Dienstag, 30. Juni 2015

Die Qual der Wahl (mit Petrus und Paulus)

Die promoter der deformierten Liturgie preisen ja gerne deren Fülle an optionalen Elementen und Auswahlmöglichkeiten an. Ob man damit aber wirklich irgendjemandem etwas Gutes getan hat? Es ist ein bisschen so wie beim Eisstand, wo man früher zwischen Schokolade und Vanille, heute aus tausend Sorten zwischen Curry-Zitronengras und Ziegenmilch-Rosmarinparfait wählen darf. Und am Ende ist es doch wieder Hochgebet II. 

Schon bevor Kollege Andreas eine Präfation aus dem Sacramentarium Leonianum eingestellt hat, wollte ich eigentlich auch schon eine Anaphora aus dem gleichen Sakramentar in einen Artikel einbauen. Aber was nun? Wieder zum Leonianum greifen sieht ein bisschen einfallslos aus, also ab in die anderen Missale. Dummerweise haben aber irgendwie alle alten Präfationen etwas für sich. Welches also nehmen, das aus dem ambrosianischen Messbuch, aus dem mozarabischen, oder was ganz anderes eintippen ... ? Nun ward schon langsam Abend, und ich konnte mich immer noch nicht entscheiden. Und es nagte an mir zunehmend die Versuchung, einfach die Kürzeste zu nehmen. S.o.

Mit einer Sache habe ich dabei nicht gerechnet, obwohl ich doch die Vigilpredigt Bernhards von Clairvaux gelesen hatte. In der heißt es nämlich, dass man nicht denken solle, weil die Heiligen des Himmels nicht mehr leidensfähig sind, sie deshalb auch auch nicht mehr in der Lage wären, Mitgefühl für die Leidenden zu haben. Und tatsächlich, die Apostelfürsten kannten meine Not und lösten das Problem, in dem sie sich höchstselbst zum Abknipsen darboten.


Und damit das Ganze noch etwas geistlicher daherkommt (und mir niemand eine abergläubige Reliquienfrömmigkeit nachsagen kann, sofern soetwas noch existiert), gibt es zumindest noch ein kleines Gebetchen dazu. Woher stammt das? Nun ja, aus dem leoninischen Sakramentar ...
Praesta quaesumus Ecclesiae tuae, Domine, de tantis digne gaudere Principibus, et illam sequi pia devotione doctrinam, qua delectos tibi greges sacris mysteriis imbuerunt.
Gewähre Deiner Kirche, so bitten wir Dich, o Herr, sich so großer Fürsten würdig zu erfreuen, und mit frommer Ergebenheit deren Lehre zu befolgen, durch die Deine erwählten Herden in die heiligen Mysterien eingeweiht wurden.
Bild: Aufgenommen in St. Margareth, Augsburg.  

Sonntag, 28. Juni 2015

Mehr als Missa de Angelis: Gregorianik und die Berge von Gilboë

Glaube kommt vom Hören, so lehrt uns der Apostel Paulus (Röm 10,17). Gewiss ist damit zuallererst die lebendige Begegnung mit dem Wort Gottes in seinen Zeugen gemeint, wie es ein Bloggerkollege mal gewohnt gewandt ausdrückte ... aber es ist bestimmt auch nicht verkehrt, dabei an den kirchlichen Gesang zu denken. Und hat uns nicht der gleiche Apostel selbst den ersten christlichen Hymnus im Philipperbrief überliefert?

Von genuin kirchlichem, d.h. liturgischem Gesang bekommt man gewöhnlich nur noch wenig mit. Mit Glück, und man darf dankbar dafür sein, hören wir gregorianische Proprien noch Sonn- und vielleicht Feiertags zur Messe. Die "andere Hälfte" der Liturgie, das tägliche Offizium, erreicht nur noch eine kleine Zahl von fleißigen Brevierbetern. Aber selbst die beten fast immer trocken, das heißt, sie singen nicht ... und kriegen damit häufig auch wieder nur die Hälfte mit. Nun kann man mir durchaus entgegenhalten, dass es in früheren Zeiten ebenfalls nicht unbedingt so viel besser stand mit dem liturgischen Gesang als heute. Möglicherweise schlechter. Das kann gut sein, aber ist sicherlich kein Grund, nicht immer wieder auf verborgenen Schätze hinzuweisen.

Einen besonders großen Schatz brachte die Magnificat-Antiphon der 1. Vesper vom heutigen Tage zum Vorschein:
»Montes Gelboë, * nec ros nec pluvia veniant super vos: quia in te abjectus est clypeus fortium, clypeus Saul, quasi non esset unctus oleo. Quomodo ceciderunt fortes in bello? Jonathas in excelsis interfectus est: Saul et Jonathas amabiles, et decori valde in vita sua, in morte quoque non sunt divisi.
Ihr Berge von Gilboë, * es soll weder tauen noch regnen auf euch: denn dort ward weggeworfen der Schild der Helden, der Schild Sauls, als sei er nicht gesalbt mit Öl. Wie sind die Starken gefallen im Kampf? Jonathan ist erschlagen auf den Höhen. Saul und Jonathan, lieblich und schön in ihrem Leben, sind auch im Tode nicht geschieden.«


Groß war der Schmerz Davids, als er vom Tod Sauls und Jonathans erfuhr. Erschlagen waren sie von den Philistern auf den Bergen Gilboes. Ausdruck fand dieser Schmerz in der Klage König Davids, die im Zweiten Buch der Könige (oder Samuels: 1,21ff) erhalten ist. Eine vergleichbare Elegie finden wir kaum in der Heiligen Schrift, sie war die Frucht der großen Verehrung Davids für Saul, der trotz all seiner Ränke Gesalbter des Herrn blieb; die Frucht der tiefen Freundschaft, die ihn mit Jonathan verband, den er liebte wie seine eigene Seele.
In einem Fluchwort spricht er die Berge Gilboes, die Zeugen des Doppelmordes an, und ruft ewige Trauer auf sie herab.

