar noch in der Gotik lange DER Gebäudetyp für Sakralbauten war, ist ja keine Neuschöpfung gewesen, sondern in Abgrenzung zu heidnischer Tempelarchitektur aus dem weltlichen Bereich übernommen worden. Die Gotik bricht diesen Typ quasi auf (im wahrsten Sinne des Wortes) und entwickelt ihn weiter.

      Löschen
    3. Das darfst Du nicht nur, das sollst Du sogar! ;-) Dankeschön!

      Löschen
    4. :-)

      Verrätst du uns denn, welcher dein liebster Baustil ist?

      Die eingeborene weiß noch garnicht so recht, was sie vorhat. Von daher ist dem gegenseitigen Ergänzen keine Grenze gesetzt!

      Löschen
    5. Ich gebe zu, so einfach kann ich das gar nicht mehr benennen, irgendwie ist da mein Geschmack mit der Zeit immer universaler geworden. Angetan haben es mir sicher die alten Basiliken, spätantik-frühbyzantinische Bauten, oder auch der normannisch-sizilianische Stil. Überhaupt mag ich es gerne düster, dafür darf es aber dann auch goldig sein. ;-) Privat würde ich mich aber vermutlich noch am wohlsten in kleinen romano-(neu)gotischen Kirchlein auf dem Lande fühlen.

      Wunderbar! Ich weiß auch nie so genau, was ich vorhabe, ganz ohne Schmierzettel und doppelten Boden. Das göttliche Licht kann also ganz ungehindert strahlen!

      Löschen
    6. PS: Das ich zu einem gewissen Banausismus neige, ist es auch sehr gewagt, dass ich hier überhaupt über Kunst schreibe. Das habe ich mich jetzt zum ersten mal getraut.

      Löschen
    7. Okay, vielleicht wurde es ein wenig deutlicher... Ich bin mir noch nicht so sicher wie ich das einordnen soll. Ich denke eben auch, dass jemand auch genauso was in einer alten Basilika entdecken kann, auch wenn es vielleicht dann vielleicht gar nicht der wahren (?) Intention des Bauherrn entsprach. Wenn man es so betrachtet, ist bei der Gotik dann ja alles genau dahin ausgerichtet, dass jeder genau so was erkennen muss/soll? Das man gar nichts persönliches für sich selbst mehr erkennen kann, weil es ja schon von vornherein so geplant war, dass man genau das erkennen soll... Ich hoffe das ist gerade nicht zu verwirrend was ich meine? :-D

      Kunstgeschichtlich kann man mir auch alles erzählen und ich müsste es glauben - Würde so was nie erkennen oder sehen, vielleicht wenn man mich wirklich mit der Nase drauf stößt, aber sonst... Vielleicht lerne ich ja jetzt zumindest gotische Kirchenbauten zu erkennen. ;-)

      Löschen
    8. Die gotischen Kirchen haben zwar auch ein gewisses pädagogisches Element, aber zuerst sind sie ein Mikrokosmos, ein Symbol des neuen Jerusalems und die Pforte des Himmels. All das will gar nicht so sehr erkannt werden ... die Kirche soll es sein. Und wenn wir uns vielleicht ein klein wenig öffnen dafür, in der Welt Zeichen zu erkennen, größerer, metaphysischer Realitäten ... und wenn wir dann die Augen schließen, die Augen des rationalistisch zersplitterten Menschen, der keinen Blick mehr hat für lebendige Gesamtheiten ... und dann eintreten in eine gotische Kathedrale ... dann spüren wir vielleicht: Ja, so muss der Himmel sein.

      Löschen
    9. Tarquinius, das ist interessant. Bei mir wars genau umgekehrt. Es wurde immer spezieller die Gotik. Düster und goldig ist natürlich auch sehr hübsch... Ansonsten kann ich mich noch sehr für das ausgesprochen spezielle Thema der Gebetsrichtung in frühchristlichen, römischen, "eingangsgeosteten" Basiliken begeistern. Aber das ist wirklich eine andere Baustelle....
      Den Banausismus merkt man nicht im geringsten. Wirklich!

