Freitag, 25. Dezember 2015

Salvator noster hodie natus est: gaudeamus!


Den lieben Kollegen, Lesern, Freunden und allen in irgendeiner Weise Verbundenen ... ein gnadenreiches Hochfest der Geburt unseres Erlösers und Herrn!

Bild: Haupt- und Weihnachtsaltar in St. Ulrich und Afra, Augsburg.

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Heute! (2)

Heute! sprach Moses zu den Israeliten in der Wüste, als Gott sich offenbarte im Reichtum seiner Hände und den Mannaregen auf die Hungrigen herabsandte. Heute! sprach der Engel zu den Hirten auf dem Felde in der Nacht, als Gottes Sohn von der Jungfrau geboren wurde und in der Krippe lag. Heute! spricht die Kirche, wenn der geheimnisvolle Kreislauf des Jahres den Tag oder vielmehr die Nacht des ersten Advents nach Gottes Gesetz in heiliger kultischer Feier aufleuchten läßt. "Heute werdet ihr es erfahren: Gott kommt und heilt uns!" sing sie, und wenige Stunden später: Heute hat der König der Himmel sich herabgelassen, von der Jungfrau geboren zu werden, um den Menschen aus seiner Verlorenheit zu den himmlischen Reichen heimzurufen." "Heute ist uns der wahre Friede vom Himmel herabgestiegen. Heute träufeln die Himmel Honig über die ganze Herde hin. Heute leuchtet uns der Tag neuer Erlösung, uralter Vorbereitung, ewigwährenden Glückes auf." "Heute ist uns Christus geboren worden. Heute ist uns der Heiland erschienen. Heute singen auf Erden die Engel, jubeln die Erzengel. Heute jauchzen die Gerechten und rufen: Gott in der Höhe die Herrlichkeit, Alleluja!" Heute! spricht Gott durch den Mund seiner Boten, heute, das heißt: ich komme. Ich, die Gegenwart, ich, das einzige, ewige Heute, breche herein in den Fluß eurer Zeit, ihn rundend zum Kreise. Das ist Gewicht und Süße und herzanrührender Klang dieses Wortes: es trägt - in all seiner Winzigkeit - trägt den kommenden Gott, trägt die einzige Liebe, die sich selber verschenkt. 
Aemiliana Löhr, OSB: Das Herrenjahr. Das Mysterium Christi im Jahreskreis der Kirche. (1. Bd). Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 1955, S. 78f.  

Heute! (1)

"Heute!" hebt die Messe an, und das ist ihr erstes und wichtigstes Wort. Es gibt dem Tage sein Gesicht. Vom Invitatorium des Nachtoffiziums an klingt es durch die Antiphonen und Responsorien des Stundengebetes und der Messe bis in die erste Weihnachtsvesper und damit in das eigentlich Fest hinein. "Heute werde ihr erfahren: der Herr kommt und heilt uns." Da ist sie, die Antwort auf den Adventsruf der Kirche. Veni, haben wir gerufen, komm, und nun endlich: Hodie - heute! Heute wird es Erfahrung: Gott kommt und heilt uns. Was wir als tägliche Erfahrung für gewiß halten, heute wird es zum gesteigerten Besitz, zur Feier und zum Fest. Dieses Heute trägt uns die gesammelte Süßigkeit aller Gottesadvente zu, die jemals die Erde erleuchtet und die Herzen heimgesucht haben. In ihm klingt wieder das Lallen des Kindes von Bethlehem und die Posaune des Weltendes, die Stimme der gottrufenden Priester aller Zeiten und die wirkende Worte der Liturgie. Das erste und letzte und tägliche Kommen Gottes geben diesem Heute seinen Glanz. Neu klingt es und frisch, wie eben gefunden und nie gehört, unberührt vom Gestern und Ehegestern, und ist doch schwer von den Wundern der Jahrtausende, die es auf den winzigen Flügeln seiner paar Silben trägt.
Aemiliana Löhr, OSB: Das Herrenjahr. Das Mysterium Christi im Jahreskreis der Kirche (1. Bd). Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 1955, S. 78. 

Sonntag, 20. Dezember 2015

Kleine Vertheidigung der Sakristeiwisschenschaft (wo der Leib sagt, was die Seele meint)


Ein bleibender Verdienst der Liturgiereform, so hört man es selbst von liturgisch bemühten Priestern alleweil, wäre die Überwindung der klassischen Rubrizistik gewesen.* Was alles so seit mehr als einem halben Jahrhundert mit geradezu rubrizistischer Wiederholungswut wieder und wieder wider die Rubrizistik vorgebracht wurde, muss hier nicht nochmal aufgeführt werden.
Dass es darauf nicht ankomme und man alles nicht so genau nehmen müsse, darauf läuft es jedenfalls am Ende hinaus. Kleinigkeiten sind es eben. Aber muss nicht das Herrenwort: Wer im Kleinen getreu ist, ist es auch im Großen, und wer im Kleinen ungetreu ist, ist es auch im Großen (Lk 16, 10) nicht gerade auch für das liturgische Tun gelten, vor allem für die bestellten Diener des Altares? Wie wichtig diese Normen sind, nicht allein, damit nicht Chaos, Subjektivismus und Willkür in die Kirche einzieht ... das ging mir so richtig wieder heute in einem Levitenamt auf. Kardinal Bona drückte es in De divina psalmodia einmal sehr schön aus und wurde von Pius XII. in der Enzyklika Mediator Dei zitiert:
Denn wenn auch die Zeremonien aus sich selbst keine Vollkommenheit und Heiligkeit beinhalten, so sind sie doch äußere religiöse Akte, durch die der Geist wie durch Zeichen zur Verehrung alles Heiligen angeeifert, der Sinn zum Himmlischen emporgehoben, die Frömmigkeit genährt und die Liebe entflammt wird; durch sie wächst der Glaube und wird die Andacht vertieft; durch sie werden die weniger Gebildeten unterrichtet, der Gottesdienst verschönert, die Religion erhalten und die wahren Gläubigen von den unechten Christen und Irrgläubigen unterschieden. (231)
In derselben Enzyklika mahnt der Heilige Vater, der heranwachende Klerus solle zu richtigem Verständnis der Zeremonien angeleitet werden und die Rubriken recht erlernen, nicht nur, damit der Jünger des Heiligtums später die gottesdienstlichen Funktionen ordnungsgemäß, schön und würdig zu vollziehen befähigt sei, sondern vor allem damit er in innigster Vereinigung mit dem Hohenpriester Christus erzogen werde und ein heiliger Diener des Heiligen sei. (369)

Es geht hier also nicht bloß um einen reibungslosen Ablauf, um höfisches Gebaren und Schnörkelei. Die Rubrizistik bietet gleichsam eine praktische Mystagogie und eine Schule der Heiligkeit. Was die heiligen Zeichen uns sagen und bedeuten sollen, da lasse ich Romano Guardini mit seinem bekannten Werk zu Worte kommen, und zwar anhand des Beispiels einer der allerersten liturgischen Gesten: der Händefaltung.
Steht jemand in demütiger, ehrerbietiger Haltung des Herzens vor Gott, dann legt sich die gestreckte Hand flach auf die andere. Das sagt von fester Zucht, von beherrschter Ehrerbietung. Ein demütiges, wohlgeordnetes Sprechen des eigenen Wortes ist das, und ein aufmerksam bereites Hören des göttlichen. Oder es drückt Ergebung aus, Hingabe, wenn wir die Hände, mit denen wir uns wehren, gleichsam gebunden in Gottes Hände geben ... Schön und groß ist die Sprache der Hand. Von ihr sagt die Kirche, Gott habe sie uns gegeben, daß wir 'die Seele darin tragen'. So nimm sie ernst, diese heilige Sprache. Gott hört auf sie. Sie spricht vom Innern der Seele. Sie kann auch von Herzensträgheit, Zerstreutheit und anderem Unguten reden. Halte die Hände recht und sorge, daß Dein Inneres mit dem Äußeren wahrhaft übereinstimme! (...) Kein eitles, geziertes Spiel daraus machen, sondern eine Sprache soll es uns sein, durch die in lauter Wahrhaftigkeit der Leib Gott sagt, was die Seele meint. 
Und so will ich, angefangen von den Gesten der Hand, keine einzige Rubrik missen.

Die Enzyklika wurde zitiert nach der auf stjosef.at angebotenen Übersetzung. Guardini aus seinem Buch: Von heiligen Zeichen. Würzburg: Werkbund-Verlag 1937, S. 18ff.

*Auf die Frage, wie es ohne gehen soll, müssen sie dann aber mit den Achseln zucken. Pfarrer Terlinden macht einen für den deutschsprachigen Raum (meines Wissens nach) einmaligen Versuch einer Rubrizistik für die neue Messordnung, hier als PDF herunterladbar. 

Die Kollekten des Advent und ihre Übersetzungen - 4. und letzter Sonntag

Excita, quæsumus, Domine, potentiam tuam, et veni: et magna nobis virtute succurre; ut per auxilium gratiæ tuæ, quod nostra peccata præpediunt, indulgentia tuæ propitiationis acceleret: Qui vivis et regnas.
Schott:
Biete Deine Macht auf, o Herr, und komm, wir bitten Dich; eile uns zur Hilfe mit starker Macht, damit Dein verzeihendes Erbarmen durch den Beistand Deiner Gnade das Heil beschleunige, das unsre Sünden noch aufhalten: Der Du lebst und herrschest.
Bomm:
Wir bitten, Herr, erwecke Deine Macht und komme und eile uns zu Hilfe mit großer Kraft; stehe uns bei mit Deiner Gnade und beschleunige durch huldvolle Verzeihung, was unsere Sünden verzögern. Der Du lebst.
1965er Meßbuch:
Biete auf deine Macht, Herr Jesus Christus, und komm und eile uns zu Hilfe mit großer Kraft; unsere Sünden halten deine Ankunft noch auf, in deiner verzeihenden Huld führe alsbald ihre Stunde herbei: Der du lebst.
Schenk:
Wir bitten Dich, Herr: Biete auf Deine Macht und komme! Mit starker Macht eile uns zu Hilfe! Dein Erbarmen und Verzeihen möge mit Deiner Gnadenhilfe beschleunigen, was unsere Sünden verzögern. Der Du lebst.
Stephan:
Laß, wir bitten dich, Herr, wirksam werden deine Macht und komm; und werde uns mit deiner großen Kraft ein Helfer, auf daß unter dem Beistand deiner Huld das, was unsere Sünden aufhalten, die in deiner Milde erwiesene Nachsicht schneller gewähre. Der du lebst.
Ramm:
Biete auf, so bitten wir, Herr, Deine Macht und komm, und steh uns bei mit großer Kraft, damit, durch die Hilfe Deiner Gnade, die Vergebung Deiner Versöhnung das, was unsere Sünden hemmen, beschleunige, der Du lebst.
1975er Meßbuch:
Die Kollekte findet sich so nicht mehr im Missale.*

*Wieder finden wir eine ganz ähnliche Kollekte am Donnerstag in der 1. Adventswoche: Biete auf deine Macht, Herr, unser Gott, und komm. Eile uns zu Hilfe mit göttlicher Kraft, damit durch dein gnädiges Erbarmen bald das Heil kommt,
das unsere Sünden noch aufhalten. (1975er Meßbuch) Freilich konnte die Oration nicht eins zu eins übernommen werden, da nach dem Dogma der Liturgiereformer keine Gebete an Gott den Sohn gerichtet werden durften.
Meine recht wörtliche Übersetzung der neuen Kollekte: Biete Deine Macht auf, o Herr, und eile uns zu Hilfe mit großer Kraft, damit, was unsere Sünden aufhalten, durch die Versöhnung Deiner Gnade beschleunigt werde. 