Im Choral spiegelt die dramatische Kraft der Melodie die Pein Davids wieder. Die Aufstiege zu den hohen Stimmlagen wallen auf wie der scharfe Schmerz, der Davids Herz durchstößt, während die Senkungen belanden sind von schwerer Qual und Bedrückung. Auf der Höhe der Bewegung durchdringt Saul et Jonathas Mark und Bein.

Zwar verrät der expressionistischere Stil das jüngere Datum der Komposition aus dem 11. Jahrhundert, aber sie ist trotzdem fern von übertriebener Sentimentalität oder Theatralik. Der dorische Modus erhält das Gleichgewicht und den Ernst des Gesangs, das häufige Zurückkehren zum vollen Ton unter dem Grundton betont die Festigkeit der Melodie, Davids Stärke unter allem Schmerz. Der Spross Jesse verzweifelt nicht, und darum endet die Antiphon im Einklang mit der Serenität, die für den ersten Modus typisch ist.

In den traditionsverbundene Klöstern erklingt schon die nächste Gemme aus der vollen Schatzkiste des gregorianischen Chorals: Aurea luce. Die Nähe dieser Stelle aus dem Alten Testament zum Apostelfest hat die Kirche dazu inspiriert, in der vormaligen Oktav die letzten Worte des Gesangs auf Petrus und Paulus zu übertragen: »Gloriosi principes terrae, quomodo in vita sua dilexerunt se, ita et in morte non sunt separati. Herrliche Fürsten der Erde, wie sie sich gegenseitig im Leben liebten, so sind sie selbst im Tode nicht geschieden.«

PS: Wer weniger gregorianik-begeistert ist: Auch Händel vertonte die dramatische Szene in seinem Oratorium Saul. Hier zur Stelle im III. Akt.

Donnerstag, 25. Juni 2015

»Die hl. Messe ist die täglich aufgehende Gnadensonne« - Nikolaus Gihr zum Gedächtnis

Als liturgieinteressierter Alte-Messe-Molch (und welcher Alte-Messe-Molch ist schon nicht irgendwie daran interessiert?) konsumiert man für gewöhnlich entsprechende Literatur eines einzigen Jahrhunderts, so etwa von 1850-1950. Vorher gab es da nun mal nicht besonders viel, und barock-blümelnde Messerklärungen wie die eines Martin von Cochem sind vermutlich ohnehin nichts für den moderneren Geschmack. Danach ... ihr wisst schon. Nun droht die Gefahr, ich erwähnte das schon mal, dass man am Ende fast zu den gleichen Schlüssen gelangt, wie die Liturgiebastler jüngst (leider noch nicht ganz) vergangener Tage. Ein probates Gegenmittel wider die alles-bekrittelnde Analyse, gewissermaßen den nötigen Kontrapunkt zu Jungmann, lieferte Nikolaus Gihr. Sein Hauptwerk, "Das Heilige Messopfer dogmatisch, liturgisch und aszetisch erklärt", erstmals 1880 und damit vier Jahre vor dem lateinisch-deutschen Volksmessbuch Anselm Schotts erschienen, will Klerus und Laien zu einer größeren Kenntnis des hl. Opfers führen. Kenntnis aber nicht verstanden im Sinne eines Quellenstudiums, eines liturgischen ressourcement samt geschickter Auseinandernahme der heiligen Handlungen und Texte. Vielmehr will er den Ritus durch aszetische Ausdeutung praktisch näher bringen, nicht nur den Verstand, sondern vor allem Herz und Willen bewegen. Und auch heute noch lässt sich das Werk mit großem Gewinn lesen.

Schließen will ich mit einem Gedanken aus eben jener Schrift Gihrs, der heute vor 91 Jahren verstarb:
»Das deutsche Volk des Mittelalters lebte in dem religiösen Gedanken. (...) Die Gläubigen strömten zu den Altären, um sich der Gnaden des heiligen Opfers teilhaftig zu machen. Was Mißbräuchliches vorkam, wiegt die Glaubensinnigkeit und den frommen Eifer nicht auf, mit welchen das Volk vor den Altären kniete, und bedeutete wenig gegenüber der Fülle des Gnadenstromes, der sich in Millionen und Millionen gläubiger Herzen aus dem Opfer des Neuen Bundes ergoß.«
Beseitigt hat man wohl - mit großer Emsigkeit - alle Überreste mittelalterlicher Superstition im gläubigen Volke. Vertrieben hat man aber erst recht Glaubenssinn und frommen Eifer, und nicht zuletzt ... das Volk. Missbrauch und Aberglaube erblüht dafür, so meine ich, mehr denn je.

