Montag, 12. Oktober 2015

Eine Berührung der Seele - des hl. Thomas Ästhetik (2)

Kein Anblick als der der Welt ist nämlich unerschöpflicher, 
keiner ist schöner und vortrefflicher. (...)
Wenn dies aber nur uns Menschen bekannt ist, muss man urteilen, 
dass es um des Menschen willen geschaffen wurde.
- Marcus Tullius Cicero (De Natura Deorum, l. ii, 155)

Das letzte Mal sagten wir, das Schöne gefalle dem Verstand durch die Sinne. Was gefällt aber nun dem Verstand genau daran? Thomas gibt eine Antwort, die im Grunde zunächst nichts Neues ist. Er folgt den großen Denkern am Scheidepunkt von Antike und Mittelalter, wie Augustinus und Boethius, die wiederum einem Alten folgen: Pythagoras (in der Schmiede). Wir erinnern uns, der antike Philosoph fand heraus, dass der musikalische Wohlklang mit gewissen ganzzahligen Verhältnissen in einem Zusammenhang steht. In dieser guten Tradition befindet sich also Thomas, wenn er sagt, dass das Schöne in einem bestimmten Verhältnis, einer rechten Proportion besteht - und daran erfreut sich der Verstand. 

Je nachdem, wie man tickt, kann das entweder reichlich komisch und trocken oder ganz einleuchtend klingen. Das Mittelalter und sein Schönheitsverständnis lebte auf jeden Fall mit aus dieser Theorie, und versuchte die Ordnung, die man im Kosmos sah, in der Sakralarchitektur auf die Erde zu bringen. 
Aber zurück zum eigentlichen Thema. Die Sinne und der Verstand sind dazu bestimmt, in den Dingen Ordnung und einen bestimmten Sinn zu erkennen, und darum sind sie gewissermaßen der Anlage nach Ordnung und Vernunft. Sie stehen selbst in einer rechten Beschaffenhaft. Dazu sind sie da. Und das ist auch der Clou. Die Seele wird sich im Erkennen der Ähnlichkeit bewusst, die sie mit dem Erkannten hat, ihr erschließt sich die Ordnung und der Sinn der Dinge. Und das löst das Wohlgefallen aus, welches man Schönheit nennt. 

Aber bevor es so weit ist, müssen erst noch ein paar Bedingungen erfüllt werden. Vielleicht erschließt sich alles dann noch ein wenig mehr. Aber das erst beim nächsten Mal. Nur noch ein Satz, den ich mal irgendwo aufschnappte, der den Inhalt des vorherigen Absatzes wesentlich poetischer und tiefgründiger beschreibt, als ich das jemals tun könnte: Nicht wie ein pochender Fremder schreckt Schönheit die Seele auf, vielmehr erweckt sie sie ... mit vertrauter Berührung.

Kommentare:

  1. Beim Thema 'Sakralarchitektur' darfst Du in einem anderen Beitrag aber auch gerne einmal verweilen!

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    1. Ich lehne mich bei diesem Thema schon sehr stark aus dem Fenster, ich fürchte, wenn ich Kunst und Architektur noch konkreter angehe, falle ich noch ganz heraus. ;-) Aber mal schauen, was sich machen lässt. Einige andere Dinge, die Thomas aufgreift, spielen da nämlich auch eine Rolle, gerade die claritas bzw. der splendor.

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  2. Ist ja alles schön und gut mit dem Bewusstwerden einer Ähnlichkeit mit dem Erkannten im Vorgang des Erkennens ... aber wo ist eigentlich deine Fratzbuchkennung abgeblieben? *wegduck*

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    1. Bei der ästhetischen Schönheit sind wir noch nicht! Jedenfalls fehlt mir dazu wohl die ... Zucht. Aber das ist auch Thema des nächsten (?) Beitrages, der mal wieder versuchen wird, die Anregung ("Ratschläge sind auch Schläge") eines kritischen Zeitgenossen irgendwie umzusetzen ... ;-)

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