Dienstag, 31. März 2015

Kann die Existenz Gottes bewiesen werden? IV. Petitio principii

Die Problemstellung wurde in diesem Beitrag erläutert.


Die höchste Erkenntnis, die wir von Gott haben können, ist die, 
dass Er über allen unseren Erkenntnissen steht.
De veritate, q. 2 a. 1 ad 9

Der letzte Einwand müsste eigentlich gar nicht mehr behandelt werden, denn die Antwort darauf ist keine andere, als die der letzten Beiträge. Aber so lässt sich das Thema abrunden und das große Ziel vielleicht noch einmal besser verständlich machen.

Die Quintessenz des Problems bestand darin, dass wir unsere Prinzipien aus der Erfahrungswelt beziehen und daher nie über dieses Gebiet, das menschliche Reich hinaustreten können. Das wollen wir auch gar nicht, jedenfalls nicht so richtig. Wir folgen nur unseren Erfahrungen bis zu der Quelle nach, die sie auch erklärt. Wenn eine Abfolge von Ursachen keine andere Erklärung für ihre Wirksamkeit hat als die einer ersten Ursache, gleichzeitig immanent und transzendent, dann müssen wir die Existenz einer solchen Ursache einräumen.
Immanent ist diese Erstursache, insofern sie handelt und durch ihre Präsenz alle Dinge im Sein erhält. Sie ist als Notwendigkeit für das bloße Dasein unsere Erfahrungen erkennbar. Insofern sie transzendent ist, bleibt sie uns unerschließlich und unbegreiflich. Wir stecken sie nicht in irgendein System oder Denkmuster hinein. Wenn wir von irgendwelchen Relationen sprechen, dann entspringen die nur unserer Bequemlichkeit und unserer menschlichen Art, zu denken. Es gibt keine wirkliche Beziehung Gottes zur Kreatur, nur eine der Kreatur zu Gott. Wir sind ganz abhängig von Ihm, Er ist ganz unabhängig von uns. Da wir diese Verhältnisse schwer kennen, denken wir uns automatisch und instinktiv eine wechselseitige Beziehung hinzu. 
Alles was in der Kreatur ist, kommt von Gott, existiert durch Gott, zielt auf Gott. Auf Gottes Seite aber ändert sich dadurch nichts.

Wenn wir also Gott in irgendeine logische Ordnungsvorstellung hineinbringen, ist das nur eine Hilfskonstruktion und Redeweise. Gott lässt sich nicht auf irgendein System reduzieren. Nur wir brauchen es. Nichts schränkt Ihn ein, Er ist, und jede Notwendigkeit stammt alleine aus Ihm. Dieses System, dass wir konstruieren, um Gottes Existenz notwendig (besser: sicher) zu machen, ist ein System der Dinge und des Daseins. Das Gesetz der hinreichenden Rai­son d'Être würde ohne Gott da abgebrochen, wo es am dringendsten gebraucht wird - am Anfang und am Ende aller Kausalketten.

Wenn uns wieder entgegengehalten wird, dass wir nicht wissen können, was Gott ist und ob Gott ist ... dann müssen wir erneut antworten, dass wir nicht wissen können, was Er in sich selbst ist, allerdings doch, was Er in Bezug zu uns ist. Oder noch richtiger: in welchem Bezug wir zu Ihm stehen. Wir können auch sagen, dass die Welt völlig unbegreiflich ist ohne Gott. Aber es gibt eine Welt, also muss es Gott geben. Freilich begreifen wir Ihn nicht, aber wir stellen das Postulat auf, dass Er der Unbegreifliche ist. Hier können wir Novalis Recht geben - ich wohnte mal schräg gegenüber von ihm, allerdings zeitversetzt - wenn er sagte, dass wir ein unlösbares Problem damit lösen, dass wir seine Unlösbarkeit beweisen. 

Soviel zum ersten Teil dieser Serie über die Gottesbeweise. Nach Ostern geht es mit Anselm von Canterbury weiter.

Montag, 30. März 2015

Nachgereicht: Lateinschule am Palmsonntag

Einen Mangel an Zeit kann ich diesen Sonntag nicht vorschützen, dafür aber einen Mangel an Lateinlust, der nun zur Verspätung der hiesigen Sonntagsschule geführt hat. Der Hauptzweck dieser ganzen Sache hier, nämlich der Blogozese liebsten Linguisten anzustoßen, ist bis dato außerdem gescheitert. Der verdingt sich inzwischen lieber als Musikkritiker. Nun denn.

Auslassen möchte ich den Palmsonntag nur ungern, denn diesmal haben wir wieder eine ganz besondere und reichhaltige Oration. Besonders ist vielleicht auch, dass sich beide Formen des Römischen Ritus die gestrige Kollekte teilten. Und zumindest habe ich mit der Verspätung nun den Vorteil, dass so ziemlich alle Leser das Gebet gehört haben sollten, solange sie denn am vergangenen Sonntag nur römisch zur Messe gingen.
Rein von der äußerlichen Betrachtung der collecta fällt bereits auf, dass sie ziemlich lang ist. Tatsächlich ist sie die längste aller fastenzeitlichen Sonntagsorationen. Aber auch inhaltlich merkt man sofort, dass ein Umschwung stattfand - mit den kurzgefassten Rufen um göttlichen Beistand, die wir die letzten Sonntage hörten, hat das nichts mehr zu tun.

Aber schauen wir uns erst einmal den Text selbst und eine Reihe von Übersetzungen an.

Omnipotens sempiterne Deus,
qui humano generi, ad imitandum humilitatis exemplum,
Salvatorem nostrum carnem sumere
et crucem subire fecisti,
concede propitius,
ut et patientiae ipsius habere documenta
et resurrectionis consortia mereamur.

Schott:

Allmächtiger ewiger Gott, nach Deinem Willen hat unser Heiland, um dem Menschengeschlecht ein Beispiel der Demut zur Nachahmung zu geben, Fleisch angenommen und den Kreuzestod erlitten; so verleihe uns gnädig, daß wir uns an das Vorbild Seines Duldens halten und an Seiner Auferstehung teilzunehmen verdienen.

Diurnale hrsg. von der Petrusbruderschaft:

Allmächtiger, ewiger Gott, der Du, um dem Menschengeschlecht ein Beispiel der Demut zur Nachahmung zu geben, unseren Erlöser Fleisch annehmen und das Kreuz auf sich nehmen ließest, gewähre gnadig, dass wir seine Geduld zum Vorbild nehmen und an seiner Auferstehung Anteil zu erhalten verdienen.

Deutsches Messbuch:

Allmächtiger, ewiger Gott,
deinem Willen gehorsam,
hat unser Erlöser Fleisch angenommen,
er hat sich selbst erniedrigt
und sich unter die Schmach des Kreuzes gebeugt.
Hilf uns,
dass wir ihm auf dem Weg des Leidens nachfolgen
und an seiner Auferstehung Anteil erlangen.


Und bevor nun jemand fragt: Ja, der Text des deutschen Messbuches soll den Text des lateinischen Messbuches oben wiedergeben. Es gibt da wesentlich schlimmere Beispiele (eines hatten wir schon mal), nur korrekt ist auch wieder was anderes. Aber zum eigentlichen Thema:

Der qui-Einschub dieses Gebetes, an sich ein übliches Element lateinischer Orantenrhetorik, ist hier ungewöhnlich lang und komplex. Zunächst einmal haben wir die Angabe eines Zweckes, ad imitandum humilitatis exemplum, um ein Beispiel der Demut zu geben, das nachgeahmt werden soll. Außerdem treten zwei Infinitivformen dazu, die von einem Verb regiert werden: carnem sumere et crucem subire fecisti, Der Du Fleisch annehmen und das Kreuz auf sich nehmen ließest.
Gott ist der Allmächtige, und das kommt nicht nur in der einleitenden Anrede zum Tragen, sondern mehr noch in den qui-Zeilen. Da haben wir die göttliche Tat, die aus eben dieser Allmacht floss. Als Subjekt steht der Erlöser, der uns ein zweifaches Beispiel der Demut vorangestellt hat. Sein Fleischannehmen sowie seinen grausamen wie schmählichen Kreuzestod.
Eines macht die Übertragung im deutschen Messbuch durchaus richtig. Wir haben hier nämlich einen Auszug aus dem Christushymnus des Philipperbriefes (2, 5-9) in ganz kondensierter Form vorliegen, und diesen Bezug macht die Übertragung noch offensichtlicher. Falsch bzw. nicht im Sinne des Komponisten aus dem 8. Jhr. ist sicherlich vor allem die Darstellung des göttlichen Willens im Bezug zum Erlöser und die verkürzte Vorstellung der menschlichen Nachfolge.

