Mittwoch, 31. Dezember 2014

Te Deum singen und Ablass gewinnen!

Zum Glück nur Bild und kein Ton:
der Denzinger-Katholik singt
Hört sich an wie irgendein Werbetrick ... ist es gewissermaßen auch! Das Beste aber dabei ist, es gibt nur Gewinner, ganz ohne Los, Jury oder Telefonabstimmung.

Aus dem Enchiridion indulgentiarum (editio quarta, 1999): Einen vollkommenen Ablass gewinnen kann jeder Christgläubige, durch die
26. § 1. 1° – Teilnahme beim feierlichen Gesang oder Gebet des Hymnus Veni Creator an Neujahr oder Pfingsten in einer Kirche oder Kapelle
 2° – desgleichen beim Te Deum am letzten Tag des Jahres
natürlich unter den üblichen Bedingungen. Es wurde zwar andernorts schon mehrfach darauf hingewiesen, aber einmal mehr kann ja nicht schaden.

Thomas Pinks Thesen zu Dignitatis Humanae

Der Heiligenkreuzer Zisterzienserpater Edmund Waldstein wies auf Sancrucensis auf seinen Aufsatz über die Thesen des englischen Philosophen Thomas Pink zur Religionsfreiheit und Dignitatis Humanae hin, hier der gesamte Text. Auf S. 17 findet sich folgende Zusammenfassung:
  • Es gibt ein Recht auf Religionsfreiheit;
  • Dieses Recht bedeutet, dass keine menschliche Gewalt den Menschen zu religiösen Akten zwingen darf, oder ihn daran hindern darf (außer um die öffentliche Ordnung zu bewahren);
  • Die Kirche als geistliche Gewalt darf die Getauften (und nur diese) dazu zwingen, ihren Taufversprechen treu zu bleiben;
  • Dafür kann sie auch Gebrauch von der weltlichen Gewalt als Instrument zur Durchsetzung machen;
  • Dignitatis humanæ behandelt die Religionsfreiheit nur in Bezug auf die  weltliche Gewalt;
  • Praktisch bedeutet Dignitatis humanæ eine Änderung der kirchlichen Disziplin, weil die Kirche von ihrem Recht weltliche Gewalt als Instrument zu benutzen gegenwärtig keinen Gebrauch macht.

Ich lasse das zunächst mal so unkommentiert stehen. Das Problem um die Religionsfreiheit hat mich früher sehr beschäftigt. Nachdem es in den letzten Jahren von verschiedenen Parteien zu Tode diskutiert wurde, mein Hirn sich nach den Lektüren immer weicher anfühlte und ich am Ende in Wittgenstein'scher Manier glauben konnte, dass jedes Wort (bisweilen auch Komma) so ziemlich alles heißen und bedeuten kann - nicht selten sogar das Gegenteil des intuitiv Erfassten - gab ich frustriert auf. Und ließ das Zweite Vatikanum mal ein gutes Konzil sein und beschäftigte mich mit erbaulicheren wie ergiebigeren Dingen.

Pinks Thesen werfen aber zumindest mal noch einen anderen Aspekt in den Raum, so verdienen sie es wenigstens, einmal angeschaut zu werden.

Bischof Osters Überzeugung, oder: Wie Christus die Gotteserfahrung der jüdischen Brüder und Schwestern erneuert.

»Meine ehrliche Überzeugung: Unser Glaube an Christus hat die Gotteserfahrung unserer jüdischen Brüder und Schwestern vertieft und ungeahnt erneuert.«
Bischof Stefan Oster bei Facebook und kath.net, im Text missfällt mir freilich noch vieles mehr


Sie [die römische Kirche] glaubt fest, bekennt und lehrt, daß die Gesetzesbräuche des Alten Testamentes bzw. des mosaischen Gesetzes, die man in Zeremonien, heilige Opfer und Sakramente einteilt, weil sie eingesetzt worden waren, um auf einen Künftigen hinzudeuten, zwar zu jener Zeit dem göttlichen Kult angemessen waren, bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus aber, auf den dadurch hingedeutet worden war, aufgehört und die Sakramente des Neuen Testamentes angefangen haben. Jeder, der auch noch nach dem Leiden (Christi) seine Hoffnung auf Gesetzesbräuche setzt und sich ihnen gleichsam als heilsnotwendig unterwirft, so als ob der Glaube an Christus ohne diese nicht retten könnte, hat tödlich gesündigt. Sie bestreitet jedoch nicht, daß sie vom Leiden Christi an bis zur Verkündigung des Evangeliums beibehalten werden konnten, solange man sie allerdings nicht im geringsten für heilsnotwendig erachtete; nach der Verkündung des Evangeliums aber, so erklärt sie, können sie ohne Verlust des ewigen Heiles nicht beibehalten werden.
Sie zeigt also an, daß alle, die nach diesem Zeitpunkt die Beschneidung, den Sabbat und die übrigens Gesetzesbräuche beachten, vom Glauben an Christus ausgeschlossen sind und keineswegs des ewigen Heiles teilhaftig sein können, es sei denn, sie kämen einmal von ihren Irrtümern weg zur Einsicht.
 Konzil von Florenz, Unionsbulle Cantate Domino, DH 1331


Das heutige Judentum als mosaische Religionsgemeinschaft weist, im zitierten Unionsdekret der Jakobiten ganz deutlich beschrieben, samt ihrer Praxis auf das Kommen des Erlösers hin. Wie Dr. Obenauer schreibt, negiert aber das gerade das Gekommen-Sein des Erlösers. Was einst auf Christus hingeordnet ist, ist nach Christi Ankunft geradewegs von ihm weggeordnet. Das Bestreiten der Teleologie des Gottesvolkes Israel zur Kirche Christi hin - an sich ohnehin mehr Ab- als Aufwertung - bestreitet letztlich auch unsere eigene Herkunft und unser Ziel als Volk Gottes. Wir müssen Juden sein, so las ich es heute andernorts, das Gottesvolk von Anfang bis zum Ende ... freilich eingepfropft in das erwählte Volk, doch nun untrennbarer Bestandteil desselben.
Wie aber unsere jüdischen Brüder und Schwestern als Angehörige der mosaischen Religion von Christus profitieren ... seine Gnaden fließen freilich der ganzen Menschheit zu, dies sei nicht das Thema ... ist mir schleierhaft. Sie zeigen ja auf ihn, den sie nicht annehmen. Natürlich haben sie auch jetzt eine Mission, wir kennen sie aus der Heiligen Schrift. Gott lässt Sich Seine Pläne nicht durchkreuzen, und auch die Teleologie des alten Bundesvolkes bleibt somit gewissermaßen gewahrt. Kardinal Journet schreibt ferner, die Mission Israels sei von einer geistlichen in eine Art weltliche verwandelt worden. Die Zerstreuung dient der Welt als Sauerteig, der sie mit ihrer Unzufriedenheit, ihrem Verlangen nach dem Messias, ihrer Heilsbedürftigkeit durchdringt. Sie schreit in der ganzen Welt nach der Gerechtigkeit, die nur Gott schenken kann und hält sie somit wach und unruhig, inmitten der Schläfrigkeit und Selbstgenügsamkeit des Alltäglichen.

In der gestern eingestellten Weihnachtssequenz Laetabundus ruft die Kirche die Synagoge, ja, im Choral wird es noch deutlicher, sie fleht sie geradezu an:

Den schrift verkündet schon,
Betrachte nun den sohn,
Da geboren ihn
Die jungfrau hat.

Der Bekehrungswunsch, die Wiedereingliederung Israels in den Bund, ist ein großes adventlich-weihnachtliches Motiv, ein Weihnachstwunsch. Denn wenn das Volk Gottes wieder eins ist, in Vollzahl und Fülle, dann kehrt auch Christus wieder zur Erde zurück. Diesmal nicht in Gnade oder im Fest, sondern in Herrlichkeit. Damit wird die Gotteserfahrung der jüdischen Brüder und Schwestern wahrlich erneuert.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Sonne aus dem Sterne - Weihnachtssequenz Laetabundus

Nach meiner Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub
ein kleiner liturgischer Nachtrag zum Fest


Heller jubel
Jauchzet in dem gläubigen chore,
Allejuja!

Aller könig
Kam aus unverletztem tore,
O des wunders!

Denn der bote ewigen rates
Aus dem schoss der jungfrau kam,
Sonn aus sterne:

Sonne, die kein sinken kennt,
Stern, der hell herniederbrennt,
Immer reiner.

Wie der strahl aus seinem stern,
So kam aus der mutter kern
Auch der sprosse,

Wie der strahl nicht seinen stern,
Sehrte auch der mutter kern
Nicht der sprosse.

Hohe zeder Libanons,
Ward zu einem hysopstrauch
Tief im tale,

Wort und geist des herrlichsten
Ging in einen körper ein,
Ward zum fleische.

Isaias lehrte es,
Synagoga lernte es,
Aber nie entfernte es
Ihre blindheit.

Wenn nicht eignem sehertum,
Glaube sie dem heidentum,
Da Sibyllas heiligtum
Dieses kundtat.

Unselige, eile dich,
Glaub oder neige dich,
Was verdammst du denn
Das arme volk.

Den schrift verkündet schon,
Betrachte nun den sohn,
Da geboren ihn
Die jungfrau hat.

Weihnachtssequenz im Missale der Predigerbrüder, übersetzt von Friedrich Wolters: Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Berlin 1914, S. 117ff. Choralnotation:

Die Einheit des Ritus?

Bei Herrn Martin Recke las ich anlässlich einer Altarraumummodelung folgende Zeilen:
»Was nun noch fehlt, ist eine regelmäßige Zelebration am Hochaltar in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus. Dadurch käme die Einheit des Ritus und seine Kontinuität durch alle Zeiten hindurch aufs Schönste zum Ausdruck.«
Ich muss gestehen, wenn ich zwei Altäre im gleichen Chorraum sehe, da denke ich doch eher an das Augustinuswort wider die Donatisten, »erigere altare contra altare«, sie richten einen Altar gegen den anderen auf. Aber gut.
Die sogenannte reformierte Liturgie hat mich besonders im vergangenen Jahr beschäftigt. Das klang in zwei früheren Beiträgen auch schon einmal an. Und nicht ohne ganz praktische Beweggründe, schließlich kam ich über zwei Jahre nicht ein einziges Mal in den Genuss einer Feier in der überlieferten Liturgie. Und ich muss gestehen, ich brauchte dann doch auch ein paar Wochen, bis ich mich wieder im alten Ritus gänzlich heimisch fühlte. Vielleicht lag es daran, dass ich das Glück hatte, einer kleinen Gemeinde mit schmucklosem, jedoch vergleichsweise würdigen Gottesdienst anzugehören. Und ein wenig gewöhnt man sich doch daran, den Kanonworten lauschen, und, wie es ein verehrter Kollege ausdrückte, das Mysterium beglotzen zu können.