      Carina: Ja. Im Grunde ist das das Ideal. Dass der Betrachter / Benutzer genau das wahrnimmt, sieht, empfindet, was der Bauherr, bzw. der Baumeister im Sinn hatte. Und das gelingt eben nur, wenn die technischen Voraussetzungen erfüllt sind. Kunst, bzw. Architektur drückt ja immer auch die Geisteshaltung ihrer Zeit aus, daran kann man leicht sehen, wieviele verschiedene Haltungen wir in unserer Zeit haben. Und will natürlich auch lehren, zeigen, erziehen. Ich denke, es bleibt da noch genug Raum für persönliches.

      Löschen
    10. das hat sich jetzt überschnitten...

      Löschen
    11. Danke für eure Antworten, das war beides interessant. Ich frag mich bloß ob dann "zu viel wissen" einen selbst nicht zu sehr in was hineinzwingt. Das man was sieht, was man sonst vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte und zwanghaft versucht da noch mehr zu sehen und vielleicht am Ende eher frustriert ist.
      Zumindest kann ich es mir für mich sehr gut vorstellen, dass so was passieren könnte...

      Löschen
    12. Es hat sich doch super ergänzt. ;)

      Ich kann ebenfalls sagen, dass mir die Gotik immer mehr zusagt. Die Beschäftigung hier hilft auch dabei. Passt ja auch eigentlich sehr zu meiner theologischen Heimat.
      Gerade heute kam übrigens bei uns das Thema christliche Archäologie/Restauration um die 60er Jahre auf, wo schon mal antike Kirchen bzw. die Altäre kurzerhand "gewestet" wurden. *grusel*

      Noch mal zum Thema eben. Wenn man da so neuere Literatur liest, werden ja vielerlei Absichten der Baumeister, die man lange Zeit hineingelesen hat, in Abrede gestellt oder zumindest bezweifelt. Ich wiederum zweifle lieber an den Modernen. ;) Wir sind schon recht nahe an der Wahrheit dran, denke ich.

      Und da bin ich ja erleichtert, dass man mir den Banausismus nicht so anmerkt, dankeschön. ;)

      Löschen
    13. Die 60er Jahre.... als die unsägliche westliche Gebetsrichtung, zumindest des Priesters am Altar...hinterm Altar..., ihren Anfang nahm... ;-)

      Also, ich würde sagen, zur damaligen Zeit spielte auf jedenfall der Zufall durchaus noch eine Rolle... also Versuch und Irrtum auf jeden Fall. Was mir öfter schon unterkam ist, dass Baumeistern gerne mal eine eigentlich antikirchliche Haltung und "geheime Symbolsprache" unterstellt wird.

      Löschen
    14. Carina: Ich würde sagen, es könnte passieren, dass man in dem Fall einfach nur vollständig versteht, was man ohnehin schon weiß, bzw. fühlt.

      Löschen
    15. Da bleibt nur eins: testen. :-)

      Löschen
    16. Auf jeden Fall!! Teste! Es gibt doch bestimmt was nettes gotisches in deiner Nähe.

      Mir ist aber noch was eingefallen, was das "zu viel wissen" betrifft. Man muss sich natürlich darüber klar sein, dass man es nicht mit den Augen der damalig lebenden Menschen sieht. Dafür wissen wir schon zu viel, besonders zur Physik. Aber gerade deshalb müssen wir noch mehr wissen um wieder halbwegs den "original gotischen Blick" zu bekommen.

      Löschen
  2. Jau, Kumpel! Das iss richtich. Tu' ma' deine Artikels farbenfroher mach'n tun un' tu' 'n paar blumige Metafern wie Eiße oder Acke rein. Dann tu'se noch klassiger Schreiben tun als 'se das schon tu'n tus'.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So ähnlich mach' ich das schon, ich tu' jetzt vor allem nähmisch immer blau schreiben! Tut man nur nich' immer seh'n.

      Löschen
  3. Das iss ganz einfach. Tu'se element.style {
    color: blue;
    text-align: left;
    } in'ne css Datei von'nen Text reintu'n

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, Kumpel. Bis jetzt hab' ich immer nen' Flaschenöffner oder 'ne Buddel Theorum genommen, aber wenn das auch so geh'n tut. :D

      Löschen