Dienstag, 17. Februar 2015

Quarantore und der schlechte Grund


Wo früher karnevalistischen Kehraus noch vor den Kirchtüren stattfand, ist die närrische Zeit inzwischen schon längt in die leergefegten Kirchen eingekehrt - ob auf Einladung oder wie der Rauch des, na, ihr wisst schon wer, langsam durch die Ritzen und Spalten, das vermag ich nicht zu sagen. Fast noch komischer mutet aber an, wenn in der gleichen communio hier Fastnachtsmesse und dort vierzigstündiges Gebet angesagt ist ... aber nun denn.

Ich gebe zu, ein klein wenig fürchte ich mich da auch vor einer holier-than-thou-Attitüde, wir hier, in des Nachts fest verrammelter Kirche heiliger Rest, dort draußen, die Sünderschar. Und ich kam mir selbst ziemlich wohlgefällig katholisch vor, als ich allein mit dem Brevier bewaffnet durch die dunklen Gassen marschierte. Dabei habe ich von der Fastnacht nicht viel mitbekommen, ich glaube, in meinem heimatlichen Viertausendeinwohnernest werden die Straßen voller gewesen sein - zumindest waren sie das, als ich dieselben noch unsicher machte. Aber das will ich mal nicht übel nehmen.

Zurück zum Scheinheiligenschein. Natürlich liegt da nicht die Intention der Kirche. Wenn wir Sühne leisten, dann aus der Überfülle unseres eigenen zerknirschten Herzens. Erst müssen wir unseres eigenen Sünderdaseins eingedenk sein, dann erst für die anderen flehen. Und dann wird uns auch die Gesinnung des Erlösers zu eigen, die so ganz unselbstherrlich ist. Für andere bitten, heißt sich selbst zurückzustellen, und dadurch einen zweifachen Sieg erringen: durch Gott für uns und den Nächsten. Das Absterbenlassen der Grundneigung des Egoismus, die so tief in der gefallenen Menschennatur steckt, macht unseren Seelengrund nicht kahl, sondern fruchtbar: "Wenn das Weizenkorn nicht zur Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht"  (Joh 12, 24). Hier müssen wir vorsichtig sein und die Geister recht unterscheiden. Schnell kann man sich einbilden, eine glühende Liebe für Gott zu haben. Wenn da aber nur Strenge und Tadel für die Fehler des Nächsten folgt und Blindheit für die eigene Schwäche - so schnell entschuldigt, gerechtfertigt, verteidigt - dann ist alles nur Schein und Äußerlichkeit. Johannes Tauler beschreibt das in einer seiner Predigten sehr schön:
»Solange ihr euch selbst sucht, für euch selbst tätig seid und Vergeltung und Lohn für eure Handlungen fordert und es nicht ertragen könnt, bei den übrigen für das zu gelten, was ihr seid, bleibt ihr in einer Täuschung und einem bemitleidenswerten Irrtum. Wenn ihr jemand wegen seiner Fehler verachtet und denen, die nicht nach euren Grundsätzen leben, vorgezogen werden wollt, so kennt ihr euch selbst nicht, ihr wißt nicht um den schlechten "Grund", der in euch ist.« 
Wenn wir in der rechten Gesinnung bitten und sühnen, dann nehmen wir Teil am Leiden Christi. Mehr noch, wir nehmen Anteil an Christus selbst und nehmen zu in unserer Gottebenbildlichkeit. Das innere Gottesleben ist ja selbst fruchtbar, überströmend, sich immer wieder selbst schenkend. Achten wir aber darauf, dass es ein echter Liebeseifer ist, der uns antreibt, und der erst recht auch aus unserem Beten folgt. Dann ist der gute Grund gelegt, und der Beginn des ewigen Lebens in unserer Seele.


Zitat: Johannes Tauler: Unterweisungen. Kapitel 3. Nach: Reginald Garrigou-Lagrange: Des Christen Weg zu Gott. Aszetik und Mystik nach den drei Stufen des geistlichen Lebens (Band 1). München: Schnell und Steiner 1957, S. 499.
Bild: St. Margareth, Augsburg. 

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