Donnerstag, 23. Juli 2015

Dialog zwischen dem hohen Klerus Deutschlands und dem niedern Evangelium Palästinens

Es scheint jüngst in Mode gekommen zu sein, konservativ geneigten Geistlichen fürstbischöfliches Gehabe vorzuwerfen oder aber die progressiv-geschmacksbefreite Fraktion gleichsam damit auszuzeichnen, dass sie jeden hochwürdigen und würdigsten Pomp fern von sich weist. Ob sie wohl wissen, dass sich der Reichsprälat nicht vornehmlich durch Brokatornat und güldnes Gerät, sondern durch seine weltlich' Ehr auszeichnete? Und nicht selten sind's gerade jene - scheinbar schon rein vergeistlichten - Gestalten, die da vom Staat belehnt und gut bepfründet die goldnen Nasen rümpfen ... über Kleriker, die nicht selten im Vergleich wie ärmste Mendikanten wirken.

Aus priesterlichem Munde, einer, der über schlechten Sold kaum klagen muss, hörte ich zum ersten Mal die zitierten Zeilen. Zu welcher Partei er sich zählte, na, auch das hörte man dabei irgendwo heraus. Vielleicht sollten sich die gar so unfürstlichen Herrschaften den Dialog noch einmal zu Gemüte führen. Und überlegen, wer dieser Tage ... vielleicht nicht gerade Glanz und Hut ... doch aber Erdengut für sich zuhauf in Anspruch nimmt.
Klerus:
Der große Sieger kam,
Und sah und siegt’ und nahm
Uns Geistlichen der Erde Glanz und Gut,
Und Macht und Ehr und Schwert und Fürstenhut
Und alles Hoch- und Weltlichsein.
Evangelium:
Noch steht der größre Mann,
Der schadlos halten kann,
Und schenket zum Ersatz für Erdengut
Und Macht und Ehr und Schwert und Fürstenhut –
Euch Geistlichen das Geistlichsein.
Bischof Johann Michael Sailer: Brief an Eleonore Auguste Gräfin Stolberg-Wernigerode vom 28.2.1801, in: ders., Briefe, hg. v. Hubert Schiel, Regensburg 1952, 222f.  (Entstanden am 20.7.1800). 

Kommentare:

  1. Bei Lohn und Brot nach BAT,
    da tut die Armut wenig weh;
    "in Ruhe" richtig geistlich sein
    gelingt dann gut im Eigenheim ...

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    1. Die Verse verführen zum Grinsen, aber eigentlich ist mir dann doch gar nicht danach zu Mute, wenn ich daran denke, wie viel ärmer doch jene Kirchenbeamten sind, als sie selber denken ...

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