Dienstag, 14. Juli 2015

Luther, komm bald wieder

Da nichts so alt wie die Jubiläumsfeierlichkeit von gestern ist, wollte ich es auch mit eineinhalb Beiträgen zu Jan Hus bewenden lassen. Da man aber allenthalben (und gefühlt seit mindestens einem Jahrzehnt) schon mit dem nächsten Jubeltrubel konfrontiert wird, gibt es dann doch noch was dazu. Nicht, dass mich nochmal groß echauffieren kann, ein neues Ärgernis erwarte ... alle großen Aufregmöglichkeiten dürften fürs Erste ausgeschöpft sein. Zehn mal wahrer als anno dazumal ist nämlich jetzt, was Goethe seiner Zeit zum Jubiläum schrieb:
»Pfaffen und Schulleute quälen unendlich, die Reformation soll durch hunderterley Schriften verherrlicht werden; Maler und Kupferstecher gewinnen auch was dabey. (...) [U]nter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter und es ist auch das Einzige, was der Menge eigentlich imponirt. Alles Übrige ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt
Nun ja, kaum angefangen zu schreiben, bin ich schon wieder vom Thema abgekommen. Um Hus sollte es gehen, und aus seinem Lemma im LThK¹ wollte ich zitieren. Das passt jetzt aber irgendwie nicht mehr so ganz und würde den Rahmen sprengen. Also zur Abwechslung mal was Gutes über Luther, den wie vielen anderen Kirchenmännern heute die gute Etikette der Kirche verdroß, und die Reformation unter Hus-Hinzunahme. Es hatte nämlich doch was Positives, und als Zeugen hole ich mir da einen ganz Unverdächtigen zur Hilfe:
»Sie warfen mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit die Menschen wieder zurück, erzwangen die Gegenreformation, das heisst ein katholisches Christenthum der Notwehr, mit den Gewaltsamkeiten eines Belagerungszustandes und verzögerten um zwei bis drei Jahrhunderte ebenso das völlige Erwachen und Herrschen der Wissenschaften (...).« aus Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches.
Eine starke Burg ward unsre Kirch! Ja, wenn das wahr ist, wie sehr hätte man sich, als die zwei, dreihundert Jahre abgeklungen sind, einen neuen Luther herbeigewünscht! Gekommen sind aber bloß noch Lutherchen, und eben der Modernismus. Was hat das jetzt aber mit Hus zu tun? Es war das seltsame Zusammenspiel der Absichten, so Nietzsche, welches dem Augustinerpater das Schicksal des Letztgenannten ersparte. Und »wäre Luther verbrannt worden wie Huss - die Morgenröthe der Aufklärung [wäre] vielleicht etwas früher und mit schönerem Glanze, als wir jetzt ahnen können, aufgegangen.«

Gottlob ist dieser infernalische Feuerball nicht noch mächtiger aufgestiegen, als er es ohnehin schon tat. Unsre arme Erde wär' womöglich vollends verbrannt. Drum: Danke Luther, danke Reformation. Und kommt bald wieder.

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