Dienstag, 23. Juni 2015

Den ganzen Christus

»Will man Christus - und er hat seine Gottheit vor aller Welt documentirt -, dann nehme man den ganzen Christus, dann nehme man Christus mit all seinen Lehren und Geboten, mit seiner weltumspannenden Heilsanstalt und seinen Heilsmitteln: den belebenden Segen, den er über die todkranke Heidenwelt ausgoß, kann er auch in unserer modern-heidnischen Welt von Neuem wirksam machen.«
Augustinus Lehmkuhl, SJ, der heute vor 97 Jahren heimging, aus: Selbstmord und Irreligiösität in: Stimmen aus Maria Laach 22 (1882) S. 524-540, hier 540.

Der Beweis aus der Bewegung (2)

»Alles, was in Bewegung ist, wird von einem Anderen bewegt.«

Um diesen Satz, auf dem der erste Gottesbeweis des Aquinaten u.a. ruht, soll es heute gehen. Er begründet sich auf dem Wesen der Bewegung als ein Übergang, ein Werden. Voraussetzung des Werdens ist die Abwesenheit von Identität, eine abfolgende Einheit verschiedener Dinge: was weiß war, wird schwarz, Unwissenheit wird zu Wissen. Diese sukzessive Einheit muss aber bedingt, abhängig von etwas Anderem sein, ansonsten müssten wir das Prinzip der Identität selbst bestreiten. Es hieße, zu sagen, dass Unwissenheit, die aus sich selbst heraus kein Wissen und auch nicht das Ergebnis von Wissen ist, vom Wissen hervorgebracht werden kann. Wenn man sagt, dass das Werden seine eigene hinreichende Ursache ist, dann macht man den Widerspruch zum Prinzip aller Dinge.

Schauen wir uns das Werden genauer an, sehen wir, dass es nicht nur bedingt ist, sondern auch eine bestimmte Ursache benötigt, eine, die im Akt ist, in der Tatsächlichkeit. Und wenn wir auf das Werdende blicken, müssen wir sagen, dass es noch nicht das ist, was es wird, es ist aber auch kein Nichts. Stattdessen muss hier die Möglichkeit vorliegen, dass es das wird, was es wird: Nur das kann bewegt werden, was bewegbar ist, das Kind, welches noch nichts weiß, kann etwas wissen. Nur das kann wirklich werden, das befähigt ist, zu existieren. So ist also das Werden ein Übergang von der Potenz in den Akt, von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit. Der hinreichende Grund dieses Übergangs lässt sich aber nicht im Werden selbst finden, es ist ja bedingt. Die bloße Möglichkeit bringt sich nicht selbst in die Tatsächlichkeit.
Deswegen bedarf das Werden einer von außen zukommenden Aktualisierung, die in der Sprache der Scholastiker Wirkursache genannt wird. Diese raison d'etre muss selbst aktualisiert sein, bevor sie aktualisieren kann, muss bestimmt sein, bevor sie bestimmen kann. Es muss aktual das haben, für welches das Werden nur eine Möglichkeit ist.

Wenn etwas nicht zur gleichen Zeit im gleichen Sinn möglich und tatsächlich sein kann, so kann es auch nicht in diesem Sinn gleichzeitig Beweger und Bewegtes sein. Wenn etwas bewegt wird, dann wird es von einem anderen bewegt. Wir brauchen also einen Beweger.

Samstag, 20. Juni 2015

Du nach dem Mittler Mittlerin der ganzen Welt


Als Nachtrag zum Fest des hl. Kirchenlehreres Ephrem und zu Ehren der Muttergottes an ihrem ganz eigenen Tage, sein ergreifendes Gebet ad Deiparam:
»Meine Herrin, heiligste Gottesgebärerin und Gnadenvolle, unerschöpfliches Meer der göttlichen und unaussprechlichen Gnaden und Gaben, aller Güter Austeilerin. Du nach der Dreieinigkeit aller Herrin, du nach dem Tröster ein anderer Tröster und nach dem Mittler Mittlerin der ganzen Welt. Siehe an meinen Glauben und meine gottbegeisterte Sehnsucht. Verachte nicht den Unwürdigen, und möge nicht die Häßlichkeit meiner Werke dein unermeßliches Erbarmen zurückstoßen, Gottesgebärerin, für mich der begehrenswerteste Name; denn nichts ist ein sichereres Siegeszeichen als deine Hilfe. Denn du hast alle Tränen vom Angesicht der Erde beseitigt, du hast die Schöpfung mit Wohltaten aller Art erfüllt, das Himmlische hast du entzückt, das Irdische errettet. Durch dich besitzen wir das ursprüngliche Wahrzeichen unsere Auferstehung; durch dich hoffen wir das Reich zu erlangen; durch dich, o ganz Unbefleckte, war, ist und wird sein alle Herrlichkeit, Ehre und Heiligkeit seit dem ersten Adam selbst und bis zur Vollendung der Weltzeit für die Apostel, Propheten und Märtyrer, Gerechten und Sanftmütigen von Herzen, und in dir erfreut sich die ganze begnadete Schöpfung.«

aus der zweiten Nokturn des Offiziums des Feistes Mariens als Mittlerin aller Gnaden. Übersetzung nach Raphael E. BextenÜber die unmittelbare und aktive Mitwirkung der allzeit jungfräulichen Gottesmutter Maria an der objektiven Erlösung des Menschengeschlechtes in und durch Jesus Christus. Heiligenkreuz 2013, S. xiv.
Bild: Marienstatue im Hohen Dom zu Limburg

Freitag, 19. Juni 2015

Ephemerides traditionalisticae

Es ist schon erstaunlich, dass bei aller zur Schau gestellten Frömmigkeit ... man in wirklich entscheidenden Fragen des Lebens doch mehr dem natürlichen Verlauf der Dinge folgt, anstatt sich an die erste Ursache selbst zu wenden. Meinen Dank an denjenigen, der mich darauf aufmerksam gemacht hat.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Das Eucharistische Herz