Samstag, 19. Dezember 2015

Von den Quellen des Konzils


Die Konzilsgeschichte wird uns im großen Ganzen eigentlich nur aus zwei Quellen offenbart: durch Rahners Kompendium und Lubacs Tagebuch. Wenn man aber bloß mal die dicken Bände der Acta Synodalia durchzählt, es sind 32, dann könnte man doch auf die Idee kommen, dass da ein ganz kleines bisschen mehr passiert ist, als eben die Geschichten, die wir mit mehr oder minder großem Genuss seit 50 Jahren wiederkauen. Wie kann es sein, dass für den Normalkatholiken die Geschichte des tollsten Konzils aller Zeiten fast vollkommen unzugänglich ist? Irgendwie eine komische Sache, meine ich, und darum habe ich mich bemüht, zumindest einen Teilaspekt auf hiesiger Seite näher zu beleuchten.
Ganz zufällig stieß ich dieser Tage auf einen englischsprachigen Blog mit dem sympathischen Namen Semiduplex, der sich in zwei hochinteressanten Beiträgen einem der entscheidensten Momente des Zweiten Vatikanischen Konzils widmet, nämlich der Rücknahme des von der theologischen Komission vorbereiteten Schemas über die Offenbarungsquellen, De Fontibus Revelationis*, hier und hier.

Für Lesefaule zusammengefasst: Kardinal Döpfner behauptete unter Zuhilfenahme einer selektiven Zitation des Ordo Concilii, das Konzil könne die vorgelegten Schemata einfach zurückweisen und neue einführen. Tatsächlich steht das in einem klaren Widerspruch zum CIC und der Konzilsordnung, die Kard. Ottaviani aufrechtzuerhalten versuchte. Jedoch konnte sich Döpfner durchsetzen, es kam zur Abstimmung, ob das Schema De Fontibus weiter diskutiert werden solle oder nicht - hier gelang also schon, das vorgesehene Prozedere komplett umzuwerfen, die Revolution begann. Und nun wurde verwirrenderweise die Abstimmungsfrage so formuliert, dass die Väter mit Non placet stimmen mussten, wenn sie für die Fortsetzung der Diskussion waren. Doch selbst das half nichts: die Gegner von De Fontibus konnten nicht die nötige Zweidrittelmehrheit erlangen. Trotzdem konnte sich aber die progressive Konzilsfraktion gegen Recht und Mehrheit durchsetzen: Papst Johannes XXIII. intervenierte und setzte eine ad-hoc-Kommission ein, um das Schema umzuschreiben.

Der Rest ist ... Konzilsgeschichte.

*An der auch Johannes Brinktrine mitwirkte, über den ich bald mal wieder was schreiben müsste ...

Bild: AS I, 3, S. 222.

Wie konnte man sich überreden?

»Es kann bei weisen Katholiken gar keinem Zweifel unterliegen, daß, wie alles Menschliche, so auch die wissenschaftliche Vertheidigung und Darstellung der christliche Lehre einer Vervollkommnung fähig ist; daß diese auch nach den verschiedenen  Zeitumständen sich in etwa anders gestalten muß; daß sie endlich die Fortschritte, welche etwa rein menschliche Wissenschaften machen, nicht unbenutzt lassen darf: aber wie konnte man sich überreden, daß man nicht verbessern und vervollkommnen, sondern ganz und gar umwandeln müsse, daß jene Zeitumstände es forderten und diese Fortschritte es möglich machten, in unsern Tagen der gesammten Theologie nicht nur eine ganz neue Form, sondern auch eine ganz andere Grundlage, und dem kirchlichen Leben eine ganz neue Gestalt, ja erst den wahren Geist zu geben; wie konnte man, sage ich, davon sich überreden, wenn man nicht vorher der Meinung beigetreten war, in unseren Tagen endlich sei der Menschengeist zum vollen Bewußtsein seiner selbst gekommen, und habe wie im Leben so in der Wissenschaft zu begreifen angefangen, was seiner Würde fordere und seine Kräfte vermögen? Nun aber, ist denn nicht dies die eine große Lüge, womit der böse Geist der Zeit alles in Bewegung setzt? 
Glaubend also, daß unsere Zeit ein so großes Licht aufgegangen sei, wollte man der eine durch diese, der andere durch jene sogenannte Grundansicht, die man in neuester Zeit gewonnen, die gesammte theologische Wissenschaft umarbeiten.«
aus der Einleitung zu Joseph Kleutgen, SJ: Theologie der Vorzeit (Bd. I). Münster 1867. 

Montag, 14. Dezember 2015

Die Vorhalle zum großen Völkeropfer

Als kleine Überleitung zum nächsten Teil meiner ebenfalls kleinen Serie zu Johannes Brinktrine soll ein Zitat aus seiner Monographie "Die Heilige Messe" dienen. Ich bin versucht, gleich noch etwas Längeres dazu zu schreiben (und hier stand auch schon was im Editor), aber ich lasse es erst einmal für sich selbst stehen, gleichsam als Eingang und Vorhalle zum nächsten Artikel. Das wichtige Wort, nur so viel sei gesagt, ist das Ganze. Und was Brinktrine hier über die Katechumenmesse sagt, kann im weiteren Sinne natürlich auch für die gesamte Messe gelten:
Werfen wir von dem Standpunkte, den wir gewonnen haben, einen Blick auf die Vormesse als Ganzes, so sehen wir ein Kunstwerk vor uns, wie es einzig der religiösen Literatur dasteht. Die Steine dieses monumentalen Baues wurden den verschiedenartigsten Kulturen entlehnt: der jüdisch-orientalischen, der griechisch-hellenistischen, der römisch-lateinischen, der germanisch-mittelalterlichen Kultur, und doch sind alle Stücke so zusammengefügt, daß ein Gebäude von Harmonie und Schönheit vor unserm Geiste steht. Die Liturgien der großen Kirchen des Orients wie des Okzidents haben dazu beigetragen, die Meßordnung Roms zu bereichern und zu verschönern: in der Liturgie der Mutter aller Kirchen finden sie sich einträchtig beisammen. Man dürfte kaum irgendwo in der religiösen Literatur eine solche Mannigfaltigkeit und Fülle in den einzelnen Teilen und eine solche Geschlossenheit und Einheit in dem Ganzen finden. Andere Geistesprodukte, auch die religiösen, sind national ausgeprägt, spiegeln eine bestimmte nationale Kultur wider, die römische Meßliturgie, die bereits in ihrem ersten Teile Elemente aus verschiedensten Kulturen, alten und neuen, harmonisch geeint hat, ist übernational, sie ist ein Symbol der Universalität der Kirche Christi, welche die nach Rasse und Sitte, Sprache und Kultur getrennten Völker und Nationen aller Zeiten umspannt und sie "in der Einheit des Glaubens versammelt". Der Glaubensartikel von der una ecclesia catholica hat in dem monumentalen Bau der römischen Katechumenmesse seine kongeniale Liturgische Ausprägung und eine Form von hoher Vollendung gefunden. Dieses herrliche Kunstwerk ist würdig, als Vorhalle zu dienen für das Heiligtum, in welchem das große Völkeropfer dargebracht wird, die heilige Eucharistie, das bewirkende Symbol der kirchlichen Einheit und Katholizität. In dieses Heiligtum wollen wir jetzt eintreten.
Johannes Brinktrine: Die Heilige Messe. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 1950, S. 128f. 

2016 kann kommen


... denn der zweite Kalender ist da! Falls man mal vom einen in den anderen Raum vergisst, welcher Tag und welches Fest heute ist, dann ist es nicht verkehrt, mehr als bloß einen davon zu haben.
Auf dem Kalender des Instituts Christus König und Hohepriester finden sich dieses Jahr zu jedem Monat ein anderes Motiv aus der Fassade der Kirche Notre Dame de Lourdes in Libreville/Gabun, entworfen und realisiert von Abbé Alexander Willweber. Konzipiert wurde die Fassade, so erzählen es die letzten Kalenderseiten, nach den architektonischen Regeln aus Vetruvs De architectura und Abbé Albertis Bearbeitung derselben Schrift. Wer sich also für Architektur interessiert ... gab es da nicht mal irgendjemanden in der Blogozese, ich weiß beim besten Willen nicht mehr wer ... der findet da auch etwas im institutseigenen Kalender.

Kostenfrei bestellt werden kann er hier. Dazu gibt es sogar noch ein praktisches Kalendarium mitsamt den Adressen und Apostolaten des Instituts in aller Welt.

Sonntag, 13. Dezember 2015

Die Kollekten des Advent und ihre Übersetzungen - 3. Sonntag

Die feine Bloggerart ist es wohl nicht, statt Neues zu bieten nur Altes hervorzukramen ... da die Zeit aber flieht, möge man es mir nachsehen. Hier geht es zum Beitrag aus dem vergangenen Jahr.

Schott:
Wir bitten Dich, o Herr: schenke unsern Bitten Gehör und mache hell die Finsternisse unsres Geistes durch die Gnade Deines Kommens.
Bomm:
Neige Dein Ohr unseren Gebeten, so bitten wir, Herr, und erleuchte die Finsternisse unseres Geistes durch die Gnade Deiner Einkehr bei uns.
1965er Meßbuch:
Neige, Herr Jesus Christus, unserem Flehen dein Ohr; mit deiner Gnade suche uns heim und mache licht die Finsternis unseres Herzens.
Schenk:
Wir bitten Dich, Herr: Neige unseren Bitten Dein Ohr und erhelle die Finsternis unseres Geistes durch Deine gnadenvolle Einkehr!
Stephan:
Neige, o Herr, wir bitten dich, dein Ohr zum Auffangen unserer Bitten und bringe in die Finsternis, in der unser Geist sich befindet, Licht durch deinen gnädigen Besuch.
Ramm:
Dein Ohr, so bitten wir, Herr, neige zu unseren Bitten, und die Finsternis des Geistes erleuchte durch die Gnade Deiner Heimsuchung.
1975er Meßbuch:
Die Kollekte wurde aus dem Meßbuch gestrichen.*

*Eine sehr ähnliche, wenngleich nicht mehr an Christus gerichtete Kollekte findet sich aber am Montag nach dem Gaudete-Sonntag: Gütiger Gott, neige dein Ohr und erhöre unsere Bitten. Erleuchte die Finsternis unseres Herzens durch die Ankunft deines Sohnes. (1975er Meßbuch)
Die Übersetzer geben den Text wie gewöhnlich nur verstümmelt wieder. Wortgetreu übertragen hieße es: Neige, o Herr, wir bitten Dich, die Ohren Deiner Milde unserem Rufen zu, und unseres Herzens Finsternisse erleuchte durch die Gnade Deines bei uns einkehrenden Sohnes. 

