Samstag, 31. Oktober 2015

Eingebläutes zum Konzil (diesmal leider kein anderes)

Man mag es eine Ironie der Geschichte nennen, dass es nicht die Allesüberdenahaufenwerfer waren, die als Erste und Eifrigste ein neuerliches Konzil zusammenbestellen wollten. Nein, gerade der, der von dem Konzilsgeist, den er rief, mund- ... oder zumindest mikrofontot gemacht wurde, Kardinal Ottaviani, drängte schon 1948 Pius XII. zur Fortsetzung des (noch einzig-ersten) Vatikanums. Nicht ohne Grund, denn es gab viel zu tun! Unzählige neue Irrtümer mussten verdammt, der Kommunismus bekämpft werden, Kirchendisziplin und katholische Aktion brauchten Erneuerung, das ein oder andere marianische Dogma wartete auf die Verkündigung! Blauäugig, wie der geliebt und geschätze Andreas insinuiert? Vielleicht ...

Und wie drüben schon zitiert, wünschte man sich, nicht nur Tromp, allgemein ein kurzes Konzil. Weniger ... wie es dieser Tage zumeist dargestellt wird ... um die Synodenväter zu ver...äppeln, ihnen schnell eine Unterschrift abzutrotzen, bevor sie das Kleingedruckte gelesen haben ... sondern viel mehr, um Einheit zu demonstrieren, dem Feind nicht die Möglichkeit zur Ausnutzung von Zwistigkeiten geben. Deswegen sollte die Dokumente von höchster Klarheit sein, fern jeder Kontroverse, sodass die versammelten Bischöfe ohne große Bedenken ihr Placet geben konnten ... ja am besten sogar sollte alles per Akklamation angenommen werden.
Nun, das alles geschah bekanntlich nicht, man mag diesen Gedanken gar Phantasterei nennen. Eines ist aber sicher: weniger veräppelt wurden die Konzilsväter, nachdem sie sich drei Jahre die Allerwertesten in St. Peter platt saßen, am Ende auf jeden Fall auch nicht.

Waren also wirklich alle kirchen- und glaubenstreuen, vulgo konservativen Kräfte, so saudämlich, der Gegenseite Tür und Tor zu öffnen, ihnen sogar noch den roten Teppich auszurollen? Nein! Ein von unbeugsamen Integralisten bewohntes Dorf hörte nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Es ist die alte Garde, die großen Männer aus der Regierung Pius' X., die Kardinäle Billot und Merry del Val, welche schon zu Zeiten Pius' XI. vor einem neuen Konzil warnten. Jene weltweisen Kirchenfürsten sollen an dieser Stelle noch einmal zu Worte kommen. Billot:
Die Wiederaufnahme des Konzils wird von den schlimmsten Feinden der Kirche, den Modernisten, erhofft, die sich schon rüsten - wie recht sichere Hinweise verraten - um von den Generalständen der Kirche zu profitieren und eine neue Revolution anzuzetteln, ein neues '89, das Ziel ihrer Träume und Wünsche. Es wird ihnen freilich nicht gelingen, gleichwohl würden wir diese überaus traurigen Tage am Ende des Pontifikates Leos XII. und dem Beginn desjenigen Pius' X wieder erleben; wir würden gar schlimmeres sehen, und die glücklichen Früchte der Enzyklika Pascendi, die sie alle zum Stillschweigen brachte, würden zunichte mache. 
Der Jesuitenkardinal sah auch eine besondere Gefahr von Seiten des iro-amerikanischen Elementes, dass "beachtlich an der Zahl und in ihren Handlungsmitteln, Prozedere der Diskussion und Propaganda einführen würde, dass mehr dem demokratischen Brauch als der kirchlicher Tradition angemessen ist." Gut dreißig Jahre nach seinem Tod hatte man gleichwohl auf beiden Seiten der Alpen, Krieg und Elend sei Dank, ebenfalls genügend Erfahrung mit dem demokratischen Prozess und seinen Mitteln. Dennoch behielt Billot auch hier Recht. Die gallo-germanischen Theologen durften in den meisten Bereichen die Monsterarbeit leisten, in entscheidenden Punkten machte die amerikanische Partei aber mächtig Druck. Nicht zuletzt an dem leidlichen Schema zum Verhältnis von Staat und Kirche.

Eine Sache von nicht kleiner werdenden Brisanz sprach Merry del Val an.:
Wäre es tatsächlich möglich, die Weltpresse davon abzuhalten, die Arbeit des Ökumenischen Konzils zu stören und zu verwirren? 1870 war der Papst Herr in seinem eigenen Hause, und die Presse hatte nicht die Fähigkeit, die sie jetzt hat, alles zu durchringen, zu spionieren, und Fallen zu stellen. Wäre es möglich, sie davon abzuhalten, mehr oder weniger offen im Konzil selbst zu agieren, Leute aufrührerisch zu machen, Zwietracht zu säen, die Arbeit zu verhindern und die Ergebnisse der Debatten im Konzil selbst zu kompromittieren? 
Und? Ist es dann nicht so gelaufen? Und läuft es nicht immer noch und weiterhin so?

Aber ja, ich weiß. In der Konzilsaula saß kein Billot, kein Merry del Val mehr. Zumindest ersteren werden nicht wenige Väter in ihrer Seminarzeit wohl gebüffelt haben. Gereicht hat das aber schlussendlich nicht. Und die Blauäugigen kamen längst nicht nur mit einem blauen Auge davon ...

Dienstag, 27. Oktober 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (3) - Ein neues Eden

Ierusalem, quae aedificatur ut civitas: cuius participatio eius in idipsum.
Jerusalem, das gebaut ist wie eine Stadt, die sich zur Gemeinschaft zusammenfügt.
- Psalm 121,3

An den Toren der Kathedrale blieben wir das letzte Mal stehen. Doch wer die Gotik verstehen will, der muss freilich auch eintreten. Und allein das, das Hineinschreiten durch die hohen Pforten, sagt so einiges über das Selbstverständnis des Kirchenbaus. Wir erinnern uns nochmals: Die Himmelsstadt glänzt golden, edelsteinfunkelnd und kristallgleich sind ihre Wände, bräutlich geschmückt ist das Haus des Herrn. Christus, Maria, die Heiligen warten, rufen die Gläubigen herbei. Hier fügt sich die Gemeinschaft zusammen, von der der Psalmist singt; Jerusalem ist die Stadt, in der man zusammenkommen soll, die Stadt, die in sich selbst gefügt ist. 

Doch einen Schritt muss der Einzelne tun. Bevor er die himmlische Gemeinschaft genießen kann, muss er durchs Westportal gehen. Hindurch unter den Tympanon, so oft mit Darstellungen des Jüngsten Gerichtes versehen. Hier scheidet sich Inneres und Äußeres, Göttliches und Weltliches, Zeit und Ewigkeit, Paradies und Jammertal. Doch! Nicht furchtbar geht es hier zu wie an Dantes Höllentor, voll Hoffnung kann die Christenseele sein! Kein zürnender Gott richtet da, sondern Christus, und ein Heer von Heiligen steht bereit, nicht zuletzt die Kirche selber, Fürbitte einzulegen beim Herrn. Das Gericht durchschritten, darf man nun das Paradiese betreten. Und Paradies darf und soll hier auch sinnlich verstanden werden, die Cherubim wachen nicht mehr mit dem Schwert vorm Eingang des Garten Edens, den Zutritt zu versperren. Mit Christi Tod sind die Tore gesprengt! Laubwerk sehen wir, Blumen, Blüten, Bäume ... und einen sternenklaren Himmel droben. 

Der Garten Eden, er leuchtet jetzt mit seinen Wänden aus sich selbst heraus. Was gab ich das letzte Mal als Bibelstelle an? Offenbarung 21. Und die Stadt bedarf weder die Sonne noch des Mondes, dass sie leuchten in ihr; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. 
Das Licht, das durch die Fensterrosen, Sonnenfenster einfällt ... steht nicht nur für Christus, ist nicht nur Christussymbol ... nein, hier fällt die Fülle des Lichtes in den Kirchenraum ein, und dies Licht ist Christus selbst, der da sprach: Ich bin das Licht der Welt. 

In diesem Bau hat alles Bedeutung. Großes und Kleines, Licht und Farbe, Kostbarkeiten und Kleinodien, die Vereinheitlichung und Durchsichtigkeit des Hauptraumes, das Kristallklare und das Schweben, all das gibt ein Bild des Himmels in der Gestalt der Himmelsstadt. Da wären dann noch Bildzyklen und Glasmalereien, nicht zu vergessen die Musik, die Liturgie, alles fügt sich zusammen, in der himmlische Stadt Jerusalem darf nämlich der Abglanz himmlischer Musik und himmlischer Liturgie nicht fehlen.

Unwahrscheinlich viel gibt es noch zu sagen. Vom Beweglichen, das verwandelt werden soll, weil es geschaffen ist, damit allein das Unbewegliche bleibe (Hebr 12,27), und dem Stein, den die Bauleute verwarfen, der zum Eckstein geworden ist (Psalm 117,22) - Allegorie der Kirche, die gegründet ist auf dem Alten Bund, getragen von Säulen und Pfeilern gleich den Propheten und Aposteln, mit Christus als Schlussstein. Aber irgendwo muss Ende sein ... und irgendwann möchte ich mich wieder dem eigentlich Proprium des hiesigen Blogs zuwenden. Das hoffentlich in der nächsten Folge.

... novo cedat ritui (Freudianisch!)

In einer mangels Teilnehmerzahl (wen interessiert heutzutage auch noch Joseph Ratzingers Theologie?) sich beinahe zum Seminar mausernden Vorlesung gab es heute einen lapsus linguae aus dozierendem Munde, der zur großen Erheiterung der Teilnehmer Teilnehmenden führte. Und da es um Messe, Rubriken und Liturgiereform, eben so die großen Themen der späten Mitte des letzten Jahrhunderts ging, möchte ich den auch der werten Leserschaft nicht vorenthalten:
»Mit der Einführung des Neuen Testamentes ... äh, ich meine, der Neuen Messe ... nein, das war kein Freudscher Versprecher!«

Montag, 26. Oktober 2015

Nichts so Christkönigliches (oder doch?)