Wie dem auch sei, die anfängliche Begeisterung für viele durchaus interessante Erneuerungen/Wiederherstellungen (jüngstes Beispiel wären die Weihnachtslesungen, die wir ganz ähnlich auch im Dominikanerritus finden, welcher wiederum den früheren römischen Usus konservierte) verflachte doch sehr bald. Für mich bleibt der neue Messritus ungleich reformbedürftiger als das tridentinische Missale. Zwar möchte ich gerne behaupten, recht unvoreingenommen an das Thema herangegangen zu sein, bemüht um ein echtes sentire cum Ecclesia ... aber vielleicht blieb doch etwas böser Wille und alte Neigungen dabei. Drum war ich doch gewissermaßen etwas erleichtert - und zeitgleich bestürzt - dass zwei herausragende Vertreter der Reform der Reform dies ziemlich ähnlich sahen.
»The ‘reform of the reform’ is not realizable because the material discontinuity between the two forms of the Roman rite presently in use is much broader and much deeper than I had first imagined.«
Fr. Thomas Kocik, ganzer Beitrag bei The New Liturgical Movement.
»There are, it is true, liturgical oases here and there, where the reformed rites are carried out intelligently, with dignity, reverence, and devotion - (...) but these subjective qualities cannot make up for the objective flaws and structural weaknesses inherent in the same rites.«
Dom Mark Kirby, ganzer Beitrag auf seinem Blog Vultus Christi, ähnlich auch hier.


Vielleicht kann man die beiden Riten ähnlich aussehen lassen. Denkbar wäre ja auch eine Zelebration in der 'ordentlichen Form' am Hochaltar, oder etwa nicht? Aber deswegen sind sich die 'Formen' noch lange nicht ähnlich, und, pace Papa Benedikt, erst recht sind sie nicht ein Ritus.

Freitag, 26. Dezember 2014

Ein vorkonziliarer Pfarrer

Entgegen meinem Versprechen nun doch eine kleine Meldung aus dem Urlaub mittels Smartphone - dadurch bedingte Fehler und Nachlässigkeiten bitte ich zu entschuldigen

1. Feiertag nach heidnischer Zeitrechnung. Morgens früh in der Kirche, bald eine Dreiviertelstunde vor Gottesdienstbeginn. Ich begleitete meinen Opa nämlich, und der muss sich seinen Stammplatz reservieren. Nicht, dass seit den letzten vierzig Jahren zum Hochamt noch Gefahr bestünde, nur noch auf volle Bänke zu stoßen. Als mein Heimatort Garnisonsstadt wurde, wollte man den Feldgrauen Olivgrünen nämlich auch geistliches Quartier geben und setzte zwei ästhetisch fragwürdige Seitenschiffe an den neugotischen Kirchenbau. Meinen Großvater erzählte ich übrigens nichts von der ästhetischen Fragwürdigkeit, denn der mauerte damals mit und ist nicht wenig stolz darauf. Die Soldaten aber halten sich lieber zwischen Kneipen und Kasernen statt in Kirchen auf, so hätte man sich die Erweiterung gut und gerne sparen können.
In grauer Vorzeit ging meine Urgroßmutter übrigens früh morgens mit ihren Kindern in alle drei Weihnachtsämter hintereinander, brachte die Kleinen nach Hause und ging noch ins Hochamt. Die Frömmigkeit jener Tage, die selbstgewählte Armut und Armseligkeit in jener armen Zeit kann uns Verwöhnte nur beschämen, die wir es kaum schaffen, den kleinsten Luxus zu entbehren. Ich zumindest tue mich da schwer.

Jedenfalls kniete ich dann in der Bank - nur ein einsamer Beter mit Büchlein vor mir -um meine üblichen Frömmigkeitsübungen zu verrichten, für die im Weihnachtstrubel häufig so wenig Zeit bleibt. Kaum wollten sich so richtig heimelig-romantische Gefühle einstellen, da trat ER auf. Der vorkonziliare Pfarrer im Karl-Rahner-Gedächtnisanzug. Überhaupt sieht er dem "großen Theologen", wie er ihn im Sermon nennen wird, erstaunlich ähnlich. Aber das fiel mir heute zum ersten Mal auf. Meine Antiphatie dem Pfarrpensionär gegenüber, der um meine Firmzeit in meiner Heimat seinen Ruhesitz fand, ist aber freilich nicht darauf gegründet. Eher schon darauf, dass er uns jungen Kerlen im Firmunterricht riet, im Falle eines Interesses am Priesterberuf zur Zölibatsvermeidung Zwischenstation bei den Altkatholiken zu machen. Bei derartigen Ratschlägen mag die Gretchenfrage, wie es der Pfarrer denn selber mit dem Zölibat hält, fast berechtigt erscheinen. Aber an derartigem Tratsch hatte ich noch nie Interesse.

Unfreiwillig komisch wirkte es, als wir vor einigen Jahren (wie gesagt, vorkonziliar!) zur Jubiläumsmesse seines 50. Weihetages ausnahmsweise das große Credo beteten. O-Ton: Das gab es damals ja noch! Aber mir scheint, der hochwürdige Herr hat sich seit seiner Priesterweihe von mehr als dem altbackenen Glaubensbekenntnis verabschiedet.

Mit dem Anblick des fidel durch den Mittelgang spazierenden Pfarrers in Reserve (oder vielleicht besser: aus dem klerikalen Landsturm, dem letzten Aufgebot!?) war meine ohnehin fragile Andacht natürlich dahin. Ganz unweihnachtlich wurde mir, und vor allem ärgerte ich mich über mich selbst. Sich über arme alte Herren zu echauffieren war sicher nicht im Sinne des Jesuskindes. Also klammerte ich mich um so fester an den Rosenkranz, dass mir die Knöchel weiß wurden, und versuchte mich an Gebet (ja, auch für Ihn und um Verzeihung für mein scheinheiliges Urteilen), Wohlwollen und kindlicher Christkinderwartung.

Es hielt leider nicht lange an.

Der Priester von Zeiten Pius zwölf lehrte mich den, pardon, allerneusten Scheiß Schrei der letzten Treuen aus der liturgischen Bewegung. Dass man Christus im liturgischen Gebet auch gerne Bruder nennt, wusste ich ja schon (dazu gab es hier sogar mal eine kleine Serie) - aber dass er nun auch noch lebt und herrscht liebt war mir ganz neu. Genial! Wie viele Liturgiewissenschaftler wohl an dieser clever tiefsinnigen Alliteration gesessen haben, bis sie darauf kamen? Inspiriert scheint es mir von einem bekannten Kölner Karnevalsschlager. Überhaupt garnierte der Altpfarrer seinen Gottesdienst mit, wie es mir schien, den Ergüssen irgendeiner liturgischen Handreichung irgendeines liturgischen Komitees. Jedenfalls wedelte er ständig mit irgendsoeinem Wisch rum und brabbelte wirres Zeug.

Und kaum hatte ich mich von der Predigt nach bester Franziskusrhetorik erholt - als alter alte-Messe-Molch war ich geistig schon beim Offertorium - schoss er bei den Fürbittanrufungen den Vogel ab: Gott, unser Vater und unsere Mutter ...
Meinem Blutdruck taten diese gender- und liturgisch korrekten Litaneien gar nicht gut. Hoffentlich kommen sie nicht darauf, diese "heilige Familie" in eine einzige Oration zu vereinen.

So sind sie jedenfalls, die vorkonziliaren Priester. Mein Opa hört nicht mehr so gut, er bekam davon wenig mit. Gott sei Dank.

2. Feiertag nach heidnischem Kalender. Wieder so früh in der Kirche, der eifrige Beter vor mir mit seinem Andachtsbüchlein. In der Josefseck, rechts, wo anno dazumal nur die Männer saßen, als man sich aus Schicklichkeitsgründen zum Messbesuch noch trennte. Die Frauen saßen links, in der Muttergotteseck. Drum steht dort auch die Kanzel, scherzte man früher, weil sie das Hören der Predigt nötiger hätten. Die Kanzel steht aber schon lange nicht mehr, und derdiedas Ambo steht so gesehen rechts. Egal.

Plötzlich flatterte eine Soutane um den Altar. Der nachkonziliare Pfarrer. Geweiht in dunkelster Kamphaus-Zeit. Mit kleinem Credo, damals gabs ja nichts anderes. In der Messe mit barockem Rauchmantel, Bassgeige, Manipel. Predigt von Liebe in der Wahrheit, vom Leiden um Christi Willen, von der verfolgten Ekklesia.

Der Denzingerkathole war wieder etwas versöhnt. Weihnachtlich-heimeliger wurde ihm auch. Aber ein ungutes Gefühl bleibt, als hätte ich binnen zwei Tagen zwei Kirchen gesehen. In der gleichen Kirche. Und keinem fällt es auf.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

O wunderbarer Tausch!


O admirabile commercium, so lautet die Überschrift im Weihnachtskapitel des Buches über die Mysterien Christi von Abt Columba Marmion. Entnommen hat er die Worte der ersten Laudesantiphon vom Oktavtag:
O wunderbarer Tausch: * der Schöpfer des Menschengeschlechtes wollte, einen beseelten Leib annehmend, von einer Jungfrau geboren werden, und ohne Samen als Mensch hervorgehend, hat er uns seine Gottheit geschenkt. 
Ein Abglanz dieses unaussprechlichen, so wunderbaren Geheimnisses begegnet uns in der Liturgie. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und des göttlichen Tausches: Gott nimmt in Seiner Fleischwerdung die Menschennatur und gibt uns, im Gegenzug, Anteilnahme an Seiner göttlichen Natur.
"Gott ist ein schlechter Geschäftsmann.", so drückte es gerne ein Freund von mir aus. Denn welch guter Tausch für uns, welch schlechter Tausch für Ihn, will man meinen. So seufzte auch der hl. Alfons von Liguori in einer Krippenbetrachtung: O wie teuer kostete es Dich, uns zu lieben!

Ich glaube, in kaum einem anderen Fest des Kirchenjahres trifft das Göttliche mit solch einer Gewalt auf die Erde, wie an Weihnachten. Diese Spannung zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit, zwischen menschlicher Weisheit und göttlicher Vorsehung, sie bestimmt das liturgische Geschehen dieser Tage. So hören wir zu Beginn des Engelamtes die feierlichen Worte, (ja, die Welt hörte sie zum ersten Mal!) welche die Himmel seit Anbeginn hören: Mein Sohn bist Du, heute habe ich Dich gezeugt. Gott wird sichtbar, Gott wird tastbar, Gott wird leidensfähig.