Bei all dem enzyklikalen Trubel soll an dieser Stelle an etwas ganz anderes erinnert werden ... nämlich an das Fest des Eucharistischen Herzens Jesu, welches ehedem am Donnerstag in der Herz-Jesu-Oktav (andernorts am Donnerstag nach der Fronleichnamsoktav) zu begehen war.
Vere dignum et justum est, aequum et salutare, nos tibi semper, et ubique gratias agere:
Domine sancte, Pater omnipotens, aeterne Deus, 
per Christum Dominum nostrum.
Qui prídie quam pro nobis immolaretur in ara crucis,
dilectionis suae in hominess divitias velut effundens, 
de Cordis sui thesauro Eucharistiae prompsit mysterium. 
In quo credentium fides alitur,
spes provehitur, 
caritas roboratur, 
et futurae gloriae pignus accipitur. 
Et ideo cum Angelis et Archangelis ...
Es ist in Wahrheit würdig und recht, billig und heilsam, Dir immer und überall dankzusagen:
heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott,
durch Christus unseren Herrn.
Der am Tage,
bevor er auf dem Altar des Kreuzes aufgeopfert wurde,
danach verlangend, die Reichtümer Seiner Liebe über die Menschen auszugießen,
aus dem Schatze Seines Herzens
das Geheimnis der Eucharistie hervorbrachte.
In diesem wird der Glaube der Gläubigen genährt,
die Hoffnung gefördert,
die Liebe gestärkt,
und sie empfangen den Unterpfand der kommenden Herrlichkeit.
Darum singen wir mir den Engeln und Erzengeln ...
Präfation vom Fest.
Bild: Herz-Jesu, Pfersee. 

Mittwoch, 17. Juni 2015

Das verwundbarste Wesen

»Was heißt eigentlich: Gott beleidigen? ... Sündige ich, wird etwas, was Gott wollte und liebte, ewig unverwirklicht bleiben, und dies durch meinen ersten Anhieb. So werde ich zur - vereitelnden - Ursache, rufe einen Mangel hervor gegenüber Gott, einen Mangel, was den Endpunkt oder die Wirkung angeht, obschon nicht hinsichtlich des Wertes, der Gott ist ... Die Sünde beraubt so das Weltall eines Wertes und beraubt außerdem Gott selber von etwas, das er zwar nur bedingt, aber doch tatsächlich wollte.
Ein sittlicher Verstoß erreicht den Unerschaffenen nicht in sich selber - er ist völlig unverwundbar. Er trifft ihn in den Dingen, den Wirkungen, die Gott anstrebt und liebt. Dort kann dieser das verwundbarste Wesen genannt werden. Weder Giftpfeile, noch Kanonen, noch Maschinengewehre sind da nötig, eine unsichtbare Regung im Herzen eines freien Wesens genug, und Gott ist verletzt, seiner bedingten Willenserfüllung hinieden beraubt, die er von Ewigkeit her beabsichtigte und liebte, aber nun nie Wirklichkeit werden sieht.«
Jacques Maritain: Neuf leçons sur les notions premières de la philosophie morale. Paris 1951, S. 174-176. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Ephemerides traditionalisticae (mit pathologischem Befund)

Nach gefühlt tausend Stunden femi-theologischen Rumhackens auf der Satisfaktionslehre bleibt mir nur noch übrig, zwei Dinge feierlich zu verkünden:

1. Der Höchste ist zwar kein sizilianischer Mafiaboss, aber doch der God-Father.

2. Die moderne Theologie leidet an Hämatophobie.

Montag, 15. Juni 2015

Früher wie heut'

In den Memoiren P. Carlo Maria Curcis, Gründer der Civiltà Cattolica im Dunstkreis der frühen Neuscholastik, die, noch lange nicht zur Normaltheologie erhoben, damals noch ein ängstliches Hinterzimmerdasein führen musste ... begegneten mir heute folgende Zeilen:
»Ich bedauerte das Babylon, zu welchem das Collegium Romanum [Vorgänger der Gregoriana - Anm.] scheinbar verkümmerte. In der Philosophie war jeder befugt, das zu lehren, was ihm am besten passte, solange er nur das sogenannte "Peripatus" verabscheute und verspottete, obgleich uns niemand je gesagt hat, was das "Perpipatus" war oder vorgab zu sein.« 
Mal ganz abgesehen davon, dass der Jesuit selbst zu einer tragischen Gestalt wurde ... Die bedauerlich-kümmerliche Lage der Schultheologie, wie sich sich im frühen 19. Jahrhundert darbot, erinnert doch zu sehr an unsere heutige Situation, als dass man da nicht auch an die hiesigen Fakultäten denken muss. Von Glanz und Glorie keine Spur mehr, die hehren Zeiten, als sie große Geisteswerke taten und große Gestalten hervorbringen konnten - sie sind längst vorbei. Hauptqualifikation der Lehrkörper, nebst der Unqualifiziertheit, ist erneut die Beliebigkeit geworden, laue, flache Beliebigkeit in allem - so lange, ja, so lange nur das Althergebrachte verachtet und verspottet wird, dann hat der Magister seine Schuldigkeit getan. »Ihr verachtet, was ihr nicht kennt«, kann man ihnen nur noch sagen. Die gegenüber vom Katheder, sie wissen erst recht nicht, wovon überhaupt noch die Rede ist, zu gründlich hinweggefegt hat man alle Überbleibsel in den letzten fünfzig Jahren.