Besagtes Menschengeschlecht, humano generi, liegt uns hier im Dativ vor und betont zweierlei. Der allmächtige Gott ließ unseren Erlöser zu unserem Wohle Mensch werden und der Mensch muss mit der Gnade kooperieren, mitarbeiten, um der Früchte der Erlösung teilhaftig zu werden.
Wie aber mit der Gnade mitwirken? Das Gebet stellt uns das Mittel der Wahl vor, es besteht in der Nachahmung der Demut Christi. Im Gebet wird die Nachahmung, imitandum, besonders betont und stärkt dadurch die Stellung des Beispieles, exemplum. Im altehrwürdigen Missale ist es die einzige Kollekte, in der wir von Christus explizit als unserem Vorbild sprechen.

Die Faktendarstellung im qui-Satz ist das Motiv der zweifachen Bitte an Gott. Er soll gnädig gewähren, dass wir verdienen, das Vorbild der Leiden, der Geduld, sowie Anteil - ich möchte lieber sagen, Gemeinschaft, eben consortia - haben an der Wiederauferstehung.

Vieles kann ich hier nur kurz anreißen, aber unbedingt müssen wir noch über ein Wort reden, die documenta. In den Übersetzungen oben sprechen wir einmal vom Beispiel und einmal vom Vorbild. Würde man die Wörter austauschen, würde das im Deutschen wohl kaum auffallen. Bei documenta klingt aber noch mehr mit, und es ist eng mit dem vorangehenden exemplum verbunden. Documentum heißt nämlich auch Beweis, Zeugnis, Lehre. Und so lässt sich das noch schöner mit Christus verbinden. Die Kirche stellt Ihn uns vor als Vorbild (exemplum), der uns durch sein Beispiel die Demut lehrt. Wir Bittsteller treten als Schüler auf, die um göttliche Hilfe dafür ersuchen, dass wir die Beweise, die Lehre Seiner Geduld zu halten, zu besitzen vermögen.
Hier erinnert die Kollekte an das Herrenwort: Discite a me, quia mitis sum, et humilis corde. Lernt von mir, denn ich bin mild und demütig von Herzen. (Mt 11,29)

Die documenta unseres Glaubens haben wir, seit unser Herr und Gott am Kreuz für uns gelitten und gestorben ist. Darum müssen wir nicht um sie bitten, wir besitzen sie bereits. Aber wir müssen darum beten, dass wir sie so besitzen, dass wir durch sie Anteil nehmen dürfen an der künftigen Auferstehung. Und gnädigerweise erinnert uns die Kirche, trotz der ganzen Bitterkeit der Karwoche ... an den Triumph, den wir einen Sonntag später feiern.

Es wäre noch viel mehr zur Kollekte zu sagen, aber dies soll für heute genügen.

Samstag, 28. März 2015

Kann die Existenz Gottes bewiesen werden? III. Der unbegreifliche Gott

Die Problemstellung wurde in diesem Beitrag erläutert.

In diesem Einwand habe ich mir im Grunde auch wieder etwas in die eigene Tasche gewirtschaftet, denn eine große Grundannahme der thomistischen Gotteslehre wird uns hier gleichsam entgegengehalten. Und zwar die, welche Norberto del Prado, OP einen goldenen Schlüssel und Eckstein nennt, auf dem alles später Gesagte aufbaut: In Gott sind Sein und Wesen identisch. Bei Ihm gibt es keine Verschiedenheit zwischen dem, was Er ist, und dem, wodurch Er ist - und zwar ohne jegliche Trübung durch irgendein Möglichsein, Ihm fehlt nichts. Er ist das Sein selbst, die Fülle, aus der alles Geschaffene das Sein empfängt.
Nur so viel dazu, denn eigentlich ist das Thema wieder ein anderes. Es geht nämlich erst einmal um die Möglichkeit, Gottes Existenz überhaupt zu beweisen und mit den ein oder anderen Un- oder Überklarheiten aufzuräumen, die uns von manchen Neuthomisten eingebrockt wurden - die waren sicher guten Willens, haben aber vielleicht mit ihrem all zu rationalistischen Zugang ganzen Generationen die Gottesbeweise verlitten. Trost für mich: Selbst, wenn ich das hier ganz schlecht mache, haben meine Kommentare auf jeden Fall nicht die gleiche Breitenwirkung. Trotzdem hoffe ich, damit niemandem den Thomas madig zu machen.

Wenn ein Gott angenommen wird, dann kann man auch recht schnell zu der oben angeführten Prämisse gelangen, ohne dass alle die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Darum habe ich mir auch erlaubt, direkt damit einzusteigen. Und wie schon gesagt, stimmen wir dem Einwand eigentlich zu. Weder können wir Gottes Wesen durchschauen, noch können wir zu Seinem Sein gelangen. Nur - hier scheiden sich dann die Geister - ist das nach unserer Ansicht auch gar nicht nötig, um Seine Existenz zu beurteilen. Wenn ich sage, dass Gott ist ... dann bedeutet das nicht, dass ich dafür Gottes Natur berühren muss.

Sein bedeutet nämlich zweierlei. Einmal das Seiende selbst, die Entität, über die man bestimmte Aussagen treffen kann, z.B. gemäß der zehn aristotelischen Kategorien. Zweitens bezeichnet Sein aber auch die Wahrheit eines Satzes, wenn wir davon sprechen, dass etwas ist.
Im ersten Sinn würden wir tatsächlich von der Wirklichkeit Gottes sprechen, und die ist, wie der Titel den Beitrages verrät, unbegreiflich. Im zweiten Sinn reden wir erst einmal von gar nichts, das Wörtchen ist funktioniert nur als Prädikat, das ich sogar bei Dingen anwenden kann, die gar nicht wirklich existieren. Ich kann sagen: Dies ist oder das ist, ja sogar, nichts ist (besser als dies oder das).
Wenn wir sagen, dass Gott ist, dann bejahen wir einfach nur die Wirklichkeit eines hinreichenden und notwendigen Prinzipes aller Dinge ... was auch immer das wiederum sein mag. Wir sprechen dem unwissbaren und unbenennbaren Prinzip, ohne das nichts gewusst und benannt werden kann, die Wirklichkeit zu.

Das Sein Gottes selbst muss also keinesfalls irgendwie vom Verstand erreicht werden. Zum Beweis für unsere Proposition Gott ist brauchen wir weder an Sein Sein, noch an das damit identische Wesen zu gelangen. Dabei zählen wir Gott nicht unter die existierenden Dinge in dem Sinne, als hätte er Sein Sein mit den Geschöpfen gemein. So gesehen ist Gott nicht. Dann wäre er auch nicht mehr Quell allen Seins. Das, was das Sein verursacht ist außerhalb und über allem verursachten Sein. Da jede Kausalität ein letztes Prinzip verlangt, stellen wir eines auf und nennen es Gott. Nur so ist Gott, und so reden wir nur von Ihm und Seinem Sein. Aber wir beschreiben damit nicht den Besitzer dieses Seins. Gott ist drückt nur die Unzulänglichkeit der Welt und ihre Not für ein letztes Prinzip aus, mehr nicht. Eine wirkliche Definition, nein, das ist diese Aussage nicht.

Freitag, 27. März 2015

Hervorgeholt: Leid und Mitleid

Die rote rose wurde welk
Als mit dem tod am kreuzgebälk
Die jungfrau litt - ihr tat der mund
Des sehers schon die leiden kund.*


Weil ich reisebedingt nicht zum Verfassen eines neuen Beitrages zum Thema kommen, hier noch einmal etwas vom letzten Schmerzensfest - man verzeihe die Wiederholung, aber ich denke, das Abgetippte verdient es, noch einmal ans Licht gebracht zu werden. Zumal, da dieses Gedenken im Dunkel der liturgischen Reform in den Hintergrund getreten ist.