Ehedem ließ sich der Denzingerkatholik aus der wohlverdienten, oder sagen wir lieber wohlgenossenen Ruhe, zum Brandeinsatz herauspiepsen. Dieser Tage geht es da weniger aufregend und adrenalingeladen zu, aber trotzdem dachte ich mir, so ein (Alte-)Messe(-Molch)-Ministrier-Melder täte durchaus Not.* Ich wurde nämlich gestern Nachmittag-Abend noch kurzfristig zum Ministranteneinsatz in Maria Vesperbild verpflichtet. 
Wie der Großbrand des Feuerwehrmanns klammheimliche Freude ist, so freut sich der Messdiener natürlich darüber, zu solch hehrem Ort berufen zu werden. Noch dazu, wo ich - Asche auf mein Haupt - nach einem guten Jahr in Augsburg immer noch nicht in Maria Vesperbild war. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass ich mich schon Jahre vor Laudato Si meines PKWs entledigt habe und auf den ÖPNV angewiesen bin ... und da ist das immer so eine Sache.

Wie dem nun auch sei, ich fand am Vesperbild doch etwas sehr Königliches. Christköniglich, wohlgemerkt. Gerade in dieser unsrigen Zeit. Es möge sich jeder seine eigenen Gedanken dazu machen. Der da möchte.


*»Düddellütt, düddellüt, piep piep piep piep piep! Hier Leitstelle Landsberg, hier Leitstelle Landsberg mit Alarm für die Ministranten St. Margareth. Dialogmesse in Maria Vesperbild. Ein Amt in Gefahr. Ende der Durchsage

Sonntag, 25. Oktober 2015

Und alle werden Ihm dienen

Der Kollege sagte schon alles. Drum erübrigt sich alles Weitere. Außer eins:
Christus vincit! Christus regnat! Christus imperat!



Bild: Klosterkirche St. Ursula, Augsburg.

Samstag, 24. Oktober 2015

Staat, Kirche und das andere Konzil (1): Die religiösen Pflichten der Staatsgewalt [zur Festeinstimmung!]

»Die Staatsgewalt kann gegenüber der Religion nicht gleichgültig sein. Sie wurde von Gott eingerichtet, um den Menschen zur Erlangung der wahren menschlichen Vollkommenheit zu verhelfen; sie muss daher ihren Glieder nicht nur die Möglichkeit geben, zeitliche Güter zu erlangen, sowohl die materiellen als auch die kulturellen, sondern sie muss ihnen auch darin helfen, dass ihnen die geistlichen Güter zur Ausübung eines religiösen Lebens zufließen können. Unter den Gütern aber kann nichts höher geschätzt werden, als Gott zu erkennen und zu ehren und die Gott geschuldeten Pflichten zu erfüllen; diese sind nämlich die Grundlage jeder privaten, ja und auch der öffentlichen Tugend.   
     Diese Pflichten Gott gegenüber, geschuldet seiner göttlichen Majestät, sind nicht nur von einzelnen Bürgern zu verrichten, sondern auch von der Staatsgewalt, die in ihren öffentlichen Handlungen die bürgerliche Gesellschaft repräsentiert. Denn Gott ist der Schöpfer der bürgerlichen Gesellschaft und Quell aller Güter, die durch sie zu allen ihren Gliedern fließt. Die bürgerliche Gesellschaft muss Gott also ehren und verehren. Die Weise aber, in welcher Gott zu ehren ist, kann in der gegenwärtigen Heilsordnung keine andere sein als diejenige, die er selbst in der wahren Kirche Christi zur Darbietung bestimmt hat. Dem Kult also, der von der Kirche öffentlich geleistet wird, hat sich die Gesellschaft nicht nur durch einzelne Bürger anzuschließen, sondern auch durch diejenigen, denen die Autorität gegeben ist, die bürgerliche Gesellschaft zu repräsentieren.
     Die Staatsgewalt aber kann sich der Erkenntnis der wahren Kirche Christi erfreuen, weil sie durch die Zeichen der göttlichen Einsetzung und Mission klar erkenntlich ist, mit der ihr göttlicher Gründer die Kirche ausgerüstet hat. Daher obliegt der Staatsgewalt, und nicht nur den einzelnen Bürger, die Pflicht, die von der Kirche vorgestellte Offenbarung anzunehmen. Auch gilt im Aufstellen von Gesetzen, dass sie den Gebotes des Naturrechts entsprechen müssen; das selbe Prinzip gilt auch bezüglich des positiven Gesetze, sowohl der göttlichen als auch die kirchlichen, durch welche die Menschen zur übernatürlichen Seligkeit geführt werden.«
Schema der Theologischen Kommission: Über die Kirche. Kap. 9: Von den Beziehungen zwischen Kirche und Staat sowie der religiösen Toleranz.
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 178. Ohne Fußnoten.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (2) - Die Himmelsstadt

Wer du immer verlangst, die Pracht der Tore zu rühmen, nicht bewundere den Stein und den Aufwand, sondern die Arbeit. Herrlich glänzet das Werk, doch das Werk, das herrlich erglänzet, möge erhellen die Geister, damit sie, wahrhaft erleuchtet, kommen zum wahren Licht, wo Christus in Wahrheit die Tür ist. Was im Innern ist, zeigt hier die steinerne Pforte. Durch die Materie schwingt sich der Geist, der schwache, zur Wahrheit und entwindet dem Irdischen sich, umstrahlt von dem Licht.
- Am Tore von St. Denis

Im ersten Teil dieses Exkurses tauchte im Kommentarbereich die Frage auf, ob man nicht das, was ich da beschrieb, nicht auch in einer jeden anderen Kirche sehen kann - nicht nur in der gotischen Kathedrale. Man könnte die Frage durchaus mit einem klaren "Ja" beantworten. Der Leitspruch der Gotik, Ecclesia materialis significat ecclesiam spiritualem, die materielle Kirche bedeutet die geistige, kann für jede Kirche gelten, erst recht jede mittelalterliche. Schon seit jeher bedeutete Ecclesia Gotteshaus und Gemeinde. 

Kirchenbau war auch schon immer ein Symbol des himmlischen Jerusalems. Darum stellt sich weniger die Frage, was die Gotik darstellen will, daran ist nichts Neues oder Außergewöhnliches. Man darf also nicht fragen, ob der gotische Sakralbau eine Vision Jerusalems in Stein und Glas verwirklicht, sondern vielmehr, wie sie das tut. 
In früherer Zeit war die Kirche vielleicht mehr Festsaal und Triumphweg zum Altar-Thron der Gottheit, später die Gottesburg von regnum und sacerdotium, ein Spiegelbild der jenseitigen und irdischen Hierarchie. In der gotischen Kathedrale nimmt aber das himmlische Jerusalem eine neue Gestalt an. Sie wird zur Himmelsstadt.

Wer sich ein ein erstes Bild von dieser Himmelsstadt Jerusalem machen will, der braucht bloß seine Bibel aufschlagen. Der Seher von Patmos beschreibt sie nach visionärer Schau in Offb. 21, 1-3; 9-25. Will man die Passage näher verstehen, dann muss man sie so auslegen, wie sie ihre damaligen Leser verstanden, nämlich nach dem vierfachen Schriftsinn.
So ist Jerusalem im Literalsinn die historische Stätte der Passion Christi; im typologischen, bildhaften Sinn ist sie die wohlgeordnete Gemeinde bzw. der Staat; im allegorischen Sinn die Kirche; anagogisch verstanden ist sie das ewige Leben, das Paradies, das Himmelreich. In der gotischen Kathedrale kommen all diese Aspekte zusammen, denn der Teil steht immer auch für das Ganze, pars pro toto.

Schaut man sich den Sakralbau also durch die Offenbarungsbrille an, ist kaum zu übersehen, dass er ein Abbild der Himmelsstadt ist. Sie steht begründet auf festen Mauern, in ihren Toren ist sie weit geöffnet und umstanden von hohen Türmen. Die Dreizahl von Portalen, die Johannes beschreibt, findet sich oft an den Fassaden; die himmlischen Heerscharen wachen an den Strebepfeilern, in den Wimpergen, Nischen und Tabernakeln wohnen die heiligen Männer und Frauen, gleich dem Hause, das viele Wohnungen hat. Aber die Kirche ist auch Ort der Passion Christi, die Glasmalereien, in Statuen und Reliefs fast spürbar gegenwärtig wird.

Kann jemand bezweifeln, dass es die Stadt ist, die reinem Golde gleicht, wie Kristall in ihren Wänden ist, edelsteinfunkelnd, bräutlich geschmückt?

Ich merke schon, diese Serie wird immer länger, je mehr Gedanken ich mir dazu mache. Aber bevor wir zu philosophischen Feinheiten schreiten, müssen wir nach diesem Blick auf den gotischen Dom von außen ... auch erst einmal noch eintreten. Das beim nächsten Mal.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Heute bei St. Ursula


Da meint man, man hätte es am diesem Festtag gut getroffen, wenn man in einem Städtchen mit eigener Ursulakirche wohnt. Denkste, weder eine hl. Ursula noch (obgleich eine Mädchenschule gleich neben dran ist) XI Milia Virginum weit und breit zu sehen. Ich entschuldige es mal damit, dass die Dominikanerinnenkirche ausgebombt wurde und man seitdem vielleicht nicht mehr viel dran gemacht hat.

