Freitag, 13. Februar 2015

Und das Übel existiert doch - außerordentl. Thomaskommentar (De Malo)

Der Thomasleser schreibt in seinen letzten beiden Artikeln über das Böse, das es als solches nicht gibt. Auch wenn es meine Überschrift nahelegen würde, widersprechen kann und will ich ihm nicht. Damit würde ich ja nicht zuletzt auch unserem gemeinsamem Meister widersprechen. Viel mehr will ich seinen Kommentar noch etwas präzisieren, oder einfach nur anders ausdrücken.
Und wenn es mir gelingt, soll demnächst auch mal wieder ein weiterer Teil meines schon wieder so lange brachliegenden "ordentlichen" Thomaskommentars erscheinen. Aber nun denn:

Wir müssen doch sagen, dass das Übel existiert! Wäre es nicht ein verquerer Blick auf die Welt, wollte man die Existenz des Übels einfach verneinen? Was würde da aus Krankheit, Elend, Not und Tod? Doch tatsächlich tun das manche, wie die sogenannte "Christliche Wissenschaft", die sich weigert, die Realität des Übels anzuerkennen. Nichts mehr als ein Traum ist alles Schlechte, sagen sie. Auf die Spitze getrieben müsste man die ganze Welt Schein nennen und das Sein selbst leugnen.
Andere Philosophen halten es nicht weniger schlimm, für einen Spinoza gleichen die Übel Bausteinen der Welt, die uns nur übel vorkommen - in Wirklichkeit, das heißt in den Augen der Weisen, sind sie aber Güter, und keine geringen! Bei Hegel ist es nicht viel anders.

Wir Thomisten sagen aber doch: Ja, das Übel existiert! Aber nicht so, wie das Sein existiert. Letzteres existiert wie eine positive Realität, die Übel nur als Beraubung. Wir können sagen, das Leben ist, die Sehkraft ist, und der Tod ist und die Blindheit ist. Hier haben Sein und Existenz aber nicht die gleiche Bedeutung. Thomas erklärt, dass das Wort "sein" eine zweifache Bedeutung hat. Es kann die Natur, den Bestand, die Positivität (quid est) des Seins bedeuten, das man aussagt. Aber in diesem Sinne ist das Übel, die Beraubung nicht. Das "sein" kann aber auch einfach heißen, dass eine Aussage wahr ist, als Antwort auf die Frage: Ist etwas oder ist etwas nicht? Ist diese Auge blind oder ist es nicht? Und in genau diesem Sinne ist das Übel, aber ohne dadurch eine Wirklichkeit zu sein. »Das Übel ist zwar in den Dingen, jedoch als Beraubung und nicht als etwas Wirkliches.«*

Hier haben wir, was der auf diesem Blog vielzitierte Kardinal Journet, ein weiterer getreuer Thomasleser, das Paradox des Übels nennt: »Es besteht in der furchtbaren Realität seiner privativen Existenz.« Es "ist" ohne zu "sein".
Man kann nicht versuchen, ein dem Guten konträr entgegengesetztes Ding gleicher Gattung als Definition des Übels zu begründen. Denn der krasseste Gegensatz im Sein ist nicht das Gegensätzliche, das Konträre - sondern die Beraubung.

Wenn man das Sein nicht versteht, versteht man auch das Übel nicht. Man muss das Recht des Seienden auf Unversehrtheit verstehen, sein Gesetz, das zu sein, was es ist oder vollkommen das zu werden, was es bereits keimhaft ist. Versteht man das, hat man auch das Übel verstanden. Geht dieses Wissen verloren, so verliert man auch den Sinn für das Übel. Das ist das furchtbare Problem der Ethik unserer Tage.

Natürlich ist es schwierig, dem Übel gleichzeitig Existenz und Nichtbestand zusprechen zu wollen. Aber nur so löst man alle Schwierigkeiten - die Illusion eines Spizonas, die Gott fern vom Übel rückt; oder aber, das Übel zum Ding zu machen und es somit zu nahe an Gott zu stellen. Der bereits zitierte Kardinal schreibt, nur das Christentum, dass »die abgrundtiefen Höhen Gottes kannte«, konnte das Übel so tief analysieren, und der Welt den Sinn seiner Definition als Beraubung aufzeigen. Ich denke, damit hat er Recht.


*Malum quidem est in rebus, sed ut privatio, non autem ut aliquid reale. (Mal I 1 ad 20)

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