Leiden und Mitleiden stehen ganz im Mittelpunkt unseren christlichen Glaubens. Einmal, das Leid des göttlichen Erlösers, gekommen, um die Welt zum Heil zu führen, durch und aus dessen Passion die Ströme der Seligkeit fließen; und auch das Mitleiden, das Mitwirken am Erlösungswerk, denn wenn wir auch Christus angehören, ohne Herzensregung fallen die kostbaren Tropfen Seines Blutes auf fruchtlosen Boden. Das Gedächtnis Seines Todes ist kein Museumsstück, kein Gemälde. Wir sind nicht nur berufen, zu betrachten, zu schauen, sondern gemeinsam mit Christus unsere und aller Menschen Erlösung zu bewirken. Hier ist Maria ganz Vorbild, ja Urbild der Kirche. Ein alter Hymnus besingt, wie wertvoll die Blutströme vom Kreuze als auch die Tränenströme aus den Augen der Gottesmutter sind. Dieses Mysterium der passio und compassio erklärt in besonders eindringlicher Weise Kardinal Journet:
"Beim Kreuze standen die Frauen. Was dachten die Künstler, die seit dem 15. Jahrhundert die allerseligste Jungfrau am Fuß des Kreuzes ohnmächtig zusammenbrechen ließen? Stabant autem iuxta crucem Jesu. Nicht ein ohnmächtig gewordenes Geschöpf erblickte Jesus vom Kreuz herab. Er sah seine Mutter, zwar in unvorstellbarer Weise gebrochen, aber doch bereit, gemeinsam mit ihm das volle Gewicht des Mit-Leidens zu tragen, das ihr vorbehalten war:
Stabat Mater dolorsa
iuxta crucem lacrimosa
cum pendebat Filius.
So sprach er sie denn liebevoll an. Er führte sie vielmehr in diesem feierlichen Augenblick mitten in das Erlösungsdrama der Welt hinein.
(...)
Leidend und sterbend wollte Christus die Welt erlösen. Sind da nicht alle, die ihm im Zeitenablauf liebend anhängen, ihn als Haupt anerkennen und seinen Leib ausmachen, ebenfalls zu leiden und zu sterben berufen, jeder an seinem Platz und für seinen Teil, für das nämliche Heil der Welt? Entzieht sich ein Glied dem Herrn, so fehlt nicht bloß diesem Glied etwas, sondern dem Erlösungsleiden Christi geht etwas ab. Denn dieser will sich im miterlösenden Mitleiden in allen Gliedern fortsetzen. Das bedeuten die geheimnisvollen Worte des hl. Paulus im Kolosserbrief: So freue ich mich nun der Leiden, die ich für euch erdulde, und erfülle damit am eigenen Fleische, was am Leidensmaß Christi noch mangelt, für seinen Leib, die Kirche (Kol 1,24).
Waltet der Gottmensch Jesus Christus, das Haupt, als Erlöser, so muß die ganze Kirche, sein Leib, mitberufen sein, mit ihm, in ihm, durch ihn miterlösend zu wirken, so wie Monika die Heilslast ihres Sohnes Augustinus trug, obschon nur an zweiter Stelle, denn der Gekreuzigte selber trug bereits die Augustinus tragende Monika. So trägt die Kirche, untergeordneterweise, die Last des Weltheils, und Christus am Kreuze die welttragende Kirche. Das ganze Gewicht der Miterlösung durch Christi Glieder geht letzten Endes auf die einzige Welterlösung durch den Heiland zurück.
In der Kirche jedoch ist die allerseligste Jungfrau allein mehr Kirche als alle übrigen Menschen, die in diesem Namen vereint sind. Maria stellt sie bei Lebzeiten Christi dar, anläßlich der Menschwerdung und des Pfingstereignisses. (...) In ihr verdichtet sich die gesamte Gnadenfülle der Kirche. (...) Im Leidensbericht zeichnet uns Johannes das Miterlösungsgebet der neuen Kirche, ursprünglich enthalten im Miterlösungsgebet Marias, der würdigen Mutter eines Gottes, der sterben will, um die Welt zu erlösen. Sie versteht, was geschieht; sie ist einverstanden mit dem, was ihr Sohn plant; sie erfüllt ihre Rolle beim Leiden ihres Sohnes, obschon kein Wort, sonder nur ihre Haltung davon zeugt." (...)
Schmerzhafte Muttergottes,
St. Margareth, Augsburg
Nun muss vielleicht ein Wort über die Qualität des mit-erlösenden Wirkens des einzelnen Christen gesagt werden. Es ist nämlich ganz unterschiedlich, je nachdem, wie groß unser Eifer, wie groß unsere Verpflichtungen sind. Die miterlösende Kraft der Kirche ist ungemein größer, ihr Eifer ungemein kräftiger. Während sich unsere guten Werke und Gebete hauptsächlich auf unsere Zeitgenossen ausdehnt, erstreckt sich das Werk der Kirche vom Pfingsttag bis zur Parusie. Das miterlösende Wirken bzw. noch besser gesagt, die miterlösende Vermittlung der Jungfrau ist aber noch größer als die der Kirche. Sie geht der Kirche voraus und ist gleichsam ihr Ziel. Maria war, bevor die Kirche wurde. Sie brachte aus ihrem eigenen Fleisch und Blut Christus hervor, dessen Glieder wir sind. Wie die Kirche ist sie rein und makellos, unbefleckt, ohne Sünde - doch die Kirche enthält Sünder, viele Sünder; deswegen wird die Kirche erst einmal sein, wie Maria jetzt bereits ist. Mit ihrem ganzen Leib verherrlicht im Himmel. Deswegen kann man davon sprechen, dass die Gottesmutter mehr Kirche als alle übrigen Menschen ist, denn in ihr besteht bereits die Fülle der Kirche, wie sie einmal sein wird. Das Ja, was jeder einzelne Christ in der ganzen weiten Welt in allen Zeiten gegenüber dem Erlöser spricht, wurde bereits von Maria, wie in einer ganz gesammelten, kondensierten Art und Weise gesprochen, als sie Gott durch den Engel das Ja-Wort gab. Der hl. Thomas sagt, dass die Jungfrau dort die ganze Menschheit, die Menschennatur vertrat. Weiter der Theologe und Kardinal:
"Die allerseligeste Jungfrau und der Liebesjünger am Fuß des Kreuzes versinnbilden hauptsächlich das Geheimnis des miterlösenden Mit-leidens des Leibes Christi, der Kirche. Sind sind eins mit ihm, teilen sein Los, sind miteingeschlossen in die gewaltige gottmenschliche Fürbitte, die vom Kreuz zum Himmel emporsteigt. (...)
[A]uch diesmal erhört er sie als Gott, vereinigt ihre begrenzte Fürsprache mit seiner unbegrenzten, spricht feierliche Worte, die bewirken, was sie bedeuten, kraft deren er sie zur Mutter erhebt, um das Martyriums ihres mit-erlösenden Mit-leidens willen. Zur Mutter aller, denen er auf dem Kreuz Leben schenkt durch sein Erlöserblut. Frau, siehe, dein Sohn. Und zum Jünger: Siehe, deine Mutter. O Jungfrau, gedenke, daß dein Sohn dir am Kreuze sagte: Siehe, dein Sohn. Daß er dabei an mich dachte, an mich, der es hienieden nie gewagt hätte, deinem Blick zu begegnen.
O mein Bruder, du magst wer immer sein, welche Schuld immer dein Herz berge: Vergiß das letzte Wort nicht, das dein Erlöser zu dir sprach. Vom Kreuz herab blickte er dich an und sagte: Siehe, deine Mutter."
(Charles Journet: Die Sieben Letzten Worte Jesu. Einsiedeln 1954, S. 63ff. Hervorhebungen im Original)

*Friedrich Wolters: Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Berlin 1914, S. 181. Nach Rubens rosa tunc palluit von Petrus Olavi, Hymnus der Freitagskomplet im Brevier des Erlöserordens (Birgittenorden) 

Donnerstag, 26. März 2015

Keiner ist erhöht außer mir

»[Gesetzt hat der Höchste mich unter] die ew'gen Vollkommenen,
zum Thron der Kraft in der Versammlung der Göttlichen.
Nicht werden auf ihm sitzen die Könige vom Osten
und ihre Fürsten nicht [...];
keiner ist erhöht außer mir,
und keiner soll kommen bis hin zu mir . . . 
unter die Göttlichen bin ich gerechnet,
in heiliger Versammlung ist meine Stätte.
Nicht wie das des Fleisches ist mein Verlangen.
Alles, was mir kostbar ist, gehört zu mir in der Herrlichkeit Gottes.
Wer hat mir Schändliches zugedacht,
und wer gleicht meiner Herrlichkeit?
Wer hält die Leiden aus wie ich?
Wer ist [im Ertragen] von Bösen mir gleich?
Und ich wurde nicht belehrt,
denn es gibt keine Lehre, die der meinigen gleicht.
Und wer greift mich an, wenn ich den Mund öffne,
und den Fluß meiner Lippen - wer hält ihn an?
Wer stellt sich gegen mich, ist mein Urteil gewachsen?
Ich - unter die Göttlichen bin ich gerechnet,
meine Herrlichkeit ist bei den Söhnen des Königs.«

