Freitag, 16. Oktober 2015

Causa claritatis in omnibus - des hl. Thomas Ästhetik (4)

»Das überwesentlich Schöne heißt aber Schönheit, weil von ihm jedem Wesen nach seiner Eigenart Schönheit mitgeteilt wird, weil es Ursache der harmonischen Ordnung und des Glanzes aller Dinge ist, sofern es nach Art des Lichtes in alle Wesen seine Schönheit bewirkenden Mitteilungen des Strahlenquells hineinblitzt, weil es alles zu sich ruft (...) und weil es alles in allem in ein und dasselbe zusammenführt.«
- Dionysius Areopagita, DN IV, 7

Die Beziehung von rechter Beschaffenheit zum Verstand, wie nun schon mehrfach wiederholt, ist die zentrale Konstituente des Schönen. Thomas ordnet dem aber noch weitere Bedingungen zu.
Das sind die integritas, Unversehrtheit, oder perfectio, Vollendung, da sich der Geist an der Fülle und Vollkommenheit des Seienden erfreut, wiederum die debitas proportio, die gehörige Proportion, oder consonatia, die Harmonie, da sich der Geist ebenso an Ordnung und Einheit erfreut ... und vor allem der Glanz oder die Klarheit, die claritas, denn der Intellekt genießt Licht und Erkennbarkeit.

Nach Meinung der Alten ist der Glanz das wesentliche Charakteristikum der Schönheit. Aber es geht hier weniger um eine strahlende Farbe, grellen Lampenschein oder kalte Lumineszenz, als um den Glanz der Erkennbarkeit. Der Glanz des Wahren, wie die Platoniker sagten, der Glanz der Ordnung nach Augustin ... und - wie gewohnt in trockener Technik - der Glanz der Form beim Aquinaten. Durch die Form hat alles, was da ist, Sein. In der Form liegt die eigentümliche Vollkommenheit eines jeden Dinges. Hier kommt ihnen ihr Wesen, ihre Qualitäten zu. Darin liegt ihr, man könnte sagen, ganz eigenes ontologisches Geheimnis, das sie in sich und mit sich tragen ... und letztendlich das Prinzip der Erkenntnis, der eigentümliche Glanz eines jeden Seienden.

Woher stammt dieser Glanz? Es ist ein Strahl des göttlichen Glanzes, durch den jedes Seiende einen gewissen Anteil hat am Glanz des Schöpfers. Durch die Form existiert jedes Einzelding und ist schön, denn es existiert durch die Form und hat Anteil an Gottes claritas.
Im Herzen eines jeden Geschöpfes findet sich also dieser Strahl einer schöpfenden Intelligenz. Und jede Ordnung und gehörige Proportion ist Produkt eines Geistes. So kommen wir wieder dahin zurück, wo wir das letzte Mal aufgehört haben ... wenn unser Verstand Schönheit berührt, dann kommt er in Berührung mit seinem eigenen, innersten Licht und Glanz. Aus diesem Grund kann sich auch niemand mehr an der Schönheit erfreuen, als derjenige, der sie auf ihren Schöpfer zurückführt und mit ihm in Beziehung setzt. Genau das tat der hl. Franziskus in seinem Sonnengesang.

Wir sind hier auch an einem Scheidepunkt angelangt, nämlich von transzendentaler und ästhetischer Schönheit. Nur erstere ist austauschbar mit Sein, Einheit, Güte und Wahrheit. Mehr dazu bei der nächsten Gelegenheit.
Doch ein Gedanke noch zum Schluss, den ich mir von Maritain klaue: Gottes Liebe verursacht die Schönheit der Dinge, die er liebt. Unsere Liebe aber wird durch die Schönheit der Dinge verursacht, die wir lieben. 

Kommentare:

  1. der letzte Satz....ist sehr schön. Und prädestinatorisch...für den Liebenden oder den Geliebten... oder beide...?

