Mittwoch, 18. Februar 2015

Auf dem Feldzug zum Mysterion

Da die Kirche heute in der außerordentlichen Form des römischen Ritus' zum Abschluss der Aschenbestreuung mit dem gleichen Gebet schließt, die in der ordentlichen Form als Kollekte Verwendung findet, habe ich einmal gewagt, einen Blick auf die deutsche Übersetzung zu werfen, wie sie uns heute landaus, landein in den Kirchen begegnen würde:

»Getreuer Gott, im Vertrauen auf dich 
beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Buße. 
Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht,
damit wir dem Bösen absagen 
und mit Entschiedenheit das Gute tun.«

Das war dann so ein Moment zwischen Fassungslosigkeit und Bestürzung, der schmerzt. Manchmal kommt es mir so vor, als wolle man mit Absicht das Wenige, was uns von den Reichtümern des Glaubens noch übrig ist, auch noch nehmen, verarmen, entleeren. Zunächst dachte ich sogar, es könnte sich um einen Fehler handeln, denn die Oration ähnelt sehr der des 1. Fastensonntages. Ist aber keiner. Und als ich mir die Übersetzung vom 1. Fastensonntages (oF) anschaute, machte sich die nächste Enttäuschung ... oder viel mehr Bitterkeit breit, denn um enttäuscht zu werden, muss man überhaupt noch etwas erwarten können. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Schauen wir uns das Original (MR 1970/2002) an:

»Concede nobis, Domine, praesidia militiae christianae
sanctis inchoare ieiuniis,
ut, contra spiritales nequitias pugnaturi,
continentiae muniamur auxiliis.« 

Und damit wir vernünftig mit dem Text arbeiten können, auch schon einmal die Übersetzung aus dem altem Schott:

»Laß uns, o Herr, den Wachtpostendienst des christlichen Kampflebens 
durch heiliges Fasten antreten, 
damit wir im Kampf mit den bösen Geistern
in der Enthaltsamkeit Halt und Hilfe haben.« 

Schon ein klein bisschen anders, oder?

Es scheint mir ziemlich offensichtlich zu sein, dass die Übersetzer des Neuen Messbuches jegliche Termini technici aus dem Soldatenhandwerk vermeiden wollten. Dabei ist es gerade die älteste Tradition der Christenheit, das geistliche Leben als beständigen Kampf zu betrachten. In diesem Gebet vernehmen wir den Nachklang, das Echo von Epheser 6, 10ff.

Militia ist der Kriegsdienst, das Kampfleben, wie hier im Genitiv vor allem der Feldzug. Es ist nicht irgendein Feldzug, keiner der vielen Kriege, die die Welt immer wieder geißeln. Hier ist die Rede von dem Krieg, der als einziger immer und ohne Zweifel als bellum iustum gelten kann: der Kampf gegen Mächte und Gewalten.
Das praesidium, der Schutz, der Posten, lässt an die Disziplin der römischen Legionen denken, die auf dem Feldzug nie ohne Schanzwerkzeug unterwegs waren. Selbst nach den Anstrengungen von vielen Gewaltmärschen warfen sie vor der ersehnten Nachruhe erst einen Wall auf, richteten Wachstellungen ein. Die Parallele zum Christenleben ist nicht zu übersehen. Dieses Leben ist die Zeit des Feldzugs, des auf-dem-Weg-Seins, nicht die Zeit der Ruhe und des Friedens. Wollen wir die genießen können, müssen wir uns zunächst rüsten, bereitmachen, wachen.

Um diesem Motiv treu zu bleiben, ließe sich munire auch besser mit befestigen übersetzen, aber natürlich ist die geistliche Burg auch unser Halt und unser Schutz.
Auxilium ist die Hilfe, der Beistand, im abstrakten wie im konkreten Sinne. Aber im militärischen Kontext der Antike denken wir an die leichten Hilfstruppen, welche die Vorhut und den Flankenschutz der schweren Legionäre bildeten. Das Fasten lässt sich somit sehen als unsere Hilfstruppe, als unsere Unterstützung im Streit gegen die Welt, den Teufel, das Fleisch - es ist niemals Selbstzweck, sondern Mittel zum Ziel. Dieser Gedanke durchzieht die gesamte Oration.

