Mittwoch, 18. Februar 2015

Märtyrer vor Gott und der Kirche


Ich habe mich schon zur anhaltenden Diskussion über das Martyrium von Nichtkatholiken in den Kommentarspalten bereits aus einer gnadentheologischen und ekklesiologischen Sicht geäußert, diese frei Schnauze schnell dahingetippte Bemerkung, der natürliche eine akademische Rigidität fehlt, gebe ich hier nur leicht editiert wieder:
Es ist natürlich wichtig, die Lehre zu bekennen, dass außerhalb der Kirche kein Heil ist. Das ist auch der Sinn des Unionsdekretes von Florenz – man muss Christus angehören, seinem mystischen Leib, nur diese Arche kann retten und selig machen.
Aber die Gnade wirkt auch außerhalb der sichtbaren Kirche, da spricht man ja gerne, wenn auch etwas ungenau, von ihrer Seele. Sie geht dem Leib gewissermaßen voran, voraus, aber wo die Seele ist, da muss zumindest keimhaft auch der Leib sein. Bei Lebendigem kennen wir keinen anderen Zustand, wo der Körper ist, da ist auch die Seele. Und so befindet sich die Kirche in den getrennten Gliedern auf dem Weg der Verwirklichung, der Sichtbarwerdung, insofern dort Christus und die Gnade seines Hauptes wirkt.
Und wer könnte verleugnen, dass in den Märtyrern von Libyen Christus schon so verwirklicht wurde, in diesen “Kopten” die Kirche vollkommener war, als sie vielleicht in uns ist? Ich wage zu sagen: diese Blutzeugen waren katholischer als wir. Im Himmel sind sie es sowieso.

Da aber die Kontroverse - wenn man sie denn überhaupt so nennen kann - nicht enden will, stelle ich hier zusätzlich die Meinung des Heiligenspezialisten schlechthin vor, Benedikt XIV., und zwar via Dictionnaire de théologie catholique, das trotz seiner Einstellung 1950 nach wie vor als kaum verzichtbares Standardwerk der Theologie gilt. Somit hätten wir also eine vorkonziliare Quelle samt Gelehrtenpapst, der wohl wirklich nicht als falscher Ireniker gelten kann und mit der Strenge eines Kirchenrechtlers spricht. Meine Anmerkungen in eckigen Klammern:
Die falschen häretischen und schismatischen Märtyrer. (c. XX). – Wir können zwei Fälle unterscheiden, einmal stirbt der Häretiker, um seine Irrlehre zu verteidigen, oder aber er stirbt für eine mit dem wahren Glauben geteilte Lehre.
Der zweite Fall ist der interessantere, doch auch in diesem Fall wird das Opfer nicht als Märtyrer betrachtet, so Benedikt XIV., obwohl er für die Wahrheit starb, denn er starb nicht für die vom Glauben vorgestellte Wahrheit, da er keinen Glauben hat. Dennoch gesteht er ihm einen übernatürlichen, vom Glauben geformten habitus zu; diese Ansicht wird von den Theologen gemeinhin verworfen. Derjenige, der keinen Glauben hat, kann nicht für den Glauben sterben. Benedict XIV. spricht dann vom Häretiker invincibiliter [dem Häretiker in unüberwindlicher Häresie], d.h., der im 'guten Glauben' irrt - wenn er für einen wahren Glaubenssatz stirbt, kann er als Märtyrer gelten? Benedikt XIV. beantwortet die Frage mit einer wichtigen Unterscheidung: er wird zum Märtyrer coram Deo [vor Gott], aber nicht coram Ecclesia [vor der Kirche]. Er wird [zum Märtyrer] coram Deo, vorausgesetzt, er ist dazu disponiert, all das zu glauben, was ihm von der rechtmäßigen Autorität vorgestellt wird; denn dann ist er nach dem Wort des hl. Johannes schuldlos: "Si non venissem et locutus fuissem eis, peccatum non haberent" XV, 22 [Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde]; er wäre kein Märtyrer coram Ecclesia, die von außen richtet und seine äußerliche Häresie sieht, dazu gezwungen ist, auf seine innere Häresie zu schließen. 
Wir können sehen, wie die von dem eminenten Kanonisten vorgestellte Unterscheidung das Schwierigste zufriedenstellend beantwortet. Aber sobald es erlaubt ist, einen Häretiker invincibiliter, der für eine mit der katholischen Wahrheit übereinstimmende Lehre stirbt, als Märtyrer coram Deo anzuerkennen, muss er nicht auch anerkannt werden, wenn er mit der gleichen Ehrlichkeit für einen Irrtum stirbt, den er für einen Teil des christlichen Credo hält? Durch diese Beispiele sehen wir, dass das Konzept des auf den ersten Blick so klar und scharf definierte Konzept des Martyriums in Wirklichkeit doch viele Fragen offen lässt, die sich nur schwer mit Sicherheit beantworten lassen. 

Gleichwohl Papst Benedikt den Irrgläubigen nicht den, ich sage mal, titulus des Märtyrers verleiht - das tat nicht einmal Paul VI. bei den anglikanischen Märtyrern von Uganda - so spricht er dennoch von Märtyrern vor Gott. Für uns sollte das allemal reichen, denke ich, dass auch wir von Märtyrern sprechen dürfen. Und "dank" der modernen Technik und der furchtbaren Grausamkeit der Schlächter gab es wohl noch nie ein so universell sichtbares Glaubenszeugnis, eingeschrieben in Blut, im Sand, im Meer ... und doch bitte auch in unseren Herzen.

Quelle: René Hedde, O.P.: Art. Martyr, In: Dictionnaire de théologie catholique, Bd. 10. Paris: Letouzey et Ané 1928, Sp. 228. 

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