So geht es immer weiter, die Kirche bemüht sich, sowohl die Menschheit, als auch die Gottheit Christi angemessen zu beschreiben, zu verehren, zu vereinen ohne zu vermischen.
In der Krippe liegt er und im Himmel herrscht er (...) Ein wenig Milch ersättigt den, der keinen Vogel darben lässt. (...) Da ward den Hirten kundgetan, der Hirt, der alle Dinge schuf. (...) 
Es scheint, als kapituliere die Liturgie irgendwann von der Größe des Mysteriums und legt die Bildsprache ab, benennt schlicht das Unbenennbare:
Ein wunderbares Geheimnis wird heute verkündet: Die Natur wird erneuert, Gott ist Mensch geworden; was er war, ist er geblieben, und was er nicht war, hat er angenommen, ohne eine Vermischung oder Trennung zu erleiden. 
Wir müssen uns nun lediglich noch auf den Handel einlassen. Der Hohepriester beginnt den Introitus seiner Messe, durch die irdische Substanz will er uns das verleihen, was göttlich ist (Stillgebet des Hirtenamtes). Nicht nur ein mal, in der Annahme des neuen Menschen, der Pakt mit Gott will ein Leben lang beachtet werden. "Erkenne Deine Würde, Christ", ermahnt uns Leo der Große in seinem Weihnachtssermon, "der Du zum Teilhaber der Gottheit gemacht wurdest, hüte Dich, von solch einem hohen Stande zu fallen."

Wir, Teilhaber der Gottheit. O admirabile commercium!

Nur, warum dieser Tausch? Auch das kann der geschaffene Verstand kaum fassen. Gott will uns mit aller Kraft zu sich holen, uns wieder mit Sich versöhnen, Seine überströmende Liebe teilen. Und er wählte diesen Weg. Wäre ein anderer möglich gewesen? Sicher, aber diesen Weg wählte er, und kein Mensch kann sich einen bewundernswerteren erdenken.
Der selige Urheber der Zeiten hat sich mit einem knechtlichen Leibe bekleidet,damit er, im Fleisch das Fleisch befreiend,nicht verliere, die er geschaffen hat.
So groß ist seine Liebe.


Allen Lesern, Freunden, Verwandten und Bekannten wünsche ich an dieser Stelle ein gnadenreiches Fest und reichen Christkindsegen! In etwa einer Woche wird sich der Denzingerkatholik wieder aus der kurzen Weihnachtspause zurückmelden. 

Bild: Weihnachtsaltar in Herz-Jesu, Pfersee

Montag, 22. Dezember 2014

Geht es in der Theologie um Gott? (STh Ia q. 1 a. 7) Teil II [+ Patronatsfest des Predigerordens]

O Gott, der Du den Orden der Prediger unter dem besonderen Patronat der allerseligsten Jungfrau Maria zum Heil der Seelen errichten wolltest, und dass er mit zahllosen Gunsterweisen erfüllt werde: gewähre Deinen Flehenden, dass wir beschützt durch den Beistand derer, deren Gedächtnis wir heute feiern, zur himmlischen Herrlichkeit gelangen mögen. Durch unseren Herrn.*

Fortsetzung von hier.

Eigentlich wollte ich ja nur wenige Tage nach dem Einstellen des letzten Teiles den nächsten liefern, damit das Geschriebene noch nicht in all zu große Vergessenheit geraten ist ... aber *hust* das ist mir wohl nicht recht gelungen. Doch die göttliche Vorsehung ließ sich auch daraus keinen Strick drehen - so passt es ganz wunderbar, dass der letzte Thomaskommentar vor der Weihnachtspause auf das Patronatsfest der Predigerbrüder fällt.

Beim letzten Mal haben wir dabei aufgehört, dass die Theologie alle Dinge unter dem Aspekt Gottes, sub ratione Dei betrachtet. Also entweder geht es um Gott selbst oder die Dinge, die bei ihm ihren Anfang und ihr Ende nehmen. Bei meinem viel weiseren Kollegen drüben konnte man in jüngster Zeit viel vom Weltbild des Aquinaten lesen, wo der Anfang aller Dinge, aber vor allem auch ihr Ende, ihr Ziel ... eine ganz große Rolle spielt.
In der Theologie geht es um Gott als den Einzigen, den Dreifaltigen, den Schöpfer, den fleischgewordenen Gott. Es ist wichtig, das zu bestimmen, denn hier unterscheidet sie sich ganz gewaltig von der Metaphysik, die Gott "lediglich" als Ursache alles Seins betrachtet. Auch schaut die Theologie auf Gott selbst, sein innerstes Leben, in die Tiefen der Gottheit (1 Kor 2, 10). Deswegen kommen notwendigerweise alle Schlussfolgerung der Theologie aus der Offenbarung der Gottheit, und die Theologie zielt darauf ab, ein größeres Wissen über die Gottheit zu erlangen. Denn sein innerstes Leben kennt Gott selbst allein, wir aber, insofern er es uns offenbart. Gott unter dem Aspekt Gottes ist das Subjekt der Theologie, und eine Wissenschaft und ihre Prinzipien haben das gleiche Subjekt, denn die ganze Wissenschaft ist gewissermaßen in ihrem Prinzip enthalten. In der Gotteswissenschaft sind die Prinzipien die Glaubensartikel. So verhält es sich aber auch mit anderen Wissenschaften. Die Metaphysik geht vom Sein aus und will daraus bzw. darüber mehr wissen, die Psychologie von der Seele usw.
Darum kann man auch von der Theologie mit Recht sagen, dass sie eine Wissenschaft ist. Denn eine Wissenschaft ist dann eine, wenn sie auf Basis ihrer Prämissen wissenschaftlich vorgeht, das heißt diskursiv, argumentativ, logisch und nachvollziehbar.

Nun ist damit aber noch nicht die im ersten Teil gestellte Frage beantwortet, nämlich, wie wir vom Wesen Gottes sprechen können, wenn wir es doch erst in der beseligenden Schau erfahren? Thomas antwortet, dass wir in der Tat nicht wissen können, was das innerste Wesen Gottes ausmacht, aber wir können durch Seine äußeren Effekte darauf schließen. In Natur und Gnade sehen wir, was Gott tut, und so kommen wir zu einem analogen Wissen über Gott. Wir sprechen von Gott als Schöpfer der Gnade, durch die wir Anteilnehmen an der Gottheit. Wir wissen etwas über die unendliche Überfülle und Fruchtbarkeit in Gott, weil uns das Geheimnis der Dreifaltigkeit offenbart wurde, und so haben wir eine Vorstellung von der Vaterschaft, von der Filiation, von der Aushauchung des Heiligen Geistes.

Wir können also Gott gewisse Dinge zuschreiben, z.B. das Sein, die Einigkeit, die Wahrheit. Wir sehen den Namen Gottes und seine Attribute, aber wir wissen nicht recht, wie sie in Gott selbst sind. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft. Es ist in etwa so, als kennen wir alle Farben des Regenbogens, die Farbe Weiß aber nur beim Namen, wir haben sie nie gesehen. Wir verstehen, dass aus der Weißheit alle Farben stammen, aber was oder wie genau Weißheit ist, das wissen wir nicht.

Bei Gott ist es ganz ähnlich, nur noch einmal viel viel mehr und tiefer. Dieser Gedanke wird noch öfters auftauchen und weiter ausgeführt werden müssen.


*(Kollekte vom Fest, Horae Diurnae S.O.P)

Sonntag, 21. Dezember 2014

Weil Du gesehen hast

Ehemaliger Seitenaltar in Herz-Jesu, Pfersee

Die Theologie der Liturgie im Advent: 4. Sonntag

Nolite timere, quinta die enim veniet ad vos Dominus noster.*
Fürchtet euch nicht, denn am fünften Tag wird unser Herr zu euch kommen.

Die letzte Woche vor Weihnachten, der Erlöser naht nun wirklich, er säumt nicht, die längste Wartezeit ist überstanden. Und die Kirche kann seine Ankunft kaum noch abwarten, sie zählt die Tage und Stunden, wie ein Kind, das in ungeduldiger Vorfreude die letzten Türchen des Adventskalenders öffnet.

Auch rekapituliert sie noch einmal das ganze adventliche Geschehen in ihrer Liturgie. Gewiss, man mag das, materiell betrachtet, dem Faktum zuschreiben, dass der 4. Sonntag in Rom ursprünglich vacat war, "liturgiefrei", da sich die Weihen des Quatembersamstages bis in den frühen Sonntagmorgen hinzogen. Und an liturgische Neukompositionen oder Centones war im 8. Jahrhundert, der Zusammenstellungszeit des Messformulares, noch nicht zu denken. Das gregorianische Antiphonar galt als inspiriert, unveränderlich. Was haben sich die Zeiten doch gewandelt!

Im Introitus haben wir wieder das klassischste der Adventsbilder, den Himmelstau, entnommen der Erzählung von Gideon, aufgegriffen vom Psalmisten und wieder vom Propheten Isaias verwandt, um die Art und Weise zu beschreiben, in welcher der Messias in die Welt kommen wird: mild und liebevoll, leise darniederfallend, die ausgedörrte, zerrissene Erde zu zu erfrischen.

Ganz besonders aber ist der 4. Advent eine letzte, eindringliche Aufforderung zur Vorbereitung auf den Herrn. Wir sollen uns mit dem Vorläufer gleich in deserto begeben, das heißt, in die Stille, in die Tiefen unserer Seele. Um uns so zunächst selbst zu erkennen, wie wir sind, und uns heimlich, still und leise den Worten Gottes zuwenden können, fähig werden, ihm zu lauschen ... mit dem gehorsamen Herzen, von dem Salomo spricht.
Während dieser heiligen Zeit lässt die Kirche der Immaculata ganz besondere Verehrung zuteil werden. Wer ist auch inniger verbunden mit der Geburt des Kindes, als die Mutter? Ihre neunmonatige Vorbereitungszeit stellt uns die Ecclesia vor Augen, damit wir ihrem Beispiel der Heiligung durch Liebe, durch Demut, durch Ganzhingabe an Christus folgen können. In der Schule der Magd des Herrn lernen wir, wie wir unsere Seelen auf das kommende Wort Gottes bereiten sollen. Dieses Dienstmotiv finden wir auch im Stillgebet, indem wir um die Gabe der Hingabe, um devotio bitten. Keinesfalls sollte man das Wörtchen hier mit "Andacht" übersetzen, denn es heißt viel mehr. Es heißt die vollkommene Gottesweihe, die wir in der Taufe versprochen haben, unsere feierliche Profess.

Wie immer möchte ich mit einer Betrachtung der Kollekte schließen, jene haben ja im Advent eine besonders zentrale Bedeutung für den liturgietheologischen Gehalt der Messformulare und Offizien. Der Schott gibt die etwas verschachtelte Oration ganz geschickt in deutscher Sprache wieder:
Biete Deine Macht auf, o Herr, und komm, wir bitten Dich; eile uns zu Hilfe mit starker Macht, damit Dein verzeihendes Erbarmen durch den Beistand Deiner Gnade das Heil beschleunige, das unsre Sünden noch aufhalten: der Du lebst.
Der Anfang des Gebetes kommt uns ganz bekannt vor, wieder bitten wir den den Herrn - excita! - seine Macht aufzubieten und zu kommen. Als wenn dieser erste Aufruf nicht reichen würde, und um die Kraft Gottes noch genauer zu benennen, fleht die Kollekte, komm, Herr Jesus: mit Deiner starken Macht! Auch grammatikalisch findet die Heilssehnsucht, die Heilsbedürftigkeit ihren Ausdruck. Zum einzigen Mal im ganzen Advent finden wir gar drei Imperative. Der hl. Thomas spricht von einer Anziehungskraft Gottes, der Gnade: je näher wir ihm kommen, desto schneller, desto tiefer und eindringlicher wird auch unser Verlangen - und auch unser Wachstum in Liebe und Andacht.

Nicht nur drei Imperativformen haben wir hier, wir haben auch drei Bitten. Christus möge seine Macht auf bieten und kommen, er möge uns helfen mit seiner starken Kraft, und dass seine Gnade das verzeihende Erbarmen bringe, die durch unsere Sünden aufgestellten Hindernisse zu überwinden. Quod nostra heißt wirklich alles, was die einzelnen Bittsteller von der Gnade Christi abhält. Ganz gleich, was oder wer das sein mag, das Gebet ist allumfassend. Die Hoffnung der Kollekte besteht darin, das wir keine der Gnaden verlieren, die Er durch Seine Geburt bringt.

Die Abhängigkeit von der Gnade Christ, welche das Kirchengebet zum Ausdruck bringt, ist absolut. Sie ist damit auch Höhepunkt der Gnadentheologie der Adventsorationen. Und drückt die rechte Lehre der Kirche aus, so paradox sie vielleicht manchmal erscheinen mag: Wir brauchen die Gnade Christi, um die Gnaden Christi empfangen zu können. Anstoß nimmt man daran schon lange, so sehr widerspricht der Satz der liebgewonnenen, vollkommenen Autonomie des Menschen. Alles scheint der Mensch sich untertan machen zu können, so soll er auch die Kraft haben, das Himmelreich, die Gottesgnade aus eigener Kraft an sich zu reißen. Doch nein, nehmen wir keinen Anstoß daran, dass es der leise Tau von oben ist, durch den wir in die ewige Herrlichkeit gelangen, die hier auf Erden bereits ihren Anfang nimmt.

*Benedictus-Antiphon vom 21. Dezember

PS: Wie sehr mir die Gnadenlehre am Herzen liegt und welche Bedeutung ich ihr für die Theologie beimesse, sollte spätestens hier deutlich geworden sein. Manchmal denke ich, meine Gedanken wären die eines verqueren Sonderlings - um so mehr freue ich mich, wenn auch gelehrte und angesehene Diener des Wortes meine Sorge um das Primat der Gnade teilen.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Nuestra Señora de la O

O Virgo virginum,
quomodo fiet istud?
Quia nec primam similem visa es nec habere sequentem.
Filiae Jerusalem, quid me admiramini?
Divinum est mysterium hoc quod cernitis.
O Jungfrau der Jungfrauen,
wie soll dies geschehen?
Denn weder vor dir war jemand dir ähnlich,
noch wird es jemand nach dir sein.
Ihr Töchter von Jerusalem, warum bewundert ihr mich?
Göttlich ist das Geheimnis, das ihr seht.

(Magnificat-Antiphon vom Fest Expectatio Partus B. Mariae Virg. aus dem Karmelitenbrevier, gesungen nach der Melodie der O-Antiphonen. In der englischen Kirche wird sie am 23. gesungen, die anderen O-Antiphonen einen Tag nach vorne verschoben. So ergibt sich das Akrostichon Vero cras - wahrlich, morgen.)

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Die Theologie der Liturgie im Advent: Die Quatemberkollekten Gregors des Großen

Eingangs habe ich schon einiges zu den Quatembertagen geschrieben; wer interessiert ist, möge die Zeilen noch einmal überfliegen. Nur eine zusätzliche Bemerkung, die bislang keine Erwähnung fand: Die Quatembertage des Dezembers waren für die alte römische Kirche die Tage der Priesterweihen. Ein Grund mehr, zu fasten und zu beten, wie schon die Apostelgeschichte lehrt. Denn das Schicksal des christlichen Volkes ist aufs Allertiefste mit der Heiligung der Priester verbunden - in welcher Zeit war uns das wohl mehr bewusst als heute? Doch, die Frage muss ebenso gestattet sein, was ist unser Anteil daran? Die schlimmste Strafe, die Gott einem treulosen und verdorbenen Volk zuteil werden lässt, so die Schrift, ist ihnen ihresgleichen als Hirten voranzustellen. Darum sind die Weihen nicht nur Sache von Seminar und Bischof, sondern Sache aller Katholiken. Nicht nur die Weihen aber, sondern die ganze Heiligkeit des Priesterstandes liegt in den Händen der Gläubigen.

Wie in der Einleitung erwähnt, wies Gregor der Große den Quatembertagen des Dezembers neue Kollekten zu. Die alten Fastenmotive, die gewissermaßen den Urgedanken der Buß- und Danktage zum Ausdruck brachten, verschwanden. Die Ankunft des Erlösers steht nun im Mittelpunkt. Und im Ganzen vermitteln sie die Theologie der Gnade: die große menschliche Not, Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit und Ohnmacht, Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit und Kraft.

Lauren Pristasstellt das ganz hervorragend in einer Tabelle dar, die ich hier leicht abgewandelt und übersetzt einstelle:


Auch hier haben wir wieder alle Arten der Ankunft Christi: in Gnade (zur Tröstung, als Heimsuchung der Barmherzigkeit), in Herrlichkeit (eine Ankunft, die von jeglicher Widrigkeit befreit); im Fest bzw. in Gnade (erwartete neue Geburt); in der Feierlichkeit (das kommende Fest). 


*The Collects of the Roman Missals. A Comparative Study of the Sundays in Proper Seasons before and after the Second Vatican Council. London u.a.: Bloomsbury 2013, S. 36f.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Montag, 15. Dezember 2014

Das alltägliche Erdendrama


Wer ein getreuer Leser dieses Blogs ist, weiß, dass ich schonmal gerne meine Bücherfunde hier einstelle. Nicht etwa gefundene Bücher, sondern, was ich so in Büchern finde. Diese Zeitzeugnisse, Überreste, würden die Forscher vielleicht sagen ... geben häufig einen Blick in die Lebendigkeit des damaligen Augenblicks, wie eine Farbaufnahme aus einer Zeit, die wir eigentlich nur in Schwarzweiß kennen. Und dann versinke ich, ein wenig, im Strudel der Zeit, das Jetzt wird blass und monochrom, auch die Zukunft verliert den ängstlich-freud'gen Schimmer. So führt die Vergangenheit in ein Stückchen Ewigkeit.

Neulich fiel mir auch wieder so ein Zettel entgegen. Aus Caspar Ninks Zur Grundlegung der Metaphysik. Das Problem der Sein- und Gegenstandskonstitution. Von St. Georgen, 1956. Eindrücklicher fand ich ihn auch als den trocknen Wälzer, das geb ich zu. Das Buch habe ich von einem Pfarrer, sein Name steht noch auf der zweiten Seite, mit Jahreszahl. Seine Seminarzeit war es, ganz offensichtlich. Da passt auch die abgebildete Gebetsmeinung hinein.

Was mag sich wohl in diesem Menschen alles abgespielt haben - vor dem Eintritt in den geistlichen Stand, währenddessen, danach? Der Zettel gibt einen kleinen Einblick, vielleicht, zumindest einen Anhaltspunkt für Spekulation. Ich neige doch manchmal ganz unbewusst dazu, die Alten als Sprösslinge einer anderen Welt zu betrachten, weniger aus Fleisch und Blut als wir. Doch das gleiche ewiggleiche Menschendrama, das sich seit Adam bis zum Letzten spielt ... mussten auch sie in seiner ganzen Fülle kosten, bis zum Moment der endgültigen Spannung.

Schuf das Gebetsanliegen letztlich Klarheit der Berufung? Er wurde Priester. Soviel wissen wir. Wie viel Klarheit, wie viel Zweifel blieb, das bleibt im Dunkeln.

Und dieser Priester Gottes ist inzwischen auch nicht mehr. Der Vorhang ist gefallen. Für ihn, das wissen wir, ist die Sicht jetzt klar.

Wir müssen weiterwandern, weiterspielen, nur ein kleines Stückchen noch. Dem Gebete schließe ich mich an. Tragisch wäre es, würde ich die falsche Rolle nehmen. Sub specie aeternitatis sind Ach und Weh egal. Solange recht getragen. Nur die richtige, die muss es sein, um nicht am Jammertal zu scheitern.

Zumindest nicht im Letzten, bevor die große Klarheit kommt.

Et erit in die illa lux magna

Vor dem Rorateamt, aufgenommen heute Morgen in St. Margareth, Augsburg.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Die Theologie der Liturgie im Advent: 3. Sonntag

Freude ist ja wirklich auch nicht die Signatur der heutigen Gesellschaft.
Kardinal Schuster

Jetzt ist der Herr nahe, prope est jam Dominus, so beginnt die Kirche nun jede Nacht ihre Liturgie bis zum Heiligen Abend. Freuen auch wir uns auf die anstehende Parusie des Erlösers? Nah ist nämlich der Herr, jetzt gilt es keine Zeit zu verlieren: Hügel und Berge sollen geglättet werden, was noch krumm ist, gerade gemacht, was noch uneben ist, eben gemacht werden (4. Antiphon zur Laudes und Vesper). Recht vorbereitet, alle Hindernisse beiseite geräumt, so können wir uns freuen, denn dann wird der König der Ewigkeit gerne auch in unsere Herzen einziehen.

Im Gespräch mit Vertretern moderner Weltanschauungen konnte ich oftmals gar keine Freude erkennen. Pessimismus im Blick zurück und nach vorne. Die Vergangenheit war schlecht, die Gegenwart unerträglich, die Zukunft trübe. Da findet sich kein göttlicher Funke in den Herzen der Menschen, keine Prophetie eines goldenen Zeitalters, keine Hoffnung auf Erlösung und eine kommende Herrlichkeit. Und mir scheint, diese Niedergeschlagenheit und Erdrücktheit färbt auch auf die Gläubigen ab, gesenkt sind die Häupter, finster die Mienen, düster die Zukunftsprognosen. Selbst die Kirche, die Isaias in der heutigen Mette im Bilde der starken Stadt Zion beschreibt, scheint fast überwältigt. Tristesse überall.
Das eingangs zitierte Wort des großen Benediktinerkardinals schließt sich an seine Beschreibung der glorreichen mittelalterlichen Gaudete-Riten in Rom an. Die gibt es nicht mehr. Auch vom Wiederanlegen der Dalmatik und Tunicella kriegen wir wahrscheinlich nichts mit, da wir keine Subdiakone und Diakone haben, die sie hätten ablegen können; erst recht nichts vom Wiederaufsetzen der Schmuckmitra in der Pontifikalliturgie, vielleicht sehen wir diesen Sonntag nicht einmal die Ornate in rosacea*

Aber gibt uns die Liturgie auch hier nicht schon die Antwort, wie unsere Gesinnung trotz aller Widrigkeiten zu sein hat? "Um nichts macht euch Sorgen" und "ihr Kleinmütigen, seid getrost und fürchtet euch nicht." Sollten wir uns etwa sagen lassen, wie der alte Synagoge: inmitten unter euch steht Einer, den ihr nicht kennt? Inmitten unter uns.