Samstag, 12. Dezember 2015

Columna Ecclesiae - Johannes Brinktrine zum 50. Todestag (1. Teil: Biographisches)

Heute* vor fünfzig Jahren trat der Paderborner Theologe Johannes Brinktrine seinen Heimgang an. Nur noch wenigen wird dieser Name etwas sagen, und traut man dem spärlichen lexikographischen Nachhall, könnte man meinen, es hier mit keiner besonders herausragenden Gestalt zu tun zu haben. Hört man aber, was der Diener Gottes Pius XII. über ihn gesagt haben soll, fällt das Urteil vielleicht schon wieder ein klein wenig anders aus: "Prof. Brinktrine ist die columna Ecclesiae", die Säule der Kirche.
Sein Stern, und das erklärt vermutlich auch das verhaltene Echo mitten in der konziliaren Zeitenwende, begann sicherlich schon nach der großen Zäsur in der deutschen Theologie und Gesellschaft zu sinken, die der Zweite Weltkrieg war. Seinem Ansehen in Rom tat das zur gleichen Zeit aber keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Er wurde nicht ohne Grund als Konsultor zur theologischen Vorbereitungskommission berufen und arbeitete eng mit Sebastian Tromp zusammen. Es wäre aber reichlich verkehrt, Brinktrine nun einfach in die Schublade alter Schulbuchtheologen zu stecken und möglichst schnell wieder zu vergessen. Der Paderborner markierte mit seinen Schriften nicht nur das Ende einer theologiegeschichtlichen Epoche "zwischen den Konzilien", sondern auch ihren Höhepunkt.

Beschäftigt man sich auch nur ein ganz klein wenig mit Person und Werk, merkt man zudem schnell, dass man es hier mit einem neuscholastischen Systematiker zu tun hat, den es - jedenfalls nach aktueller schultheologischer Auffassung - per definitionem gar nicht geben dürfte. Der Paderborner war nämlich nicht nur Dogmatiker und Fundamentaltheologie, sondern zuallererst und von Haus aus Liturgiewissenschaftler. Und das macht sich nicht nur in seinem liturgischen Werken, sondern auch in der Dogmatik und Apologetik erheblich bemerkbar. Daneben bieten seine Lehrbücher eine breite bibeltheologische und patrologische Grundlegung, kurzum: Hier wird ein thomistisches Theologieverständnis ersichtlich, das Brinktrine wie kaum ein anderer verinnerlicht und vor allem auch verwirklicht hat. Es gibt nämlich keine Wissenschaft der Dogmatik, der Liturgie, der Kanonistik ... sondern nur die eine theologische Wissenschaft, sie und alle ihre Zweige handeln von Gott sub ratione Deitas, unter dem Aspekt Gottes. Mit dem Einzug historisch-kritischen Denkens wurde diese Einheit der Theologie zunehmend aufgegeben, sodass sie aktuell im Grunde vollkommen auseinandergebrochen ist. Mit den damit verbundenen Implikationen im Bereich der Liturgik werden wir uns noch beschäftigen müssen.

Wer aber war nun Johannes Brinktrine? 1889 geboren, wächst er in einer tiefgläubigen Familie auf; früh zeigt sich seine besondere Begabung, und so wird ihm der Besuch des Gymnasium Theodorianum in Paderborn ermöglicht. Hier lernt er neben anderen klassischen und modernen Sprachen das Lateinische kennen und lieben, welches er zeitlebens nicht nur hochschätzte, sondern auch gründlichst beherrschte. Als Konsultor der theologischen Kommission verbesserte er besonders oft die Latinität zahlreicher Stellen, und nach der Apostolischen Konstitution Veterum sapientiae Johannes XXIII. begann er als einziger der Paderborner Professoren, seine Vorlesungen in lateinischer Sprache zu halten. Eine Anekdote macht seine Sprachkenntnis vielleicht besonders eindrücklich. Als er in dem 50er Jahren am Hermannsdenkmal vorbeispazierte, fiel ihm auf, dass die dort angebrachte Inschrift aus den Annalen des Tacitus fehlerhaft zitiert war - und das einfach so aus dem Gedächtnis.
In seiner Klasse von 18 Schülern treten zehn nach dem Abitur ins Priesterseminar ein. Brinktrine ist einer von ihnen. Noch in der Modernismuskrise begann er also sein Studium an der Philosophisch-Theologischen Lehranstalt Paderborns, dem Leonianum, ein Freisemester verbrachte er in Breslau, seine Dissertation über den "Meßopferbegriff in den ersten zwei Jahrhunderten" schrieb er nach zwei Seelsorgejahren in Freiburg. Zufall dürfte die Wahl der Studienorte nicht gewesen sein, tatsächlich zeichneten sich alle drei nicht nur durch ihr hohes akademisches Niveau, sondern auch durch eine besonders feste Kirchlichkeit und einen strammen Antimodernismus aus. Als sich die theologische Fakultät Freiburgs der Breslauer Erklärung anschloss, die besagte, dass es sich beim Antimodernisteneid keineswegs um eine neue Verbindlichkeit handle, sondern sie viel mehr um die immer geltende katholische Glaubensregel, die die Forschungsfreiheit keinesfalls einschränkt, schlitterte sie haarscharf an der Auflösung durch den Universitätssenat vorbei.

Vieles spielte sich noch ab, Brinktrine wurde zeitweise Oberer am Priesterseminar, wo er die längste Zeit seines Lebens tätig bleiben wird, er lernt Guardini kennen, wird Duzfreund Joseph Frings, besucht Maria Laach und bleibt trotz unterschiedlicher Ansichten mit Ildefons Herwegen im Briefkontakt, wenig später wird er Oblate ... von besonderer Wichtigkeit dürfte aber sein Romaufenthalt 1920-22 gewesen sein. Dass sich ihm die großen Zeremonien Roms besonders einprägten, wird nicht nur aus privaten Briefen deutlich, sondern auch aus dem Pilgerbüchlein "Die feierliche Papstmesse und die Zeremonien bei Selig- und Heiligsprechungen", das er ein paar Jahre später verfasste. "In Deutschland bekommt man niemals ähnliches zu sehen", schrieb er nach dem Fest der Apostelfürsten an seine Eltern. In Rom lernte der Paderborner auch den späteren ukrainischen Großerzbischof Jossyf Slipyj kennen, mit dem er bis 1945 regelmäßig korrespondieren konnte. Auch das will nicht recht ins Klischeebild des typischen Neuscholastikers passen: Brinktrine interessierte sich sehr für die Ostkirchen und beschäftigte sich mit ihren Liturgien, einer seiner Forschungsschwerpunkte betraf außerdem eine pneumatologische Fragestellung, nämlich die Bedeutung der Anrufung des Hl. Geistes bei der Epiklese in der Liturgie.
Und last but not least wäre da, dass er Vorlesungen Garrigou-Lagranges hören konnte. Der Dominikaner wird einen derart großen Einfluss auf die Theologie Brinktrines haben, dass man von ihm zuweilen schon als dem "deutschen Garrigou-Lagrange" spricht. Tatsächlich liest sich sein Zweibänder über die Offenbarung fast wie eine Übersetzung des entsprechenden Werkes aus der Feder des Franzosen. Derlei Vergleiche haben immer etwas Identitätsnivellierendes, hier wäre es aber eine besonders starke Verkürzung, nur einen Abklatsch, eine billige deutsche Kopie der römisch-dominikanischen Schule sehen zu wollen. Mit ihr ist er fraglos eng verbunden, nicht jedoch als bloßer Abschreiber, sondern als eigenständiger Denker von Rang.

Nun will ich mich gar nicht weiter in biographischen Details verlieren und den geneigten Leser langweilen - der Artikel ist ohnehin schon wesentlich länger geworden, als geplant - das ein oder andere habe ich bereits vorweggenommen, alles weitere von Bedeutung wird sich in den folgenden Teilen der Serie finden. Nur eine Sache noch. Den antiliberalen Kirchenmännern jener Zeit wird gerne nachgesagt, sie hätten der nationalsozialistischen Diktatur den Weg bereitet, sie unterstützt oder zumindest stillschweigend gutgeheißen. Am Beispiel Brinktrine sieht man aber, wie bei vielen anderen, das genau das nicht der Fall war. Er sah sich u.a. wegen Verweigerung des Hitlergrußes zahlreichen Drangsalen durch die Schergen der Machthaber ausgesetzt. Es war ja gerade seine antimodernistische Haltung, die ihn davor bewahrte, auch dieser Mode einheimzufallen. Sein reformkatholischer Kollege in Paderborn, der Moraltheologe Joseph Mayer, verdingte sich dagegen als Gestapospitzel und brachte die ganze Disziplin durch seine eugenischen Entgleisungen in Verruf. Womit natürlich ebenfalls nicht gesagt sein soll, eine Zuneigung zur neueren Theologie hätte gezwungenermaßen zu Sympathien für Hitlerdeutschland geführt. Insgesamt bleibt die aktive Kollaboration ein absolutes Randphänomen.
Apropos Politk: Schon in den fünfziger Jahren beklagte Brinktrine das, was vielen anscheinend erst seit kurzem klar wurde: Dass innerhalb der Christlich-Demokratischen Union so wenig Christliches ist.

Im nächsten Teil soll es dann um das liturgiewissenschaftliche Wirken des Theologen gehen.


*Ich vertraue hier der Angabe aus Martin Riegers Dissertation Liturgie und objektive Theologie : Johannes Brinktrine - ein Liturgiewissenschaftler? (Paderborn 2002), die Enzyklopädien geben den 13.12. an. 

Bild aus Johannes Brinktrine: Die heilige MesseHrsg. und eingeleitet von Peter Hofmann (Reprint der 4. Auflage von 1950, ergänzt um eine Einleitung). Augsburg: Dominus-Verlag 2015. 

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Literatur für einen romantisch-gemütlichen Adventsabend

Da mir zuweilen gesagt wird, meine Eremitage sei wenig wohnlich eingerichtet, habe ich allen mir zu Verfügung stehenden vorweihnachtlichen Kitsch aufgeboten, um besinnlicherweise den ein oder anderen jüngeren Bucherwerb zu studieren ... 


Dienstag, 8. Dezember 2015

Statt der Todesschuld / seliges Glück des Heils


Wer vermöchte wohl mächtig an Wortgewalt
preisen hoch genug, was diese Jungfrau gilt; 
denn durch sie gewann Leben und Huld die Welt,
die vom alten Tod fesselgeschlagen war.