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    1. An die Prädestination musste ich dabei auch denken, genauer gesagt an meinen Lieblingssatz aus der thomistischen Gnadenlehre: Niemand wäre besser, würde er nicht mehr von Gott geliebt.
      Mit Dionysius können wir sagen, Gott erleidert eine ekstatische Liebe, und diese Überfülle bringt Ihn dazu, allen Dinge Anteil an Seinem splendor zu verleihen.
      "Was wollen aber überhaupt die Hagiographen, wenn sie Gott bald Liebe (Eros) und Liebesgesinnung (Agape), bald liebreizend (eraston) und liebenswert (agapeton) nennen? Er ist nämlich Urheber, gleichsam Hervorbringer und Erzeuger des einen, das andere ist er selbst. Durch das eine wird er bewegt, durch das andere bewegt er. Oder (mit anderen Worten) er ist Hervorbringer und Beweger seiner selbst für sich selbst." (DV IV, 14)

      Es ist die göttliche Kreisbewegung, von der ich schon ein andermal sprach. :)

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    2. schön, gut, besser, Liebe.... Ich muss die ganze Zeit schon hieran denken: "Manus tuae Domine fecerunt me, et plasmaverunt me totum in circuitu: et sic repente praecipitas me? Memento, quaeso, quod sicut lutum feceris me, et in pulverem reduces me. Nonne sicut lac mulsisti me, et sicut caseum me coagulasti? Pelle, et carnibus vestisti me: ossibus, et nervis compegisti me. Vitam et misericordiam tribuisti mihi, et visitatio tuo custodivit spiritum meum." (Ijob 10,8-12; Latein, weils einfach schöner ist....)

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    3. Latein? Pass auf, sonst verlieb' ich mich gleich noch! Aber weil's grade so schön ist und die Stelle im Totenoffizium Verwendung findet ...
      Domine quando veneris iudicare terram, ubi me abscondam a vultu irae tuae? Quia peccavi nimis in vita mea.
      Commissa mea pavesco, et ante te erubesco: dum veneris iudicare, noli me condemnare. Quia peccavi nimis in vita mea.

      Und doch ...

      Credo quod redemptor meus vivit: et in novissimo die de terra surrecturus sum: Et in carne mea videbo Deum salvatorem meum.
      Quem visurus sum ego ipse, et non alius, et oculi mei conspecturi sunt. Et in carne mea videbo Deum salvatorem meum.

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  2. Da kann ich eigentlich nur noch sagen:

    Venite exultemus Domino, iubilemus Deo salutari nostro praeoccupemus faciem eius in confessione et in psalmis iubilemus ei.

    und gebe noch zu bedenken:

    Hodie si vocem eius audieritis, nolite obdurare corda vestra, sicut in exacerbatione secundum diem tentationis in deserto: ubi tentaverunt me patres vestri: probaverunt, et viderunt opera mea.
    Regem, cui omnia vivunt, Venite adoremus

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    1. Wie fasst mich selig süßes Grauen! Wie zerreißt es blutig dies Herz! Nun werd' ich auch noch im Brevierrezitierwettbewerb ausgestochen? Komm, süßer Tod ... ;-)

      (Es sei herzlichst gedankt!)

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    2. Ohhh...Ingemisco, tamquam reus Culpa rubet vultus meus....

      Ich danke auch! :-)

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    3. Aber nicht doch ... Tremens factus sum ego, et timeo dum discussio venerit, atque ventura ira ... Dich aber, in paradisum deducant te Angeli!

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    4. Mane astabo tibi et videbo.

      in paradisum?
      Ecce venio!!

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    5. Ad te de luce vigilo.

      In tuo adventu suscipiant te martyres, et perducant te in civitatem sanctam Ierusalem! :-)

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    6. in sancto apparui tibi ut viderem virtutem tuam et gloriam tuam.

      ..et introibo ad altare Dei. ad Deum, qui laetificat juventutem meam

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  3. Neben dem letzten Satz ist das Anfangszitat aber auch sehr schön.:-)
    Besonders schön auch, dass das »Licht« wieder eine besondere Rolle zugewiesen bekommt - Es ist eben überall.:-)

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    1. Überhaupt scheinen die Zitate wohl das einzig Bemerkenswerte an der Serie zu sein ... ?!?

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    2. Na, immerhin hast Du die Zitate gefunden und allen näher gebracht, das ist doch auch schon mal was ;-)

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