Damit dieser Beitrag aber nicht ganz banal bleibt, gibt es noch einen Auszug aus dem Ursula-Offizium des hl. Hermann von Steinfeld. Die Verse bringen, ganz egal, wie man es nun mit der Legende von Ursula und ihren Gefährtinnen halten mag, doch den entscheidenden Gedanken zum Ausdruck: Diese Schar, die durch Gottes Gnade so vorbildlich im fürchterlichen Streite war, möge auch uns dazu verhelfen, nach dem Durchschreiten der Todestore siegreich in den Himmel einzugehen. Und wenn etwas gezeigt hat, dass ein wahrer Kern in der Geschichte steckt, dann die Früchte der Ursula-und-Gefährtinnen-Andacht.
O praeclarae vos puellae,
Nunc implete meum velle,
Et dum mortis venit hora,
Subvenite sine mora:
In tam gravi tempestate
Me praesentes defensate
A daemonum instantia.
Nulla vestrum ibi desit,
Virgo Mater prima praesit,
Si quae mihi faex inhaesit,
Quae me sua labe laesit,
Vestra prece procul fiat,
Vos praesentes hostis sciat,
Et se confusum doleat.
O ihr ruhmreichen Jungfrauen,
gewährt nun meinen Wunsche.
Und wenn die Todesstunde kommt,
eilt ohne Verzug:
Seid bei mir im schweren Sturme
Und beschirmt mich
vor der Dämonen Überfall.
Von Euch fehle da nicht eine;
die Jungfrau-Mutter führe an!
Bleibt ein Rest von Sünd an mir
der mit Makel mich befleckt,
bannt ihn weit durch Euer Flehn.
Dem Feind sei Eure Gegenwart gewahr
und beweine seine eigne Verwirrung. 
(aus dem Hymnus zur Komplet) 

Ora pro nobis, Beata Ursula cum tuo virginali collegio.
Ut digni efficiamur promissionibus Christi.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Exkurs: Domus Dei et porta coeli (1) - Kunst als Sakrament

Locus iste a Deo factus est, inaestimabile sacramentum; irreprehensibilis est. 
Dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein unschätzbares Sakrament, kein Fehl ist an ihm.
- aus dem Graduale der Kirchweihmesse

Die eingeborene Kollegin unterm Kreuze begann just eine Serie über die Gotik. Das passt mir gerade doppelt und dreifach gut, denn nach einer Randbemerkung in meiner eigenen kleinen Ästhetik-Serie wurde ich gefragt, ob ich nicht ein wenig über Sakralarchitektur schreiben könne. Wäre zwar wunderbar, nur so richtig können kann ich das aus "technischer" Sicht leider nicht. Das wäre ein ziemlicher Murks geworden. Also fiel mir als ein Stein von Herzen, dass jemand mit echter téchne an die Sache herangeht.

Nun schreibe ich hier, so verrät es der Titel, doch etwas zum Thema. Das hat der Gründe zwei. Einmal würde ich das in den Serienbeiträgen Gesagte - ich bin mal wieder recht unzufrieden damit - nochmal gerne etwas anschaulicher und farbenfroher gestalten. Zum anderen könnten sich die Artikel drüben wie hüben vielleicht wunderbar ergänzen und gegenseitig vertiefen. Was unigentia vorhat, weiß ich natürlich nicht so ganz genau, ich will aber natürlich über die theologische und metaphysische Dimension des gotischen Kirchenbaues sprechen. Gesprochen ist damit jetzt auch genug in eigener Sache.

Wenn wir von einer mittelalterlichen Weltanschauung sprechen, dann ist damit ein wichtiger Punkt fast schon gesagt. Von zentraler Bedeutung war nämlich das Schauen. Thomas sagt, dass schön ist, was im Angeschautwerden gefällt. Die schönen Dinge, die von Gott ihre Schönheit haben, nehmen wir durch die Sinne wahr. Damit sind in senso lato alle Sinne gemeint, besonders aber der Gesichtssinn. Es ist daher kein Wunder, dass für die Alten der Himmel hier zuallererst beseligende Schau, visio beatifica ist.

Nun wissen wir, dass Gottes Wesen nicht mit unseren Augen geschaut werden kann, erst recht nicht auf Erden. Er hat auch gar keinen Körper, besteht nicht aus Stoff, Materie. Was wir aber wahrnehmen können, sind Dinge, die Gott auf gewisse Art ähnlich sind, so wie es auch die heiligen Schriften tun, die die göttlichen Dinge metaphorisch durch sinnliche beschreiben. Hier liegt der Schlüssel zu einer Weltanschauung, die man "sakramental" nennen kann: Stoffliches steht für Geistiges, und durch das Stoffliche nehmen wir das Geistige wahr. "Was materiell ist, in Immaterielles verwandeln", ein Gedanke Abt Sugers, das ist zentrales Anliegen der Gotik; das Unbekannte durch das Bekannte erkennbar werden lassen.

All das wird möglich, weil geschöpfliche Schönheit nichts anderes als ein Abbild göttlicher Schönheit ist, die an den Dingen Anteil hat. Wie man zu jener Zeit die Sakramente als Vehikel oder Gefäße göttlicher Gnade sah, so war auch die Kunst bloßes Gefäß geistiger Inhalte. Die gotische Kathedrale will demnach nicht nur Zeichen hin/zu/auf das Göttliche sein, sondern tatsächlich "Fleischwerdung" der himmlischen Wirklichkeit. Mit der Himmelfahrt hört die inkarnatorische Kommunikation Gottes mit uns nicht auf, er wirkt sie weiter durch Seine sichtbaren und stofflichen Mittel.

Wir transzendentieren hier also den bloß äußerlich-ästhetischen Rahmen um Längen. Die gotische Kirche verwandelt Materie und Raum, um die Gesamtrealität der erlösten Schöpfung nicht nur sichtbar zu machen, sondern wirklich mitzuteilen, so wie sie sakramental in der Kirche Gottes sichtbar ist und mitgeteilt wird.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Liturgiesplitter (Ist denn mein Fleisch von Erz?)


Es war ein Mann im Lande Hus mit Namen Job, schlicht und recht und gottesfürchtig (Job i, 1): Ihn verlange Satan zu versuchen; und es ward ihm vom Herrn Gewalt gegeben über sein Vermögen (Job i, 12) und seinen Leib (Job ii, 5-6). Da überlieferte er all seine Habe und seine Kinder dem Verderben (Job i, 13-19), und seinen Leib machte er wund von schwerem Aussatz (Job ii, 7)
V/. I. O würden gewogen meine Sünden, o würden gewogen meine Sünden, womit ich den Zorn verdient, womit ich den Zorn verdient, und das Elend, und das Elend, und das Elend, das ich leide, so würde es schwerer erscheinen (Job vi, 2. 3a).  Es war ein Mann ...
V/. II. Aber wo ist, aber wo ist meine Kraft, dass ich ausharre? Oder was mein Ende, dass ich mich gedulde? Oder was mein Ende, dass ich mich gedulde? Oder was mein Ende, dass ich mich gedulde? (Job vi, 11) Es war ein Mann ...
V/. III. Ist denn Felsenkraft meine Kraft? Oder mein Fleisch von Erz? Oder mein Fleisch von Erz? (Job vi, 12) Es war ein Mann ...
V/. IV. Denn, denn, denn meine Augen werden nie wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen, wieder Gutes schauen. (Job vii, 7b) Es war ein Mann ...

Da ich aus Gründen nicht dazu komme, das Material von meiner Werkbank angemessen zu verwursten  in einen erbaulichen Rahmen einzuarbeiten, gibt es heute nur das un- rsp. teilbehandelte Rohmaterial. Zweimal Gregorianisch, einmal das ursprüngliche bzw. vollständige Offertoriumslied vom XXI. Sonntag aus dem Antiphonar (oben, hier unbedingt reinhören!), und unten zum Fest des hl. Evangelisten Lukas eine Präfation aus dem Sakramentar - das auch so zufällig, nicht versehentlich, sondern vorsehentlich ... so gut zum Sonntags-Messformular passt:
Vere dignum et iustum est, aequum et salutare, nos tibi semper et ubique gratias agere, Domine sancte, Pater omnipotens, aeterne Deus; et te in tuorum sanctorum meritis gloriosis collaudare, benedicere et praedicare, qui eos dimicantes contra antiqui serpentis machinamenta, et proprii corporis blandimenta, inexpugnabili virtute, Rex gloriae, roborasti. Ex quibus beatus Lucas evangelista tuus, assumpto scuto fidei, et galea salutis, et gladio Spiritus sancti, et viriliter contra vitiorum incentiva pugnavit, et evangelicae nobis dulcedinis fluenta manavit. Unde petimus immensam, Domine, pietatem tuam, ut qui eum tot meritorum donasti praerogativis, nos eius et informes exemplis, et adiuves meritis. Per Christum.

Samstag, 17. Oktober 2015

Graeca non leguntur seu Silentium Mysticum


Ich gebe zu, der Denzingerkatholik sonnt sich zuweilen gerne im Glanze gewisser Beiträge mit Inhalten, die hier zum ersten mal und exklusiv in Landessprache ... oder etwas, was dem nahe kommt ... jedenfalls eben so, wie es Das Konzil wollte, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht sind. Nun war der Nächste an der Reihe: Odo Casel. Das Christliche Kultmysterium hat jeder schon zehn mal gelesen, das Mysterium der Ekklesia liegt auf jedem Nachttisch ... aber De philosophorum Graecorum silentio mystico! Ja, das kennt noch nicht jeder. Ich ging also an die Dissertation heran wie an meine Acta et Documenta ... doch, was sehe ich da? Alpha Beta Gamma Delta! Hercle, ich meine, ma Dia, was soll das? Nun hatte ich mich schon darauf gefreut, dass die verehrte Leserschaft meine Belehrt- und Belesenheit bewundern und bestaunen kann, ich spann mir schon einige Gedanken zur theologischen Philologie ... und nun alles für die Katz.

Doch! Eine gute Lektion. Denn die Stille beginnt da, wo alle sinnliche Wünsche und Absichten ... stillgelegt sind. Dieses dialektische Negativgebot, in der Erbauungsliteratur viel zu einfach oft nur "Sammlung" genannt, veranschaulicht Casel an anderem Orte mit einer Inschrift über einem Abteiportal: »Die ihr eintreten wollt in das Tor des Gotteshauses, tretet heraus aus dem Rausche der Gedanken, damit ihr drinnen die Richter gnädig findet.« 
Aber nicht nur in Seinem Hause, jeder Umgang mit Gott verlangt diese Stille, setzt sie voraus. Augustin (Conf. ix, 10):
Es schweige in einem Menschen der Sturm des Fleisches, es schweige jedes Bild von Land, von Wasser und von Luft, wenn auch die Himmel schweigen, ja selbst die Seele gegen sich selbst vestummt, ihrer selbst vergessend, erhebe sie sich über sich, es schweige die Zunge und jegliches Zeichen, und alles, was entsteht und vorübergeht, schweige völlig - dieweil, wenn jemand hören kann, dem würden alle diese Dinge sagen: "Nicht wir haben uns selbst geschaffen, sondern der hat uns geschaffen, der da bleibt in Ewigkeit."
Wenn sie also nach diesen Dingen verstummten, da sie ihr Ohr auf ihren Schöpfer gerichtet haben, und wenn nunmehr er allein spräche nicht durch sie, sondern durch sich selbst, sodass wir sein Wort nicht aus eines Menschen Zunge noch durch eines Engels Stimme noch im Donner der Wolke noch durch Rätsel und Gleichnis vernahmen, sondern ihn selbst, den wir in diesen Dingen lieben, ihn selbst vernähmen ...
Das sich sammelnde, das harrende Schweigen führt zum anbetenden Schweigen führt und ist schon das vereinigende Schweigen, die Kommunion der Seele mit ihrem Schöpfer, ihrem Gott. Dieses dreieinige Mysterium vollzieht sich in besonderer und tiefster Weise in der Feier der hl. Mysterien. Der Einzelne und die versammelte Gemeinde verstummt und sammelt sich - selbst wenn sie singt und betet - im Stufengebet, sie harrt auf den kommenden Erlöser nach dem Ruf zur Herzerhebung, und sie betet an in der Konsekration, vereinigt sich mit dem im Sakramente gegenwärtigen Herrn. 

Mehr dazu und mehr Casel gibt es beim Mystagogus nobis drüben.

Freitag, 16. Oktober 2015

Causa claritatis in omnibus - des hl. Thomas Ästhetik (4)

»Das überwesentlich Schöne heißt aber Schönheit, weil von ihm jedem Wesen nach seiner Eigenart Schönheit mitgeteilt wird, weil es Ursache der harmonischen Ordnung und des Glanzes aller Dinge ist, sofern es nach Art des Lichtes in alle Wesen seine Schönheit bewirkenden Mitteilungen des Strahlenquells hineinblitzt, weil es alles zu sich ruft (...) und weil es alles in allem in ein und dasselbe zusammenführt.«
- Dionysius Areopagita, DN IV, 7

Die Beziehung von rechter Beschaffenheit zum Verstand, wie nun schon mehrfach wiederholt, ist die zentrale Konstituente des Schönen. Thomas ordnet dem aber noch weitere Bedingungen zu.
Das sind die integritas, Unversehrtheit, oder perfectio, Vollendung, da sich der Geist an der Fülle und Vollkommenheit des Seienden erfreut, wiederum die debitas proportio, die gehörige Proportion, oder consonatia, die Harmonie, da sich der Geist ebenso an Ordnung und Einheit erfreut ... und vor allem der Glanz oder die Klarheit, die claritas, denn der Intellekt genießt Licht und Erkennbarkeit.

Nach Meinung der Alten ist der Glanz das wesentliche Charakteristikum der Schönheit. Aber es geht hier weniger um eine strahlende Farbe, grellen Lampenschein oder kalte Lumineszenz, als um den Glanz der Erkennbarkeit. Der Glanz des Wahren, wie die Platoniker sagten, der Glanz der Ordnung nach Augustin ... und - wie gewohnt in trockener Technik - der Glanz der Form beim Aquinaten. Durch die Form hat alles, was da ist, Sein. In der Form liegt die eigentümliche Vollkommenheit eines jeden Dinges. Hier kommt ihnen ihr Wesen, ihre Qualitäten zu. Darin liegt ihr, man könnte sagen, ganz eigenes ontologisches Geheimnis, das sie in sich und mit sich tragen ... und letztendlich das Prinzip der Erkenntnis, der eigentümliche Glanz eines jeden Seienden.

Woher stammt dieser Glanz? Es ist ein Strahl des göttlichen Glanzes, durch den jedes Seiende einen gewissen Anteil hat am Glanz des Schöpfers. Durch die Form existiert jedes Einzelding und ist schön, denn es existiert durch die Form und hat Anteil an Gottes claritas.
Im Herzen eines jeden Geschöpfes findet sich also dieser Strahl einer schöpfenden Intelligenz. Und jede Ordnung und gehörige Proportion ist Produkt eines Geistes. So kommen wir wieder dahin zurück, wo wir das letzte Mal aufgehört haben ... wenn unser Verstand Schönheit berührt, dann kommt er in Berührung mit seinem eigenen, innersten Licht und Glanz. Aus diesem Grund kann sich auch niemand mehr an der Schönheit erfreuen, als derjenige, der sie auf ihren Schöpfer zurückführt und mit ihm in Beziehung setzt. Genau das tat der hl. Franziskus in seinem Sonnengesang.

Wir sind hier auch an einem Scheidepunkt angelangt, nämlich von transzendentaler und ästhetischer Schönheit. Nur erstere ist austauschbar mit Sein, Einheit, Güte und Wahrheit. Mehr dazu bei der nächsten Gelegenheit.
Doch ein Gedanke noch zum Schluss, den ich mir von Maritain klaue: Gottes Liebe verursacht die Schönheit der Dinge, die er liebt. Unsere Liebe aber wird durch die Schönheit der Dinge verursacht, die wir lieben. 

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Von Katechon und Anomos

Indem der Messias - der in der jüdischen Überlieferung und bei Paulus das Gesetz außer Kraft setzt - eine mit der messianischen Zeit identischen Zone der Anomie schafft, befreit er den anomos, den Gesetzlosen, der als Befreier dem Christen nicht unähnlich ist (man darf nicht vergessen, das Paulus sich einmal hos anomos» wie ein Gesetzloser « nennt) (...). Das katechon ist die Macht - das Reich, die Kirche, jede rechtlich verfasste Autorität -, die der Anomie, durch die die messianische Zeit gekennzeichnet ist, entgegenwirkt und sie verbirgt und so die Aufdeckung des » Geheimnisses der Anomie « hinausschiebt. Mit der Enthüllung dieses Geheimnisses wird sichtbar, was die messianische Zeit charakterisiert: die Unwirksamkeit des Gesetzes und die wesentliche Illegitimität jeder Macht. (Allem Anschein nach scheint sich eben das vor unseren Augen abzuspielen, dass die Staaten ganz unverholen wie Gesetzlose handeln, lässt den anomos in neuem Licht erscheinen. Er erweist sich als die Enthüllung der Anomie, die heute die herrschenden Mächte selbst betrifft, in denen sich Staatsgewalt und Terrorismus zu einem System zusammengeschlossen haben.)
Giorgio Agamben: Das Geheimnis des Bösen. Benedikt XVI. und das Ende der Zeiten. Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2015, S. 51f.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Der Mensch und die sinnliche Schönheit - des hl. Thomas Ästhetik (3) [mit J. Pieper!]

In der letzten Folge blieben wir dabei stehen, dass die Schönheit in einer rechten Beschaffenheit der Dinge besteht. Und außerdem, dass die Wahrnehmung sich in der erkannten Ordnung und Sinnhaftigkeit selbst wiedererkennt und darum "Schönheit"empfindet. Eigentlich wollte ich nun die drei Bedingungen nennen, die Thomas damit verknüpft ... aber es muss doch noch einmal inne gehalten werden, denn wir befinden uns schon an einer höchst bedeutsamen Stelle.

Wir merken nämlich, dass die Schönheit, so betrachtet, die sinnliche Schönheit, ein rein menschliches Phänomen ist. Den Tieren fehlt der notwendige Geist, sie können sich zwar über Dinge freuen, wie der Löwe sich über eine Sichtung des Hirschen als proteinreiche Hauptmahlzeit freut ... aber uns Menschen ist es vorbehalten, sich an der Sache, der sinnlichen Schönheit selbst und ihrer Angemessenheit (propter convenientiam sensibilium) zu erfreuen. Wären wir uns doch mehr dieser Würde bewusst! 

Besonders eindrückliche Worte findet dazu Josef Pieper, den ich mal ausnahmsweise nicht nur als Inspirationsquelle heranziehen will, sondern wörtlich zitiere:
»Man liest und hört nicht selten, in der Unzucht sinke der Mensch auf die Stufe des Tieres hinab - eine mit Vorsicht zu gebrauchende Wendung; denn Unzucht (wie auch Zucht) ist etwas ausschließlich Menschliches, weder der Engel kennt sie noch das Tier. Aber von jener Unterscheidung her bekommt die Redensart doch einen guten Sinn: ein unkeuscher Genußwille hat die Tendenz, den Gesamtbestand der sinnlichen Welt, besonders die sinnliche Schönheit, einzig auf die Geschlechtslust zu beziehen. Nur eine keusche Sinnlichkeit also vermag die eigentlich menschliche Fähigkeit zu verwirklichen, sinnliche Schönheit, etwas die des menschlichen Leibes, als Schönheit zu gewahren und sie, unverwirrt und nicht befleckt von einem alles vernebelnden selbstischen Genußwillen, um ihrer selbst willen, ‚propter convenientiam sensibilium‘, zu genießen. Es ist mit Recht gesagt worden: nur wer ein reines Herz habe, vermöge frei und befreiend zu lachen. Nicht minder gilt, daß nur, wer mit reinen Augen in die Welt blickt, ihre Schönheit erfährt
(Werke, Bd. 4. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1996, S. 160)
Hier deutet sich schon an, was echte Schönheit ... und auch Hässlichkeit ist. Das wird in den nächsten Teilen ein wichtiger Gedanke bleiben.

