Mittwoch, 14. Oktober 2015

Der Mensch und die sinnliche Schönheit - des hl. Thomas Ästhetik (3) [mit J. Pieper!]

In der letzten Folge blieben wir dabei stehen, dass die Schönheit in einer rechten Beschaffenheit der Dinge besteht. Und außerdem, dass die Wahrnehmung sich in der erkannten Ordnung und Sinnhaftigkeit selbst wiedererkennt und darum "Schönheit"empfindet. Eigentlich wollte ich nun die drei Bedingungen nennen, die Thomas damit verknüpft ... aber es muss doch noch einmal inne gehalten werden, denn wir befinden uns schon an einer höchst bedeutsamen Stelle.

Wir merken nämlich, dass die Schönheit, so betrachtet, die sinnliche Schönheit, ein rein menschliches Phänomen ist. Den Tieren fehlt der notwendige Geist, sie können sich zwar über Dinge freuen, wie der Löwe sich über eine Sichtung des Hirschen als proteinreiche Hauptmahlzeit freut ... aber uns Menschen ist es vorbehalten, sich an der Sache, der sinnlichen Schönheit selbst und ihrer Angemessenheit (propter convenientiam sensibilium) zu erfreuen. Wären wir uns doch mehr dieser Würde bewusst! 

Besonders eindrückliche Worte findet dazu Josef Pieper, den ich mal ausnahmsweise nicht nur als Inspirationsquelle heranziehen will, sondern wörtlich zitiere:
»Man liest und hört nicht selten, in der Unzucht sinke der Mensch auf die Stufe des Tieres hinab - eine mit Vorsicht zu gebrauchende Wendung; denn Unzucht (wie auch Zucht) ist etwas ausschließlich Menschliches, weder der Engel kennt sie noch das Tier. Aber von jener Unterscheidung her bekommt die Redensart doch einen guten Sinn: ein unkeuscher Genußwille hat die Tendenz, den Gesamtbestand der sinnlichen Welt, besonders die sinnliche Schönheit, einzig auf die Geschlechtslust zu beziehen. Nur eine keusche Sinnlichkeit also vermag die eigentlich menschliche Fähigkeit zu verwirklichen, sinnliche Schönheit, etwas die des menschlichen Leibes, als Schönheit zu gewahren und sie, unverwirrt und nicht befleckt von einem alles vernebelnden selbstischen Genußwillen, um ihrer selbst willen, ‚propter convenientiam sensibilium‘, zu genießen. Es ist mit Recht gesagt worden: nur wer ein reines Herz habe, vermöge frei und befreiend zu lachen. Nicht minder gilt, daß nur, wer mit reinen Augen in die Welt blickt, ihre Schönheit erfährt
(Werke, Bd. 4. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1996, S. 160)
Hier deutet sich schon an, was echte Schönheit ... und auch Hässlichkeit ist. Das wird in den nächsten Teilen ein wichtiger Gedanke bleiben.

Kommentare: