Freitag, 2. Oktober 2015

Dass sie Dich behüten


»Was ist besser, sag mir? Über den Nachbarn und seine Angelegenheiten sprechen,
sich neugierig nach allen Dingen erkundigen? Oder sich über die Engel
und jene Dinge unterhalten, die dazu geeignet sind, uns zu bereichern?«
- Johannes Chrysostomos: In Joannem homil. 18 (Migne PG 59, S. 119)

Eine wahrhaft englische Zeit feiert die Kirche dieser Wochen, und ich denke, sie tut gut daran. Vor wenigen Tagen war es erst das Fest des hl. Michaels, das auch ein Fest aller himmlischen Chöre ist, heute das Fest der Engel, die zu unserem Schutze bestimmt sind. Trotz ihrer Präsenz sind sie uns, so meine ich, all zu wenig präsent. Woran kann das liegen? Vielleicht ist der Grund ein zweifacher: Einmal neigen wir Erdenkinder zu fleischlischem Denken, das zu gerne den Geist übersieht, zum anderen sind wir vielleicht zu abgestoßen von den Engelsdarstellungen, die einem alleweil begegnen ... und dem damit häufig verbundenen esoterischen Schabernack. Kardinal Journet schrieb einmal, und auch wenn es um menschliche Heilige geht, so lässt es sich doch genau so von den Himmelsbürgern sagen:
»Ich kenne Menschen, welche die Harmonie der Kathedrale von Chartres zu höherer Andacht stimmt. Ich kenne auch andere, welche die abstoßend süßlichen Darstellungen des heiligen Josef, des heiligen Aloisius von Gonzaga, des heiligen Franz von Sales ... die sie in ihrer Jugend täglich vor Augen hatte, mit unausrottbaren Vorurteilen gegen jene Heiligen erfüllte, die doch von bewunderswerter Willenskraft und Hochherzigkeit waren.«
Ja, was haben diese Engelchen - Engel sind es doch keine - noch mit den Engeln gemein, vor denen der hl. Johannes in seiner Apokalypse, vor denen der Prophet Daniel mit dem Angesicht zur Erde niederfällt? Aber genug davon. Wer aus dem Glauben heraus lebt, der hat keinen echten Anlass, die Engelwelt zu vernachlässigen. Voll ist die Hl. Schrift von ihnen. Im Alten Testament sind uns wahrscheinlich nur ihre auffälligsten Erscheinungen geläufig, wie in Genesis, in Tobias, in den Makkabäerbüchern. Viel zahlreicher ist aber ihr Auftreten, von ihrem unsichtbaren Wirken ganz zu schweigen. Die Engel im Neuen Testament sind uns vermutlich etwas vertrauter, aber ich behaupte, auch hier vergessen wir sie all zu gerne. Die Erscheinungen, welche die Fleischwerdung und die Auferstehung umgeben, die vielen Worte Jesu von den Engeln, die Eingriffe der Engel ins Leben der frühen Kirche, und nicht zuletzt in der bereits erwähnten Offenbarung des Johannes. Kurzum: Die Engel zu vergessen, ja zu streichen ... hieße, jede zweite Seite der Bibel zu zerreißen. Versucht hat man das schon. Wider den verschillebeeckxten Katechismus unseres lieben Nachbarlandes musste der sel. Paul VI. im Credo des Gottesvolkes erneut betonen: »Wir glauben an den (...) Schöpfer der sichtbaren Dinge, wie es diese Welt ist, auf der unser flüchtiges Leben sich abspielt, Schöpfer der unsichtbaren Dinge, wie es die reinen Geister sind, die man auch Engel nennt (...).«
Man kann sich fragen, ob die Verfasser des holländischen Katechismus nicht jeden Tag beim Beginn der Komplet die Warnung des Apostel Paulus vor dem Teufel hörten, und am Ende die Schutzengel anriefen, die Nachstellungen des Widersachers abzuwenden, dass sie in den Heimstätten der Gläubigen wohnen und sie in Frieden behüten? Ähnliches begegnet uns auch im Schlussgebet des Asperges»Sende uns gnädig deinen heiligen Engel vom Himmel herab. Er behüte, bewahre, beschütze und beschirme alle, die in diesem Hause weilen.« 
In der Liturgie reden wir von den Engeln, im Credo, selbst im Gebet des Herrn. Wenn wir bitten, dass der Wille Gottes »wie im Himmel also auch auf Erden« geschehe, verlangt Christus, dass der Wille Gottes von den Menschen so erfüllt werde, wie er von den Engeln erfüllt wird - so Augustinus (De serm. Domini in monte, l. 2, cap. 6).

Unser Denken und Handeln, zumindest mein eigenes, lässt die andere, unsichtbare Welt all zu oft außer Betracht. Wie wahr ist, was Jacques Maritain einmal schrieb:
»Es sieht aus, als glaubten wir törichterweise, dass dieses Volk (die Auserwählten im Himmel und die Engel - Anm.) in der Anschauung Gottes schlummere, uns nicht mehr sehen wolle und uns vergessen habe. Und was uns anbelangt, so tun wir wirklich alles dafür.«   
Wir treten aber nicht erst nach dem Tode in diese unsichtbare Welt ein, so ein Mahnwort Kardinal Newmans, nein, sie existiert jetzt schon, sie ist unter uns und um uns herum.

Seien wir also der Engel, insbesonderer unserer Schutzengel, eingedenk. Und erinnern uns an die Worte des Psalmisten: Seinen Engeln hat er deinetwegen geboten.
»Eine staunenswerte Herablassung und großer Erweis der Liebe! (...) Wessen Engel sind es? Wessen Geboten gehorchen sie? Wessen Willen unterwerfen sie sich? Seinen Engeln also hat er deinetwegen geboten, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Sie zögern auch nicht, dich sogar auf den Händen zu tragen. (...) Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst? Des Menschen Sohn, dass Du ihn beachtest? Als ob der Mensch nicht Fäulnis wäre, des Menschen Sohn ein Wurm! Doch was, meinst du, hat er deinetwegen geboten? Dass sie dich behüten.«  
Bernhard von ClairvauxPredigt über Psalm 90 (nach der Lesung des Römischen Breviers)
Bild: Weihnachtsaltar in St. Ulrich und Afra, Augsburg. 

Kommentare:

  1. Sehr schöner Beitrag! Das Zitat von Maritain birgt womöglich ein wenig die Gefahr, daß es fast eine Spur zu gewitzt ist - zuweilen übersieht man dabei alsdann den ausgedrückten Unbill ... ;-)

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    1. ¡Gracias! Ich bin so auf Unbill getrimmt, dass ich - mangels Witz - stattdessen die drohende Gefahr übersehe! ;-)

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  2. Schön zu lesen, schönes Thema, alles gut gemacht. Öfter so was! :-)

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