Dienstag, 13. Oktober 2015

Es geschehen noch Zeichen und Wunder - der hl. Sintpert von Augsburg


»Um Gottes Willen, was macht denn der Hund mit dem Baby?« So oder so ähnlich war die meinige Reaktion und die meiner Begleitung beim Blick auf eine marmorne Liegedarstellung des Heiligen samt obligatorischem Wolf (und Kind). Glücklicherweise lag dort ein Zettel aus, der Aufklärung brachte. Eine Mutter flehte am Grab des einstigen Augsburger Bischofes um ihr Kind, das ein Wolf verschleppt hatte. Der Isegrimm brachte es daraufhin unversehrt zurück. Reichlich roh kommt mir das Tier aber doch in den Heiligenbildnissen vor, und dann noch die spitzen Reißzähne ... aber so ist das halt, hat man erst einmal ein Attribut, dann wird man es so schnell nicht wieder los. Und so wie der hl. Dionysius nun auf ewig seinen eigenen Kopf herumtragen muss, so taucht der hl. Sintpert/Simpert nur noch in Begleitung seines treuen Wolfes plus Maulbaby auf. Der Wunder hat er aber noch viel mehr gewirkt, einige davon sind an den Wänden seiner Kapelle in St. Ulrich und Afra abgebildet. Drum wurde er hierzulande auch als Nothelfer verehrt. 
So mögen wir durch die Fürsprache des hl. Sintpert davor bewahrt bleiben, dass uns der ewige Widersacher verschlinge ... und mit seiner Hilfe die noch größeren Wohltaten der Seligkeit erlangen!
Deus, qui nobis beati Sintperti Confessoris tui atque Pontificis gloriosa merita virtutibus et miraculis evidenter declarasti: da nobis eius patrocinio salutem mentis et corporis; ut, ipsius exempla sequentes, a malis omnibus liberati, ad te feliciter pervenire mereamur. Per Dominum.
O Gott, Du hast uns die herrlichen Verdienste Deines heiligen Bekenners und Bischofs Sintpertus durch Wunder und Zeichen unverkennbar kundgetan. Verleih uns unter seinem Schutze Heil für Seele und Leib; hilf, dass wir seinem Beispiele nachfolgend, von allem Unheil befreit, glücklich zu Dir gelangen mögen. Durch unsern Herrn.
(Kollekte im Augsburger Eigenteil. Übersetzung nach dem Schott-Ergänzungsheftchen für die Diözese, leicht adaptiert) 
Bild: St. Ulrich und Afra, Augsburg.  

Montag, 12. Oktober 2015

Eine Berührung der Seele - des hl. Thomas Ästhetik (2)

Kein Anblick als der der Welt ist nämlich unerschöpflicher, 
keiner ist schöner und vortrefflicher. (...)
Wenn dies aber nur uns Menschen bekannt ist, muss man urteilen, 
dass es um des Menschen willen geschaffen wurde.
- Marcus Tullius Cicero (De Natura Deorum, l. ii, 155)

Das letzte Mal sagten wir, das Schöne gefalle dem Verstand durch die Sinne. Was gefällt aber nun dem Verstand genau daran? Thomas gibt eine Antwort, die im Grunde zunächst nichts Neues ist. Er folgt den großen Denkern am Scheidepunkt von Antike und Mittelalter, wie Augustinus und Boethius, die wiederum einem Alten folgen: Pythagoras (in der Schmiede). Wir erinnern uns, der antike Philosoph fand heraus, dass der musikalische Wohlklang mit gewissen ganzzahligen Verhältnissen in einem Zusammenhang steht. In dieser guten Tradition befindet sich also Thomas, wenn er sagt, dass das Schöne in einem bestimmten Verhältnis, einer rechten Proportion besteht - und daran erfreut sich der Verstand. 

Je nachdem, wie man tickt, kann das entweder reichlich komisch und trocken oder ganz einleuchtend klingen. Das Mittelalter und sein Schönheitsverständnis lebte auf jeden Fall mit aus dieser Theorie, und versuchte die Ordnung, die man im Kosmos sah, in der Sakralarchitektur auf die Erde zu bringen. 
Aber zurück zum eigentlichen Thema. Die Sinne und der Verstand sind dazu bestimmt, in den Dingen Ordnung und einen bestimmten Sinn zu erkennen, und darum sind sie gewissermaßen der Anlage nach Ordnung und Vernunft. Sie stehen selbst in einer rechten Beschaffenhaft. Dazu sind sie da. Und das ist auch der Clou. Die Seele wird sich im Erkennen der Ähnlichkeit bewusst, die sie mit dem Erkannten hat, ihr erschließt sich die Ordnung und der Sinn der Dinge. Und das löst das Wohlgefallen aus, welches man Schönheit nennt. 

Aber bevor es so weit ist, müssen erst noch ein paar Bedingungen erfüllt werden. Vielleicht erschließt sich alles dann noch ein wenig mehr. Aber das erst beim nächsten Mal. Nur noch ein Satz, den ich mal irgendwo aufschnappte, der den Inhalt des vorherigen Absatzes wesentlich poetischer und tiefgründiger beschreibt, als ich das jemals tun könnte: Nicht wie ein pochender Fremder schreckt Schönheit die Seele auf, vielmehr erweckt sie sie ... mit vertrauter Berührung.

Sonntag, 11. Oktober 2015

Der Gottesmutter ein Benedicite


Jubelt dem Herrn, all ihr Geschöpfe Gottes,* lobet und preiset Ihn ewiglich.
Zur Ehre und Herrlichkeit der Erhabendsten der Geschöpfe, der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes. 
Jubelt dem Herrn, ihr Engel Gottes,* ihr Himmel, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c.
Jubelt dem Herrn, alle Wasser droben am Himmel,* alle Heere Gottes, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c.
Jubelt dem Herrn, Sonne und Mond,* ihr Sterne am Himmel, jubelt dem Herrn. 
Zur Ehre und Herrlichkeit &c.
Jubelt dem Herrn, Feuer und Hitze, * Kälte und Hitze, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, Tau und Raureif, * Frost und Kälte, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, Eis und Schnee, * ihr Nächte und Tage, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, Licht und Dunkel, * ihr Blitze und Wolken, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubeln möge dem Herrn die Erde, * sie lobe und preise Ihn ewiglich.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, ihr Berge und Hügel, * alles, was grünet auf Erden, juble dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, ihr Quellen, * ihr Meere und Ströme, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, ihr großen Tiere des Meeres und alles, was im Wasser sich reget, * alle Vögel des Himmels, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, ihr Tiere alle, zahm und wild, * ihr Menschenkinder, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubeln möge dem Herrn ganz Israel, * es lobe und preise Ihn ewiglich.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, ihr Priester Gottes, * ihr Diener Gottes, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, ihr Gerechten, mit allen Kräften der Seele, * ihr heiligen, demütigen Herzen, jubelt dem Herrn. 
Zur Ehre und Herrlichkeit &c. 
Jubelt dem Herrn, all Regen und Tau, * all ihr Stürme Gottes, jubelt dem Herrn.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c.
Jubelt dem Herrn, Ananias, Azarias un Misael,* lobet und preiset Ihn ewiglich.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c.
Lasset uns preisen den den Vater und den Sohn samt dem Hl. Geiste,* lasst uns Ihn loben und preisen in Ewigkeit.
Zur Ehre und Herrlichkeit &c.
Gepriesen bist Du, o Herr, droben in der Feste des Himmels,* ja, lobwürdig und glorreich, und über alles erhaben in Ewigkeit.
Zur Ehre und Herrlichkeit der Erhabendsten der Geschöpfe, der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes.
Und Du, über alle Kreatur Gebenedeite, empfiehl uns und diesen Orte Deinem Sohne, o Jungfrau Maria, Mutter Gottes.
Text: Benedicite-Canticum in der Vesper von Marienfesten im Brevier des Erlöserordens (vulgo Brigittenorden)
Bild: St. Ulrich und Afra, Augsburg 

Samstag, 10. Oktober 2015

Schön ist, was gefällt - des hl. Thomas Ästhetik (1)

Mensch, nichts ist unvollkomm’n. Der Kies gleicht dem Rubin,
Der Frosch ist ja so schön als Engel Seraphin.
- Angelus Silesius

Der hl. Thomas war, so meint Maritain, von ebenso großer Weisheit wie nüchterner Schlichtheit. Darum hat er es geschafft, das Schöne mit bloß drei Worten zu definieren: quae visa placent, was im Angeschautwerden gefällt. Abstrakt und vage klingt das, gemeinplätzig, möchte man fast einwenden. Aber genau das macht sie so exakt, tiefsinnig und richtig.

Wie das beim Aquinaten immer so ist ... hinter jedem noch so kleinen Sätzchen steckt ein ganzer Berg von Gedanken. Und die Philosophen, die Theologen, arbeiten sich daran wie an einem Steinbruch ab und schreiben ganze Bände darüber. So auch hier. Zum Glück hilft Thomas uns an anderer Stelle noch einmal weiter und gibt uns noch eine Definition dazu. Schön wird das genannt, dessen Wahrnehmung selbst gefällt, id cuius ipsa apprehensio placet. 

Was brauchen wir also für die Schönheit? Das Schauen, d.h. die intuitive Wahrnehmung, und das Wohlgefallen. Schönheit ist das, was Wohlgefallen bringt, aber nicht irgendein Wohlgefallen, sondern Wohlgefallen im Wahrnehmen. Nicht der Erkenntnisakt selbst ist es, der gefällt. Das Gefallen quillt daraus hervor, erfüllt unsere Seele wegen des erkannten Objektes.