Die Logik des Gebetes ist nämlich Folgende: Wenn Gott unserem Fasten Heiligkeit gewährt, dann wird die Enthaltsamkeit uns im Kampf gegen die bösen Geister - innere und äußere - ein Halt und eine Hilfe sein.

Aber noch einmal zurück zum militärischen Motiv, das wir so oft in Gebeten, Hymnen, geistlichen Texten finden. In der Sekret der aF taucht noch ein weiteres, in diesem Kontext besonders wichtiges Wort auf: Sacramentum.*
Auf den ersten Blick könnte man vielleicht meinen, hier ginge es um das Sakrament des Altares, um die Feier der hl. Eucharistie. Aber vor allem redet die Liturgie hier in der Sprache der Kirchenväter, für die das ehrwürdige Sakrament das Osterfest selbst war. Heute beginnen wir also die Heilszeit, das sacramentum quadragesimale.

Lange bevor das Wort Sakrament ausschließlich für unsere sieben Sakramente stand, bezeichnete es alle heiligen Handlungen und Zeichen - in dem Wissen, dass sie alle Ihn, Christus, als Urheber und Quell haben. Das lateinische sacramentum übersetzt das griechische mysterion, das Geheimnis. Aber zunächst, erst Tertullian sollte das Wort in den christlichen Dienst stellen, war das sacramentum der Treueid der Soldaten, die Verpflichtung zum Kriegsdienst.
In der griechisch-lateinischen Synthese kommen schließlich beide Elemente zum Ausdruck. Wenn wir also von der heiligen Fastenzeit sprechen, diesem Sakrament in Christus, dann meinen wir sowohl das geheimnisvolle Wirken Gottes in uns, als auch unsere moralische Verpflichtung, unsere Einwilligung in seine Werke - unseren christlichen Treueschwur.

Im Keim stecken hier auch die Christusmysterien, das arcanum Christi. Im sacramentum der vierzig Tage wollen wir in das mysterion des Gesalbten eindringen, und seinem Beispiel in der stillen Heimlichkeit der Wüste folgen. Von einem Blickwinkel aus gesehen - es ist der, den die Kirche uns besonders in der oF darstellt - ist der Fastenfeldzug der Weg in das Geheimnis Christi. In der aF sehen wir im Fasten selbst schon die imitatio Christi, der Beginn des mysterium paschale, des Ostergeheimnisses in unseren Seelen.


*»Fac nos, quaesumus, Domine, his muneribus offerendis convenienter aptari: quibus ipsius venerabilis sacramenti celebramus exordium.«
Wir bitten Dich, o Herr: bewirke, daß wir uns geziemend diesen Opfergaben anpassen, mit denen wir den Beginn dieses ehrwürdigen Geheimnisses selbst feiern.

Die deutsche Übersetzung des Tagesgebetes ist dem Angebot der Erzabtei Beuron entnommen.

Kommentare:

  1. Boah, die Übersetzung ist echt krass. Und dann redet man immer von den "mündigen Christen" heute, denen man aber offenbar die wörtliche Übersetzung nicht zumuten darf.

    Widerspruch nur hier:

    "Hier ist die Rede von dem Krieg, der als einziger immer und ohne Zweifel als bellum iustum gelten kann: der Kampf gegen Mächte und Gewalten."

    Der fünfte und sechste Engelschor besteht in seiner Mehrheit aus lichtreichen und frommen Geistern, gegen die wir nicht kämpfen sollen! - Gefallene gibt es aus allen Chören.

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    1. Jau, als würde es nicht reichen, dass das Missale ohnehin schon deutlich entschärft wurde, wird dann noch sowas obendrauf gesetzt. Da beneide ich die Engländer mit ihrer neuen Übersetzung ... in Deutschland scheint man das lieber aussitzen zu wollen.

      Aber da merkt man, dass Du Dich in der Bibel besser auskennst als ich! Ich meinte natürlich, wie der Apostel, die bösen Geister der Finsternis. ;-)

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