Samstag, 3. Oktober 2015

Die sexuelle Ordnung und das andere Konzil (6): Die heilige Jungfräulichkeit [und noch so'n paar Konzilsgeschichten]


Erinnert sich noch jemand an den letzten Beitrag, in dem es unter anderem auch über die Demographie ging? Eine kleine Zusatzinfo, die ich letztens vergaß: Die mit den Moralfragen betreute Unterkommission war der Ansicht, dass eine Überbevölkerung des Planeten nicht möglich sei. In der Zentralkommission entbrannte darüber eine heiße Diskussion. Ich zitiere aus Lubacs Konzilstagebuch einige Hauptakteure von besonderem Interesse:

P. Gustav Gundlach, SJ:
»Theoria 'superpopulationis absolutae' probari nequit, nisi negando indolem spiritualem agendi humani; immo nisi defectus divinae Providentiae ponatur in ordine creationis ab ipso sapientissimo Deo constituto.
Die Theorie der 'absoluten Überbevölkerung' kann nicht bewiesen werden, ohne den geistlichen Charakter menschlichen Handelns zu leugnen, mehr noch, ohne einen Fehler der göttlichen Vorsehung in der Schöpfungsordnung anzunehmen, die vom weisesten Gott selbst eingerichtet wurde.«
P. Sebastian Tromp, SJ:
»Non debemus loqui sociologice, sed theologice. Veritas theologica nullo modo pendet a scientia sociologica.«
Wir dürfen nicht soziologisch, sondern theologisch sprechen. Die theologische Wahrheit hängt in keiner Weise von der soziologischen Wissenschaft ab.«
Alfredo Kardinal Ottaviani:
»Per textum Geneseos, 'Crescite et multiplicamini', explicite excluditur possibilitas superpopulationis absolutae.
Durch der Genesispassage "Wachset und mehret euch" wird die Möglichkeit einer absoluten Überbevölkerung explizit ausgeschlossen.«
Freilich kam man nicht umhin - und hier nähern wir uns der Lubac'schen Pointe - einen uralte Story aus dem Hut, oder vielmehr aus der Mottenkiste der kirchenfeindlichen Polemik zu zaubern. So sagte

Bischof James Griffiths:
»Tamen, caute debemus procedere, ne iterum forte dicatur: E pur si muove!«
Indes, wir müssen vorsichtig voranschreiten, damit nicht wieder jemand sagen möge: Und sie bewegt sich doch!«
Fehl nur noch die Moral von der Geschicht': »Beim Hinausgehen wird P. Congar zu mir sagen: 'Es ist immer das gleiche, Jahrhundert für Jahrhundert. Frühere Erfahrungen haben sie nichts gelehrt etc.'«

Ich mochte das eigentlich noch kommentieren, aber der Beitrag wird ohnehin schon zu lange, der Leser möge sich also seine eigenen Gedanken dazu machen. Und vielleicht mit Erstaunen feststellen, dass sich die Plattitüden vermeintlicher Spitzentheologen im Laufe der jüngeren Geschichte auch nicht groß geändert haben. Oder anders ausgedrückt: Sie haben aus der Vergangenheit nichts, aber auch gar nichts gelernt.

Wie dem nun auch sei, was passt besser zum Fest einer Jungfrau als ein Abschnitt über die heilige Jungfräulichkeit? Nun denn:
»Die heilige Mutter Kirche jauchzt vor Freude ob der großen Anzahl derjenigen, die in verschiedenen Regionen, insbesondere in den kürzlichen gegründeten Kirchen, unter Eingebung und mit Hilfe des Heiliges Geistes, den Stand der heiligen Junfräulichkeit ergreifen. Aber sie beobachtet auch mit Sorge, dass in nicht wenigen Gegenden, in denen die heilige Jungfräulichkeit Zierde vieler Familien war, die Zahl derer, die durch göttliche Gnade den Stand anstreben, der so außerordentlich von Gott geliebt wird, sinkt und manchmal merklich vermindert ist. Dies geschieht nicht nur aufgrund eines weltlichen Geistes, der heute mehr denn je in katholische Familie eindringt, sondern auch wegen der Irrtümer bezüglich des Wesens der Ehe und der heiligen Jungfräulichkeit, die verstreut und verbreitet werden. Durch schwere Not gezwungen, erneuert sie die strenge Verurteilung, die einst das Konzil von Trient gegen jene vorbrachte, die es wagen zu behaupten, dass der Ehestand gegenüber dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates zu bevorzugen ist, und sie verwirft ebenso die Ansichten derjenigen, die sagen, dass das Band des Zölibates ohne Wert, ja, dass er heute unmöglich sei und die Befugnisse der Kirche überschreite und gemäß dem Willen des Einzelnen gelockert werden müsste. Sie muss auch die gefährliche und dem Kirchenleben schädliche Ansicht streng verwerfen, die lehrt, dass die Pflichten in Bezug auf die jungfräuliche Keuschheit, die von jungen Menschen angenommen werden, welche sich Gott weihen wollen, praktisch nicht existierten, da von Jugendlichen von vornherein und allgemein eine mangelnde psychologische Reife und die fehlende Erfahrung mit dem anderen Geschlecht angenommen werden müsste.
Schließlich hält die Heilige Synode christliche Eltern an, durch Gebet, der Reinheit des Lebens und einer Hochachtung vor dem priesterlichen und dem Ordensstand heilige Berufungen zu fördern, in dem Wissen, dass die keusche Ehe dann am meisten geehrt ist, wenn aus ihr die Blüten der heiligen Jungfräulichkeit hervorgehen.«
Man beachte den Wechsel des Quelltextes. Im zuletzt meistzitierten Band findet sich dieser Paragraph nicht. Die Unterschiede zu vorherigen Schemata-Varianten sind z.T. erheblich. Einige Bände der Acta Synodalia sind seit kurzem auch online verfügbar. 

Schema der Theologischen Kommission: Von der Keuschheit, der Jungfräulichkeit, der Ehe und der Familie. III. Teil: Die heilige Jungfräulichkeit. 
AS I/IV 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1971, S. 768f. Ohne Fußnoten.

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