Messiaslied aus Qumran (4 Q 491C, frg. 11,10-18)
Übersetzung nach Otto Betz: Was wissen wir von Jesus. Der Messias im Licht von Qumran. Brockhaus: Wuppertal 1999, S. 150f.
Bild: Kruzifix im Altarraum von St. Albert, Haunstetten

Mittwoch, 25. März 2015

Der Stern, der die Sonne offenbart


Aus dem Himmel her trat ein Erzengel in die Welt des Sichtbaren, der Gottesmutter den Freudengruß zu sagen. Und als er dich mit seinem leiblosen Wort zugleich leibhaft werden sah, o Herr, da stand er außerstande und jubelte ihr zu:

Sei gegrüßt, durch dich leuchtet das Heil hervor;
sei gegrüßt, dunkel wird das Unheil vor dir.
Sei gegrüßt, den gefallenen Adam richtest du wieder auf;
sei gegrüßt, von ihren Tränen erlösest du Eva.
Sei gegrüßt, allem menschlichen Überlegen hoch überlegen bist du;
sei gegrüßt, so abgrundtief erschauen dich die Engel nicht einmal.
Sei gegrüßt, von Uranfang des Friedefürsten Thron;
sei gegrüßt, denn du trägst den, der alles erträgt.
Sei gegrüßt, du Stern der offenbart die Sonne;
sei gegrüßt, aus deinem Leib wird Gott der Menschensohn.
Sei gegrüßt, aus dir wird die Schöpfung neu geboren;
sei gegrüßt, durch dich wirkt der Schöpfer ungeboren als Kind.
Sei gegrüßt, du jungfräuliche Mutter!

Aus dem Hymnos Akathistos, entnommen dieser Seite
Bild: Verkündigungsszene in St. Hubertus, Rennerod

Dienstag, 24. März 2015

Kann die Existenz Gottes bewiesen werden? II. Das Problem der Relationen

Die Problemstellung wurde in diesem Beitrag erläutert.

Ich hoffe, ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass der heutige Artikel besonders interessant wird. Auf jeden Fall wird man das ein oder andere lesen, was bei etwas übereifrigen Zusammenstellungen der Gottesbeweise all zu häufig vergessen wird. Das dürfte daran liegen, dass nur noch die Wenigsten enger mit dem Gesamtwerk des Aquinaten vertraut sind - überhaupt ein nicht geringes Problem, bedient sich die Kirche in den letzten gut 500 Jahren doch in besonderem Maße seiner Denkweise. Nun haben wir also die in thomistischer Sprache gekleidete Lehre, aber kein Verständnis dafür. Man muss sich also nicht wundern, wenn das entweder in einem Fideismus oder einer kompletten Abwerfung der Dogmen endet. Aber genug davon, zurück zum eigentlichen Thema:

Im zweiten Einwand geht es um den Mangel an rechter Proportionalität, einer bestimmten Relation zwischen Gott und den Dingen, die seine Existenz notwendig machen sollen. Kausalitäten sind Relationen, und zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen gibt es keine.
Wie schon beim letzten Beitrag heißt es hier wieder: Ja, das stimmt! Und das ist uns auch nicht peinlich. Gott ist nicht irgendwie an die Kreatur angepasst, steht nicht in einem wechselseitigen Verhältnis mit ihr.
Viel mehr müssten wir hier eine Gegenfrage stellen. Ist es denn kein Widerspruch, wenn man einmal sagt: Wenn Gott ist, dann ist er unendlich. Und dann: Ein unendlicher Gott kann nicht durch endliche Wirkungen bewiesen werden. Woher weiß man, dass Gott unendlich ist? Fern davon, ein Hindernis für den Gottesbeweis zu sein, ist die Unendlichkeit gerade ein Bestandteil der Beweisführung.

Wir kommen hier auch wieder ein Stück weit darauf zurück, was im vergangenen Beitrag schon gesagt wurde. Wir können eine Ursache nicht adäquat durch unverhältnismäßige Wirkungen kennen, und im Falle der unendlichen, transzendenten Ursache können wir sie auch nicht definieren. Aber wir können ohne Kenntnis oder Definition die Existenz der Ursache durch die Existenz der Wirkungen beweisen. Wir kommen im Grunde nur auf einem Weg an die Erstursache heran, nämlich, indem wir sie als hinreichende Ursache beschreiben und ihr für die Wirkungen notwendige Eigenschaften zuschreiben, die wir uns wiederum aus den sichtbaren Wirkungen borgen, herausarbeiten.
So kommen wir also zu der Definition einer gewissen Rolle Gottes - aber nicht zu Gott, den wir bekennen, aber für an Sich unerkennbar halten.

Nun mag man sagen, es handle sich hier um eine scholastische Spitzfindigkeit. Wir sprechen Gott gewisse, sehr genau definierte Rollen zu ... und auf der anderen Seite sagen wir, Gott sei nicht bestimmbar. Dieser Einwand wäre berechtigt, wollten wir diese Rollen aus Gottes Sicht her definieren. In Sich selbst hat der unendliche Gott keine Rollen, die wir aus Seiner Natur her herausdefinieren. Er ist einfach nur unendlich. Die Definition der Rollen Gottes stammt allein aus unserer Sichtweise, vom Standpunkt des Geschöpfes. Wir, die Endlichen, müssen sie postulieren, und sie sind auch nur durch unsere Analyse, unsere Art zu denken verschieden und unterscheidbar. Im göttlichen Sein ist alles in einer geheimnisvollen Einheit verschmolzen, aufgenommen.

Jetzt komme ich zu einer ganz wichtigen Sache, die man auf jeden Fall verstehen muss, wenn man von den quinque viae redet. Wir versuchen hier nicht, Gott zu definieren und verständlich zu machen, sondern die Welt.* Nur wenn wir die Welt verstehen wollen, landen wir letztendlich bei Gott. Sonst hätte die Welt und das Leben keinen Grund, überhaupt da zu sein. Wenn wir aber von Gott sprechen und ihn uns erkenntlich machen in seinen Funktionen ... dann können wir die Welt auf einmal denken, denkbar machen. Was vorher ein Nichts war, ungenügsam aus sich selbst, relativ ... wird begreifbar. Eben dadurch, dass wir die Notwendigkeit des Unbegreifbaren begreifen, erkennen, dass es etwas Unerkennbares gibt und definieren, dass wir etwas Undefinierbares brauchen.
Könnten wir Gott verstehen und definieren, dann könnten wir uns wieder keinen Reim daraus machen, was es mit der Welt auf sich hat.

Der Einwand löst sich damit auch in Luft auf. Es gibt keine Vermischung zwischen dem Bestimmten und dem Unbestimmten. Gott hat mit seiner Schöpfung nichts gemein.


*Man kann mir jetzt hier den Vorwurf machen, dass sich das reichlich komisch anhört. Ich lege hier die Summa Theologiae des hl. Thomas aus, ein in eminenter Weise theologisches Buch. Und genau dort stellt der Meister die Gottesbeweise so ziemlich an den Anfang des Ganzen. Aber tatsächlich ist es so, dass er diese Sachen auch hätte weglassen können, denn sie gehören eigentlich zur Philosophie. Seine Summa hätte dadurch an sich keinen großen Schaden genommen. Er will uns aber diese Beweise als kleine Denkstütze anbieten, als Hilfe am Anfang unserer theologischen Reise, eben weil unser Verstand so schwach ist und die Dinge der natürlichen Wissenschaften leichter fassen kann, als die der höheren Wissenschaft - der Theologie, der Wissenschaft Gottes.

Montag, 23. März 2015

Der Franziskus-Effekt in der FSSPX

Für die geschätzte Leserschaft ist Régis de Cacqueray als ehemaliger französischer Distriktoberer sicher kein Unbekannter. Unbekannt war mir dagegen, dass er sich den Söhnen des hl. Franziskus anschloss und seit dem 19. dieses Monats den Namen Père Joseph trägt. Ein Freund machte mich dankbarerweise auf die Bilder seiner Einkleidung und feierlichen Messe aufmerksam.

Hier noch einmal ein Foto zur Erinnerung, wie der französische Geistliche vorher aussah:



Und nun schaue man sich diesen bärtigen Bruder an:


Weitere Fotos dieser erstaunlichen Verwandlung kann man hier bewundern.

Kann die Existenz Gottes bewiesen werden? I. Das a-priori-Problem

Zur Erläuterung der Problemstellung siehe vorherigen Beitrag.