Das war Jesses Zweig, Zweig, der die Knospe trieb, 
war ein Garten gut, himmelher angesät;
und ein heiliger Quell, heilungsbegabt von Gott,
strömte ein zur Welt von dieser Jungfrau her.

Als des Erdenvolks Erster und Ahnherr einst
durch des bösen Feinds giftigen Brodem fiel,
sank die Pest herab, faßte das Neugeschlecht,
und mit Todeskeim war alle Welt versucht.

Doch den Schöpfer barmt, solches zu sehn; er schaut
auf den sündenlos heiligen Jungfrauschoß
und er heißt die Magd, bringen der siechen Welt
statt der Todesschuld seliges Glück des Heils. 

Von den Sternen her Gabriel wird gesandt,
trägt der Jungfrau zu Botschaft der Ewigkeit;
auf aufs Wort erfüllt weiter als Sternenraum
jener ihren Schoß, der alle Welt umspannt

Unversehrt gebiert so diese Muttermagd,
der den Erdkreis schuf, wird in dem Erdkreis Kind;
nimmer droht des Feinds schreckliches Zepter mehr,
und im All erglänzt freudig das neue Licht

Der dreieinig ist, einzig, empfange Ruhm,
Kraft und Majestät und allerhöchste Macht;
er, der eine Gott, der übers Reich regiert,
alle Weltzeit lang, durch alle Ewigkeit.

Hymnus aus der Feder des Paulus Diaconus, übersetzt von J. van Acken: Germanische Frömmigkeit in liturgischen Hymnen. Freiburg i. Br.: Caritasverlag 1937, S. 12f. Das lateinische Original ist in den Analecta Hymnica (Bd. L) einsehbar. Mit größerer Betonung auf die Unbefleckte Empfängnis übersetzt L. Kösters SJ die letzten Verse der vierten Strophe: Doch schaut erbarmungsvoll der Schöpfer, Gott, / der Jungfrau Herz, nicht kennend je die Schuld.
Bild: Stickerei Unserer Lieben Frau von Wigratzbad auf einem Messgewand im Bestand von St. Margareth, Augsburg.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Die Kollekten des Advent und ihre Übersetzungen - 2. Sonntag


Ich kann mal wieder auf meine Serie vom vergangenen Jahr verweisen, die sich in besonderer Weise der Kollekte widmete.

Schott:
Rüttle auf, o Herr, unsre Herzen, auf dass wir Deinem Eingeborenen die Wege bereiten und Dir zu dienen vermögen mit einem Herzen, geläutert durch die Ankunft Dessen, der mit Dir lebt und herrscht ...
Bomm:
Herr, wecke unsere Herzen auf, Deinem Eingeborenen die Wege zu bereiten; so möge die Feier Seiner Ankunft uns dazu führen, daß wir Dir lauteren Geistes dienen.
1965er Meßbuch:
Wecke auf unsere Herzen, o Gott, daß wir deinem eingeborenen Sohn die Wege bereiten; seine Ankunft möge uns im Innersten läutern und uns würdig machen für deinen Dienst.
Schenk:
Herr, rüttle unsere Herzen auf, daß wir Deinem Eingeborenen die Wege bereiten; durch seine Ankunft möge unser Inneres geläutert werden, daß wir Dir treu dienen können. 
Erzpr. Stephan:
Rege, o Herr, unsere Herzen an, dass sie für deinen Eingeborenen den Weg bereit halten, damit wir infolge seiner Ankunft einen geläuterten Sinn bekommen und dir alsdann mit geläutertem Inneren dienen können.
P. Ramm:
Rüttle auf, Herr, unsere Herzen, Deinem Eingeborenen die Wege zu bereiten, damit wir, durch seine Ankunft, Dir mit geläuterten Herzen zu dienen vermögen.
1975er Meßbuch: (Donnerstag in der zweiten Adventwoche)
Rüttle unsere Herzen auf, allmächtiger Gott, damit wir deinem Sohn den Weg bereiten und durch seine Ankunft fähig werden, dir in aufrichtiger Gesinnung zu dienen. 

Kalendarisches (und ein bisschen Nikolausiges)


Eigentlich sollte es gestern Abend noch etwas Nikolausiges geben, aber wie das so ist, der geschäftige Alte-Messe-Molch hat an den Monatsersten immer besonders viel zu tun. Den Nikolaos brachte ich also nicht unter die Leute, dafür brachte er mir etwas. Den neuen Kalender der Priesterbruderschaft St. Petrus für das Jahr 2016 - ein neues Kirchenjahr lässt ja das bürgerliche Jahr gewöhnlich bald folgen, und so tut man gut daran, schon jetzt gerüstet zu sein. Der Kalender, man kann es sich schon denken, gibt nicht nur Auskunft über Monat und Woche und Tag, eine Sache, die genau betrachtet so rein bürgerlich gar nicht ist, sondern auch über Feste, Feiern und Fasten der Kirche.
Uns wiederum sollte es ein Anliegen sein, das neue Heilsjahr ebenso zu durchdringen, wie es der Kalender schon tut: nicht den Tag nur eine Zahl auf dem Blatt sein lassen, die Stunden zählend bis zum Feierabend, zum Urlaub oder zur Rente ... sondern täglich gemeinsam mit der ganzen Kirche dem Kyrios entgegengehen "auf seinen Spuren", bis Er kommt mit großer Macht und Herrlichkeit; dass wir, in der Zeit bewährt, die Freuden und Ruhen eines wahrhaft ewigen Kalenders zu genießen verdienen.

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit zum Kalender, für den Kinder und Jugendliche der Christkönigsjugend zu jedem Monat einen Beitrag verfasst haben, gibt es hier. Kostenpunkt: Günstige 0 Euro!

Einen weiteren deutschsprachigen Kalender für die ordentlichere, also außerordentliche Form des römischen Ritus gibt das Institut Christus König und Hoherpriester heraus, der ebenfalls kostenlos bestellt werden kann.

Wie soll ich es sagen. Ganz "mein Style" ist er nicht, aber in dieser Auflistung darf sicher auch nicht der in den unsrigen Kreisen klassisch gewordene Kalender aus dem Franziska-Verlag fehlen, der hier geordert werden kann.

PS: P. Ramm d.J., der, wie er sagt, "keinen Nikolaus macht", sei an dieser Stelle für's Nikolausgeschenk gedankt - und so machte er ihn doch!

Freitag, 4. Dezember 2015

"Der erste deutsche Volksliturgiker" - Erzpriester Stanislaus Stephan

Nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Beiträge kam ich im blogozesanen wie im privaten Bereich einige Male auf Erzpriester Dr. Stanislaus Stephan zu sprechen, der, wenn man ihn denn noch kennt, vor allem durch seine Brevierübersetzung Bekanntheit erlangt hat. Es ist sicher angemessen, von einer Person, in deren Werke man sich immer mal wieder versenkt, mehr als den bloßen Namen zu wissen. Darum an dieser Stelle einige Worte über den Gottesmann.

Vielleicht sollte es auch mehr "einige wenige Worte" heißen, denn es ist alles andere als leicht, mehr als ein paar Wörtchen über Stephan herauszufinden. Die Quellenlage ist äußerst dünn und erschöpft sich auf zwei Bereiche: Heimatkundliches aus dem Schlesischen und Biographisches um Pius Parsch. Und noch dazu war das meiste davon für mich nicht verfügbar. Aber sei's drum, lieber wenig als gar nichts. 

Geboren wurde Stanislaus Stephan 1867 in einem kleinen Dorf 60km nordöstlich von Breslau. In der schlesischen Hauptstadt dürfte er wohl auch das Gros seiner Studien als Priesteramtskandidat getätigt haben, bemerkenswert ist aber, dass er eine Zeit lang auch in Rom studierte. Und das unter keinem Geringeren - hier tut das Tradiherz einen kleinen Freudenhupfer - als Kardinal Billot. (Damit sei an dieser Stelle genug gesagt über die vermeintliche Unverträglichkeit von neuscholastischem mit liturgischem Denken, in Kürze mehr dazu). 
Als Doktor der philosophischen und theologischen Disziplin trat er dann mehre Kaplansstellen in seiner Heimat an, bis er schließlich Pfarrer und (1915) Erzpriester der niederschlesischen Stadt Marklissa wurde, in der 1926 verstarb. 

Was kann man nun über sein Wirken sagen? Die Überschrift, bei der sich dem gemeinen Traditionalisten - mir zumindest - die Fußnägel etwas kräuseln, sagt schon viel darüber. Entnommen ist sie einem Vortrag, man kann es sich schon denken, den Pius Parsch auf dem ersten deutschen liturgischen Kongress im Jahre 1950 hielt. Mehr noch, Parsch bezeichnet sich gar als Jünger Stephans (und "nur" als Schüler Beurons und Maria Laachs). 
Wie man es nun auch immer mit dem vereinnahmenden Begriff der Volksliturgie hält, der philologisch hochgebildete und aus antimodernistischer Schule kommende Stephan vermied ihn bewusst; auf jeden Fall war es ein Anliegen des Erzpriesters, die Liturgie auch wieder mehr Sache des Volkes zu machen. Liturgie ist ja nicht nur Werk am Volk, sondern auch Werk des Volkes, ein opus publicum. Und das ist nicht nur eine eng gefasste wie hohle Phrase, wie man die tätige Teilnahme nun landläufig versteht. Dabei ist der gehorsame Vollzug von Vermächtnis und Gedächtnis des Leibes und Blutes Christi, uns von Christus selbst überkommen, unantastbarer Mittelpunkt und Herzstück aller Liturgie. Dieser Stiftung aber gerecht zu werden und sich dabei immer wieder zu hinterfragen ist Aufgabe der Liturgik. Nicht Aufgabe des Einzelnen dagegen ist es, Stiftungstat und Stiftungswillen Jesu zu verkehren, in dem er sich den Vorschriften der Kirche widersetzt. Ihre Vorschriften sind um des Willens Christi da und bilden ein Gesamt, niemals kann das eine gegen das andere ausgespielt werden. Dies ist der Grundgedanke des - allein schon vom Titel her - prophetisch erscheinenden Buches "Tuet dies" oder "Macht was ihr wollt?" aus der Feder des Schlesiers. 

Aber nicht das Buch ist es, welches Stephan so bekannt machte. Seine Übersetzungen, die erste erschien nur drei Jahre nach seiner Priesterweihe, und volkstümlichen Schriften zur Liturgie verbreiteten sich schon kurz nach der Herausgabe millionenfach. Schnell sah er aber ein, dass einer Reform liturgischen Geistes nicht allein per Graswurzelbewegung Erfolg beschienen sein kann, sondern vor allem durch die gründliche Ausbildung des Klerus. Neben dem Missale war ihm Brevier und Psalter besonders wichtig, die Psalmen, das von Gott verfasste Gebet- und Gesangbuch, sollte von den Seelsorgern besser durchdrungen und Gemeingut des Volkes werden. 