Wenn das schiere Wahrnehmen uns also ergötzt und erfreut, dann ist etwas schön.

Wir haben gesagt, dass es das Wahrnehmen ist, welches das Wohlgefallen mit sich bringt. Das bedeutet, das Schöne steht vor allem in einer Beziehung zur Erkenntniskraft.
Wenn etwas nur über den Verstand erkennbar ist, nennen das die Philosophen intelligibel. Hier, im Intellekt, im Verstand, dort hat die Schönheit ihren eigentlich Platz. Was könnte auch sonst diesen unendlichen Ozean fassen, die Schönheit des Seins ... wenn nicht der Kosmos, der unsere Seele ist?
Nur ein Problem tut sich auf. Wir erfassen eben die um uns liegende Welt durch die Sinne. Nur sie ermöglichen uns dieses intuitive Erkennen, durch das wir Schönheit wahrnehmen. Das Schöne gefällt dem Verstand durch die Sinne.

Der schon eingangs erwähnte Maritain, der ein großer Ästhet war, sagte, dass durch die Schönheit das Paradies, der Garten Eden, nicht ganz verloren ist. Das Schöne, und sei es nur für einen Moment, stellt den Frieden und die Freude im Einklang von Verstand und Sinnen wieder her, die im Paradiese herrschten. 

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Der himmlischen Geheimnisse nicht genug


Wer kennt das nicht? Die fünfzehnfältigen Geheimnisse des Rosenkranzes gebetet, tja, und was dann? War's das schon? Abhilfe schafft hier, wie ich heute erst durch meinen hispanoamerikanischen Kollegen und Freund von Coelifluus gewahr wurde, der Birgitten-Rosenkranz. Und da dieser Rosenkranz Teil des Habits der Unbeschuhten Karmeliten darstellt - die hl. Teresa von Avila lernte ihn in einem Birgittinnenkloster kennen - und hiesiger Blogautor ein Faible für den Karmel hat ... soll er auch hier mal erwähnt werden.
Was ist nun anders am Birgitten-Rosenkranz, bzw. dem Kranz oder der Krone der hl. Birgitta, wie er eigentlich heißt? Gar nicht mal so viel. Dem gewöhnlichen, also dem dominikanischen Rosenkranz, werden drei Geheimnisse beigegeben:

Im den freudenreichen Geheimnissen wird als erstes Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis gedacht. Als sechstes der schmerzhaften Geheimnissen tritt der Leib des Heilandes im Schoße seiner Mutter hinzu, als sechste Geheimnis der glorreichen Geheimnisse ist das Patronat der Muttergottes. Anstelle des Gloria Patri tritt das Apostolische Glaubensbekenntnis.
Die sich damit ergebenden sieben Pater noster versinnbildlichen die sieben Freuden und sieben Leiden der allerseligsten Jungfrau, die 63 Ave Maria jene Jahre, welche sie der Überlieferung nach auf Erden verbrachte.
Es heißt, neben dem franziskanischen Rosenkranz war diese Krone der stärkste "Konkurrent" zum dominikanischen Rosenkranz, der sich schließlich weitgehend durchsetzte.

Zwei Beiträge gab es hier schon zu Hymnen aus dem Eigenritus des Erlöserordens. Vielleicht wird es mal wieder Zeit für das ein oder andere mehr ... mir ist nämlich bis dato kaum ein schöneres Ordensbrevier unterkommen. Schön zumindest, wenn man sich nicht vor Reimoffizien und marianischem Maximalismus fürchtet.

Von den Amerikanern lernen ... oder: Liturgie à la L.A.


Popkultur wird auf hiesigem Blog nicht gerade häufig thematisiert, und dabei wird es wohl auch bleiben. Dieser Tage war ich aber doch mal nicht wenig erstaunt darüber, was man sich jenseits des großen Teiches so unter katholischem Zeremonial, noch dazu in deutschen Landen, vorstellt.
Ein kleiner Schritt zurück. Eigentlich ist es nämlich fast immer das Gleiche. Ist in Film- oder Fernsehproduktionen eine Kirchenszene fällig, dann handelt es sich doch fast immer um eine katholische Kirche ... oder zumindest eine, die es sein könnte. Leergefegte Betonbunker und Glaspaläste sieht man da kaum, eher Gothic Revival bis byzantinisch anmutende Bauten und unvermeidliches Votivkerzenscheinflackern vor Marienstatuen. Alles eben pleasing to the eye.
Unvergessen solche Klassiker wie die Verfilmung von The Cardinal - ein gewisser Joseph Ratzinger soll da gar eine Beraterfunktion innegehabt haben. Allein die Weihezeremonie ist es wert, diesen Streifen einmal angeschaut zu haben. Als Zelebrant im Levitenamt macht übrigens auch Robert de Niro keine schlechte Figur.* Gottlob muss man heute nicht mehr ins Kino gehen, um derlei zu sehen!

Nun aber der Sprung in die allerjüngste Vergangenheit. Am Sonntag begann die fünfte Staffel der US-Serie Homeland ... und, was sah ich da, in den ersten Serienminuten? Carrie Mathison, die Protagonistin, in einer katholischen Messe irgendwo - der ein oder andere hat es durch Funk und Fernsehen womöglich schon mitbekommen - in Berlin. Und noch dazu eine recht würdig gestaltete. Stellt man sich das in Hollywood wirklich so vor? Oder weiß man um die Situation der real existierenden Liturgie ... und polierte solange daran herum, bis man das bekam, was doch irgendwie ein jeder mit Kirche und Kult, und sei es unterbewusst, in Verbindung bringt: Sakralität, ein Hauch von transzendenter Schönheit, ja, Herrlichkeit?
Da ich mal wissen wollte, wo diese Kirche, in der da gefilmt wurde, wirklich steht, warf ich die Suchmaschine an. Und wurde, tja, mal wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt.

Quelle: B.Z.

Diese Art der Kommunion wird dort also eigentlich nicht mehr praktiziert. Kann ich zwar nach meiner eigenen (nicht von Kirchensteuermittel finanzierte) Studie mit Stichproben in ganzen zwei Kirchen nicht bestätigen, aber gut.
Ein bisschen Werbung ... und es muss ja nicht immer die schlechte PR sein ... ist es aber, finde ich, allemal. Ein Problem bleibt, dass mir zufälligerweise auch mal ein Berliner Kollege schilderte: Da kann man die dollsten Dinger erzählen von unserer heil'gen Religion, man sieht die schönsten Bilder ... und dann trifft man auf die Realität wie aufs Wasser beim Bauchklatscher vom Zehnmeterbrett, vom himmlischen Jerusalem ab ins (unter)irdische Babel.

Darum, liebe Liturgen: Warum nicht mal Liturgie lernen, à la L.A.?

*Und pace, Dr. Krah, aber wollen wir nicht insgeheim alle einmal zurück in die 50er und 60er Jahre - die seit einiger Zeit ohnehin ziemlich im Trend liegen?

PS: Mir wurde zugespielt, dass es sich um die Herz-Jesu-Kirche am Prenzlauer Berg handelt. Danke für den Hinweis!

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Das Bild Mariens (unbebildert!) [Update: Jetzt doch illustriert]

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt.
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mit tiefer im Gemüte steht.
- Novalis (Geistliche Lieder)
Maria erblicken! Was heißt das? Zahlreich sind ihre Bildnisse, ein Meer an frommer Literatur, an Büchern und Heftchen ... und doch, so ganz anders müssen wir auf die Gottesmutter schauen, als auf andere Heilige. Nicht wie in einer beliebigen vita können wir ihr Leben betrachten, erst recht nicht nach Art einer Legende, nicht jedes Detail ihres irdischen Lebens erschließt sich uns in den tausend Akten eines Kanonisierungsprozesses. Maria ist das siebenfach versiegelte Buch des Heiligen Geistes, der verschlossene Garten, die versiegelte Quelle. Sie ist das Geheimnis Gottes, sein Heiligtum, in das kein Geschöpf ohne weiteres eintreten darf. Den Schlüssel dazu hat Er allein.

Dieses Geheimnis zu enthüllen, besser, es ein wenig zu erfassen - dazu braucht es die besondere Gnade des Herrn. Mit unseren fleischlichen Augen Seine Braut zu schauen wird uns wenig nutzen, wir müssen sie mit Seinen Augen betrachten. Der erste Schritt auf diesem Weg führt uns in die Offenbarung.

Der Überlieferung nach heißt es, der hl. Evangelist Lukas sei der erste Künstler gewesen, der ein Bild der Jungfrau-Mutter malte. Vielleicht finden wir es nicht nach Art einer Ikone auf Holz, nicht auf einer Leinwand, nicht in Marmor gehauen ... sehr wohl aber in seinem Evangelium, in dem sich das vorzüglichste Gemälde Mariens abzeichnet.
Wie feierlich Maria allein schon eingeführt wird, das erste Mal ihr Name genannt, unter einem ihrer großen Titel! Umständlich formuliert er den Satz, "Im sechsten Monat aber ward der Engel Gabriel von Gott gesandt (...), zu einer Jungfrau, (...), und der Namen der Jungfrau war Maria" (26f). Die Erhabenheit, die Besonderheit dieser Zeilen wird verdunkelt, meine ich, wenn man den Satz entzweit, wie in vielen deutschen Übersetzungen, die EÜ macht gar drei Sätze daraus! Aber hieran will ich mich gar nicht aufhalten, schauen wir noch einmal weiter, noch mehr aus dem Blickwinkel Gottes.