Lange Lamentatio, kurzer Sinn: Der Auszug oben macht beinahe schon wieder Mut, dass erneut - fast wie aus dem Nichts und allen Widrigkeiten zum Trotz - eine neue Renaissance gelingen kann. Am genannten babylonischen Kolleg studierte damals zur gleichen Zeit kein anderer als der vielleicht größte Erneurer christlicher Gelehrsamkeit des vergangenen Milleniums: Leo XIII. Wer weiß, vielleicht saß heute schon in meiner Bank ein neues Licht vom Himmel. Unmöglich, das haben die Altvorderen bewiesen, ist es nicht.

Der Beweis aus der Bewegung


Der erste Weg ist der Beweis aus der Bewegung, und er stellt sich wie folgt dar: Wir wissen aus unserer Erfahrung heraus, dass einige Dinge in Bewegung sind - Bewegung wird hier im Sinne Aristoteles' als Veränderung verstanden. Nun ist Bewegung oder Veränderung nichts anderes als die Ausübung eines Vermögens; das Übergehen von der Potenz (der Möglichkeit) in den Akt (der Tatsächlichkeit).

Thomas veranschaulicht das mit dem Beispiel von Feuer und Holz. Das Feuer, welches aktuell heiß ist, macht, dass das Holz, das ansonsten nur potenziell heiß ist, aktuell heiß wird. Nichts kann aber zeitgleich in der gleichen Weise aktuell und potenziell sein - was z.B. aktuell heiß ist, kann nicht aktuell kalt sein, sondern nur potenziell kalt. Zur selben Zeit und in der selben Hinsicht kann man auch nicht bewegen und bewegt werden. Etwas bewegen heißt, Sein mitteilen; bewegt werden heißt, Sein empfangen. Darum das Axiom: Alles, dass bewegt wird, bewegt sich kraft der Einwirkung eines von ihm selbst Verschiedenen.

Wenn also ein Bewegendes etwas bewegt, dann muss es vorher selbst von einem anderen in Bewegung gebracht worden sein. Diese Kette geht immer und immer weiter, sie kann aber nicht ins Unendliche gehen, denn sonst gäbe es keinen ersten Beweger - und ohne ersten Beweger gäbe es keine weitere Bewegung. Die untergeordneten Beweger, so Thomas, bewegen sich nur, insofern sie vom ersten Beweger in Bewegung gesetzt wurden; wie der Stab sich nur deswegen rührt, weil die Hand ihn bewegt. Steht die Hand still, so kann der Stab sich auch nicht bewegen.

Daraus lässt sich folgern, dass es einen ersten Beweger gibt, der von keinem anderen in Bewegung gebracht wird. »[U]nd jedermann begreift, dass dies Gott ist.«

Soweit der Beweis selbst, und ich erzähle damit wahrscheinlich Niemandem viel Neues. Es soll aber die Ausgangsbasis für unsere weitere Untersuchung sein. Dem ersten Beweis liegen zwei Prinzipien zugrunde, die ich auch schon genannt habe: 1. Alles, was in Bewegung ist, wird von einem anderen bewegt; und 2. Es gibt keinen infinitiven Regress in einer Kette von Bewegern, die aktuell und wesentlich untergeordnet sind.

Die beiden Sachen wollen genauer erklärt werden, aber das erst im nächsten Beitrag.

Freitag, 12. Juni 2015

Wie der Born aus Eden


Ἡ ζωηφόρος σου πλευρά, 
ὡς ἐξ Ἐδέμ πηγή ἀναβλύζουσα, 
τήν Ἐκκλησίαν σου, Χριστέ, 
ὡς λογικόν ποτίζει παράδεισον, 
ἐντεῦθεν μερίζουσα, 
ὡς εἰς ἀρχάς, εἰς τέσσαρα 
Εὐαγγέλια,
τόν κόσμον ἀρδεύουσα,
τήν κτίσιν εὐφραίνουσα
καί τά ἔθνη πιστῶς 
διδάσκουσα προσκυνεῖν
τήν βασιλείαν σου.

Deine lebenspendende Seite, 
aufquellend wie der Born aus Eden, 
tränkt Deine Kirche, o Christus, 
wie ein geistiges Paradies
und ergießt sich von hier
wie seit Anbeginn, in vier 
Evangelien,
sie bewässert den Kosmos
sie erfreut die Schöpfung
die Völker belehrend, 
getreu zu verehren,
Dein Reich.

Text: Griechischer Hymnus aus der Karliturgie
Bild aus Herz-Jesu, Pfersee

Donnerstag, 11. Juni 2015

Deontische Glaubensregel (#whyIremain...)

Rechtmäßig ist der Glaube, wenn der Wahrheit nicht wegen etwas anderem, 
sondern ihrer selbst willen geglaubt wird.
- Thomas (In Ioan 4,5)

Wenn ein allwissender und wahrhaftiger Gott sagt, dass p, dann ist es mit dem Wahrscheinlichkeitsgrad von 1 wahr, dass p. Also: Wenn Gott mitteilt, dass p, dann ist es sicher wahr, dass p.