Wie hoffentlich deutlich wurde, geht es im Einwand I um die Unmöglichkeit, Gott zu definieren. Und vielleicht überrascht es den ein oder anderen, aber eine Antwort haben wir dafür nicht. Ganz im Gegenteil, Thomas wäre der erste, der da voll und ganz zustimmen würde. Es wurde hier immer mal wieder erwähnt und auch mein geschätzter Kollege, der Thomasleser, hat es schon häufiger ausgeführt: Gott ist der große Unbekannte, der Unbegreifliche, der Undenkbare, weil er eben so ganz anders ist als alles, was für kennen. Thomas geht da so weit, wie er nur gehen kann, und manch einer mag sogar Anstoß daran nehmen. Vielleicht werde ich hier und da noch etwas dazu schreiben, aber hier soll zunächst das Problem behandelt werden.
Und natürlich haben wir doch irgendwo eine Antwort auf den Einwand. Nämlich, dass erst einmal bewiesen werden müsste, dass zum Beweis einer Sache eine Definition dieser Sache nötig ist. Aber das kann nicht bewiesen werden.

Im Grunde gibt es zwei Arten von Beweisen. Die eine ist die bloße Feststellung, dass eine Sache ist, existiert. Die andere möchte den Grund, die Ursache für diese Existenz herausfinden. Ein Philosoph gibt als Beispiel für diese Unterscheidung die Untersuchung des menschlichen Todes an. Ich kann allein durch die Erfahrung und Beobachtung herausfinden, dass Menschen sterblich sind. Aber ich kann auch untersuchen, warum der Mensch sterblich ist, welche inneren Gründe, natürliche Notwendigkeiten es dafür gibt. Und in letzterem Fall brauche ich eine Definition des Menschen, um zu ergründen, ob der Tod nur ein häufiger Zufall oder wirklich unabwendbar ist. Dabei schaue ich mir Begrifflichkeiten an, die vor dem Menschen sind, aber in ihm mit einbegriffen sind: das Leben, der natürliche Körper, die Elemente. Am Ende durchschaue ich den Menschen gewissermaßen und sehen ihn in einem Netz von bestimmten Bedingungen, die ihn sozusagen zwingen, sterblich zu sein ... weil er gezwungen ist, das zu sein, was er ist.

Auf diese zweite Weise kann Gott ganz sicher nicht bewiesen wären, und würden wir das versuchen wollen, dann wäre der Einwand berechtigt. Wir beschäftigen uns aber nur mit der ersten Art von Beweisführung, und für die ist keine Definition notwendig. Gewiss, wir müssen unsere Begrifflichkeiten bestimmen. Wenn wir Gott beweisen wollen, sollten wir vorher sagen, was wir unter "Gott" verstehen. Das muss aber keine Definition seiner Natur, seines Wesens sein - es kann auch ganz einfach nur eine seiner Funktionen ausdrücken. Ich kann Gott die Erstursache aller Dinge nennen, was auch immer das sein mag. Dadurch habe ich ein Objekt, welches ich untersuchen kann, aber immer noch keine Definition. Ich gebe ihm dadurch kein Wesen, keine Begrenzung, nichts, was vor ihm ist und ihn mit einschließt.

Und damit ist der Einwand eigentlich schon wiederlegt, oder wir berühren ihn erst gar nicht richtig. Ich suche nicht nach irgendwelchen ex prioribus Beweisen. Unsere Beweise für Gottes Existenz sind a posteriori, a posterioribus. Wir fangen nicht bei den Ursachen an, sondern bei den Wirkungen. Wir wollen Gott nicht aus einer ihm vorangehenden Wirklichkeit beweisen, notwendig machen. Wir versuchen, eine Notwendigkeit aus den Dingen zu erschließen, die sind, und aus ihren logischen Konsequenzen.

Beim letzten Teil des gegnerischen Argumentes ging es darum, dass wir gar nicht wissen, wonach wir suchen sollen, um Gott zu beweisen. Aber auch das ist irrelevant. Wir versuchen hier nicht, Gott zu verstehen, sonst müssten wir uns auch zu Recht von Augustinus sagen lassen: Wenn du Ihn verstehst, dann ist es nicht Er. Nein, wir wollen eine hinreichende Ursache für die existierenden Dinge finden. Und am Ende wollen wir sogar sagen, dass diese hinreichende Ursache, wenn sie wirklich die hinreichende Ursache ist, gar nicht definiert werden kann.

Wie können wir dann überhaupt noch von Gott sprechen? Wie eine natürliche Theologie betreiben, die doch Thema dieser Serie ist? Eine spannende Frage, die sich hoffentlich noch klären wird. Im Moment bleibt zu sagen: Keinesfalls durch die Erstursache selbst, aber durch ihre Wirkungen.

Sonntag, 22. März 2015

Verstockt nicht eure Herzen

Viele Worte wird man gegen ihn sagen,
dazu auch manche Lügen vorbringen;
Fabeleien werden sie über ihn erfinden,
allerlei Schändliches von ihm reden.
Sein Geschlecht - das Böse wird es ruinieren,
. . .
Lüge, Gewalttat bedrängen sein Dasein,
das Volk geht verirrt in seinen Tagen,
und sie werden verwirrt.

Messiaslied aus den Qumranrollen (4 Q 541, frg. 9,5-7)

Übersetzung nach Otto Betz: Was wissen wir von Jesus. Der Messias im Licht von Qumran. Brockhaus: Wuppertal 1999, S. 150.
Bild: St. Moritz, Augsburg

Lateinschule am Passionssonntag

Da der blogozeseneigene arbiter elegantiarum und Philologe dieser Tage lieber als zweiter Bonifatius hiesige Landen rechristianisiert und Heideneichen idolatrisch verehrte Säulen des Deutschkatholizismus, wie etwa die noch geltende Messbuchübersetzung fällt ... gibt es heute vermutlich nur von mir, und zwar nach Art des kleinen Laienlateins, einen kurzen Blick auf die Tagesoration.

Quaesumus, omnipotens Deus, familiam tuam propitius respice: ut, te largiente, regatur in corpore; et, te servante, custodiatur in mente.

Übersetzung nach Anselm Schott
Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, sieh gnädig herab auf Deine Familie, damit durch Deine Freigebigkeit ihr leibliches Leben Führung und ihr geistiges Leben durch Deine Obhut Schutz haben.

Nach der Brevierübersetzung hrsg. von der Petrusbruderschaft
Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, schau gnädig auf Deine Familie, damit sie durch Deine Freigebigkeit am Leib geleitet und unter Deiner Obhut im Geist bewahrt werden.


Auch wenn die Volksfrömmigkeit und weite Teile der Liturgie ab heute zunehmends das Leiden und Sterben Unseres Herrn Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen, steht der zentrale Gedanke des Messbuches weiter in einer Reihe mit den vorhergehenden Sonntagen: es geht um die Not der Christenmenschen und die Allmacht Gottes. Ganz besonders wird hier die Einheit von Leib und Seele behandelt. Gott wird angesprochen als der paterfamilias, ohne dessen Güte die Angehörigen Seines Haushaltes nicht die Zucht des Leibes halten können, das Schild der Seele. Es erinnert auch an die Formulierung des Tischgebetes, das ebenfalls ein Bild des Höchsten als Hausherrn zeichnet, ohne den wir nichts haben: Herr, segne uns und diese Deine Gaben, die wir von Deiner Freigebigkeit nun empfangen werden. Unser Körper ist zwar für unsere Seele da, aber letztlich sind wir ein Wesen aus Fleisch und Geist und sollen es auch sein. Mag auch der Leib verderbt sein vom Makel der Erbsünde, so ist er doch nicht von Grund auf schlecht - aber in diesem Leben Bedarf er der Führung, der Leitung. In dieser liturgischen Zeit denken wir da vielleicht besonders ans Fasten, und das ist auch einer der Wege, durch die wir uns selbst in den Griff bekommen. Bei der heutigen Oration sprechen wir aber vom rego, das keine Abtötung meint, sondern die rechte Ordnung der Dinge, die Führung auf den richtigen Weg. Wir sprechen also vom Tugendleben, das die Extreme vermeiden will: zu große und falsche Aszese sowie die Verhätschelung des Körpers. Doch nicht einmal das ist hinreichend für den Schutz der Seele ... wir können leiblich so gestählt sein, wie wir wollen - ohne den andauernden Beistand Gottes bleibt der Geist schutzlos. Und darum müssen wir beten.