Ich denke, die Sonntage Laetare und Gaudete geben uns auch einen gewissen Aufschluss über den Gewinn, den wir aus dem Erwarten, aus dem Warten ziehen. Viel lässt uns die Kirche warten. Viel warten wir im Leben. Die Weltleute sagen zwar gerne, dass der Weg das Ziel sei ... doch das Warten selbst wird eigentlich nur als gewinnlose Last gesehen, die stoisch ausgestanden werden muss - bis das Ziel erreicht ist, und die Wartezeit bis zum nächsten Ziel gekommen ist. Bis, so geht es nicht anders, nichts mehr erwartet werden kann. Zumindest nicht in dieser Welt. 
Für den Christ als Wartenden sollte das anders sein. Christus selbst wählt in seinen Gleichnissen Bilder vom Warten, die Knechte auf den Herrn, die Jungfrauen auf den Bräutigam. Und wenn wir die Wartezeit so betrachten, dann kann sie niemals gänzlich leer sein, keine sinnlose Last. Denn wir haben ja eine Hoffnung, jemand, auf den wir warten. Und diese Hoffnung hält ein Leben lang, selbst wenn alle menschlichen Ziele schon erreicht oder nie erlangt sind. Und auch in dieser manchmal unerträglichen Stille, die wir mit uns selbst haben, wartet vielleicht auch Er in besonderer Weise auf uns, dort können wir ihn schon finden, mitten unter uns.

Aber Pardon, ich betreibe ohnehin schon einen gewissen Etikettenschwindel, aber ein klein wenig sollte es dann doch noch mit der Theologie der Liturgie zu tun haben. Schauen wir uns also noch schnell die Sonntagskollekte an.
Aurem tuam, quaesumus, Domine, precibus nostris accomoda: et mentis nostrae tenebras, gratia tuae visitationis illustra: Qui vivis et regnas.Wir bitten Dich, o Herr: schenke unsern Bitten Gehör und mache heil die Finsternisse unseres Geistes durch die Gnade Deines Kommens: der Du lebst und herrschest. (Schott)
Die einzige Oration der Adventssonntage ohne Excita - und doch ähnelt sie wieder den vorangegangenen Kollekten. Zwei Imperativformen haben wir, keinen qui-Einschub. Besonders ist aber, dass wir in diesem Gebet aus dem 8. Jahrhundert den Imperativ nicht am Anfang stehen haben, sondern Aurem tuam, Dein Gehör, oder wörtlicher, Dein Ohr - während accomoda hinten steht. Der Verfasser setzt diese Umstellung als rhetorisches Mittel ein, um die Dringlichkeit der Bitte zu betonen. Er ist so darum bemüht, Christi Gehör zu finden, dass er das "Ohr" zuerst nennt. Das gleiche Mittel kommt am Ende der Kollekte zum Einsatz, wo tenebras vor illustra steht. Ein Erflehen um die Gnade des Lichtes Christi!

Die Kunstfertigkeit dieser Oration wird wie folgt dargestellt besonders leicht ersichtlich:


Beide Satzteile sind parallel strukturiert. Im ersten wird Christus um Audienz ersucht und leitet damit den zweiten Teil ein, der Bitte um die Erleuchtung unseres Geistes durch seine Heimsuchung. Dein Ohr wird von unseren Bitten durch das Ersuchen (quaesumus Domine) sichtbar getrennt. Durch diese Anordnung wird ein gewisser Abstand zwischen dem Erhörer und den Bittenden angedeutet. Im zweiten fehlt dieser Abstandshalter. Christi Licht wird neben die Dunkelheit gestellt, um sie gleichsam zu durchdringen.

Gebet ist ein herausragendes Motiv des Messformulars vom Gaudete-Sonntag. So hören wir im Introitus und der Epistel: stets sollen in innigem Gebet eure Anliegen vor Gott kund werden. Die Kollekte setzt also dieses Thema logisch fort und steht auch trotz fehlendem Excita in einer gewissen Reihe mit den Orationen der vorhergehenden Sonntage. Die adventliche Gnadenthematik wird auch hier wieder überaus deutlich.


*zur eigentlichen Farbe des liturgischen Rosarot gibt es zwei aufschlussreiche Beiträge bei The New Liturgical Movement hier und hier.

Samstag, 13. Dezember 2014

Ratzingerisierung und Adventsbesinnung


Nachdem die Monographien zu meinen Sondermeinungen, sei es die Miterlöserschaft Mariens oder die rechte Feier der Messe ("alte, breviter, clare, devote et exacte") auf eher, sagen wir, verhaltene Zustimmung stieß ... fragte sich der Blogautor, ob es nicht besser sei, wieder mehr auf gemeinplätzigere Dinge zurückzugreifen - ganz undespektierlich gemeint - und die eigene Feder weniger oft ins Tintenfass zu tunken. 

Wie auch immer ich es damit nun halten mag, neulich äußerte ich mich außerdem zur Besinnung im Advent. Besinnung bedeutet für mich im besonderen Maße eine Selbsthinterfragung, eine Gewissensprüfung, und bisweilen auch eine zumindest leichte Veränderung des Alltagstrottes, eine Öffnung hin zu Neuem. Warum schreibe ich das jetzt wieder? Weil mir kürzlich ein gnädiger Spender den ersten Band der sogenannten "Jesus-Reihe" Benedikt XVI. geschenkt hat. An dieser Stelle mein Dank an ihn:
Oremus pro benefactoribus nostris. Lasset uns beten für unsere Wohltäter. 
Retribuere dignare, Domine, omnibus, nobis bona facientibus propter nomen tuum, vitam aeternam. Amen. Vergilt allen, Herr, die uns Gutes tun um Deines Namens willen, mit dem ewigen Leben. Amen. 
So ermuntert legte ich mir angesichts der kirchlichen Jahreszeit auch den Prolog und ein weiteres opusculum des Papa emeritus zu. Sozusagen die Gegenaktion zur Entratzingerisierung, die man südlich der Alpen zu erblicken glaubt. Nichts besonderes, könnte man meinen ... für mich aber schon. Seit meiner traditionalistischen Sozialisation ungefähr zwischen Voll- und Großjährigkeit habe ich nämlich so meine Schwierigkeiten mit den meisten modernen Autoren, gerade auch mit den Stars und Sternchen des deutschen Katholizismus um die Mitte des letzten Jahrhunderts. Auf eine litaneihafte Auflistung der mir suspekten Namen verzichte ich nun besser, um niemandem Anlass zum Ärgernis zu geben.

Aber wer weiß, vielleicht geht mir zu Advent und Weihnachten ja auch noch ein Licht auf ...

Welchem Orden werden wir alle im Himmel angehören?

Zu meiner großen Bestürzung las ich diesen Morgen folgende Zeilen bei Ludolf von Sachsen:
»Wie nämlich die Christen auf Erden durch die Taufgnade nach Christus benannt werden, so werden wir in der himmlischen Herrlichkeit nach Jesus Jesuiten heißen, das heißt vom Retter gerettete.«
Na, reicht es nicht, dass sie es geschafft haben, den Himmel mit einer so großen Zahl von Heiligen zu füllen, müssen auch wir nun alle im schwarzen Rock auf den Wolken sitzend versuchen, den Herrn vom Probabilismus und Semipelagianismus Molinismus zu überzeugen? Nun denn, wenigstens noch nicht in diesem Leben ...


Passage entnommen aus: Das Leben Jesu Christi. Johannes Verlag Einsiedeln: Freiburg 1994, S. 39. (eigene Hervorhebung)

PS: Jaja, ich weiß, wenn die Jesuiten dieser Tage denn wenigstens noch Probabilisten und Molinisten wären ...

Freitag, 12. Dezember 2014

Der Schlüssel aller unserer Gedanken

»Das Glück ist eigentlich der Schlüssel aller unserer Gedanken. (...) Er ist der letzte Grund alles Lernens,  Strebens, aller staatlicher und kirchlicher Einrichtungen. Man mag das Eudämonismus schelten, wenn man will; es ist aber das Lebensziel der Menschen, glücklich wollen sie sein um jeden Preis
Carl HiltyDas Glück. I 170

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Missa brevis, oder: wie lange braucht eine gute Messe?



Eigentlich wollte ich diesen Beitrag für ein andermal aufsparen, aber da es hier gerade um die Messe geht ... neulich sprach ich nämlich mit einem befreundeten, liturgiebegeisterten Jungpriester. Liturgiebegeistert sind dieser Tage eigentlich alle Priester im Vetus Ordo, sollte man meinen ... aber manche scheinen manchmal ein wenig zu begeistert.
Thema der Unterhaltung war die Dauer der Messe. Der junge sacerdos aus Frankreich berichtete mir freudig, er wäre jetzt bei knapp unter dreißig Minuten. Ja, ist es denn eine Tugend, die Messe möglichst schnell zu lesen? Heutzutage lautet die Antwort ziemlich klar: Ja, ist es!

Der römische Ritus ist einfach wie vernünftig, nüchtern wie diszipliniert, ernst und würdig. Vor allem aber: natürlich. Er ist praktisch und logisch und leicht verständlich. Er kennt keine ausladenden Gesten, aber doch klare symbolhafte Haltungen. Niemals ist die römische Liturgie im Stillstand, sie ist immer im Fluss, sie pausiert nicht, kennt keine übermäßige Theatralik. Jede Bewegung ist klar abgerissen, aber geht doch auch direkt in die nächste über. Louis Sofari schreibt in einem für Ministranten gedachten Büchlein:
»Die Verkörperung der romanitas in den (...) zeremonielle Prinzipien kann in zwei Elemente zusammengefasst werden: Logik und Simplizität. Die Logik diktiert, dass die liturgischen Handlungen vernunftbegründet sind, und Simplizität, dass diese Handlungen in einer praktischen, aber feierlichen Weise ausgeführt werden.«
Die Prinzipien der romanitas werden leider häufig vergessen, man findet sie auch kaum in rubrizistischen Werken. Darum kann man den Büchern vielleicht gar fast bis auf den Buchstaben genau folgen ... und zelebriert doch nicht römisch. Diese Begründungen wiegen m.M.n. noch viel schwerer als die, nun ja, moralische Argumentationsweise im Textausschnitt oben ("nicht kürzer als 20min, damit der Anstand gewahrt bleibe, nicht länger als 30min, um die Umstehenden nicht zu ermüden"). Natürlich gibt es auch noch geistlich-psychologische Begründungen für die Angemessenheit der kurzen Messe.

Alle Autoren sind sich einig: die Messe soll zwischen 20 und 30 Minuten dauern. Wir sprechen hier natürlich von der stillen Messe ohne Predigt, ohne Kommunionausteilung. Dennoch, so ganz will es wohl nicht in unsere heutige Messfrömmigkeit passen. Wir fokussieren derart auf die Messe, also müsste sie doch auch lange genug dauern, so denken wir vielleicht, dies sei der Ernsthaftigkeit der Sache doch geschuldet. Nun, das ist nicht das Denken der Alten.

Oft genug beschlich mich der Eindruck, der Zelebrant gedachte beim Memento der Lebenden und omnium circumstantium nicht nur aller Anwesenden beim Namen, sondern auch deren Verwandten bis ins dritte und vierte Glied. Ähnlich beim Totengedächtnis. Aber auch hier gilt, was von der Kommunion des Priesters gesagt wird: geschwind soll sie sein, wie die Väter das Manna in der Wüste aßen! Am schlimmsten geht es aber vielleicht in der Doppelwandlung zu. Wie viele patres theatrales bewegen sich da plötzlich nur noch wie in Zeitlupe! Oh nein, oh nein, so soll es nicht sein.

Nun heißt dies aber keinesfalls, die Liturgie solle schludrig dahingerotzt oder kantig-militärisch wie auf einem preußischen Kasernenhof durchexerziert werden. Die Kunst, jede Bewegung ganz klar zu vollziehen, ohne sich aufzuhalten, aber auch ohne Dekorum einzubüßen, dass das eine wie von selbst ins andere übergeht ... erlernt sich nicht von einen auf den anderen Tag. Überhaupt müssen die römischen Prinzipien erst einmal verstanden und wertgeschätzt werden. Mir scheint, der Zuckerguss, wie es ein Co-Blogger poetisch ausdrückte, der bisweilen über die äußere Gestaltung der Messfeier gegossen wird, hat die Feier des Mysteriums stellenweise selbst klebrig-süßlich-dickflüssig werden lassen. Gebieten wir diesem Trend Einhalt.

Bild: Alfons Maria de Liguori: Theologia Moralis (tom. vi). Hanicq: Mechelen 1852, Sp. 400.

PS: Ich will keineswegs einen Generalangriff auf alle dem alten Ritus verbundenen Priester starten. Es gibt zahlreiche unter ihnen, die ganz vorbildlich zelebrieren. Außerdem gibt es eine große Zahl an gebildeten und eifrigen Zeremonienmeistern, die für einen reibungslosen wie würdevollen Ablauf sorgen.
Eine wirklich formvollendete Messe (sofern man sich nicht am französischen Akzent stört) findet sich in zwei Teilen hier und hier. Das Memento dauert keine fünf Sekunden (Stelle), die Wandlung ebenfalls ohne Zeitlupe (Stelle), auch wenn die lange Elevation "noch so schön" ist. Insgesamt dauert sie, mit kurzer Kommunionausteilung, etwa 30 Minuten. Benedikt XIV. und der hl. Alfons hätten ihre helle Freude. Und mich als Freund der rechten Chorausgestaltung freut vor allem auch der wahrhaft liturgische Altar, dergleichen sieht man in insbesondere in Deutschland selten.

Frühstücksmesse

Entgegen dem Titel wurde das Frühstück sine populo zelebriert

Inspiriert vom Beitrag drüben holte ich hüben auch nochmal einen Jungmann hervor, allerdings nicht das zweibändige Meisterwerk, welches für mich ein echter eye-opener war (erst jüngst auch hier thematisiert) ... sondern die Nachfahre, wie es der Jesuit selber nennt. Eben ein nachkonziliarer (hier schüttelt sich der alte-Messe-Molch) Durchblick durch Missarum Sollemnia, wie man auf dem Titel lesen kann, veröffentlicht fünf Jahre vor dem Tod des österreichischen Liturgikers.

Selbst dachte ich mir ja immer, ich wäre vor Unglück zergangen, hätte man ein paar Jährchen nach Publikation meines Lebenswerkes daraus ein Museumsstück gemacht, ein Fall fürs Antiquariat und das Bibliotheksmagazin. Okay, ganz so isses nu nicht, den Jungmann darf man auch heute noch in den Liturgieabteilungen bestaunen ... aber trotzdem!

Ich komme nicht umhin, eine gewisse Melancholie in jenem opusculum zu erblicken. So recht zufrieden, heißt es, soll Josef Andreas Jungmann nicht gewesen sein, mit der Liturgiereform. Und doch hat er ja selber entscheidend mitgewirkt, vielleicht gar mehr mit Missarum Sollemnia als mit seiner Beteiligung in der Liturgiekomission! Als Kernbotschaft des Zweibänders verstand man wohl vor allem: Liturgie ist geworden - eine Messe aller Zeiten gibt es nicht, vielmehr schuf sich jede Zeit ihre Messe. Zumindest mal bis zu Trient, hier beginnt die Stagnation statt Wachstum; Rubrizistik statt Liturgiewissenschaft, möchte man sagen, hätte es soetwas damals schon gegeben.

Aber bevor ich ihm all zu großes Unrecht tue - wie schon gesagt, bei aller Kritik handelt es sich um ein unentbehrliches Standardwerk - lasse ich ihn selbst einmal zu Worte kommen:
»Möge das kleine Buch dazu beitragen, daß die Linie stetiger Überlieferung und organischer Entwicklung auch in den vom Zweiten Vaticanum eingeleiteten Reformen erkannt, aber ebenso - gegenüber utopischen Reformwünschen und blinder Willkür - als unabdingbares Gesetz der Zukunft katholischen Gottesdienst verstanden wird.«
Möge sie erkannt werden! Mir scheint, dieser Hermeneutikschlüssel ist verlorener denn je, insbesondere, nachdem sich einige namhafte Vertreter der Reform der Reform von ebendieser abgewandt haben. Vielleicht kann man das auch anders sehen, ich bin freilich selbst kein Liturgiker, obgleich jeder alte-Messe-Molch sich bisweilen gerne als solcher dünkt - mich natürlich eingeschlossen.

In den ersten Seiten seiner Nachfahre widmet sich Jungmann ganz der Opferthematik. In der Reform befleißigte man sich kräftig, den Opfercharakter möglichst zu verschleiern ... nun muss man erklären, was die Liturgie nicht mehr erklärt.
»[E]s wäre eine Verkennung (...), wenn man das Wesen der Feier glaubte lediglich aus dem ablesen zu können, was sich als optisches Bild darbietet. Das, was die Kirche in der Messe feiert, ist nicht das Letzte Abendmahl, sondern das, was der Herr beim Letzten Abendmahl eingesetzt und der Kirche übergeben hat: das Gedächtnis seines Opfertodes.«
Soweit so gut. Aber was bleibt nun, von der Messe, über die der Jesuit zwei Bände schreiben kann? Vielleicht ist der Vergleich etwas unredlich, aber mir kommt es ganz zeichenhaftig vor, dass von über tausend Seiten feierlicher Messen keine achtzig Seiten Messe im Gottesvolk übrig blieb. Ob Jungmann selbst die Überlieferung in der neuen Ordnung erkennen konnte?

Wie der andere Andreas schreibt, verdingte man sich fortan am beliebigen Umschreiben des vorgesetzten, selbst schon so beliebig daherkommenden Spielplans. Wie fremd müssen da solche Worte erscheinen, die Jungmann in seiner Einleitung verwendet, wenn er das »Meßopfer als Zentralkunstwerk der christlichen Kultur« bezeichnet ... und hier den Dramaturgen Hugo Ball zitiert:
»Für den Katholiken kann es eigentlich kein Theater geben. Das Schauspiel, das ihn beherrscht und ihn allmorgendlich gefangennimmt, ist die heilige Messe.«
Nun wird nicht mehr der Katholik vom Schauspiel der Messe beherrscht. Der Katholik, oder zumindest der liturgische Vorsteher und sein Komitee, beherrscht die heilige Messe und nimmt sie gleichsam gefangen, morgens, mittags oder abends ... wenn nicht eben gerade liturgiefreier Montag ist.


Josef Andreas Jungmann: Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der Römischen Messe (II. Band). 5. Aufl. Herder: Wien u.a. 1962, S. 4. (Hervorhebung im Original)
Ders.: Messe im Gottesvolk. Ein nachkonziliarer Durchblick durch Missarum Sollemnia. Herder: Freiburg u.a. 1970, S. 6 u. 24.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Orthodox glauben?

Wer sich übrigens für den orthodoxen Glauben jenseits von mit persönlichen Ressentiments behafteten Polemiken interessiert, die zumindest deren russische Ausprägung in ihrer "tonangebenden Hierarchie" [meint: putinhörige Trottel] als "antiliberal, antiwestlich, eigensüchtig-unökumenisch, nationalistisch, regimetreu" abzuqualifizieren sich berufen fühlen, der wird tatsächlich auf den Seiten der deutschen Bischofskonferenz fündig. 
Gefunden bei Elsa.

Hm, dabei waren das doch gerade die Punkte, bei denen es mir ganz östlich-ökumenisch ums Herz wurde ... (Bei der Regimetreue sind beide Kirchen freilich gleichauf)

Einmal Heilig Abend ohne Karfreitag, bitte


»Wenn wir Advent spielen, so können wir uns nur richtig darauf einlassen, wenn wir so tun, als wüssten wir nicht, was danach passiert. Wir können uns nur über Weihnachten freuen, wenn wir nicht daran denken, was an Karfreitag geschah.«
Manche Leute haben ein Talent dafür, den Puls des Denzinger-Katholiken gleich am frühen Morgen auf 180 zu jagen. So auch der in Welt und Kirche angesehene Professor, den ich oben im ungefähren Wortlaut wiedergebe.

Mein erster Gedanke darauf lautete in etwa: "Ja, haben Sie denn gar nichts verstanden, sind Sie erst seit gestern Christ? Der Heiland wird nach der schweren Reise geboren, in der Entbehrung, in der Demut und Entäußerung. Anfang und vorläufiges Ende seines irdischen Daseins sind eng verschlungen. Die Väter sehen in der Krippe den Altar, in den Windeln Sein Lendentuch, das ihn am Kreuz allein bekleidete. Hier liegt die wahrhaft eucharistische Opfergabe, von dem sich Ochs und Esel, Juden und Heiden nähren werden. Er ist der Rex absconditus in Seiner Geburt, er ist der Rex absconditus in Seinem Leiden. Aber darin die Krone des messianische Königtums, hier die fleischgewordene Gottheit zu erblicken ... da liegt das Wesen christlicher Erkenntnis."

Zugegeben, es fehlte mir an Wohlwollen gegenüber dem Gelehrten, um mich direkt an einer wohlwollenderen Interpretation zu versuchen. Aber als so eine Stunde später mein Puls wieder halbwegs Normalniveau erreichte, habe ich mir dann doch noch mal die Frage gestellt, ob ich wirklich eine weihnachtliche Freude empfinden kann, wenn ich im Christkind vor allem auch den Schmerzensmann sehe.

