Freitag, 14. August 2015

Achse Paderborn-Rom (marianisch)

Warum Liturgiewissenschaft Spaß macht, habe ich gerade dieser Tage mal wieder gemerkt. Man braucht gar nicht lange suchen, oftmals überhaupt nicht, die Schätze dieser unversiegbaren Quelle fallen einem geradezu in den Schoß.

Der Kollege von Deo et Patria brachte uns nämlich die Übersetzung des Paderborner Eigenritus zur Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt. Das lateinische Original gab es schon mal vor längerer Zeit auf selbigem Blog. Da fiel mir auf: Die abschließende Kollekte ist keine Unbekannte! Hier nochmal auf Latein und meine alternative Übertragung:
»Veneranda nobis, Domine, huius est diei festivitas, in qua sancta Dei Genitrix mortem subiit temporalem, nec tamen mortis nexibus deprimi potuit, quae Filium tuum Dominum nostrum de se genuit incarnatum.« 
»Verehrungswürdig ist uns, o Herr, die Feier des heutigen Tages, an dem sich die heilige Gottesgebärerin dem irdischen Tod unterwarf, aber von den Banden des Todes nicht niedergehalten werden konnte, da sie den fleischgewordenen Herrn, Deinen Sohn, aus sich geboren hat.«
Es handelt sich dabei um eine Oration aus dem Gregorianischen Sakramentar* und ist eines der schönsten Zeugnisse des Glaubens der alten Kirche an den Triumph der Gottesmutter über den Tod. Den gleichen Gedanken formulierte auch Johannes von Damaskus, desses Predigt über das Entschlafen der seligen Jungfrau Eingang ins Brevier gefunden hat: »Wie kann sie der Tod jemals verzehren? Wie das Grab sie empfangen? Wie konnte Verwesung in den Leibe dringen, in den das Leben aufgenommen worden ist?«**

Die Mutter des Erlösers, die neue Eva, ist so eng mit Sieg ihres Sohnes über den Tod verbunden, dass sie "von den Banden des Todes nicht niedergehalten werden konnte". Wäre das nicht der Fall, ihre Gleichförmigkeit mit Christus wäre dahin, sie wäre nicht Siegerin über den Tod, sondern Besiegte. Damit soll nicht gesagt werden, dass Maria aus gleichgroßen Gründen wie Christus auferstehen musste, aber wie die bezeugte Auferstehung Christi das Fundament des christlichen Glaubens und Hoffens ist, so ist die mitverbürgte Auferstehung Mariens, wie Scheeben es schreibt, die »Krönung des Glaubens an das objektiv vollendete Erlösungswerk und ein sekundäres Unterpfand christlicher Hoffnung.«***

Aber, worauf wollte ich hinaus ... genau: Schön, dass sich diese wichtige und so gehaltvolle Oration in unseren Landen erhalten hat. In einigen Eigenriten, etwa die der Dominikaner und der von Mailand, wird das Veneranda übrigens auch als Kollekte zum morgigen Fest verwendet.

* No. 457. PL 78, 401
** Orat. II de dormit. B.M.V.  (alte lectio vi)
*** Die bräutliche Gottesmutter. Aus dem Handbuch der Dogmatik herausgehoben und für weitere Kreise bearbeitet von Dr. Carl Feckes. Verlag Fredebeul u. Koenen: Essen 1951. S. 174. Hervorhebung im Original.

Kommentare:

  1. In der lat. Version fehlt: …opem conferat sempiternam…

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    1. Tatsächlich. In der älteren Variante ist es allerdings nicht enthalten, aus der ich abgeschrieben habe ...

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  2. Die Gebete für die Kräuterweihe waren nicht nur in Paderborn vom röm. Rituale abweichend, sondern auch in Regensburg (1662), Mainz (1671) und Osnabrück (1653); möglicherweise auch noch anderswo. In den genannten Diözesen waren sie, soweit ich informiert bin, nahezu identisch.
    Wie lange sie sich in den anderen Diözesen in der Form gehalten haben, weiß ich nicht.

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    1. Manches findet man online:

      Regensburg
      http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11119994_00427.html

      Würzburg, Worms:
      http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10525331_00325.html

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