Als der Engel die Gottesmutter anspricht, wie nennt er sie da? Nicht Maria! Wenn wir nicht sagen wollen, dass er den Namen Mariä vergessen hätte, und noch weniger, dass er ganz unwichtig sei, bleibt uns nur eine Möglichkeit: Sie bekommt von Gott einen neuen Namen, einen zusätzlichen. Sei gegrüßt, du Begnadete. Es ist aber kein Name wie Kephas, der sein Amt als Fels der Kirche versinnbildlichen sollte. Und eigentlich ist es auch falsch, wenn ich gerade sagte, er sei neu oder wie dazugegeben. Er ist viel mehr der Name, den Maria von Ewigkeit her im Ratschluss Gottes besaß.

Maria ist nicht erst jetzt, im Moment des Grußes, voll der Gnade. Sie ist vom Anbeginn ihres Daseins in einzigartiger Weise die Begnadete, es ist ihr Name von Urbeginn. Wo die Heiligen am Ende ihres Lebens ankommen, da beginnt die Heiligung Mariens. In der Fleischwerdung kommt aber noch mehr hinzu. Die Empfängnis des Sohnes Gottes verlieh ihr alle übernatürlichen Schätze und Gaben. Wollen wir ein Bild davon in unserer Seele zeichnen, dann sollten wir uns eine Überfülle denken, mit der Christus seine Mutter seiner würdig gemacht hat. Das heißt, es handelt sich hier um eine Gnadenfülle, die sie Gottes würdig machte. Gotteswürdig! Weil Maria auserwählt war, Mutter Jesu zu werden, musste sie selbst einen Anteil an der göttlichen Natur erhalten, nämlich das Höchstmaß der Gnade.

So viel nur zu den ersten Worten des Grußes, den wir im marianischen Psalter so oft wiederholen. Ave Maria, gratia plena. Sie zu beten, heißt, einzudringen in die Abgründe dieses größten Geheimnisses Gottes. Vielerlei Andachtsformen und Devotionalen mögen nützlich sein, die Gottesmutter näher kennenzulernen. Aber letztlich sind es diese Worte, die einmal kurz in der Schrift aufblitzen wie ein Schatz aus tiefstem Meeresgrund; sie sagen uns mehr als alle Erscheinungen und Privatoffenbarungen zusammen. Denn keins von diesen kann sie schildern, so, wie sie der Herr geblickt.

PS: Ein getreuer Leser und guter Freund sandte mir nun doch noch das passende Bild - oder novalischer: tausend Bilder - zum Beitrag. Das nenne ich mal Internet interaktiv!

In nicht ganz eigener Sache: Guter Ratschlag von Erzbischof Paul-André Durocher

Man höre und staune ... and if you want to check what is doctrine, buy a Denzinger!

Montag, 5. Oktober 2015

Die sexuelle Ordnung und das andere Konzil (7): Eine Ermunterung am Schluss [synodentauglich!]

Dass niemand denke, dass andere Konzil bestünde nur aus Verurteilungen (die ich bislang zugegebenermaßen einzig zitierte), hier noch das allerletzte Kapitel im Entwurf und damit auch die letzte Folge dieser Teilserie:
»Jene Dinge darzulegen erachtete die Heilige Synode für diese Zeiten notwendig, nicht nur, auf dass die Wahrheit besser bekannt werde, sondern auch, dass sie williger angenommen und im Leben selbst erbaulich angewandt werden möge. Sie ermutigt die Hirten, die Gläubigen gewissenhaft in jenen Beschlüssen zu unterweisen, und sie durch ihren guten Rat zu unterstützen. Sie ermutigt die Verheiraten, unentwegt in ihnen die Gaben und Gnaden wachsen zu lassen, welche sie vom Himmel erhielten, als sie das Sakrament empfingen, dass die bräutliche Liebe Christi und der Kirche abbildet. Sie ermutigt die Eltern und Kinder, durch die Nachahmung der heiligen Familie von Nazareth fortwährend nach den höheren Dingen zu streben. Sie ermutigt diejenigen, die Gott in heiliger Jungfräulichkeit dienen, den zeitlichen Verlangen aus Liebe für Jesus Christus zu entsagen, und so alle fleischliche Liebe in geistige zu verwandeln. Sie ermutigt alle, die Unannehmlichkeiten und Drangsale, die nach dem Falle Adams gleichsam unweigerlich mit den göttlichen Geschenken verbunden sind, hochherzig und im Geiste der Liebe und Unterwerfung, anzunehmen und Gott aufzuopfern. Als gütige Mutter der Gläubigen leidet die Kirche mit den Nöten, Leiden und Ängsten, mit denen eine große Zahl ihrer Kinder belastet und nicht selten bedrückt sind. Aber sie kann auch nicht über die Opfer schweigen, die von Gott und Jesus Christus gewollt sind. Und sie ist nicht weniger gezwungen, einigen klagenden Gläubigen und vielen verleumderischen Feinden zu antworten: "Ob es recht ist vor Gott, euch mehr zu gehorchen als Gott, dass urteilt selbst ... Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen" (Apg 4,19 u. 5,29). Doch wenn die Stimme der Kirche wahrhaft gehört wird, werden Ehe und Familie den Ratschlüssen Gottes entsprechen, der die Liebe ist, und Jesus Christus, der uns mit einer ewigen Liebe liebte; und "unsere gegenwärtige Trübsal, die augenblicklich und leicht ist, bewirkt in uns eine überschwängliche, ewige, alles überwiegende Herrlichkeit" (2 Kor 4, 17)«
Schema der Theologischen Kommission: Von der Keuschheit, der Jungfräulichkeit, der Ehe und der Familie. Epilog.
AS I/IV 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1971, S. 769f. Ohne Fußnoten.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Franziskus, der katholisch Mann


»Franciscus vir Catholicus, 
et totus Apostolicus,
Ecclesiae teneri 
fidem Romanae docuit, 
Presbyterosque monuit 
prae cunctis revereri.«

Franziskus, 
der katholische und ganz apostolische Mann, 
mahnt uns, 
zu halten der Römischen Kirche Lehren 
und die Priester vor allen zu ehren.


Text: 1. Antiphon der I. Vesper vom Fest im Breviarium Romano-Seraphicum, Anfang des Reimoffiziums aus der Feder Julians von Speyer. Im franziskanischen Eigenteil des modernen Stundengebetes strich man die Sache mit der Kirche Lehren und die Presbyter zu ehren: »Franciscus vir catholicus et totus apostolicus, missus est in praeparationem Evangelii pacis«, Franziskus, ... , gesandt zur Bereitung des Evangeliums des Friedens. 
Bild: Seitenaltar in San Buenaventura de Yaguaron, Paraguay. Die Kirche aus dem Jahr 1600, das womöglich beeindruckendste Zeugnis franziskanischer Sakralkunst im Land, wird gerade restauriert, mir ist darum nur ein Schnappschuss gelungen, bevor mich die Restaurateure verjagten. Ob das fehlende Kreuz in der Rechten des Heiligen etwas mit den Arbeiten zu tun hat, ist mir nicht bekannt.

Samstag, 3. Oktober 2015

Die sexuelle Ordnung und das andere Konzil (6): Die heilige Jungfräulichkeit [und noch so'n paar Konzilsgeschichten]


Erinnert sich noch jemand an den letzten Beitrag, in dem es unter anderem auch über die Demographie ging? Eine kleine Zusatzinfo, die ich letztens vergaß: Die mit den Moralfragen betreute Unterkommission war der Ansicht, dass eine Überbevölkerung des Planeten nicht möglich sei. In der Zentralkommission entbrannte darüber eine heiße Diskussion. Ich zitiere aus Lubacs Konzilstagebuch einige Hauptakteure von besonderem Interesse:

P. Gustav Gundlach, SJ:
»Theoria 'superpopulationis absolutae' probari nequit, nisi negando indolem spiritualem agendi humani; immo nisi defectus divinae Providentiae ponatur in ordine creationis ab ipso sapientissimo Deo constituto.
Die Theorie der 'absoluten Überbevölkerung' kann nicht bewiesen werden, ohne den geistlichen Charakter menschlichen Handelns zu leugnen, mehr noch, ohne einen Fehler der göttlichen Vorsehung in der Schöpfungsordnung anzunehmen, die vom weisesten Gott selbst eingerichtet wurde.«
P. Sebastian Tromp, SJ:
»Non debemus loqui sociologice, sed theologice. Veritas theologica nullo modo pendet a scientia sociologica.«
Wir dürfen nicht soziologisch, sondern theologisch sprechen. Die theologische Wahrheit hängt in keiner Weise von der soziologischen Wissenschaft ab.«
Alfredo Kardinal Ottaviani:
»Per textum Geneseos, 'Crescite et multiplicamini', explicite excluditur possibilitas superpopulationis absolutae.
Durch der Genesispassage "Wachset und mehret euch" wird die Möglichkeit einer absoluten Überbevölkerung explizit ausgeschlossen.«
Freilich kam man nicht umhin - und hier nähern wir uns der Lubac'schen Pointe - einen uralte Story aus dem Hut, oder vielmehr aus der Mottenkiste der kirchenfeindlichen Polemik zu zaubern. So sagte

Bischof James Griffiths:
»Tamen, caute debemus procedere, ne iterum forte dicatur: E pur si muove!«
Indes, wir müssen vorsichtig voranschreiten, damit nicht wieder jemand sagen möge: Und sie bewegt sich doch!«
Fehl nur noch die Moral von der Geschicht': »Beim Hinausgehen wird P. Congar zu mir sagen: 'Es ist immer das gleiche, Jahrhundert für Jahrhundert. Frühere Erfahrungen haben sie nichts gelehrt etc.'«

Ich mochte das eigentlich noch kommentieren, aber der Beitrag wird ohnehin schon zu lange, der Leser möge sich also seine eigenen Gedanken dazu machen. Und vielleicht mit Erstaunen feststellen, dass sich die Plattitüden vermeintlicher Spitzentheologen im Laufe der jüngeren Geschichte auch nicht groß geändert haben. Oder anders ausgedrückt: Sie haben aus der Vergangenheit nichts, aber auch gar nichts gelernt.