Ja, es mag schwieriger sein, wenn wir an Heilig Abend den Karfreitag antizipieren. Anders herum ist es einfacher, von der Auferstehung auf das erduldete, überstandene Kreuz zurückzuschauen. Aber ich kann schließlich doch nicht anders, als hier Freude und Liebe zu empfinden, wo das Erlösungswerk beginnt, ganz verdichtet in seinen zahlreichen Geheimnissen. Er ist ja nicht gekommen, um sich in Bethlehem bestaunen und beschenken zu lassen, sondern um die Menschheit mit Gott zu versöhnen. Das ist doch der eigentliche und wirkliche Grund zur Freude. Nicht, dass Gott Mensch geworden ist - so wunderbar dies auch sein mag - sondern, warum er Mensch geworden ist, cur Deus homo.


Bild: Terrakottamadonna aus dem 15. Jahrhundert in St. Peter am Perlach, Augsburg. Das Jesuskind ist irgendwann verloren gegangen.

Montag, 8. Dezember 2014

Parbleu, ich werde doch nicht etwa heilig?

Nie hat man so viel Appetit wie in der Fastenzeit, ist so zerstreut wie in der Feier der hl. Messe und sündigt so viel wie nach der letzten Beichte. So kommt es einem zumindest manchmal vor, und ich wage zu behaupten, es ist nicht immer nur die durch Gnadenwirken gesteigerte Sensibilität für die heiligen Dinge.
Womöglich ist dieser Beitrag nun kein so schönes Thema für einen derart hohen Festtag, aber die adventliche Zwischenbilanz der Kollegin Theresia hat mich nun doch dazu gebracht, jene Gedanken auf Papier zu bringen, die dieser Tage in meinem Kopf so herumspukten. Außerdem, so schreibt es die Bloggerin, bringt dieses große Muttergottesfest doch auch die nötige Unterstützung für einen neuen Neuanfang im adventlichen Geistesleben.

Ich habe mir schon öfters die durchaus unangenehme Frage gestellt, wann ich mich wirklich einmal grundlegend geändert, verändert, gewandelt, gebessert habe. Ob nicht eine scheinbare Reform des inneren Lebens nicht nur eine kosmetische Änderung war; ich nicht eigentlich nur das weiter tat, was ich sowieso gerne tun wollte? Ida Friederike Görres äußerte sich ganz trefflich über diese Gefahr der Perversion eines großen Gottesgeschenkes an den Menschen, das Gewissen:
»Die Anlage kann auch leise und listig umgemodelt werden zu einem raffinierten Winkeladvokaten meiner Selbstsucht, einem dressierten Sklaven, der mich in jeder peinlichen Lage möglichst vom Gesetz zu dispensieren hat, mich mit höchst einleuchtenden Entschuldigungen zu versorgen und schließlich in hundert Variationen den einen, nie ausgesprochenen Grundsatz zu verwirklichen: im Zweifelsfall ist stets das richtig, was ich lieber möchte.
Ist nicht jeder von uns ein Genie der Ausrede, Frauen wie Männer, wenn es ernstlich darauf ankommt?
«*
Fast möchte ich aber meinen, wenn ich mir der Entschuldigung, der Ausrede noch bewusst bin ... dann habe ich zumindest noch eine Fuß in der richtigen Tür.

Die Suche nach dem Weg des besseren Lebens kann einen das ganze Jahr über umtreiben. In Zeiten wie denen des Advents gewinnt die aber noch einmal eine ganz eigene Qualität. Hier erwarten Kirche und geistliche Schriftsteller von uns Eifer, Besserung, vor allem dieses grässlich überstrapazierte und doch so tiefrichtige Wort: Besinnung.

Zu den Sinnen kommen, da sehe ich auch immer das Hauptmotiv der Erlösungsbitten in der Litanei vom Heiligen Geist: vom Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit, von einem verstockten und unbußfertigen Herzen, von aller Feindseligkeit und Gehässigkeit gegen unseren Nächsten, von aller Unlauterkeit, von aller Unwahrheit, von aller Oberflächlichkeit und Blindheit des Geistes.
Ich kenne vielleicht die vielen Bereiche, wo ich regelmäßig fehle ... und mich regelmäßig von der all zu großen Schwere und dringlichen Änderungsbedürftigkeit freispreche. Aber welche Last kommt da womöglich noch hinzu, die ich in der Blindheit des Geistes zunächst gar nicht zu erkennen vermag, oder erst viel später? Auch hier braucht es eine gründliche Besinnung.

Aber nun sagen wir mal, wir kennen uns, was passiert als nächstes. Die Änderung? Wandel des Lebens?

Es passierte schon, dass ich beim Gebet um Heiligkeit zutiefst erschrak. Da wurde mir ganz plötzlich bewusst, was das denn alles bedeuten kann. Nämlich das Ende des selbstgeschaffenen Refugiums der Lauheiten, der Unvollkommenheiten, dieses Gebietes auch der Zukunftsplanungen und der weltlichen Hoffnungen, welches ich mehr oder minder bewusst Gott vorenthalte. Was bliebe dann noch von mir, was bliebe mir, wenn es denn wirklich geschieht, was ich da spreche: "Nimm mich mir!" So habe ich doch tatsächlich auch eine kleingläubige Furcht vor der Heiligkeit und möchte lieber ähnlich dem jungen Augustinus bitten: Gib mir Heiligkeit, aber jetzt noch nicht.
So bliebe ich ein mechanischer Messbesuchs- und Gebetsapparat, selbstzufrieden mit der abgeleisteten Andacht (es fehlt nur die Stechuhr) ... aber bin sicherlich kein Gnadengefäß.

Überheblich komme ich mir da im Nachhinein vor, als mich mal jemand in einer Diskussion erstaunt fragte, ob ich denn ein Heiliger werden wolle. "Ja", antwortete ich, "wozu mache ich das dann sonst alles?" Sicherlich habe ich es in Momenten großer Gnadengaben geschafft, im vollen Bewusstsein und Inbrunst um Heiligkeit zu flehen. Wenn ich aber das nicht schaffe, so hoffe ich doch, dass es zumindest ein Gebet um die Gabe des Gebetes wird, dass ich fähig werde, das zu erbitten, was ich benötige, um die nötige Hochherzigkeit zu erreichen. Dass das Gebet und die Taten des täglichen Lebens ganz bedingungslos werden. Und eben diese Hindernisse, die ich dem Wirken Gottes in meinem Herzen entgegenstelle, auch noch hinfortgerissen werden ... vom Feuerbrand Seiner Liebe.

Vielleicht schaffe ich es nun, mich tatsächlich darauf zu besinnen, wozu ich all dies hier tue. Und sicherlich kann die unbefleckte Gottesmutter hier Vorbild sein, die, weit davon entfernt, sich mit ihrer Heiligkeit zufriedenzugeben, die der aller Engel und Heiligen bei weitem übertrifft ... auf ihrem irdischen Pilgerwege stets noch weiter in der Liebe wuchs. Und ganz bestimmt kann sie helfen, diese meine - und wer sich mit den Gedanken verbunden fühlen kann, diese unsere - Knoten zu lösen, die uns noch am Fortschritt hindern. In ihr löste der Herr in Hinblick auf Christus den allerersten Knoten der Sünde ... und so wird Schlinge für Schlinge, Band für Band ... dereinst hoffentlich auch unser Lebensknoten in den Händen der Gottesmutter ganz gelöst sein.


*im weiteren Zusammenhang auch bei Invenimus Messiam zu lesen

Immaculata Conceptio est hodie sanctae Mariae Virginis

Maria Knotenlöserin, St. Peter am Perlach, Augsburg

Sonntag, 7. Dezember 2014

Neulich an der Pinnwand - ein kleines Rätsel


Der jüngste Beitrag des Entfachten erinnerte mich daran, dass ich mich jüngst anderswo auch ausgiebig über die Sakramentalität der Ehe äußerte ... ob wohl jemand mein Schaubild unter den Fünfen identifizieren kann? Hinweise dazu finden sich gar auf dieser Seite ...

Die Theologie der Liturgie im Advent: 2. Sonntag

Schon hat sich, gemäß der Prophetie der Sibylle, der Ring der Zeiten geschlossen. Auf die Endzeit folgt wieder die Urzeit mit ihrem Segen, und ein neues Geschlecht wird vom Himmel herabgesandt. Die Erde wird erlöst werden von dem ewigen Graus. Wilde Tiere, Schlangen und Giftkräuter wird es nicht mehr geben.
(Virgil. Eclog. iv.)

Schon wieder - oder immer noch! - ist die Liturgie so dicht, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen oder aufhören soll. Besonders im Offizium hören wir eine so große Freude und Hoffnung der Kirche, dass man beinahe meinen könnte, es sei schon Gaudete-Sonntag. Stationskirche war einst Santa Croce in Gerusalemme, darum spricht die Liturgie heute so viel von Sion und der Stadt. Jerusalem wird zum Bild der menschlichen Seele, die sich nach der Heimkehr zum himmlischen Jerusalem sehnt.
In den Metten wird Isaias 11 gelesen, diese so eindrückliche Prophezeiung von der Wurzel Jesse. Mit Hieronymus, der die Schriftstelle im Brevier auslegt, blicken wir damit auch schon auf das morgige Fest. Der unberührte Zweig, aus dem einzig der Emmanuel hervorblühen wird, ist die unbefleckte Jungfrau Maria. Wie ein andermal schon gesagt, ist sie Gottes eigene Pflanze. Der Widersacher, die Schlange, das Giftkraut ... hat keine Macht mehr über das auserwählte Geschlecht. Dass dieses Aion kommen wird, kommen musste, das wussten bereits die Heiden. Und er kam, sie zu erlösen: ad salvandas gentes, wie es im Introitus heißt. Der Heiland kommt, die Urgerechtigkeit wiederherzustellen, in noch größerem Glanz und erhabenerer Gnade. Er erbaut sich einen neuen Tempel, herrlicher als der Salomons, im Heiligtum der Jungfrau, er ruft die Kinder an Sohnes statt zu seinem heiligen Berge Sion.
Entgegen der Angabe im Missale und im Schott stammen die ersten Zeilen des Eingangsliedes übrigens gar nicht aus Isaias 30, 30, sie sind jedoch im Geistes des Prophetenfürsten verfasst.

Zur Oration kehrt der adventliche Ernst zurück. 
Rüttle auf, o Herr, unsere Herzen, auf dass wir Deinem Eingeborenen die Wege bereiten und Dir zu dienen vermögen mit einem Herzen, geläutert durch die Ankunft Dessen, der mit Dir lebt. (Schott)
Hier haben wir das Gegenstück, die Ergänzung zur Kollekte der letzten Woche. Auch wenn wir diesmal nur eine einzige Imperativform vorfinden, welche das Gebet nicht ganz so kräftig wirken lässt wie das des vergangenen Sonntags, so beginnt auch dieses wieder mit Excita, rüttle auf. Da war es Christus, den die Gläubigen aufrufen, seine Macht aufzubieten und zu kommen. Diesmal wird Gott gebeten, die Herzen der Gläubigen zu reinigen, um das Kommen des Erlösers vorzubereiten. 