Der Lateiner braucht nur einen kurzen Blick auf das Gebet zu werfen, um zu wissen, dass wir hier eine klassische Oration vor uns haben. Sie stammt aus dem Gregorianischen Sakramentar. Die Kollekte ist kurz, prägnant und meisterhaft formuliert. Wir haben einen Ablativus absolutus, eine Passivformulierung samt Präpositionalphrase. Wer den Text einmal laut für sich liest - oder besser: singt - dem wird die mehrfache Wiederholung der e-Laute auffallen. Ich habe es schon oft gesagt, aber ich sage es immer wieder: die römischen Kollekten sind kleine Kunstwerke.

Am eindrücklichsten aber ist diesmal die geschickte Balance der beiden ut-Satzteile, die Wort für Wort parallel strukturiert sind - jedes Mal mit genau dreizehn Silben. Die Antithese steht am Ende der beiden Satzteile, corpore und mente. Das, was der Verfasser des Gebetes von Gott erbittet, hat er bereits mit dem Satzbau ausgedrückt: die perfekte Balance, das gesunde Zusammenspiel der beiden Anteile unserer zusammengesetzten Menschennatur.

Samstag, 21. März 2015

Thomas & die Gottesfrage. Gliederung und erster Teil: Kann die Existenz Gottes bewiesen werden? (Ia, q. 2 a. 2)

»Die ganze thomistische Lehre ist nichts anderes als ein langer Traktat über Gott«*

Der Denzinger-Katholik ist zwar leicht lädiert, aber ansonsten wohlbehalten und sonnenbetankt aus dem Urlaub zurückgekehrt. Damit hier kein noch größerer Müßiggang einkehrt und gegebene Versprechen eingehalten werden, möchte ich auch schon gleich mit dem beginnen, was ich vor meiner Reise angekündigt habe: die Fortsetzung meines Thomaskommentars unter dem Zeichen der quinque viae. Wie schon in meinem Fahrplan erwähnt, soll nicht Artikel für Artikel, Einwand für Einwand und Antwort für Antwort en détail durchgekaut werden. Viel mehr möchte ich über die eher unbekannten Seiten der thomistischen Gottesbeweise reden, ihre großen Grundfragen, ihre Leitmotive.

Im 20. Jahrhundert** gab es zwei Gelehrte, die sich in besonders gründlicher Art und Weise mit den Fünf Wegen auseinandersetzten. Der hier öfter zu Wort kommende Reginald Garrigou-Lagrange sowie Antonin-Gilbert Sertillanges, beides Ordensbrüder des hl. Thomas. Beiden möchte ich in meinen Beiträgen eng folgen, während letzterer mich vor allem zu der Ordnung inspiriert hat, nach der ich den Thomas auslegen möchte. Sie gliedert sich in drei Hauptfragen:
1. Ist es möglich und notwendig, die Existenz Gottes zu beweisen?
Die Einwände Kants und Anselms
2. Was können wir von Gott wissen?
Die Gottesbeweise selbst
3. Welche Bedeutung oder welchen Wert hat unser Wissen von Gott?
Die negative Theologie und die thomistische Analogie 

Nun denn. Auf geht's!

I. Das a-priori/ex-prioribus-Problem
Das Schöne wie Praktische am hl. Thomas ist, dass er eigentlich alle Einwände, die es bis heute gegen seine Lehre gibt, schon selbst bedacht und behandelt hat. Wenn ich jetzt also von kantischen Argumenten spreche, muss ich mir gar nicht erst überlegen, was Thomas dem Königsberger Philosophen entgegnet hätte - ich kann es einfach bei ihm nachlesen.
Die erste Frage, die wir uns mit dem Meister und den Positivisten sowie Idealisten stellen, lautet nämlich wie folgt:  Wie können wir Gottes Existenz oder auch nur überhaupt irgendetwas beweisen, ohne eine Definition voranzustellen, und zwar indem wir ein Wesen, eine Essenz postulieren, die schlichtweg Existenz fordert - wir werden noch genauer davon sprechen - ohne aber eine logische Ordnung anzunehmen, eine Ordnung der Notwendigkeit, die einen Gott fordert und somit vor Gott ist?
Wenn Gott existiert, dann ist er undefinierbar, unbegreiflich. Wenn Gott ist, dann ist Sein Wesen nichts anderes als Sein Sein, denn würde Sein Wesen bestimmt, dann würde es auch begrenzt. Wenn Gott ist, dann bestehen keine Notwendigkeiten aus den natürlichen Dingen vor Ihm, denn er hat alle Dinge geschaffen. Also müsste man sagen, dass wir keine Basis, keinen Halt für einen Gottesbeweis haben. Wir wissen nicht, was man sehen müsste, damit Gott existiert. Wo also anfangen?

II. Das Problem der Relation
Eine Sache aus der anderen zu beweisen, ist nichts anderes, als eine Relation oder Proportionalität zwischen den beiden aufzuweisen. Gerade scheint hier glücklicherweise die Sonne und es ist angenehm warm. Es wäre auch schlimm für mich, wenn nicht, denn gerade komme ich noch aus dem südamerikanischen Sommer. Ich kann sagen, dass diese Wärme von der Sonne stammt ... eben weil es eine Proportionalität zwischen der erwärmten Erde und der wärmenden Sonne gibt, also kann eine Vermittlung dieser Wärme möglich sein.
Wenn ich jetzt aber herangehe und sage, die Erde und Sonne existiert und wurde von einem unendlichen Sein verursacht, also einem Sein, dem jegliche Proportionalität zum Geschaffenen fehlt ... wie kann da irgendetwas vermittelt werden? Das Verursachte lässt sich nicht mit dem Verursacher vergleichen, wir sehen keine Kausalität ... man könnte höchstens sagen, dass keine Kausalität existiert, denn zwischen dem Endlichen und Unendlichen besteht keine bestimmte Relation.

III. Der unbegreifliche Gott
Wenn wir Gott annehmen, müssen wir sagen, dass er aus sich selbst heraus besteht, aus seiner Natur heraus. Deswegen sind in ihm Sein und Wesen identisch. Ein Wesen zu kennen bedeutet aber auch nichts anderes, als sein Sein zu kennen. Nun geben wir aber zu, dass wir nie an Gottes Natur herankommen. Thomas folgt jedoch Avicenna mit seinem Spruch, dass folgende zwei Fragen die gleiche Realität beantworten: Ist etwas? Was ist etwas?
Es scheint, dass wenn wir etwas nicht begreifen können, wir auch nicht von seinem Dasein ausgehen können. Es ist das Argument Pascals.

IV. Petitio principii
Wenn wir unter uns Realisten bleiben, ist uns klar, dass Prinzipien nicht vom Himmel fallen. Sie sind uns nicht eingegeben, sondern entstammen der Erfahrungswelt. Der sinnlich erfahrbaren Welt. Wie kommen wir jetzt aber von unseren Sinneseindrücken zur Transzendenz? Es scheint, als wollten wir mithilfe von experimentellen Prinzipien zu einem Objekt gelangen, welches außerhalb jeder Erfahrung ist. Einer der gröbsten logischen Schnitzer, die man sich überhaupt vorstellen kann.
Mehr noch, Relationen verlangen nach Relativität, aber Gott steht außerhalb von allem, ohne jegliche erkennbare Verbindung zu irgendetwas.

Diese vier Probleme lassen sich wie folgt zusammenfassen: Sich Gott herleiten bedeutet, Gottes Existenz zu verleugnen. Also kann Gottes Existenz nicht bewiesen werden.

Soweit die Argumente der Gegner. In den nächsten Beiträgen werden wir uns die Lehre des Aquinaten anhand dieser Einwände genauer anschauen, bevor wir uns dann mit dem hl. Anselm beschäftigen.


*Sertillanges: Einführung in die thomistische Philosophie
**die beste zeitgenössische Darstellung findet sich mMn beim amerikanischen Philosophen Edward Feser, z.B. in seinem Aquinas (A Beginner's Guide).