Bei aller Verbindung zur liturgischen Bewegung bleibt aber doch ein entscheidender Unterschied zwischen Stephan und den anderen "Volksliturgikern" seiner und vor allem späterer Zeit. Während letztere sich in einem rubrikalen Gefängnis eingesperrt sahen und zurück wollten zu irgendwelchen tatsächlichen oder eingebildeten liturgischen Zuständen grauer Vorzeit, sind für Stephan die geltenden Rubriken Garant dafür, dass dem Stiftungswillen Christi Folge geleistet wird. Vereinfacht ausgedrückt: Während Parsch und andere die Rubriken "zu den Menschen" bringen wollen, will Stephan die "Menschen zu den Rubriken" bringen. Er will die Liturgie, wie sie nach den geltenden Normen gefeiert wird, ihrem Wesen nach verstehen und würdigen. Wie in der Dogmatik - und aus der kam Stephan - entfaltet sich hier Leben und Lehre der Kirche im beständigen Fortschritt und wird nicht zunehmend korrumpiert. Eine "Archäologie des Erstbesten" (J. Ratzinger), wie sie sich verbreiten sollte, ist ihm vollkommen fremd.

Hier sehe ich einen Ansatz, den ein anderer deutscher Liturgiewissenschaftler und Dogmatiker, Johannes Brinktrine - gegen den Strom der damals vorherrschen und immer noch bestimmenden liturgischen Auffassungen von Jungmann auf der einen und Casel auf der anderen Seite - weiter ausfalten wird. Um ihn soll es ein andermal gehen. 

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Noch vor Weihnachten und Nikolaus: Das Römische Brevier nun auch auf Deutsch (online!)

Jede Sprache ist die meine, d.h. jenes Leibes, dessen Glied ich bin. Die über alle Völker zerstreute Kirche redet in allen Sprachen, die Kirche ist der Leib Christi; wenn du also ein Glied jenes Leibes bist, der in allen Sprachen redet, so glaube, daß du in allen Sprachen sprichst.
- Augustinus: Tractatus in Iohannis Evangelium32. Vortrag


Den Freunden des überlieferten Breviergebetes wird die Seite http://divinumofficium.com/ nicht fremd sein. Sie bietet ein umfassendes Angebot, das seinesgleichen sucht ... und eine äußerst praktische Hilfe für diejenigen, die keinen Ordo parat haben und ihre Bändel ordnen müssen.
Was ist jetzt aber neu daran? Seit letztem Sonntag, also mit dem Beginn des neuen kirchlichen Jahres, gibt es die Texte nicht nur auf Englisch, Italienisch, Polnisch und Ungarisch ... sondern nun auch in deutscher Sprache. Übersetzungsquelle ist zum größten Teil die klassische Übertragung des Breslauer Erzpriesters Dr. Stanislaus Stephan. (Man vergisst bisweilen, welch ein bedeutsames Zentrum katholischer Gelehrsamkeit Breslau im deutschen Sprachraum war!)

Ein herzliches Vergelt's Gott also an das Team von Divinum Officium, nun steht dem wahrlich nichts mehr im Wege, dass wir Seinen heiligen Namen preisen!

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Das geheime Adventstürchen


Einen eigenen Adventskalender gibt es bei mir ja nicht. Muss aber auch gar nicht, denn die Kollegen machen das schon ganz ausgezeichnet. Trotzdem kann ich aber auf ein kleines Adventsleckerli aufmerksam machen, dass bei so ziemlich der gesamten Leserschaft irgendwo im Bücherregal schlummern dürfte. Deswegen ist es eigentlich auch gar nicht so geheim, aber manchmal sieht man eben gerade die Dinge nicht, die man ständig vor der Nase hat ... oder haben könnte.

Es handelt sich um eines der Gebete, die löblicherweise vom Priester vor der hl. Messe verrichtet werden können. Das Gesamtgefüge besteht aus einer Antiphon, Psalm 83-85, 115, 129, Responsorien und sieben Gebeten, gefolgt von einem ambrosianischen Gebet für jeden Wochentag. Vormals fand man diese Preces ante (et post) Missam häufig auf Tafeln in den Sakristeien, auf jeden Fall aber in jedem Brevier und Missale. In einer Kurzversion mit nur einem Psalm und abzüglich der Gebete des hl. Ambrosius stehen sie aber auch im Schott, direkt vor dem Meßordo, der sie aus gutem Grund auch den Gläubigen anempfiehlt.

Was hat das nun mit dem Advent zu tun? Ganz einfach, beim siebten und letzten Gebet, das etwas aus der Reihe herausfällt, handelt es sich ursprünglich um eine Adventsoration. Das ist sie im ambrosianischen Ritus auch heute noch, in dem sie zum VI. Advent Verwendung findet. Damit aber nun niemand lange suchen muss, gibt es das Gebet auch hier nochmal samt Schott'scher Übersetzung. Vielleicht kann es uns ... zumindest aber sein Leitgedanke, durch den Advent und in unseren Messbesuchen begleiten:
Conscientias nostras, quaesumus Domine, visitando purifica: ut veniens Dominus noster Jesus Christus Filius tuus, paratam sibi in nobis inveniat mansionem. Qui tecum vivit et regnat in unitate Spiritus Sancti Deus, per omnia saecula saeculorum.
Wir bitten Dich, o Herr: suche heim und reinige unser Inneres, damit unser Herr Jesus Christus, Dein Sohn, bei Seinem Kommen eine Wohnstätte in uns für Sich bereitet finde: der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Hl. Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Dienstag, 1. Dezember 2015

Das letzte (Macht-)Aufgebot

Da kann man noch so bestrebt sein, alle Übersetzungen zu erwischen, und dann geht einem doch noch etwas durch die Lappen. Ausgerechnet die Übersetzung, die dieser Tage eigentlich die geläufigste sein müsste, eben die aus dem "neuen" Missale - in gewohnt prosaisch-verflachender Form, es gab aber schon Schlimmeres. Und da uns die Oration, wenngleich nur im überlieferten Ritus, noch ein paar Tage erhalten bleibt, soll es wohl erlaubt sein, einen kleinen Nachtrag ... nachzureichen.

Meßbuch von 1975 (Kollekte vom Freitag in der ersten Adventswoche):
Biete auf deine Macht, Herr, unser Gott,
und komm.
Entreiße uns den Gefahren,
in die unsere Sünden uns bringen.
Mache uns frei und rette uns.
Und da man bekanntlich auf einem Bein ziemlich schlecht steht, gebe ich mal noch eine eigene Variante dazu:
Biete auf Deine Macht, o Herr,
wir bitten Dich, komm:
Unter Deinem Schutz mögen wir Rettung finden
aus den drohenden Gefahren unserer Sünden,
und durch Dich befreit,
würdig werden des Heils.

Montag, 30. November 2015

Das (nicht andere) Konzil - mit eingebauter Selbstzerstörung

Gerade feiert man landauf landab Das Konzil mit zahllosen Veteranentreffen und dergleichen Belobhudelungsfeten. Dass hiesiger Blogautor da nicht mit von der Partie ist, sollte keinen wundern. Und nun hat mir die stets scharfsinnige Theologische Kommission des anderen Konzils auch noch einen guten Grund dafür geliefert.

Als nämlich Kardinal Bea (der sich nicht nur mit Vorliebe an der Liturgie, sondern auch an der Ekklesiologie zu schaffen machte) Einspruch gegen die Auffassung der Commissio theologica erhob, die da sagte, Leib Christi und römische Kirche seien identisch (Skandal! Denzinger-Katholik berichtete) ... und irgendwas von einem inklusivistischen Konzept faselte, das uns bis heute in arge Nöte bringt ... musste die CT darauf verweisen, dass dadurch - neben einer Infragestellung der Einheit, Unteilbarkeit, Unverletzlichkeit, Unfehlbarkeit und Heiligkeit der Kirche - kein Konzil mehr "ökumenisch" genannt werden könnte, dass nicht auch alle nichtkatholische Christen einschließt.

Demzufolge lässt sich die ganze Veranstaltung wohl bestenfalls als Plenarsynode der rheinischen Kirchenprovinzen klassifizieren.

Konzilfertigaus.

Nicht anders als durch das gebrochene Herz

Ah! happy day they whose hearts can break
  And peace of pardon win!
How else may man make straight his plan
  And cleanse his soul from Sin?
How else but through a broken heart
  May Lord Christ enter in?

Glücklich das Herz, das brechen kann
  Und zum Frieden der Gnade gedeih'n!
Wie glättet sich sonst der Pfad, wie wird
  Die Seele von Sünde sonst rein?
Wie anders als durch ein gebrochenes Herz
  Ziehet der Heiland ein?

Oscar Wilde († 30. November 1900)
aus der Ballade vom Zuchthaus zu Reading

Samstag, 28. November 2015

Die Kollekten des Advent und ihre Übersetzungen - 1. Sonntag

Dominica prima Adventus Domini nostri Iesu Christi.
- Römisches Martyrologium

Da der Beitrag zur "vergleichenden Liturgieübersetzungswissenschaft" neulich auf ein gewisses Interesse stieß, möchte ich das mal als kleines Projekt im diesjährigen Advent fortführen, in dem ich die vermutlich bedeutendsten Übersetzungen zur Verfügung und gegenüber stelle. Verweisen möchte ich dabei auf meine Serie vom vergangenen Jahr, die auch immer wieder ganz besonders auf die Orationen einging, so auch am 1. Sonntag im Advent.

Schott:
Biete Deine Macht auf, o Herr, und komm, wir bitten Dich: dann werden wir aus den Gefahren, die wegen unserer Sünden uns drohen, durch Deinen Schutz entrissen und durch Deine Erlösungstat errettet: Der Du lebst.
Bomm:
Wir bitten, Herr, erwecke Deine Macht und komme, damit wir den Gefahren, die uns von unseren Sünden drohen, durch Deinen Schutz entrissen seien und Erlösung finden, wenn Du uns befreist: Der Du lebst.
1965er Meßbuch:
Biete auf deine Macht, Herr Jesus Christus; wir bitten dich: komm! Du unser Beschützer, entreiße uns aller Gefahr, die uns droht wegen unserer Sünden; du unser Heiland, errette uns: Der Du lebst.
Schenk:
Wir bitten Dich, Herr: Biete auf Deine Macht und komm! Wenn Du uns schützest, werden wir bewahrt vor den Gefahren, die uns wegen unserer Sünden drohen; wenn Du uns rettest, können wir das Heil erlangen. Du lebst.
Erzpr. Stephan:
Laß, o Herr, wir bitten dich, wirksam werden deine Macht und komme, damit wir würdig werden, von den Gefahren, die uns auf Grund unserer Sünden drohen, herausgehoben und durch die uns von dir gebotene Befreiung beseligt zu werden. Der Du lebst. 
P. Ramm:
Biete auf, so bitten wir, Herr, Deine Macht und komm, damit wir von den drohenden Gefahren unserer Sünden durch Deinen Schutz gerettet und, von Dir befreit, erlöst zu werden verdienen, der Du lebst.

