Sonntag, 9. August 2015

Das Rätselbild Gottes


»Herr, laß geschehen, 
was Du willst: 
Ich bin bereit!
Auch wenn Du nie mein Sehnen stillst
in dieser Zeit.
Bist ja der Herr der Zeit,
das Wann ist Dein.
Dein ewiges Jetzt, einst wird es mein.«

Bei kaum einer anderen Heiligen, denke ich, verschmelzen Werk und Leben zu einer so großen Einheit, wie bei Edith Stein. Als Braut des Lammes erfüllt sie im Voraus das Endziel der Schöpfung, als sich in ihr Gott und Geschöpf vermählt, in der Dunkelheit des Verstandes begegnet sie Ihm, begreift nicht, wird ergriffen; mehr noch, ihr Leben, ihr Handeln, ihr Erleiden wird zur Kreuzeswissenschaft. Das letzte Kapitel ihres Opus hat sie nicht in Lettern, sondern mit Blut geschrieben. Die heitre Nacht, in die die süße Stimme des Bräutigams sie zur vollkommenen Vollendung ruft ... geht durch den Weg des grausamen Endes an finsterm Ort. Dass die Nacht um so dunkler, der Tod um so qualvoller ist, je mächtiger diese göttliche Liebeswerbung die Seele findet, erscheint uns oftmals rätselhaft ... wäre da nicht das Kreuz als Anhalts- und Haltepunkt. Durch das Kreuz können wir schon auf Erden hineinschauen in die geheimen Ratschlüsse Gottes, die uns in ihrer ganz lichten Klarheit erst in der ewigen Gemeinschaft mit Ihm offenbart werden.

»Laßt uns nicht richten,
daß wir nicht gerichtet werden!
Uns alle trügt der Dinge
 äuß'rer Schein.
Wir sehen Rätselbilder 
hier auf Erden,
der Schöpfer einzig
kennt das wahre Sein.«

Bild: Reliquiar unter dem Michaelsaltar in St. Ulrich und Afra, Augsburg.

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