Mittwoch, 18. März 2015

Ein Schwank aus der Modernismuskrise und die Scholastik

Jaja, ich muss der werten Leserschaft nicht schon wieder um die Ohren hauen, was das Lehramt über diejenigen sagt, welche die Sicherheit des scholastischen Lehrgebäudes zugunsten anderer Gedankensysteme verlassen haben. Ich weiß auch, dass die göttliche Doktrin des hl. Thomas aus sich heraus nicht selig macht - doch wer sie ablehnt, der gibt sich gewöhnlich nicht der einfachen und stillschweigenden Schau göttlicher Geheimnisse hin, sondern sucht sein intellektuelles Heil anderswo - oder noch schlimmer: derjenige reimt sich selbst was zusammen und geht damit auch noch hausieren. Lange Rede kurzer Sinn: In meiner aktuellen Urlaubslektüre begegnete mir folgender Schwank von vor über 100 Jahren ... der übrigens auch mal wieder zeigt, dass früher och nicht immer aaaalles besser war (jedoch fast alles - Meinung des Blogautors). Meine grobschlächtige auf-die-Schnelle Übersetzung:
In der Zeit des Modernismus anno 1905 an einer gewissen dogmatischen Fakultät hörten mehrere Studenten dem Professor nicht einmal mehr zu, als dieser den Traktakt über die Inkarnation auslegte. Sie schrieben Briefe oder lasen Bücher, die nichts mit der dogmatischen Theologie zu tun haben, denn, so sagten sie, das Konzept der Persönlichkeit, wie es von der scholastischen Theologie vorgestellt wird, sei unverständlich.Darauf sprach ich zu einem dieser Studenten: "In was also besteht deiner Meinung nach Persönlichkeit, sodass wir so zu einem besseren Verständnis des Mysteriums der Fleischwerdung gelangen können?" Er antwortete: "Persönlichkeit besteht im Selbstbewusstsein, und das genügt." Ich fragte ihn, wie viele Bewusstseine und Verstande es in Christi gibt? Der Student hat nicht einmal daran gedacht, dass es in Christus zwei Verstande und somit zwei Bewusstseine gibt. Daher müsste es zwei Persönlichkeiten in Christus geben, bestünde die Persönlichkeit formell im Bewusstsein seiner selbst.Ein anderer jener Studenten entgegnete mir: "Persönlichkeit besteht in der Freiheit und der Herrschaft über sich selbst." Doch auch er hat nicht bedacht, dass es in Christus zwei Freiheiten gibt, also müsste es zwei Persönlichkeiten und demzufolge zwei Personen geben, was die Häresie des Nestorianismus ist.

Garrigou-Lagrange: De Christo Salvatore. Commentarius in IIIam Partem Summae Theologicae Sancti Thomae. Turin 1949, S. 93.

Montag, 16. März 2015

Misericordia quodammodo superat justitiam

»Die Barmherzigkeit transzendiert gewissermaßen die Gerechtigkeit in dreien Seiner Handlungen, nämlich insofern Gott barmherzigerweise den Geschöpfen mehr Gaben bereitet, als streng genommen notwendig ist, Er weniger straft, denn angemessen wäre, dafür aber mehr belohnt, als eigentlich zustehen würde.«
Reginald Garrigou-Lagrange, OP: De Deo Uno. Commentarium in Primam Partem S. Thomae. Marietti: Rom 1950, S. 485.

Sonntag, 15. März 2015

Exkurs: Ist Gott barmherzig? (Ia q. 21 a. 3)

Anlässlich der Ausrufung eines Jubeljahres der Barmherzigkeit bietet es sich an, mal einen kurzen Blick auf die göttliche Barmherzigkeit zu werfen. Wie so häufig beantworten sich Fragen am besten, wenn man sie am gründlichsten angeht und die allereinfachste Frage stellt: Ist Gott überhaupt barmherzig? Als Christen mag uns dieser Gedanke wohl höchstens in Not- und Leidsituationen in den Kopf kommen, ansonsten ist das Bild des sich erbarmenden Gottes zu sehr in unsere Herzen eingebrannt. Aus gutem Grund, denn die Heilige Schrift ist voll von Barmherzigkeitsbildern, und das Motiv der Menschwerdung des Wortes ist ebenfalls kein anderes als das der Barmherzigkeit: Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3, 16)

Samstag, 14. März 2015

Definition der Barmherzigkeit

»Die moralische Tugend, die das Mitleiden und das Lindern der Leiden anderer moderiert.«
Santiago Maria Ramirez, OP: De Caritate. In II-II Summae Theologiae Divi Thomae Expositio. QQ. XXVI-XLIV. In: Opera Omnia (Bd XII). Salamanca 1998, Sp. 952. 

Freitag, 13. März 2015

Donnerstag, 12. März 2015

Dienstag, 10. März 2015

I suppose you may write poetry

Ich muss eingestehen, in den septem artem liberales bin ich längst nicht so bewandert wie manch ein 'Szesaner, ich bin kein Musikus und kein Literat. Trotzdem, und auch gerade destwegen, maße ich mir gerne Urteile (gleichwohl ich auch kein Richter bin) und Standesempfehlungen wider jeden an, den es vor meine Flinte treibt oder der sich auch nur in meinem Gesichtskreis verlustiert.

Ein solcher kostenloser Ratschlag trifft bei mir besonders gerne moderne Theologen. Okay, fast schon ein bisschen öd, denn wann kriegen die hier nicht ihr Fett weg? Und was heißt überhaupt modern? Bei mir jedenfalls ist das nicht gleichbedeutend mit 'zeitgenössisch', denn für eine Beschäftigung mit den Zeitgenossen ist mir meine Zeit eigentlich zu schade. Modern heißt, im denzingerianischen Sprech, entweder soviel wie 'nach 1900' - was nicht heißt, dass ich nicht auch was gegen viele viel weniger moderne Theologen, oder besser, deren Lehren hätte . . . oder aber einfach schlicht 'modernistisch'. Auf jeden Fall ist es recht einfach, über die Fin-de-siècle-Generation herzuziehen, denn sie kann sich meiner Angriffe ja nicht mehr gescheit erwehren. Eine Sache, welche die hiesige Politik unglückseligerweise auch schon länger begriffen hat, aber das ist ein anderes Thema . . . und ich wollte und sollte auf diesem Blog eigentlich nicht über Politik schreiben.
Was ist denn aber nun der Ratschlag? Er steht schon in der Überschrift. Ja, diese ganzen Schönschreiberlinge mit theologischem Lizenziat und Doktorat aber minus des kirchlichen sensus, den die Ekklesia in jener Epoche so dringend brauchte, sie hätten doch Dichter werden sollen, Poeten! Es liest sich ja fein, was sie sagen, katholisch gedacht ist es erbaulich, gereicht zur intellektuellen Ergötzung, vielleicht gar zur mystischen Schau, so weit, so gut . . . aber sobald denn plötzlich jemand darauf kommt, dass es sich dabei um gar keine Kunst, sondern um Theologie handelt . . . und das ganze nicht nur kodifiziert, sondern auch noch verpraxt, au wei!

Um so mehr freut es den Freizeitzensor und Hobbyinquisitor, wenn er solche Zeilen aus berufenem Munde, nämlich der jesuitischen Kurie (ausgerechnet!) zu lesen kriegt, und zwar gerichtet an John Courtney Murray, der keine zehn Jahre später Dignitatis humanae entscheidend mitverbrechen mitzustandebringen sollte:
»I suppose you may write poetry. Between harmless poetry and Church-State problems, what fields are taboo I don't know, but ordinary prudence will give the answer. We'll try to keep out of controversy for the present.«*
Man beachte natürlich auch das jesuitisch-opportunistische for the present . . . 


Joseph A. Komonchak: The Silencing of John Courtney Murray. In: Cristianesimo nella storia. Saggi in onore di Giuseppe Alberigo. Hrsg, v, A. Melloni, D. Menozzi, G. Ruggieri, M. Toschi, Bologna 1997, S. 694.

Samstag, 7. März 2015

Antiphon über den Tod

Vor inzwischen fast einem Jahr wies Kollegin Theresia schon auf diesen Klassiker hin - aber ich denke, er verdient es inzwischen wieder, noch einmal hervorgeholt zu werden:

Media vita in morte sumus;
quem quaerimus adjutorem,
nisi te, Domine,
qui pro peccatis nostris
juste irasceris?
Sancte Deus, sancte fortis,
sancte et misericors Salvator,
amarae morti ne tradas nos!

Mitten im leben sind wir im tode,
Wen suchen wir als helfer,
Wenn nicht dich, unsern herrn.
Der du um unsre sünden
Zürnst in gerechtem zorn,
Heiliger Gott, du heiliger starker,
                      heiliger und erbarmender erlöser,
Gib uns dem bitteren tod nicht preis.

Wie wunderbar trifft es sich, dass die Predigerbrüder ab heute zum Nunc dimittis, dem Gesang des greisen Simeon, das Media vita als Antiphon anstimmen. Es wird sie bis zum Passionssonntag begleiten. Warum ist das so wunderbar? Weil den hl. Thomas, dessen Fest wir begehen, jener Gesang stets zu Tränen rührte. Mögen wir durch seine Fürsprache auch zur wahren Reue und aufrechten Bußgesinnung gelangen!


