Montag, 16. Februar 2015

Wird in der Theologie gestritten? (STh Ia q. 1 a. 8)


Würde man die einleitende Frage des 8. Artikels so übersetzen, würde die Antwort wohl leicht fallen. Theologen streiten wie die Kesselflicker. Hier geht es aber darum, ob die Thesen der heiligen Lehre beweisend dargelegt werden, ob sie eine echte Überzeugungskraft haben. Das scheint nämlich erst einmal nicht so zu sein, schließlich sprechen wir ja vom Glauben, nicht vom Wissen.

Thomas antwortet in drei Schritten:
1. Die sacra doctrina geht beweisführend (argumentierend) vor, aber nicht um ihre Prinzipien, sondern um ihre Schlussfolgerungen zu beweisen. 
Diesen Punkt habe ich schon mehrfach angeführt, aber es ist gut, das noch einmal zu wiederholen. Hier haben wir nämlich das Fundament der Theologie als Glaubenswissenschaft. Wie jede andere Wissenschaft kann und will sie ihre Prinzipien nicht beweisen. Dafür fehlen ihr schlichtweg die Mittel. Schauen wir uns zum Beispiel die Naturwissenschaften im Allgemeinen an. Sie führen, vereinfacht gesagt, all ihre Ergebnisse auf die Naturgesetze zurück. Was aber ein Naturgesetz ist, wie bzw. wodurch es seine Wirksamkeit hat und woher es stammt, darüber müssen sie schweigen. So verhält es sich auch in der Theologie, nur statt der Naturgesetze haben wir gewissermaßen die Gottesgesetze. Und die muss man glauben.
2. Dadurch verteidigt sie Schlussfolgerungen aus geoffenbarten Wahrheiten, die von Gegnern zugestanden werden. 
Auch hier haben wir wieder eine grundsätzlich wissenschaftliche Vorgehensweise, die schon Aristoteles kannte. Wenn einer die Autorität der Heiligen Schrift, der Glaubensartikel anerkennt, oder zumindest einen Teil davon, kann auf dieser Ebene diskutiert werden. Man braucht nicht mit der Bibel auf den Tisch zu hauen, wenn sie für den Gegenüber nicht das Wort Gottes ist. Dann bleibt nur noch der nächste Schritt:
3. Sie löst die Einwände und Gegenargumente derjenigen auf, die nichts von der göttlichen Offenbarung einräumen.
Ganz schlicht drückt Thomas diesen Gedanken auch in seinem Boetius-Kommentar aus: "In der Heiligen Lehre können wir die Philosophie anwenden (...) um dem zu widerstehen, was gegen den Glauben gesagt wird, indem man entweder aufweist, dass es falsch ist, oder indem man aufweist, dass es nicht notwendig ist."* Nach diesen drei Schritten haben wir im Keim schon die ganze Lehre von den loci theologici, die Orte oder Quellen theologischer Erkenntnis, die Melchior Cano berühmt gemacht hat. Doch zunächst ein kleiner Schritt zurück, wir wollen nämlich noch herausfinden, was es mit dem Lösen von Einwänden auf sich hat. Cajetan gibt die Antwort: Eine These zu beweisen heißt nichts andere, als Beweise argumentativ vorzulegen. Die Auflösung eines Einwands aber benötigt keine Beweise - es reicht aus, dass sie dem Einwand seine Überzeugungskraft raubt.**

Ich denke, es ist sofort klar, wo wir uns am ehesten mit dem Auflösen von Einwänden beschäftigen. Nämlich in den Glaubensgeheimnissen. Wir können die Dreifaltigkeit nicht beweisen, aber wir können aufzeigen, dass die Gegenseite nicht das Gegenteil beweisen kann, also etwa, dass die selbe unendliche Natur nicht mehreren Personen angehören kann - auch, wenn das für eine endliche Natur gelten würde. Thomas: Was Glaubenssache ist, kann durch die Autorität alleine denen bewiesen werden, die sie anerkennen. Bezüglich aller anderen gilt als ausreichend, dass die Lehre des Glaubens nicht unmöglich ist. 
Wir sind vernünftigerweise von den Mysterien des Glaubens überzeugt, weil sie geoffenbart sind, nicht das Gegenteil bewiesen werden kann und es Angemessenheitsgründe für sie gibt.

Wie sich andere Wissenschaften ihr untergeordnete Wissenschaften bedienen, z.B. die Metaphysik der Logik, so verhält es sich auch in der Glaubenswissenschaft. Sie verteidigt die Glaubwürdigkeit der Glaubensmysterien, etwa aus der Geschichte und Philosophie, damit die Ungläubigen zur Tatsache der Offenbarung gelangen und auf diesem Wege Gott einen vernünftigen Dienst erweisen können (Röm 12, 1).
Nichtsdestotrotz ist die der Theologie ganz eigentümliche Methode des Beweisführung die aus der Autorität. Soviel sie auch von der menschlichen Vernunft Gebrauch macht, bleibt Glaube Glaube, und der kommt von Gott, dem Höchsten.

Die klassische Aufteilung der loci theologici, die Melchior Cano dem behandelten Artikel entnimmt, stellt sich (von mir etwas dilettantisch zusammengekritzelt) wie folgt dar:


Es ließe sich noch bemerken, dass sich die Autorität der Kirche in die des ordentlichen Lehramtes und des im Konzil versammelten außerordentlichen Lehramtes aufschlüsselt. Soviel erst einmal wieder für heute!

*Com. in Boetium de Trinitate, q. 2. a. 3
**Com. in art. 8, no. 4 (paraphrasiert)
Bild: Leoninische Summenausgabe. Ich habe leider versäumt, mir genaue Angaben zu notieren, aber es dürfte sich um einen Druck der S. C. de Propaganda Fide in Rom aus dem Jahr 1888 handeln.

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