Montag, 11. Mai 2015

Exkurs: Exitus-Reditus, Dionysius und Thomas

In einem Gespräch unter Bloggern kürzlich ging es um das bekannte exitus-reditus-Schema. Wenn heute davon in der Theologie noch die Rede ist, dann wahrscheinlich im Kontext von Thomas von Aquin und seiner bekanntesten Summa. Und das auch sicherlich nicht zu Unrecht. Ich will darum ein paar Wörter über das Thema verlieren.

Ich sagte bewusst in der Theologie, da vielleicht in anderen Wissenschaften eher bekannt ist, dass dieses Schema keinesfalls seinen Ursprung in der christlichen Philosophie hat. Tatsächlich stammt es zunächst aus dem Neuplatonismus, genauer gesagt von Plotin, und fand so schließlich Einzug in die neuplatonisch geprägte Spätantike und das Frühmittelalter. Unter diesen fällt ein Name besonders ins Gewicht, denn er hat Thomas und andere Gottgelehrte seiner Zeit stark beeinflusst: Dionysius Areopagita, dieser Tage gewöhnlich Pseudo-Dionysius genannt - obgleich er doch wenn dann eher ein Pseudo-Areopag ist. 

Nach Dionysius ist Gott vor allem das Eine, hen, aus dem die Vielheit, alles Seiende hervorgeht. Hier haben wir die typisch neuplatonische Emanation Gottes, die erste exitus-Bewegung des Schöpfers. Der Vorgang der Schöpfung ist eine Theophanie, und zwar in einer hierarchischen Ordnung. Die dionysische Hierarchie ist Mittler zwischen dem Übersein, Gott, und dem Seienden, die geschaffene Welt. Besonders zur Geltung kommt dieser Gedanke in der himmlischen Hierarchie, den Engelchören: die obersten Chöre empfangen die göttliche Einstrahlung und geben sie jeweils weiter an die unteren Chöre, wenngleich immer etwas vermindert. Der gleiche Prozess vollzieht sich dann auch in der kirchlichen Hierarchie. Es wäre aber weit gefehlt, hier nur an Cherubim und Seraphim, Bischöfe und Priester zu denken, wenn von der Hierarchie des Areopagiten die Rede ist. Vielmehr ist es Zweck der gesamten Schöpfungsordnung, den Seienden die Möglichkeit zu geben, Gott ähnlich und eins mit ihm zu werden. Aus dem Einen geht die Vielheit hervor, und die Vielheit kehrt Zurück zum Einen. 

Andere Theologen machen deutlicher, was bei Dionysius schon anklang. Das exitus-reditus-Schema wird häufig auch als descensus-ascensus verstanden. "Niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel hinabgekommen ist" (Joh 3,13). Allein die göttliche Herablassung führt zum Aufstieg des Menschen. So haben wir auch gleich einen Leitsatz in der sittlichen Ordnung, die Aufforderung an den Menschen, an dieser Herablassung teilzunehmen. Exitus-reditus, descensus-ascensus ist Struktur der Heilsgeschichte als auch der Heilsordnung. Parallel dazu verläuft das aszetisch-mystische Leben eines jeden Einzelnen. Durch die Erniedrigung des Reinigungsweges, der Aufstieg zum Erleuchtungs- und Einigungsweg erfolgt der ascensus durch den descensus göttlicher Gnade. Gleiches ließe sich vom Vollzug des eucharistischen Opfers sagen. Aber besser zurück zum eigentlichen Thema.

Denn soweit hört sich das alles schon mal sehr gut an. Wozu also noch Thomas? 
Der Aquinate löste das Problem, das ich neulich schon angesprochen habe und mit dem seine neuplatonischen Vorläufer zu kämpfen hatten. Die notwendige Emanation Gottes, die bis dato so fest in diesem Schema steckte. Und die notwendige Rückkehr der Schöpfung, wie in einer Bewegung von Flut und Ebbe. Dionysius und Co. beteuerten natürlich ihren Abstand von einem Pantheismus, nur ergab er sich doch gezwungenermaßen aus den Schlussfolgerungen ihrer Gedanken. 
Bei Thomas steht im Schöpfungswerk die Güte im Vordergrund - ein Widerhall Dionysius' -  die danach verlangt, sich auszubreiten. Bei dem Dominikaner wird aber die Schöpfung ganz wesentlich zum freien Geschenk, zur gratia gratis data. Das Erlösungswerk ebenso. Gott verliert nichts durch die Schöpfung, er wird auch nicht dazu gezwungen, zu kreieren. Es ist ein Werk, ein opus, ohne Mühe oder Arbeit, labor. So anerkennt Thomas die Endlichkeit der Geschöpfe und bewahrt die absolute Transzendenz Gottes.
Des weiteren appliziert er es auf den definitiven Charakter der Offenbarung durch Jesus Christus. Der descensus des Wortes gibt uns die Sicherheit, dass das menschliche Wort Wahrheit adäquat vermitteln kann. Insbesondere die höchsten Wahrheiten der göttlichen Dinge, deren Vermittlung auf Erden in die Hand der Kirche übergangen ist. 
Bekannt ist Thomas sicher auch für seine Konvenienzargumente, Angemessenheitsbegründungen. Die führt er so nicht aus Spaß an der Freude ein, sondern genau aus dem oben genannten Grund. In der von Gott frei gewählten Heilsökonomie kann die Theologie nicht mehr von Notwendigkeiten sprechen - wir betreiben da keine Metaphysik des Heils - sondern nur noch davon, wie gut und passend es war und ist, dass Gott genau so handelt, wie er es tut. Er kann aber immer anders handeln. Niemals erschöpft sich Gott in irgendeiner Potentialität, einer Beschränkung.

Thomas führt mit seiner Summa also nicht nur erstmals eine radikale Theozentrik in der systematischen Theologie ein, sondern setzt auch platonistische Konzepte fruchtbringend in einen echt christlichen Kontext um. So wird in seiner Zeit das alte christliche Axiom verständlich: Der göttliche Wille bleibt im Bewegen aller Dinge selbst unbewegt. 

Kommentare:

  1. Schöner Überblick ... da konvenieren am Ende die applizierten Argumente zu allseitigem Wohlgefallen. :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. In der Tat! Auch wenn es manchmal anders erscheint, bin ich gar kein großer Freund platonistisch-aristotelischer Grabenkämpfe in christlichem Rahmen. Wohlgefallen am vollen Schöpfen aus allen Trögen unserer geheiligten Tradition ... mögen hoffentlich auch noch mehr finden! :-)

      Löschen
  2. wow, die Synthese! Danke für den Artikel, der mir gerade in Bezug auf Thomas mehr Klarheit verschafft hat.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Always happy to help! Ein bisschen was kann der Thomas dann halt doch ... !

      Löschen