Übersetzung von Friedrich Wolters: Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Berlin 1914, S. 101. Formatierung des Originals.
Hören kann man die Antiphon z.B. hier.

Freitag, 6. März 2015

Divus Thomas, Kirchenlehrer und Patron dieses Blogs

Es jauchze in geistlicher Freude
die lobende gläubige Schar
es strahlt eine ganz neue Sonne
wo vorher nur Dunkelheit war.*

Gerne schreibe ich von der unvergleichlichen Doktrin des Aquinaten, dem aristotelisch-thomistischen Lehrgebäude, von der allerhöchsten Autorität in Philosophie und Theologie, die ihm von der Kirche zugesprochen wird, als stünde er nur eine kleine Stufe unter ihr ... und auch von seiner mystischen Schau, von der Betrachtung, aus der die Glaubenswissenschaft notwendigerweise fließen muss. Heute etwas ganz klein wenig Anderes.
Wenn man sich das Thomas-Offizium im Brevier der Predigerbrüder anschaut, fällt auf, dass seine Jungfräulichkeit fast so sehr im Mittelpunkt steht wie die Fruchtbarkeit seiner Lehre. In den Vesperresponsorien z.B. werden dem Augustinus folgende Worte über den alter Augustinus in den Mund gelegt:

»Augustinus Fratri sic loquitur: Thomas mihi par est in gloria, virginali praestans munditia.«

»Augustinus spricht so zu seinem Bruder: Thomas ist mir ebenbürtig in Herrlichkeit, aber vorzüglicher in der jungfräulichen Reinheit.«

In der Antiphon super Psalmos wird er nicht nur als Licht der Welt und Glanz Italiens bezeichnet, sondern für unsere Ohren sicher ungewohnt, auch als strahlende Jungfrau in der Blüte der Keuschheit. Dieses Motiv zieht sich durch das ganze Tagesamt.

Vielleicht auch ein Gedanke für uns ... der Zusammenhang von Tugend und Gelehrsamkeit im Allgemeinen ... und von der Reinheit im Leib und in der Lehre im Besonderen. Und Thomas wäre nicht Thomas, wüsste er nicht auch etwas dazu zu sagen:
»Die Ausübung der moralischen Tugenden, jene Tugenden, durch welche die Leidenschaften im Zaum gehalten werden, ist von großer Wichtigkeit für den Wissenserwerb.«**
Die Reinheit des Denkens verlangt nach der Reinheit der Seele, so Sartillanges. Aber nicht nur mit der 'ganzen Seele' denken wir, wie Platon es hielt, sondern mit unserem ganzen Sein ... so konnte wiederum der französische Ordensbruder des hl. Thomas sagen: 'Das Wissen involviert alles in uns, vom Lebensprinzip (die Seele - Anm.) bis zur chemischen Zusammensetzung der kleinsten Zelle unseres Körpers.' Wenn das Fleisch schwach ist, dann wird auch der Verstand schwach. Die Unkeuschheit hat aus den größten Gelehrten Ketzer gemacht, während einfache Mägde des Herrn durch ihre Reinheit die tiefsten Geheimnisse verstanden und anschaulich machen konnten. Rein sein heißt, ganz Seele zu werden ... und ganz Seele werden heißt, ganz Gott ähnlich werden. Bitten wir also den Heiligen darum, dass wir nicht länger Diener unseres Leibes bleiben ... sondern wie er, der Lehrer der Himmelsbürger, ein Stück weit Engel werden.   

Allen Lesern, insbesondere allen Theologen, Philosophen und Gelehrten, ein gesegnetes Fest!


*Freie Übertragung des ersten Verses vom Hymnus zur ersten Vesper:
Exsultet mentis jubilo
Laudans turba fidelium,
Errorum pulso nubilo
Per novi solis radium.
**Physic. lib. 6

Dienstag, 3. März 2015

Ephemerides traditionalisticae

1. Da verlässt man, nichts Böses ahnend, gerade mal kurz das geliebte Heimatland ... da erreichen einen schon Hiobsbotschaften von ebendort. Befürchtend, nach der Rückkehr plötzlich einer Obödienz von München-Osnabrück anzugehören, überlegt man sich, ob es nicht klüger wäre, gleich an Ort und Stelle, vor allem aber katholisch zu bleiben. Trotzdem ja ganz schön: Wenn wir auch keinen deutschen Papst mehr haben, so haben wir doch wenigstens endlich wieder einen deutschen Gegenpapst!

2. Einen wunden Punkt traf Andreas drüben mit seiner Kritik an unserer stillen-Kämmerlein-Kamarilla. Hiesiger Blogeigentümer schützt auch gerne Innerlichkeit vor, um sich von all zu apostolisch-missionarisch-caritativen Tätigkeiten zu dispensieren. Jaja, und "die Charismen wie Talente werden ja nicht überall gleich verteilt und jeder kann auch nicht alles machen!" Quatsch mit Soße, wer ernstlich innerlich ist, der ist auch tätiger Apostel.

3. Das einzige, was noch weniger nutzt als Bloggerstudien, eine falsche Frömmigkeit gepaart mit deutschen Bischöfen, irischen Seherinnen und herzegowinischen Erscheinungen sind diese dauerhaft untergetauchten U-Boot-Traditionalisten, deren innerkirchlicher Widerstand sich im Kreuzen der Stola, in Manschettenknöpfen und vornehmen Speisen erschöpft. Nach der ersten Flasche Wein kommt vielleicht gar mal ein misogyner Spruch, hinter vorgehaltener Hand wird von lateinischen Messen geflüstert, und vielleicht haben sie sogar mal in einer Werktagsmesse um 7 Uhr früh den Kanon Eins gelesen. Aber: Psssst! Im Seminar sagten sie: Hier muss man still sein, um durchzukommen. Wenn man jedoch erstmal geweiht ist, dann können sie einem nichts mehr, ja dann! Als Kaplan sagen sie: Der Pfarrer ist ein 68er, hier kann man noch nichts machen, man muss ruhig bleiben, bis man selbst sein Benefizium bekommt . . .
Den Rest könnt ihr euch jetzt selbst zusammenreimen, was passiert, wenn sie selbst auf den Pfründen oder auf dem Katheder sitzen. Für einen Marsch durch die Institutionen fehlt es uns anscheinend an langem Atem, an Disziplin und Überzeugung. Wahrscheinlich auch an Glauben und Abtötung. Jedenfalls ist dieser Ansatz doch rundweg gescheitert.

4. Ganz anderes Thema: dieser Tage wird man vor allem in den alttestamentlichen Wissenschaften, in der Geschichte und Exegese gerne zu jeder sich bietenden Gelegenheit (und auch zwischendurch einfach mal so, damit es auch ja keiner vergisst) mit diesem super einleuchtenden Spruch zugeballert: Die Bibel will ein Buch des Glaubens sein, kein Buch der Geschichte! Und dann erdreisten sich die Herren Professoren auch noch, die gegenteilige Meinung - samt et...et - mit dem Anathem zu belegen, sie fundamentalistisch zu nennen, während allein die modern-aufgeklärten Wissenschaften katholisch sind! Jetzt kann man das von mir aus sehen wie man will, aber die Väter und Kirchenschriftsteller waren keine strunzdoofen amerikanischen Bible-Belt-Protestanten, sondern katholischer, als es diese Glaubensverstümmler jemals werden können ... und die sahen die hl. Schrift ganz sicher nicht als schlecht verständliches Handbuch der Dogmatik, mit dem man gerne alles veranstalten kann, solange man es bloß nicht all zu ernst nimmt.
Wie komme ich jetzt darauf? Bei Louis Billot, eine typisch denzingerianische Urlaubslektüre, begegneten mir folgende Zeilen:
Dazu [Irrtümern über die Gattung der Prophetie - Anm.] kommt noch die Verwirrung, die eine gewisse Bibelschule angerichtet hat, welche unter dem Vorwand, die Bibel sei kein Handbuch der Geschichte, sondern eine religiöse Unterweisung, behaupten wollte, daß die hl. Schriftsteller nach Gutdünken mit den Tatsachen verfahren seien, von denen sie berichteten, und zwar so großzügig, daß sie geschichtliche Tatsachen einfach modifiziert, erweitert und sie wieder künstlich zusammengestellt hätten, um so besser ihr moralisches und dogmatisches Ziel zu erreichen. Eine seltsame Theorie fürwahr, gegen die sich alles sträubt bei dem, der die Inspiration der Hl. Schrift wirklich noch ernst nimmt.
Fürwahr, und wie sich alles sträubt!