Zweifelsohne bieten die Brevierübersetzer, die unteren drei, die wortgetreueste Übersetzung des lateinischen Textes. Diese Art von Übertragung hat ihre Berechtigung und nutzt auch besonders in der Analyse des Gebetes. Davon wiederum ausgehend könnte man zu sprachlich bekömmlicheren Varianten schreiten, welche die eigentliche Gedankenführung und den "Ton" der lateinischen Kollekte besser treffen, ihn wirklich - soweit eben möglich - ins Deutsche übertragen. Meiner Meinung nach gelingt das dem lateinisch-deutschen Meßbuch von 1965 am besten. Kein Wunder, denn es war für den liturgischen Gebrauch bestimmt und nimmt den Charakter der römischen Prosa-Dichtung in deutscher Gewandung auf (und es lässt sich auch gescheit singen); hier erklingt am stärksten die Not des sündigen Menschen und die absolute Abhängigkeit vom Advent der Gnade ... wir bitten dich: komm, errette uns!

Nicht nur jene

»Und es gibt Menschen, durch die Satan nicht bloß die kleine Welt einer Familie, einer Gemeinde mit den Fermenten des Hasses, der Gier und des Neides zersetzt; es gibt Menschen, deren Leidenschaften von ihm entfesselt, entflammt, wie ein Erdbeben über ein Volk, wie eine Springflut vernichtend über einen ganzen Kontinent hinweg gehen, wie ein ungeheurer Steppenbrand das Glück von Millionen wegfressen. Es kommt sehr darauf an, wo einer sündigt; es hängt viel davon ab, an welcher Stelle des göttlichen Ordnungsgefüges sitzend er es verletzt; es ist mehr oder minder immer, wie wenn einer ein Tuch an einer Stelle nur mit zwei Finger anhebt; er hebt das ganze Tuch und bringt es als Ganzes in Bewegung. (...) Warum soll sich der Teufel nur der Wollüstigen bemächtigen, die ihrer Gier zu frönen trachten? Warum nicht auch der Machtgierigen in unseren Parteigremien und Parlamenten, in unseren Zeitungsredaktionen, in den Fernsehstudios? Warum nicht auch die Eitlen und Ehrsüchtigen, der Schamlosen, der Geltungsbedürftigen in unserem Kunst- und Literaturbetrieb, in den Zentralen der Filmproduktion? Warum auch nicht jener, die die Nachrichtengebung steuern, und jener, die die Schalthebel des Wirtschaftslebens in der Hand haben? Soll ausgerechnet bei ihnen der Teufel nicht seine Chance erkennen? Oder sind wir der Meinung, eine öffentliche Sünderin bedeute für ihn mehr als ein weltanschaulich neutraler Parteiführer oder glaubensloser Staatsmann?«
Ich muss sagen, mir fiele da noch so die ein oder andere Stelle ein, Schaltstellen, an denen die - so scheint's - glaubenslos Machtgierigen und Ehrsüchtigen sitzen. Gleichzeitig mag man sich fragen: Muss da der Widersacher überhaupt noch wirken? Oder war es vielleicht nur mal ein Anstoßen, das sich nun ... wie ein diabolisches Perpetuum Mobile ... in unendliche Abgründe fortsetzt ... ?

Text: Alois WinklhoferTraktat über den Teufel. Frankfurt a.M.: Verlag Josef Knecht 1961, S. 132f. 

Freitag, 27. November 2015

Selfie zum Tage

In guter Tradition gibt es auch heuer wieder das Tagesselfie:


Domine Jesu Christe, 
qui beatissimam Virginem Maríam, 
Matrem tuam, 
ab origine immaculatam innumeris miraculis clarescere voluisti:
concede; ut, ejusdem patrocinium semper implorantes, 
gaudia consequamur aeterna.
O Herr Jesus Christus,
der Du Deine Mutter,
die ohne Sünde empfangene allerseligste Jungfrau Maria,
mit zahllosen Wundern verherrlichen wolltest:
Gewähre, dass wir, die beständig ihren Schutz erflehen,
die ewigen Freuden erlangen mögen.
(Kollekte vom Fest Unserer Lieben Frau von der Wundertätigen Medaille, Missale Romanum p.a.l.)
Besonders ans Herz gingen mir im Zusammenhang mit den vielen wundersamen Gnaden, die ich durch die Hände der Gottesmutter empfangen durfte, folgende Worte des hl. Leonhard von Porto Maurizio, dessen Fest die Kirche gestern feierte:
»Wenn ich die Gnaden alle bedenke, die ich von der seligsten Jungfrau empfangen habe, so komme ich mir vor wie eine Wallfahrtskirche. Da hängen überall herum Täfelchen; auf diesen stehen in Bildern und Worten die Erhörungen, die Maria den bittenden Pilgern gewährt hat. Da heißt es immer: Durch die Gnade Mariens. Geradeso komme ich mir vor, über und über beschrieben, an Leib und Seele, von innen und außen: Durch die Gnade Mariens.«
 PS: In diesem Jahr gibt es die Übersetzung dafür partizipienvermeidend. 

Donnerstag, 26. November 2015

Für die Zeit zwischen den Jahren

Nun mal Hand aufs Herz. Wenn wir Alte-Messe-Molche ehrlich sind, dann wissen wir: die überlieferte Liturgie wird nicht von heute auf morgen in allen römisch-katholischen Gemeinden, Klöstern, öffentlichen und halböffentlichen Oratorien usw. wiedereingeführt werden. Nein, bevor es soweit ist, und damit der Kulturschock nicht ganz so groß wird ... kommt natürlich erstmal ein paar kurze Jährchen ein Interimsmissale mit lateinisch-deutschem Mischmasch, wie schon bei der letzten großen Umstellung anno dazumal.
Der Denzinger-Katholik hat schon vorgesorgt und ist für den Ernstfall gerüstet, die zweisprachigen Messbücher nach 1965er Ritus liegen bereit. (Ja, schon damals hat die wundersame Büchervermehrung eingesetzt, weswegen manch einer glaubt, die Liturgiereform sei nichts anderes als ein Komplott des katholischen Verlagswesens gewesen - wenn dem tatsächlich so ist, haben sie sich aber am Ende aber doch ins eigene Bein geschossen).

Mit dem Meßkanon wurde auch schon mal pfleglicher umgegangen. Den hl. Joseph trug man  - gar nicht lang vorher - gewöhnlich noch fein säuberlich mit dem Füllfederhalter ein und fuhrwerkte nicht mit dem Edding im Allerheiligsten rum.
Wie die ersten Seiten erzählen, wurden die "Übersetzungen der Gesänge zum Einzug, zur Gabenbereitung und zum Kommuniongang sowie der Zwischengesänge mit Zustimmung der Erzabtei Beuron dem gemeinsamen Meßantiphonar der deutschen Meßbücher von Schott und Bomm entnommen", während die Übersetzungen der Orationen "für dieses Altarmeßbuch" neu erarbeitet wurden. Wie gut oder schlecht diese neuen Orationen sind, damit werde ich mich demnächst beschäftigen. Vielleicht aber ist besonders interessant, dass Schott und Bomm damit gewissermaßen kanonische Autorität bekamen.
Gedruckt wurden die abgebildeten Messbücher übrigens für die SBZ: Im Auftrag der Bischöflichen Ordinariate und Kommissariate der Katholischen Kirche der Deutschen Demokratischen Republik. Da schüttelt's einen gleich ein wenig beim Lesen. Eine etwas kuriose Kombination der Wörter, finde ich auch, diese Sache mit den kirchlich-katholischen Kommissariaten in bolsche kommunistischen Terrain. (Obwohl, so für einen Job also commissaire théologique könnte ich mich auch begeistern).

Dem Meßbuchspender auch nochmal an dieser Stelle ein herzliches Vergelt's Gott!

Mittwoch, 25. November 2015

Sei gegrüßt, Gottes würdige Jungfrau

Diesen Morgen wurde ich durch eine alte Antiphon gewahr, dass man der heil'gen Jungfrau-Märtyrin dereinst eine große Bitte gewährte:
Vox de cælis insonuit: Veni, electa mea, veni intra thalamum Sponsi tui.  Quæ postulas impetrasti: qui te laudant, salvi fient.
Vom Himmel erschall eine Stimme: Komm, meine Erwählte, geh' ein ins Gemach deines Bräutigams. Was du begehrst, wird dir gewährt: wer dich lobt, der wird gerettet werden. 
So wollen wir Katharina also preisen, Du aber, o edle Jungfrau, sei Deines Versprechens eingedenk!
Ave, virginum gemma, Catherina: ave, sponsa Regis regum gloriosa: ave, viva Christi hostia!  Tua venerantibus patrocinia, impetrata non deneges suffragia. 
Sei gegrüßt, Gemme der Jungfrauen, Katharina: Sei gegrüßt, herrliche Braut des Königs der Könige: Sei gegrüßt, Du lebendiges Opfer Christi! Verwehr' Deine Fürsprache nicht denen, die erfurchtsvoll Dein Patronat erflehn.
Text: Horae Diurnae S.O.P., Rom 1956 ('62 wurde das Katharinenoffizium unterdrückt)
Bild: Maria Vesperbild, südliche Altarseite

Sonntag, 22. November 2015

Die vielen Übersetzungen und die eine Kollekte

Wer so wie ich, was die Sprachkenntnisse anbelangt, eher ein bisschen auf den Kopf gefallen ist ... greift gerne auf das reichlich vorhandene Angebot an Messformularienübersetzungen zurück. Gerade, wenn man sich so kurz vorm heil'gen Opfer die Texte der Liturgie nochmal, gewissermaßen so ... to go reinziehen will. Doch was tun, wenn ein Jeder etwas anderes übersetzt, wie an diesem Sonntage, die Oration so einen ganz neuen Geheimnischarakter gewinnt?

Anselm Schott:
Rüttle auf, o Herr, wir bitten Dich, den Willen Deiner Gläubigen, damit sie mit ganzem Eifer die Frucht der heiligen Liturgie sich auswirken lassen und so noch reichere Heilmittel von Deiner Vatergüte empfangen.
Pater Ramms Diurnale (und auch das neue Volxmissale?):
Rüttle auf, so bitten wir, Herr, den Willen Deiner Gläubigen, dass sie die Frucht des göttlichen Werkes williger vollziehend, größere Heilmittel von Deiner Vaterliebe erlangen. 
Der sel. Kardinal Schuster:
Rüttle auf, o Herr, wir bitten Dich, den Willen Deiner Gläubigen, dass sie aufrichtiger die Früchte der göttlichen Gnade anstreben und noch reichlicher die Heilmittel Deiner Barmherzigkeit empfangen.
Dom Gueranger:
Rüttle auf, o Herr, wir bitten Dich, die Willen Deiner Gläubigen, dass sie, eifriger werdend für die Frucht des göttlichen Werkes, die größeren Heilmittel Deiner Güte empfangen mögen.
Lauren Pristas:
Rüttle auf, wir bitten Dich, o Herr, die Willen Deiner Gläubigen, damit sie bereitwilliger/schneller/eifriger die Wirkungen der göttlichen Tätigkeit [in unserer Seele] ausführend, die größeren Heilmittel Deiner Gnade empfangen mögen.
Fr. Z:
Rüttle auf, wir bitten Dich, o Herr, den Willen Deiner Gläubigen, dass sie eifriger die Frucht Deines göttlichen Werkes suchend, in größerem Maße die heilende Wirkungen Deiner Barmherzigkeit finden.  