Dazu lässt sich die entsprechende deontische Regel formulieren:

Wenn Gott mitteilt, dass p, dann ist es epistemisch geboten, zu glauben, dass p.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Gut betucht (aecht bayrisch)

Freilich liegt mir die eigene Heimat immer mehr am Herzen als das Herzogtum Königreich, in dem ich aktuell verweile. Dennoch kann ich mich sehr dafür begeistern, hier mit der Gottesmutter die mächtigste und gütigste Landesherrin zu haben, die man sich nur vorstellen kann. Und welch probateres Mittel gegen all die Mißstände in Staat und Kirche ... ja selbst und vor allem in unserem eigenen Leben ... kann es geben, als die Hut der seligen Jungfrau? Durch sie mögen wir, so heißt es in der Postcommunio vom Fest, vor den Irrtümern der Welt und den Verlockungen des Fleisches sicher bewahrt, im Glauben standhaft und in unseren Werken fruchtbar gefunden werden!



O Gott, der Du so gnädig warst, Deines geliebten Sohnes Gebärerin uns zur Mutter und Patronin des Reiches anzuvertrauen: gewähre gnädiglich, dass wir unter der Obhut dieser Mutter vor jedem feindlichen Angriff beschützt werden und ohne Furcht in Heiligkeit und Gerechtigkeit Dir dienen dürfen. Durch denselben Herrn ...

Kollekte vom Fest

PS: Meinen herzlichen Dank übrigens an den »Tuchspender«!

Dienstag, 9. Juni 2015

Dreifaltigkeit für Fortgeschrittene

Entweder es ist das Sommerloch oder nur meine Einbildung, aber wenn ich die verschiedenen Nachbarblogs so durchschaue, scheinen kritische Kommentatoren gerade mal wieder Hochkonjunktur zu haben. Und bei mir kam jetzt auch einer vorbei, und zwar bei meinem Beitrag zum Dreifaltigkeitssonntag. Zu allem Übel ist der gut durchdacht und nicht ganz ohne.
Wenn man sich auf Glatteis begibt, dann brauch es einen nicht wundern, wenn man auch mal auf die Schnau.. Nase fliegt. Der Demut tut das ohnehin gut. In einigen Punkten kann ich mich dem Anonymus ganz anschließen, zumal als (Möchtegern-)Thomist, der ich bin. Dennoch eine Vorbemerkung und eine Sache, die ich dann doch nicht auf mir sitzen lassen kann.

Zunächst einmal handelte es sich bei dem Stück um eine - womöglich wenig gelungene - geistliche Hinführung zur allerheiligsten Dreifaltigkeit. Vielleicht ist da nicht einmal die Überschrift gut gewählt, aber sei's drum. Schon nach dem Lesen der ersten Sätzen sollte klar sein, dass ich keinen dogmatischen Traktat verfassen wollte. Überhaupt wollte ich mich von technischen Begriffen und jeglichen Schulrichtungen fernhalten. Insoweit passte der Artikel auch nicht unbedingt so hundertpro in das Gesamtkonzept dieses blogs, er war, wie vorangestellt, für ein anderes Projekt bestimmt.

Der anonyme Kommentator sagt einiges Richtiges, das ich so unterschreiben könnte. Dreh- und Angelpunkt seiner Kritik ist die Sache mit der göttlichen Person als Individuum, die in meiner Ausführung eine zentrale Stelle einnimmt. So kommt er zu dem ziemlich scharfen Schluss, der Trinitätsglaube wäre bei den meisten nichts anderes als ein "Vulgärtritheismus". Das kann ich dann doch nicht auf mir sitzen lassen. 

Wenn Thomas von der Person spricht, dann bedient er sich der ontologischen Definition des Boethius, die besonders umfassend sowie genau ist und hier im höchsten Maße fruchtbar gemacht werden kann: Eine Person ist die individuelle Substanz einer vernunftbegabten Natur, d.h., sie subsistieren durch sich selbst, gewissermaßen aus eigenem Recht heraus. Moderner und immer noch richtig ausgedrückt kann man sagen, die Person ist ein ein freies und intelligentes Subjekt. Aus diesem Grunde übrigens galten Sklaven im römischen Recht nicht als Person - ihnen fehlte die Freiheit. 
Das Individuum wird also dadurch charakterisiert, dass es eine selbst-subsistierende Existenz hat und von anderen unterschieden ist, es ist inkommunikabel. 

Wenn wir eine Aussage über Gott treffen, dann doch meistens in Form der Analogie. Das gilt natürlich auch hier. Die Prinzipien, die eine menschliche Person individuieren, eben dieses Fleisch und dieses Blut und diese Seele, die können bei Gott nicht die gleichen sein, in ihm sind ja keinerlei Akzidenzien. Die göttliche Person zeigt zeitgleich auf Substanz und Relation, das kennen wir bei Menschen natürlich nicht. Die göttlichen Beziehungen subsistieren so, wie das göttliche Wesen subsistiert. Daher ist die göttliche Vaterschaft, die Beziehung, Gott der Vater, die Person, und ist die Gottheit, das Wesen.  

Die göttlichen Personen, voneinander verschieden, und insofern liegt der Kommentator richtig, werden durch die drei(!) entgegengesetzten subsistierende Beziehungen konstituiert: die Paternität, Filiation und passive Spiration.  
Nun sind diese Beziehungen oder Relationen ja keine Akzidenzien, sondern subsistierend, und daher erfüllen sie die notwendige Bedingung für das Personsein: Die Subsistenz und Inkommunikabilität. Das sind auch die Eigenschaften eines Individuums. So sind die drei göttliche Personen auch drei intelligente und freie Subjekte, auch wenn sie durch die gleiche wesenhafte intellectio verstehen, sich durch die gleiche wesenhafte Liebe lieben, und die Geschöpfe mit dem gleichen freien Liebesakt frei lieben. Wäre das alles nicht der Fall, dann könnten wir nicht sagen, dass der Sohn ein anderer (alius) als der Vater ist, nämlich in Bezug auf die supposita, nicht in Bezug auf das Wesen. 

