Freitag, 20. Februar 2015

Ist die Theologie eine praktische Wissenschaft? (STh Ia q. 1 a. 5)

In der berühmt gewordenen Regensburger Rede unseres damals regierenden Papstes gibt es eine Passage, die vielleicht weniger bekannt ist. Er erinnert sich darin an ein Gespräch unter Wissenschaftlern an der Universität Bonn, wo einer der Akademiker meinte, an dieser Universität gäbe es etwas sehr Merkwürdiges: ganze zwei Fakultäten beschäftigen sich mit etwas, was es gar nicht gibt. Mit Gott.

So gesehen wäre die Theologie eine höchst unpraktische Wissenschaft, denn was nicht vernünftig ist, das hat auch eigentlich keinen richtigen Nutzen. Ein ganz kleines Bisschen könnte der hl. Thomas hier sogar zustimmen. Natürlich gibt es für ihn Gott und Ihn zu erkennen findet er überaus vernünftig. Aber in diesem Artikel sagt der Kirchenlehrer auch, dass die Theologie vor allem oder in besonderer Weise spekulativ ist, da hat der Zweifler das Wesen der Theologie richtig ausgemacht - aber ganz grundsätzlich ist sie spekulativ und praktisch.

Was heißt das jetzt aber nun?


Hier können wir wieder das aufgreifen, was ich in fast jedem meiner Thomaskommentare zum Thema Theologie geschrieben habe. Wir wissen allein schon durch die Nominaldefinition von "Theologie", dass es in dieser Wissenschaft um Gott geht, und wir haben auch schon festgestellt, dass sich die Theologie zwar andere Teilwissenschaften zunutze macht, aber dennoch eine einzige Wissenschaft ist: und zwar die, die sich mit Gott beschäftigt und mit allen anderen Dingen im Bezug zu Gott, sub ratione Dei.

Zu Thomas Zeiten war es ziemlich originell zu behaupten, dass die Theologie besonders spekulativ ist, denn eher herrschte die gegenteilige Ansicht vor, und die vertraten so große Köpfe wie der hl. Bonaventura, Petrus Lombardus und sogar des Aquinaten Meister, Albertus Magnus. Das scheint auch erstmal einleuchtend zu sein, denn in dieser Disziplin geht es ja darum, wie wir unsere Handlungen auszurichten haben, um ein gottgefälliges, christliches Leben führen zu können. Wie wir es schaffen, letztendlich in den Himmel zu kommen, um Gott zu schauen.
Aber Thomas von Aquin sah das anders, und als getreuer Schüler gebe ich ihm natürlich Recht. Eigentlich brauchen wir uns nur sein bekanntestes Werk anzuschauen, die Summa Theologiae, da haben wir schon die Antwort: Die fängt nicht mit uns Menschen hier unten an, sondern mit Gott da oben. Logisch betrachtet ist das auch die richtige Reihenfolge der Dinge, nur ist sie nicht die Ordnung unseres Lebens und unserer Erkenntnis, d.h., sie ist nicht der Weg der Philosophie, sondern jener der Theologie. Wir fangen erst einmal ganz klein ein, im frühestens Stadium im Mutterleib noch kaum unterscheidbar von anderen Säugetieren im gleichen Lebensalter. Erst viel später nehmen wir wahr, dass etwas ist, dass wir da sind und dass unsere Umwelt ist. Und wenn wir dann vom einen zum anderen denken, dann kommen wir vielleicht irgendwann bei Gott an. Aber Gott war natürlich schon vorher da, ohne ihn hätten wir gar nicht erst denken können, wären gar nicht da. Nur haben wir das nicht gewusst.
Die Theologie erlaubt sich, den vorzüglicheren Weg zu wählen und mit dem anzufangen, der ihr großes Thema ist. Mit Gott.

Vielleicht ist darin auch schon ein bisschen von der Argumentation für die spekulative Theologie angeklungen. Wir richten uns auf Gott aus, schauen auf ihn. Aber nicht so, wie wir mit etwas arbeiten, hantieren können. Die Ethik kann uns vielleicht erzählen, wie man vernünftig mit Geld umgeht. In der Kunst der Metallprägung oder des Druckens kann ich Geld machen. Geld kann ich in die Hand nehmen und ausgeben. Was für den Drucker sein Papier ist, das ist aber für den Theologen nicht im gleichen Sinn sein Gott: Gott steht vollkommen außerhalb unserer aller Gewalt.
Jetzt ist es aber auch so, dass ich mit dem Geld Almosen geben kann, ja, selbst wenn ich das Geld für mich selbst verwerte kann das tugendhaft sein. Und da stoßen wir wieder auf Gott, da schauen wir uns an, was diese so stofflich erscheinenden Münzen mit dem Höchsten zu tun haben. Dann ist die Theologie praktisch. Und weil alles letztlich aus Gott kommt und zu ihm zurückgeht, ist die Theologie ganz grundsätzlich eine praktische Wissenschaft. Aber nicht so praktisch, wie sie spekulativ, theoretisch ist, denn mehr als um die menschlichen Handlungen geht es uns um Gott. Sagt, wie oben geschrieben, ja auch schon ihr Name.
In der Theologie heute sieht man das vielleicht nicht mehr so, aber das ist eben die Ansicht des heiligen Thomas, und die kommentiere ich.

Das Leben in der Kirche zeichnet sich natürlich durch Betrachtung als auch durch Tätigkeit aus. Wir haben die karitative Aktivität eines Vinzenz von Paul und die Kontemplation eines Johannes vom Kreuz. Die Moraltheologie eines Alfons von Liguori und die Dogmatik eines Thomas von Aquin. Auch haben wir keinen Kirchenlehrer, der nicht erst heiliggesprochen wurde. Aber in der Theologie, das war Thema eines anderen Beitrages, geht es in eminenter Weise um Gott als Gottheit. Und ich denke, das ist ein so großes und großartiges Thema, dass dafür zwei Fakultäten kaum ausreichen.

Kommentare:

  1. Natürlich ist Theologie eine praktische Wissenschaft mit noch praktischerem Nutzen. Ohne mein Proseminar Exegese des NT und mein Hauptseminar Exegese des AT wäre ich gar nicht in der Lage, die Rechnung beim Griechen richtig zu lesen. Seit ich die verstehe, mache ich mir lieber mein Tsatsiki selbst, da weiß ich, was ich bezahle und der Sitz im Leben ist selbstverständlich meine Küche.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. :-D

      Aber was heißt hier Sitz? In der Küche soll was Gescheites gekocht werden, nicht rumgelungert!

      Löschen