Und wie lautet nun die katholische Antwort auf die Frage? Der liebe Herrgott wird schon wissen, was wir uns da zurechtbeten. Und wenn die Fülle und der Reichtum unseres Glaubens in den vielen Übersetzungen ganz besonders zum Ausdruck kommt, dann um so besser.

Samstag, 21. November 2015

Nur Frömmigkeit sah sie, Opfer und Gebet


»Feierlich war ihre Kindheit aufgewachsen in der heiligen hochgetönten Einsamkeit des Tempels.
Nur Frömmigkeit sah sie, Opfer und Gebet, hin zum gütig erhörenden Vater. Und ihr frommer Fleiß, die ernste Anmut ihrer weiblichen Kunstfertigkeit wob am Schmuck des Hauses, in dessen Dienst sie sich gestellt hatte.
Und ruhete sie ihre Finger streckend aus, sie legte sie zum Gebet zusammen. Und neben ihr betete die Blume des frommen Gebetes: die Lilie, die Blüte unantastbarer Reinheit.
Deren makelloser Kelch war der heranwachsenden Jungfrau auch hier an heiliger Stätte ein schärferer Mahner zu unausgesetzter Flucht und Wachsamkeit, die ja ist die Tapferkeit der Seele. Die Seele kann stäubchenloser sein als irgendwas in der Welt und den König und Meister der Seelen erfreuen und erquicken in seiner wunschlosen Heiligkeit.
Und je mehr Tugend, so mehr Pflege, so kostbarer wird sie, um so mehr wird ihr nachgestellt, um so mehr muß sie behütet werden.«
Peter Hille: Das Mysterium Jesu. Wiesbaden: Limes-Verlag 1952, S. 9.
Bild: Kathedrale von Caacupé, Paraguay.

Freitag, 20. November 2015

Hervorgeholt: Oremus pro Francisco mal anders

Zum 40. Todestag des Caudillo sei heute noch einmal ein alter Beitrag hervorgekramt. Möge der Generalísimo in Frieden ruhen ... ein Wunsch, der in diesem Fall sowohl die unsterbliche Seele als auch insbesondere die sterblichen Überreste betrifft.
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Aufgrund der jüngsten Abdankungsnachricht [Link entfernt - Anm.] kam mir eine Fürbitte in den Sinn, die ehemals am Karfreitag in den Ländern der spanischen Krone verrichtet wurde:

Lasset uns auch beten für unseren katholischen Caudillo Francisco, dass unser Gott und Herr alle Barbarenvölker ihm untertan mache zu unsrem beständigen Frieden. 
Lasset uns beten. Beugen wir die Knie. Erhebet euch.
Allmächtiger ewiger Gott, in Deiner Hand sind die Gewalten und die Rechte aller Reiche, schau gnädig herab auf das spanische Königreich, dass die Völker, die auf ihre wilde Kraft vertrauen, durch Deine mächtige Hand gebändigt werden. Durch unsern Herrn. Amen.

Das Gebet fand früher für den Römischen Kaiser und die christlichen Könige Verwendung. In den älteren Schott-Ausgaben mit der alten Karwoche dürfte es ebenfalls noch abgedruckt sein, obige Fürbitte wurde aber auch nach der Reform der Heiligen Woche durch Pius XII. in Spanien weiter vorgetragen, während sie (freilich ohne Caudillo Francisco) in den Messbüchern der anderen Länder verschwand.

PS: In meinem ersten Spanienurlaub habe ich noch mit diesen beiden Herren bezahlt:

Interessant auch die unterschiedliche Prägung: Francisco ist von Gottes Gnaden
Caudillo, Juan Carlos anscheinend "einfach nur so" König von Spanien

Donnerstag, 19. November 2015

Der vorweggenommene Tod

»Je länger die ›Welt‹ sich selber überlassen ist, desto mehr verdichtet sich da Böse in ihr und desto unerlösbarer wird sie. Ihre Existenz nähert sich immer mehr den Formen des vorweggenommenen Todes an: Der Zerfall der natürlichen Ordnungen greift um sich; wie ein Gestank breitet sich in ihr eine vielleicht mit dem Parfum der Humanität noch mühsam verdeckte Vertierung des Menschen aus, eine Angleichung an jenes Böse, das in der Apokalypse in der Gestalt des ›Tieres‹ erscheint. Planmäßig erweitert Satan sein ›Feld‹, immer mehr Weltstoff eignet er sich an, um darin seine eigene Bosheit zu reproduzieren und in immer neuen Formen zu aktuieren. Immer geringer wird der Widerstand, den der Mensch schließlich gegen einen geradezu mystischen Mißbrauch seiner Freiheit, den er manchmal wohl ahnt, wie die Selbstzeugnisse mancher neuzeitlicher Dichter (...) hie und da bezeugen, aufzubieten hat. Das Ende ist eine Verwesung der Menschheit bei lebendigen Leibe. ›Du hast den Namen, daß du lebst, aber du bist tot‹ (Apk 3, 1). Entwicklungen, die ohne ein Eingreifen Gottes mit der der Sünde innewohnenden Logik und also gewissermaßen notwendig verlaufen.«
Alois Winklhofer: Traktat über den Teufel. Frankfurt a.M.: Verlag Josef Knecht 1961, S. 112f. 

Mittwoch, 18. November 2015

Das andere Konzil - Zwischentöne (2)

Das letzte Mal ging es um eine Nachricht an einen Paderborner, diesmal ist es eine von einem Paderborner (ja, es gibt dort scheinbar noch mehr als Libori!): Johannes Brinktrine, der vor dem Konzil der Theologischen Kommission als Konsultor angehörte. Während der eigentlichen Synode hatte er kein offizielle Position mehr inne, aber er arbeitete Sebastian Tromp zu - und an den ging auch folgender Zettel ... mit Bemerkungen, die vielleicht genau so gut aus der unsrigen Zeit stammen könnten:
»Ursachen für langsamen Fortgang:
1) Kurialisten - Gegensatz Episkopat.
2) Episcopi: theol. minus eruditi.
3) brüderl. Liebe bisw. verletzt.
4) Theologen - u. es scheint auch Eppi von Protestant. Ideen beeinflußt.
5) Bei manchen fehlt es an übernatürl. Glaubensgeist.
Bislang: welchen Eindruck bekommen die andersgläub. Beobachter von der Einheit der Kirche?
Von der Liebe, die in d. Kirche henschen soll? Teilnehmer an den Sitzungen kommen, wie ich selbst erlebt habe, u. von anderen gehört habe, niedergeschlagen wieder.«

Dienstag, 17. November 2015

Der domestizierte Gott

Eigentlich wollte ich heute noch etwas zum Herzen Jesu nachreichen, gewissermaßen als Nachtrag zum Fest der - nein, einer der! Heiligen von Helfta. Über verschiedenen Wegen kam ich aber, wie so oft, vom einen zum anderen, von Rahner (ausgerechnet!) ... zu Fridolin Stier. Und seinen folgenden Worten:
»Das Sapientia-Salomonis-Wort: ›Die Gott liebt, züchtigt er‹! Was für ein komischer Kauz, dieser Gott, seine Geliebten zu prügeln, zur Schnecke zu machen! Schickt ihn zum Psycho! Oder, wenn ihr ihn für voll verantwortlich nehmt, psychiatrisch begutachtet, verurteilt ihn wegen grundloser Feindseligkeit, Bösartigkeit, zieht ihn aus dem Verkehr, bringt ihn auf Nummer Sicher, es sei denn...
es sei denn, man halte ihm den mildernden Umstand zugute, daß er unglücklich liebt, eifersüchtig, sich rächt für verschmähte Liebe und wähnt, mit dem Prügel zur Liebe zu zwingen...In deiner Finsternis, Herr, - oder ist es dein blendendes Licht? - tappen meine Gedanken herum, und ihr Gebet klingt wie Lästerung. Erlaß mir die Prozedur, einen theologisch domestizierten Theodizee-Gott aus der Schlinge dieses insipient, widersinnig scheinenden Bibelspruchs zu ziehen. Ich habe es ja mit dir, nicht mit deiner Denkpuppe zu tun. Kant war wohl näher bei dir, als er schrieb, ich weiß nicht mehr wo: Jeder Versuch, Gott zu rechtfertigen, ist ›schlimmer als die Anklage. Soll ich also schweigen, weil auch die Anklage schon ›schlimm‹ genug ist? 
Was soll ich von deinen und deines Sohnes großen Worten halten? ›Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters‹ - also: kein Auto schleudert und kracht an einen Baum, ohne ...
Gibt mir dieses Wort, wenn ich es wörtlich nehme, das Vollkorn deiner Wahrheit? Aber da sind sie schon, deine wackeren Verteidiger, um mich zu belehren, man brauche ›ein Körnchen Salz‹ zum Verständnis dieses Wortes, das als  ›Hyperbolismus‹, als rhetorisch übertreibende Rede zu erklären sei. Was bleibt mir noch an Wahrheit übrig? Wie Salzsäure wirkt, zersetzend dein Wort, das hermeneutische granum salis. Ich aber, ich nehme dich dennoch beim Wort.«
Zitat aus Fridolin Stier: Vielleicht ist irgendwo Tag. Heidelberg: Verlag Kerle 1981. Notiz unter dem 30. September 1971, wenige Wochen nach dem tödlichen Autounfall der Tochter des Autoren. 

Ein paar mehr oder minder passende Worte diesmal nur als Art Appendix:

Sonntag, 15. November 2015

Baumeister am Weisheitsdom


Es gab da die fromme Legende, die besagte, der heilige Albert habe Plan und Grundriss für den Kölner Dom entworfen. Das dürfte vermutlich nicht der Fall gewesen sein, wenngleich er noch den Altar der eben fertiggestellten Domsakristei weihen durfte. An der Predigerkirche Kölns, in der lange Zeit seine sterblichen Überreste ruhten, hat er aber sehr wohl mitgewirkt. Leider überstand das bis dahin zweitgrößte Gotteshaus der Stadt die Revolutionskriege nicht - es wurde von der Besatzungsmacht ausgeplündert und schließlich abgerissen. Ein vom Heiligen gestiftetes Chorfenster konnte glücklicherweise noch in den Kölner Dom gerettet werden.
Nun hat er also nicht Hand an den Entwurf dieser Kathedrale gelegt, doch aber, wie der Ratzinger-Lehrer Söhngen schreibt, den Plan zu einem neuen gewaltigen Dome entworfen, "zu dem neuen, auf den aristotelischen Begriffspfeilern und Gedankenbogen emporstrebenden, christlichen Weisheitsdom, den Alberts Schüler, Thomas von Aquin, vollendete."