Ferner sei mit Cajetan gesagt, dass die Unterscheidung zwischen der Person und dem Wesen keine reale ist, sondern eine mentale; während die Unterscheidung zwischen den Personen aufgrund ihrer Gegensätze eine Realdistinktion ist. 

Aus diesem Grunde kann ich nicht ersehen, dass meine Personendefinition im kritisierten Artikel als (frei) "denkendes und liebendes Individuum" zu irgendeiner Art von Tritheismus führt. Nur kürzer und verständlicher als diese Ausführung hier, das dürfte sie allemal sein.

PS: Ferner ist es natürlich wahr, dass Thomas eine relationale Trinitätstheologie entwickelt hat - und das ist auch gut so! Aber er weiß auch, dass diese metaphysische Kategorie nicht das allererste Datum der Offenbarung ist. Daher meine Herangehensweise.

Montag, 8. Juni 2015

Jesus war kein Sprücheklopfer

»Mit festem und standhaftestem Glauben glaubte und glaubt die heilige Mutter Kirche, dass die vier Evangelien verlässlich berichten, was Jesus, der Sohn Gottes, wirklich lehrte und für das ewige Heil der Menschen tat (s. Apg 1,1), während er unter den Menschen lebte.«*
Eigentlich beschwere ich mich ja ungern über den akademischen Alltag in einer gewissen geisteswissenschaftlichen Fakultät - man weiß dieser Tage schließlich zum Zeitpunkt der Einschreibung, auf was man sich im Großen und Ganzen so einlässt. Bultmann-Wiedergänger in der Exegese-Vorlesung? Na klar! Moraltheologie-Seminar unter dem Titel: Brennpunkte der Sexualethik? Nomen est omen! Aber doch, naja, irgendwo zehrt diese ganze Geschichte an einem. Zumindest an mir. Lieber ist mir dann fast noch die weißhäuptige Generation, die im Leugnen der gesunden Lehre, ganz nach Luther ... dann auch kräftig leugnet. Diese schwächliche Mittelmäßigkeit der Nachfolgenden, die auch noch gütig "anderslautende Meinungen" entgegennehmen und es "gut finden", dass diskutiert wird ... da weiß ich nun wirklich überhaupt nicht mehr, wo ich noch dran bin. Mir kommt's halbwegs so vor, als hätte man nach dem Glauben an die Offenbarung auch den Glauben an die eigenen Hypothesen verloren.

Aber wen kann das eigentlich noch wundern? Wenn man mal überlegt, mit welchem Aufwand sich da eine Theorie herbeifabuliert wird, die zeigt, warum die Synoptiker sich so ähneln ... ja, warum wohl? Als wäre es nicht das Allernaheliegendste, dass sich ein Grundstock an Erzählungen durch die anfänglich gemeinsame Verkündigung der Apostel bildete? Nein, stattdessen dichtet man sich eine Logienquelle herbei, die eigentlich mit dem "historischen Jesus" und seiner "Jesus-Bewegung" so gar nichts zu tun haben kann. Als wäre Christus ein Sprücheklopfer gewesen, der mit Seiner gnostischen Weisheitslehre die Leute an Sich band ... und nicht Seine glorreiche Auferstehung wahre Quelle allen urchristlichen Glaubens und Arbeitseifers war.
Derlei Theorien und Legenden, an denen sich die Bibelwissenschaftler verdingen, gibt es gar viele. Eine ganz neue These über Pseudoepigraphien musste man sich erdenken, um zu erklären, wie das mit dem Paulus uns seinen "falschen" Briefen funktioniert. Wenn man noch halbwegs bei Sinnen ist, weiß man, dass man damit das Christentum vollends unterminiert hat. Und hört man dann, dass irgendwie trotzdem alles gut und okay sei, ja ... dann schreibt man entweder wie Kubitza (gewissermaßen zu Recht!) ein Buch a la »Der Dogmenwahn« ... oder man verabschiedet sich von dem, was man nach über hundert Jahren falscher Vorwürfe nun ohne Falsch eine Pseudowissenschaft nennen kann.

*Schema der Theologischen Kommission: Die Quellen der Offenbarung. 4. Kap.: Vom Neuen Testament. 
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 20. Ohne Fußnoten.

Am Tag, als das LThK starb - Michael Buchberger zum Gedächtnis

An dieser Stelle soll nur kurz des ersten Herausgebers eines so berühmt-berüchtigten Lexikons gedacht werden: Erzbischof und Bischof Dr. Michael Buchberger († 1961). Mit ihm schied wohl auch die Enzyklopädie so langsam dahin.
Sein Lieblingswort, so verrät es mir hier ein kleines Büchlein, soll folgendes gewesen sein: »Alles ist Gnade.« Und damit ist genug gesagt.

Freitag, 5. Juni 2015

Brief an den Herrn Kaplan

Heut' war ich doch für einen Moment mal ganz baff, als ich da einen Brief mutterseelenallein im Hausflur rumliegen sah. Zwar wohnt nicht der Allerhöchste über mir, dafür anscheinend aber ein hochwürdiger Herr! Aber wieso hat der keinen vernünftigen Telefonanbieter, und warum wohnt der nicht ... ach, nein, da dämmerte es mir so langsam, dass ich die Welt ein mal mehr zu sehr durch die katholische Brille gesehen habe ...