Wie dem nun auch sei, was passt besser zum Fest einer Jungfrau als ein Abschnitt über die heilige Jungfräulichkeit? Nun denn:
»Die heilige Mutter Kirche jauchzt vor Freude ob der großen Anzahl derjenigen, die in verschiedenen Regionen, insbesondere in den kürzlichen gegründeten Kirchen, unter Eingebung und mit Hilfe des Heiliges Geistes, den Stand der heiligen Junfräulichkeit ergreifen. Aber sie beobachtet auch mit Sorge, dass in nicht wenigen Gegenden, in denen die heilige Jungfräulichkeit Zierde vieler Familien war, die Zahl derer, die durch göttliche Gnade den Stand anstreben, der so außerordentlich von Gott geliebt wird, sinkt und manchmal merklich vermindert ist. Dies geschieht nicht nur aufgrund eines weltlichen Geistes, der heute mehr denn je in katholische Familie eindringt, sondern auch wegen der Irrtümer bezüglich des Wesens der Ehe und der heiligen Jungfräulichkeit, die verstreut und verbreitet werden. Durch schwere Not gezwungen, erneuert sie die strenge Verurteilung, die einst das Konzil von Trient gegen jene vorbrachte, die es wagen zu behaupten, dass der Ehestand gegenüber dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates zu bevorzugen ist, und sie verwirft ebenso die Ansichten derjenigen, die sagen, dass das Band des Zölibates ohne Wert, ja, dass er heute unmöglich sei und die Befugnisse der Kirche überschreite und gemäß dem Willen des Einzelnen gelockert werden müsste. Sie muss auch die gefährliche und dem Kirchenleben schädliche Ansicht streng verwerfen, die lehrt, dass die Pflichten in Bezug auf die jungfräuliche Keuschheit, die von jungen Menschen angenommen werden, welche sich Gott weihen wollen, praktisch nicht existierten, da von Jugendlichen von vornherein und allgemein eine mangelnde psychologische Reife und die fehlende Erfahrung mit dem anderen Geschlecht angenommen werden müsste.
Schließlich hält die Heilige Synode christliche Eltern an, durch Gebet, der Reinheit des Lebens und einer Hochachtung vor dem priesterlichen und dem Ordensstand heilige Berufungen zu fördern, in dem Wissen, dass die keusche Ehe dann am meisten geehrt ist, wenn aus ihr die Blüten der heiligen Jungfräulichkeit hervorgehen.«
Man beachte den Wechsel des Quelltextes. Im zuletzt meistzitierten Band findet sich dieser Paragraph nicht. Die Unterschiede zu vorherigen Schemata-Varianten sind z.T. erheblich. Einige Bände der Acta Synodalia sind seit kurzem auch online verfügbar. 

Schema der Theologischen Kommission: Von der Keuschheit, der Jungfräulichkeit, der Ehe und der Familie. III. Teil: Die heilige Jungfräulichkeit. 
AS I/IV 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1971, S. 768f. Ohne Fußnoten.

Freitag, 2. Oktober 2015

Dass sie Dich behüten


»Was ist besser, sag mir? Über den Nachbarn und seine Angelegenheiten sprechen,
sich neugierig nach allen Dingen erkundigen? Oder sich über die Engel
und jene Dinge unterhalten, die dazu geeignet sind, uns zu bereichern?«
- Johannes Chrysostomos: In Joannem homil. 18 (Migne PG 59, S. 119)

Eine wahrhaft englische Zeit feiert die Kirche dieser Wochen, und ich denke, sie tut gut daran. Vor wenigen Tagen war es erst das Fest des hl. Michaels, das auch ein Fest aller himmlischen Chöre ist, heute das Fest der Engel, die zu unserem Schutze bestimmt sind. Trotz ihrer Präsenz sind sie uns, so meine ich, all zu wenig präsent. Woran kann das liegen? Vielleicht ist der Grund ein zweifacher: Einmal neigen wir Erdenkinder zu fleischlischem Denken, das zu gerne den Geist übersieht, zum anderen sind wir vielleicht zu abgestoßen von den Engelsdarstellungen, die einem alleweil begegnen ... und dem damit häufig verbundenen esoterischen Schabernack. Kardinal Journet schrieb einmal, und auch wenn es um menschliche Heilige geht, so lässt es sich doch genau so von den Himmelsbürgern sagen:
»Ich kenne Menschen, welche die Harmonie der Kathedrale von Chartres zu höherer Andacht stimmt. Ich kenne auch andere, welche die abstoßend süßlichen Darstellungen des heiligen Josef, des heiligen Aloisius von Gonzaga, des heiligen Franz von Sales ... die sie in ihrer Jugend täglich vor Augen hatte, mit unausrottbaren Vorurteilen gegen jene Heiligen erfüllte, die doch von bewunderswerter Willenskraft und Hochherzigkeit waren.«
Ja, was haben diese Engelchen - Engel sind es doch keine - noch mit den Engeln gemein, vor denen der hl. Johannes in seiner Apokalypse, vor denen der Prophet Daniel mit dem Angesicht zur Erde niederfällt? Aber genug davon. Wer aus dem Glauben heraus lebt, der hat keinen echten Anlass, die Engelwelt zu vernachlässigen. Voll ist die Hl. Schrift von ihnen. Im Alten Testament sind uns wahrscheinlich nur ihre auffälligsten Erscheinungen geläufig, wie in Genesis, in Tobias, in den Makkabäerbüchern. Viel zahlreicher ist aber ihr Auftreten, von ihrem unsichtbaren Wirken ganz zu schweigen. Die Engel im Neuen Testament sind uns vermutlich etwas vertrauter, aber ich behaupte, auch hier vergessen wir sie all zu gerne. Die Erscheinungen, welche die Fleischwerdung und die Auferstehung umgeben, die vielen Worte Jesu von den Engeln, die Eingriffe der Engel ins Leben der frühen Kirche, und nicht zuletzt in der bereits erwähnten Offenbarung des Johannes. Kurzum: Die Engel zu vergessen, ja zu streichen ... hieße, jede zweite Seite der Bibel zu zerreißen. Versucht hat man das schon. Wider den verschillebeeckxten Katechismus unseres lieben Nachbarlandes musste der sel. Paul VI. im Credo des Gottesvolkes erneut betonen: »Wir glauben an den (...) Schöpfer der sichtbaren Dinge, wie es diese Welt ist, auf der unser flüchtiges Leben sich abspielt, Schöpfer der unsichtbaren Dinge, wie es die reinen Geister sind, die man auch Engel nennt (...).«
Man kann sich fragen, ob die Verfasser des holländischen Katechismus nicht jeden Tag beim Beginn der Komplet die Warnung des Apostel Paulus vor dem Teufel hörten, und am Ende die Schutzengel anriefen, die Nachstellungen des Widersachers abzuwenden, dass sie in den Heimstätten der Gläubigen wohnen und sie in Frieden behüten? Ähnliches begegnet uns auch im Schlussgebet des Asperges»Sende uns gnädig deinen heiligen Engel vom Himmel herab. Er behüte, bewahre, beschütze und beschirme alle, die in diesem Hause weilen.« 
In der Liturgie reden wir von den Engeln, im Credo, selbst im Gebet des Herrn. Wenn wir bitten, dass der Wille Gottes »wie im Himmel also auch auf Erden« geschehe, verlangt Christus, dass der Wille Gottes von den Menschen so erfüllt werde, wie er von den Engeln erfüllt wird - so Augustinus (De serm. Domini in monte, l. 2, cap. 6).

Unser Denken und Handeln, zumindest mein eigenes, lässt die andere, unsichtbare Welt all zu oft außer Betracht. Wie wahr ist, was Jacques Maritain einmal schrieb:
»Es sieht aus, als glaubten wir törichterweise, dass dieses Volk (die Auserwählten im Himmel und die Engel - Anm.) in der Anschauung Gottes schlummere, uns nicht mehr sehen wolle und uns vergessen habe. Und was uns anbelangt, so tun wir wirklich alles dafür.«   
Wir treten aber nicht erst nach dem Tode in diese unsichtbare Welt ein, so ein Mahnwort Kardinal Newmans, nein, sie existiert jetzt schon, sie ist unter uns und um uns herum.

Seien wir also der Engel, insbesonderer unserer Schutzengel, eingedenk. Und erinnern uns an die Worte des Psalmisten: Seinen Engeln hat er deinetwegen geboten.
»Eine staunenswerte Herablassung und großer Erweis der Liebe! (...) Wessen Engel sind es? Wessen Geboten gehorchen sie? Wessen Willen unterwerfen sie sich? Seinen Engeln also hat er deinetwegen geboten, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Sie zögern auch nicht, dich sogar auf den Händen zu tragen. (...) Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst? Des Menschen Sohn, dass Du ihn beachtest? Als ob der Mensch nicht Fäulnis wäre, des Menschen Sohn ein Wurm! Doch was, meinst du, hat er deinetwegen geboten? Dass sie dich behüten.«  
Bernhard von ClairvauxPredigt über Psalm 90 (nach der Lesung des Römischen Breviers)
Bild: Weihnachtsaltar in St. Ulrich und Afra, Augsburg. 

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Nebenbei gemerkt (mit Fragen)


Beim diesmonatigen Kalenderblattabriss meines Dreimonatskalenders fiel mir das Kalenderblattbild aus der Kilianskirche zu Heilbronn besonders auf ... oder mir fiel vielmehr etwas ein: Hat etwa selbst der kirchenferne Kalender bzw. der Kalenderkreierer schon gemerkt, dass Volksaltäre echt total unfotogen sind und höchstens zur (betonbefreiten) Beblumung taugen?
Und zu meinem eigentlichen Anliegen: Heißen Volksaltäre auf Evangelisch auch Volksaltäre? Ist ein Volksaltar ohne Volk überhaupt noch ein Volksaltar? Wer bringt eigentlich das "Volk" in den Volksaltar? Fragen über Fragen ...