Beim Schreiben dieses Beitrages drängt sich mir da eine gewisse Parallele auf. Der Weisheitsdom, auf so festen Fundamenten und Pfeilern begründet, an dem über die Jahrhunderte gebaut wurde, ist nicht auch er nach einer neuerlichen Revolution wie ausgeplündert? Gewiss, ein paar Gebeine, ein zwei Kostbarkeiten sind gerettet ... was das Gebäude aber eigentlich ausmachte, davon blieb uns nicht viel erhalten. Hoffen und bitten wir, dass durch die Fürsprache so großer Gelehrter dieser Weisheitsdom nicht vollends abgerissen wird ... und so Gott will, irgendwann vielleicht gar einmal wieder eine neue und gewaltige Kathedrale ersteht.

Bild: Fassade von St. Albert, Haunstetten.

Samstag, 14. November 2015

Was Staatenlenker nicht vermögen

Es fällt schwer, nach den Ereignissen der vergangenen Nacht einfach weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Nein, geschehen ist etwas, und wir sollen es auch nicht vergessen ... aber noch weniger sollte es uns lähmen. RIP.

Fast zum Gemeinplatz ist es geworden, dass uns mit den getrennten Brüdern des Ostens so viel verbindet und man doch eigentlich hier viel mehr Ökumene haben müsste. Ich will meinen, auch an diesem "Randgebiet" zur Schau gestellter Einheit, institutionalisierter und zwangsverordneter Brüderlichkeit tut sich eigentlich sehr wenig. Vielleicht sind wir einer Kircheneinheit sogar ferner denn je. 
Schaut man auf den Tagesheiligen, so müsste man sich auch eigentlich für ihn schämen. Seine Mittel und Wege, sei es in privater Frömmigkeit, sei es in der Förderung der Kirchenunion ... sind heute alles andere als gerne gesehen, statt Kanonisationsgrundlage wären sie viel mehr Grund zur Leistung öffentlicher Abbitte. Man mag es vielleicht noch als zeitbedingten Fanatismus entschuldigen.
Eine gewisse persönliche Verbundenheit verspürte ich auch stets zu diesem Gottesmann, da dort, wo er sein Martyrium erlitt, in Witebsk ... im letzten großen Kriege auch eigene Ahnen mit Blut den Boden tränkten. Wie sinnlos und leer kommt einem all dies Schlachten vor, gerade unter Christenmenschen ... und auch zu Lebzeiten des hl. Josaphat holte der Schnitter Tod auf den vielen europäischen Kriegsschauplätzen seine furchtbare Ernte ein. Die Staatslenker scheinen wenig dazugelernt zu haben, statt Frieden, Einklang und Gerechtigkeit ... wird wieder, weiterhin und immer noch ... neues und neue Feuer angefacht. Doch kann uns der heilige Bischof-Märtyrer vielleicht lehren, wo und wie ein wahrer Friede, eine echte Eintracht zu finden ist, die nicht von dieser Welt ist ... und auch niemals aus dieser Welt entspringen kann? 

Diese Frucht finden wir vielleicht da, wo Orient und Okzident vereint sind. Im erhabenen Opfer: Verleihe Deiner Kirche gnädig die Gaben der Einheit und des Friedens, die unter den dargebrachten Gaben geheimnisvoll bezeichnet sind. (Stillgebet von Fronleichnam)

Diese Gaben, dieses geheimnisvoll Bezeichnete klingt auch an, so glaube ich, in Reinhold Schneiders Winter in Wien. Der Autor findet, unbeirrt vom bescheidenen Äußeren des Portals, Zuflucht in der Barbarakirche, welche einige Jahre die Gebeine des Heiligen aufbewahren durfte, bis sie in der Nähe des Petrusgrabes die (hoffentlich) letzte Ruhe fanden.
»Innen schweben Kristallüster im Dunkel; zwei Engel, derer jeder drei Kerzen trägt, stehen vor der geöffneten Pforte der Ikonostasis; der Priester im roten Meßgewand singt am Altar, in fremden Lauten, fremdfeierlichen Rhythmen; er schreitet singend heraus mit den heiligen Geräten und kehrt singend zurück; dunkle Männerstimmen antworten hinter dem Opfertisch, der Diakon liest. Eine alte, in Schwarz gehüllte Frau kniet auf dem Boden und küßt den Teppich; eine Mutter führt ihr buntgekleidetes Mädelchen herein; ein junges Mädchen sitzt in einem der Kirchenstühle: das ist für heute die Gemeinde, stark unter erhabenem Ritus, unter dem Schutzgebet der Heiligen, deren Bilder im Kerzenschein ruhn und von den Gewölbefeldern der Decke leuchten. (...) Die griechische, römische und slawische Tradition, dreifacheiniger Glaube und Feierdienst, vereinen sich Tag für Tag im Gesang, unter dem Gebet weniger Frauen und eines Kindes. (...) Und was die Lenker der Staaten nicht vermögen, ereignet sich hier, hinter geschlossener und doch so willig sich öffnender Pforte. Rom und Byzanz in der Gegenwart der Ikonen, das Lateinische, das Slawische (wie stark ist das nordische Element im Griechentum) unter gedämpftem byzantinischen Glanz: Was könnte, was muß dieser Zusammenklang bedeuten!«
Ja, was könnte und was muss es bedeuten!

Freitag, 13. November 2015

Der heilige Thomas, Patron der katholischen Schulen


Wie schon im vergangenen Jahr soll auch heuer wieder an das Patronatsfest der katholischen Schulen erinnert werden. Und zwar diesmal mit der ziemlich jungen Präfation (von 1943) für alle Feste und Votivmessen des hl. Thomas im Missale des Predigerordens:


Vere dignum et justum est, aequum et salutare, 
nos tibi semper et ubique gratias agere, 
Domine sancte, Pater omnipotens, aeterne Deus. 
Qui beatum Thomam Doctorem, 
vitae innocentia et ingenii sublimitate vere angelicum, 
in Ecclesia tua suscitare voluisti, 
ut eam saluberrima et firmissima communiret doctrina, 
et solis instar illustraret: 
cujus sapientiam, omnibus praecipue commendatam,
totus admiratur orbis terrarum.  
Et ideo cum angelis et archangelis,
cum thronis et dominationibus, 
cumque omni militia caelestis exercitus,
hymnum gloriae tuae canimus,
sine fine dicentes: Sanctus, etc.

Es ist wahrhaft würdig und recht, billig und heilsam,
Dir immer und überall Dank zu sagen,
o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott. 
Der Du den seligen Thomas, 
wahrhaft engelsgleich in der Reinheit des Lebens und der Höhe des Geistes,
in Deiner Kirche zum Lehrer emporheben wolltest; 
damit er seine so heilbringende und sichere Lehre überall fest begründe, 
und gleich der Sonne die Himmel erleuchte; 
dessen Weisheit, von allen vornehmlich empfohlen, 
die Bewunderung der ganzen Welt gewann. 
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, 
mit den Thronen und Herrschaften 
und mit der ganzen himmlischen Heerschar
den Hochgesang Deiner Herrlichkeit 
ohne Unterlass rufen: Heilig ...

Donnerstag, 12. November 2015

Das andere Konzil - Zwischentöne (1)

Der Beitrag vom Kollegen drüben erinnerte mich an eine Stelle, die mir bei Recherchen für einen zukünftigen Blogartikel begegneten. Da schrieb nämlich der Freiburger Dogmatiker Friedrich Stegmüller im konzilsglücklichen Jahre 1964 an einen Paderborner Kollegen, dass sich manche
»darin gefallen, auch sichere Antworten wieder einmal in Fragen zu verwandeln. Immer wieder muß ich erfahren, wie eine Unsicherheit um sich greift: 'Was ist eigentlich noch sicher?' 'Glauben wir eigentlich noch dasselbe?' 'Kann die Kirche bei schwindender Glaubenseinheit sich auf eine Kultuseinheit beschränken?
Nun, der Hw. Herr Professor musste einer Antwort nicht lange harren. Nein, das kann sie nicht. Denn auf die schwindende Glaubenseinheit folgte, ganz unausweichlich und schon vor der Liturgiereform, die faktische Aufbrechung der kirchlichen Einheit im Kult.

Mittwoch, 11. November 2015

In den unendlichen Räumen

»Und es ist besser, zu sterben mit einer brennenden Frage auf dem Herzen, als mit einem nicht mehr ganz ehrlichen Glauben: besser in der Agonie als in der Narkose. Die Hoffnung bleibt, daß die Menschheit einmal Christus wandeln sehen wird durch die Räume, wie ihn Petrus sah auf dem Meere. Ist es ein "Gespenst", ein Widerschein der Erde? Ist es der Herr? Fast so groß wie diese Hoffnung ist die Gefahr, daß wir aufschreiend versinken in den unendlichen Räumen.«
Reinhold Schneider: Das Schweigen der unendlichen Räume. In: Pfeiler im Strom. Wiesbaden: Insel-Verlag 1958, S. 242.

Dienstag, 10. November 2015

Diabolus, Dr. theol. - Die Zweite

Eine kleine Reminiszenz an einen alten Summenkommentar


Gewöhnlich geht meinereiner öfters beladen mit einem Sack voll Ärgernissen - nach vollbrachten Tag in academia - gen heimwärts, als selig beflügelt von der Wissenschaft von Gott und den göttlichen Dingen. Dieser Tage war das aber ausnahmsweise mal anders, nämlich wurde mir in der Behandlung von Ia q. 63 a. 3 c. * in des hl. Thomas STh etwas offenbart. Und zwar etwas, was ich irgendwo schon ahnte, ja, gerade in dieser Sache sah ich das Grundübel allen neuzeitlichen Theologierens ... auch auf dieser Seite deutete ich es schon öfters an, noch öfter schwieg ich stille, um niemanden mit meinen Privatanliegen zu ermüden. Nun wurde es mir aber besonders eindrücklich bestätigt, und es sagt viel über Herkunft, Wirkung und Ziel der Sache aus, die mir so zuwider ist:

Der Satan war der erste seiner Art, der Ur-Pelagianer. Derjenige, der als allererster die Gnade des Höchsten verschmähte und Kraft eigenen Vermögens das rauben wollte, was nur geschenkt werden kann: die Seligkeit.


Bild aus Franz Diekamp: Katholische Dogmatik nach den Grundsätzen des heiligen Thomas. Zweiter Band. Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung 1952, S. 75. Der Autor wäre vergangenen Sonntag 151 Jahre alt geworden, Kollege Andreas gedachte seiner dankenswerterweise im letzten Jahre. Ein eigener Artikel wurde anno 2015 leider nicht mehr rechtzeitig fertig. Doch verzaget nicht, in Bälde steht ein runder Heimgangstag eines weiteren bedeutsamen deutschen Dogmatikers und Fundamentaltheologen an, der gerade auf hiesigem Blog nicht unerwähnt bleiben soll. 
*zu Deutsch in der Bibliothek der Kirchenväter