Donnerstag, 4. Juni 2015

Was wunderlich unausprechlicher minne

»Wir essent unsern Got. Was wunderlich unausprechlicher minne, das er dise wunderliche wise vant! Und dise minne gat úber alle sinne, und solte diese minne aller menschen herze verwunden, das sine minne ale úbertreffent ist engegen uns.
Nu ist enkein materielich ding das als nahe und inwendiklich den menschen kume als essen und trinken, das der mensche zu dem munde in nimet, und dar umbe das er sich in das aller nechste und inwendigeste uns vereinde, so vant er diese wunderlichen wise.«
Wir essen unsern Gott. Was wunderbare, unaussprechliche Liebe, dass er diese wunderbare Weise fand! Diese Liebe ist über alle Sinne, und sollte aller Menschen Herzen verwunden, dass seine Liebe gegen uns so groß ist. Es ist kein körperlich Ding, das so nahe und so inwendig dem Menschen komme, als Essen und Trinken, was der Mensch zu dem Munde einnimmt. Und darum, dass er sich in das Allernächste und in das Inwendigste zu uns vereinigte, so fand er diese wunderbare Weise.
Aus einer Fronleichnamspredigt Johannes Taulers.

nach Ferdinand Vetter (Hg.): Die Predigten Taulers. Aus der Engelberger und der Freiburger Handschrift [...] (Deutsche Texte des Mittelalters 11). Berlin 1910,  Pr. 30 = 60c: S. 293, Sp. 27-34. Online hier einsehbar.

Montag, 1. Juni 2015

Die Allerseligste Jungfrau und das andere Konzil (letzter Teil)

Eigentlich sollte ja meine kleine Serie zur Gottesmutter auf dem anderen Konzil ... nein, nicht das Konzil der Medien, nicht das echte, sondern das ganz ganz andere Konzil ... den vergangenen Marienmonat durchziehen und zum Fest Mariä Königin und Maria Mittlerin feierlich zum Abschluss gebracht werden. Aber wie es halt so ist, der Mensch denkt und seine Trägheit lenkt ... ich habe das nicht so ganz recht hinbekommen. Dennoch hier der letzte Teil. Man denke sich einfach, er wäre gestern erschienen:
6. [Die heiligste Maria, Förderin der christlichen Einheit] Da Maria, Mutter und allerheiligste Jungfrau, mitsamt ihrem mütterlichen Herzen auf Kalvaria alle Menschen anvertraut wurden, verlangt sie gar sehr danach, dass nicht nur diejenigen, die mit der einen Taufe beschenkt wurden und von dem einen Geist geführt werden, sondern auch, dass die, die noch nicht wissen, dass sie Erlöste durch Christus Jesus geworden sind, in ein und dem selben Glauben und der Liebe untereinander sowie mit dem göttlichen Heiland verbunden werden mögen. Daher erbittet die Heilige Synode, gestützt auf die sichere Hoffnung und Vertrauen, dass es geschehen wird, dass die Mutter Gottes und der Menschen - die erbeten hat (s. Joh 2,3), dass das fleischgewordene Wort sein erste Zeichen in Kana zu Galiläa vollbringe, durch das seine Jünger an ihn glaubten (s. Joh 2,11) und die dem Erwachsen der Kirche zur Seite stand - durch ihr Patronat von Gott erbitten wird, dass sich schließlich zu irgendeinem Zeitpunkt alle in dieser Herde unter dem einen Hirten versammeln werden (s. Joh 10,16). Aus diesem Grunde hält sie ausnahmslos alle Christgläubigen an, diese Förderin der Einheit und Hilfe der Christenheit mit Gebeten und Bitten heftig zu überschütten, sodass durch ihre Fürbitte, ihr göttlicher Sohn die ganze Völkerfamilie zu einem Volk Gottes versammeln möge, und insbesondere diejenigen, die sich des christlichen Namens rühmen - den Vikar Christi auf Erden anerkennen, den Nachfolger des seligen Petrus - der auf dem Konzil von Ephesus, wo das Dogma der göttlichen Mutterschaft feierlich bestätigt wurde, unter einhelligem Beifall der Väter zu Recht als « Hüter des Glaubens » gegrüßt wurde - und dem die Gemeinschaft der Väter gehorchte und folgte. 
Schema der Theologischen Kommission: Von der seligen Jungfrau Maria, Mutter Gottes und Mutter der Menschen. 
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 209. Ohne Fußnoten.

PS: Als kleines Extra gibt es die allerletzte Fußnote auch noch gratis mit dazu. Es handelt sich um ein Gedicht Leos XIII. Möge es jemand übersetzen, der des Lateinischen mächtiger ist als ich:
« Virgine  favente, fiat unum ovile!
Auspicium felix! Orientis personal oras;
Vox lapsa e caelo, personat occiduas:
Una fides Christi, Pastor regat unus ovile,
Disperses gentes colligat unus amor.
Virgo, fave: errantes, ah! lumine mater amico
Respice, et Unigenae iunge benigna tuo ».
Nachtrag: Nachdem ich von Bitten und Flehen der versammelten Gemeinde überschüttet worden bin, findet sich im Kommentarbereich nun auch ein semi-poetischer Übersetzungsversuch meinerseits.