Im 1. Advent bezieht sich das Gebet auf Gottes Anteil am Gnadenwirken in unseren Herzen, Sein divinum opus, Sein Gotteswerk. Im 2. Advent geht es um unseren Teil, rüttle unsere Herzen auf, damit wir die uns dargebotenen Gnaden empfangen mögen. 
Die Kollekte hat drei spezifische Zwecke im Blick: zuallererst sollen unsere Herzen die Wege Seines Sohnes bereiten. Hier hören wir den Widerhall der Aufgabe des Täufers, von Isaias vorausgesagt; wie auch die Passage aus Malachias, welche der Heiland in der heutigen Evangelienperikope rezitiert. Wir sollen bereit gemacht werden für die liturgische und geistliche Ankunft des Erlösers. Und der Weg dieser Rüstzeit ist der Weg der Buße, an den uns das Echo der Täuferbotschaft erinnert.
Der zweite Zweck besteht darin, dass durch unser Empfangen der Ankunft Christi die Herzen (eigentlich: die Seelen, die Geister, der Verstand) rein gemacht werden sollen. Das Partizip Perfekt Passiv gemeinsam mit der Präposition per soll die Hoffnung darauf deutlich machen, dass unsere Herzen geläutert wurden, und zwar durch die Ankunft des Sohnes. Wir können uns nicht aus eigener Kraft reinigen.
Der dritte Zweck besteht in unserer Fähigkeit, Gott mit geläutertem Herzen zu dienen ... und dies tatsächlich auch zu tun!

Also ersucht die Oration vom Tage all die genannten Gnaden von Gott: er möge unsere Herzen läutern, damit sie die Wege des Eingeborenen bereiten, und dass unsere Vorbereitungen so geraten, dass unsere Herzen, unser Geist und unsere Seelen geläutert werden als Folge der Ankunft Christi; und wir Gott in diesem gereinigten Zustand dienen können. 

Ich denke, es ist wieder einmal klar geworden, was ich bereits in der letzten Folge dieser Reihe sagte. Die Gebete der Adventssonntage sind vor allem eine Gnadenkatechese. Auch das Stillgebet macht dies ersichtlich:
Wir bitten Dich, o Herr: lasse Dich versöhnen durch unsre demütigen Gebete und Opfergaben, und da keine eigenen Verdienste zu unsern Gunsten sprechen, so eile uns mit Deinem Schutz zu Hilfe. (Schott)
Die Erlösung ist nichts, was wir verdienen können. Darum bitten wir um die himmlischen Gnaden für unsere Errettung.

Doch neben den vielen messianischen Gedanken und der Gnadenthematik finden wir im Advent auch immer wieder eschatologische Motive. So hier im Stufengesang: Gott wird sichtbar kommen und versammelt Seine Heiligen um sich. Es besteht ein tiefer innerer Zusammenhang zwischen der ersten Ankunft als Säugling in der Armseligkeit der Krippe und der zweiten Ankunft des Richters mit seinen Heiligen in Herrlichkeit. Hier haben wir den Anfang und das Ende des messianischen Zeitalters.

Samstag, 6. Dezember 2014

Was ist Moraltheologie?

»Moraltheologie ist die Wissenschaft von der Nachahmung Gottes.«
Garrigou-Lagrange: De Beatitudine, de actibus humanis et habitibus, in Ermangelung des Originals entnommen der englischen Übersetzung und Zusammenfassung von Patrick Cummins: Beatitude. London u.a.: Herder 1956, S. 3.

Retractationes

Entgegen meiner gestrigen Behauptung, es gäbe bei mir zu Nikolaus nur liturgische Kost und keine Schokolade ... erwies sich der Heilige doch als freundlicher Freund und brachte mir, ganz im Geiste unserer Zeit, heute durch die Hände einer freundlichen Nachbarin (ohne Bart) ... ganz christusähnlich, so fällt es mir gerade beim Schreiben erst auf ... sich selbst als Speise dar!


Okay, sein Ornat scheint mir reichlich modern zu sein, aber immerhin trägt er die Stola nicht über der Kasel. Außerhalb seiner Jurisdiktion (wir sind ja nicht in Myra) führt er keinen baculum pastorale mit sich, auch das ist ganz korrekt.

Freitag, 5. Dezember 2014

Lobet, ihr Kinder, den Herrn, es ist St. Nikolaus!


In meinem Heimatorts kam und hoffentlich kommt immer noch nach alter katholischer Sitte* am Abend des 5. Dezembers der heilige Nikolaus, um die Kleinen zu beschenken. Dass Feste mit der 1. Vesper beginnen ist natürlich ältester Brauch der Kirche, der leider seit den pianischen Reformen fast gänzlich verloren gegangen ist. Ein Schatz, der uns nicht nur von der alten Kirche, sondern auch von unseren östlichen Glaubensbrüdern trennt. Aber das wäre ein Thema für einen anderen Anlass.
Der Nikolaus hat mir heute auch schon eine kleine Bescherung bereitet, und zwar eine liturgische. Jedoch, das muss ich zugeben, keine in der römischen Liturgie. In dieser ist der Bischof von Myra nämlich wahrlich nichts besonderes. Römische Liturgiepuristen mögen mich womöglich schelten, aber ich mag wirklich diese ganzen Eigentexte, die wir noch in manchen Ordens- und Teilkirchenliturgien finden können. Das war auch nicht ganz immer so. Nachdem ich die Liturgie immer mehr studierte, z.B. insbesondere mit Andreas Jungmanns Missarum Sollemnia, wurde ich auch ein wenig von dieser Begeisterung für die römische Nüchternheit angesteckt, die fast schon etwas aszetisch Strenges an sich hat. Oder zumindest von der Vorstellung, welche sich die Liturgiewissenschaftler dieser Zeit so davon machten. Dabei half außerdem nolens volens auch die Erfahrung mit, die ich in alt-molchlerischen Gemeinden so sammelte, bei denen mir vor lauter Sonderdevotionen und Süßlichkeit beinahe schlecht wurde.

Dann folgte das Entwöhnprogramm, eine rituelle Abspeckkur. Über zwei Jahre neue Messe. Ich konnte mich sogar anfangs wirklich dafür begeistern, las die editio typica und erfreute mich zeitweise an den ganzen Elementen aus den alten Sakramentaren, Homilien undsoweiterundsofort. Sogar das neue Stundengebet betete ich.
Aber es hat gar nicht sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe - hier verkümmere ich. Mir fehlt das Seelenbrot, das ich so dringend brauche. Oder besser: eben nicht nur Wasser und Brot, auf Dauer doch eine Folter- und Elendskost ... es fehlte Öl und Fett und jener gute Wein, der der Menschen Herz erfreut. Mit meinem Geistesleben ging es ganz schön bergab, freilich mag nicht nur die Reform daran schuld sein. Meine Idealvorstellung von Liturgie wurde aber mal wieder zurechtgerückt.

Nun, was wollte ich jetzt eigentlich? Achja, nur ein paar Zeilen und ein Bildchen zum Nikolo einstellen. *hust* Im Dominikanerritus hat er den Rang eines Duplex-Festes, zur 1. Vesper wird das Festoffizium gesungen, welches mit Psalm 112 beginnt: Laudate, pueri Dominum; lobet, ihr Kinder, den Herrn! Und statt Schokolade gibt es für mich diesen Abend folgende Antiphon super Psalmos:
Amicus Dei Nicolaus, pontificatus decoratus infula, omnibus se amabilem exhibuit.
In lateinischer Sprache hört sich das nun noch ganz nobel-würdevoll an, aber auf deutsch fand ich das einfach urkomisch und unwahrscheinlich passend zum Fest des Kinderbischofs:
Der Freund Gottes, Nikolaus, mit der bischöflichen Mitra geschmückt, erwies sich allen freundlich. 
Wie kann man da nicht an die vielen Nikoläuse denken, so ganz ohne Weihe, aber doch mit Mitra geschmückt und allen freundlich?
Ein bisschen liturgische Süßigkeit konsumiere ich also durchaus gerne, denn ganz so asketisch wie der Bischof bin ich dann doch nicht, der Legende halber schon als Säugling an Fastentagen die Muttermilch zurückwies. Ich brauche dagegen noch die nahrhafte Milch der Mutter Kirche, damit ich auch irgendwann mal groß und stark werde ...


*Eigentlich wollte ich "nach altkatholischer Sitte" schreiben, aber das könnte man womöglich falsch verstehen. Die Zugezogenen evangelischen Kinder bekamen zumeist erst am 6. Geschenke, aber um diesen zeitlichen Nachteil auszugleichen, passten auch die sich irgendwann größtenteils der Umgebung an.

Bild: aufgenommen in St. Nikolaus, Stadtbergen

Geht es in der Theologie um Gott? (STh Ia q. 1 a. 7) Teil I

Diese Frage scheint auf den ersten Blick reichlich spät zu kommen und man könnte meinen, die Antwort wäre ziemlich selbstverständlich - hätten uns heurige Theologen nicht schon davon überzeugt, dass es scheinbar möglich ist, den Höchsten so gut es geht aus der Theologie zu verbannen.

Eine Wissenschaft wird eigentlich durch ihren Gegenstand bestimmt, die Biologie zum Beispiel dadurch, dass sie sich allen Lebewesen widmet. Alles andere ergibt sich dann daraus, aber das müssen wir zuallererst wissen. Thomas geht zu Beginn seiner Summa ein bisschen anders vor. Er ist sozusagen auf der Jagd nach einer wirklich wissenschaftlichen Definition von Theologie. Das habe ich hier bereits angedeutet. Bislang reichte es aus, dass wir die Theologie als Wissenschaft von Gott bezeichnet haben, die aus der Offenbarung abgeleitet ist. Jetzt wollen wir es genauer wissen.

Thomas sagt jetzt förmlich, dass der Gegenstand der heiligen Theologie Gott in Seinem innersten Leben ist. Nicht Christus als Mittler, nicht die Sakramente, nicht die Gottesverehrung, nicht das Übernatürliche im Allgemeinen, nein: um Gott selber geht es.
Nur stehen wir hier schon vor einem ziemlich großen Problem, welches wir beim Vorbeigehen schnell übersehen. Aber nicht Thomas, der Meister geht langsam ... seine Lästerer würden vielleicht sagen, das musste er ja auch, weil er so schwer war. Wie dem auch sei, die anderen Wissenschaften wissen durch die Definition ihres Gegenstandes, was derselbe ist, und leiten daraus Eigenschaften ab. Die Wissenschaft muss von ihrem Gegenstand wissen, was er ist. Die Mathematik z.B. weiß sehr genau, was es mit der Quantität auf sich hat, sie ist ein Ausdruck von numerischen Werten oder Ausmaßen. Aber jetzt kommt's:

Wir wissen nicht, was Gott ist.

Das sagt auch nicht Thomas als allererster, es ist eigentlich ein ganz uralter Gedanke. Der Damaszener drückt ihn ganz schön aus, in dem sagt: »Es ist unmöglich zu sagen, was Gott ist.« Um zu wissen, was die Gottheit wirklich ist, müssten wir sie gesehen haben. Das wird uns aber im Stande der Pilgerschaft nicht zuteil. Beim Meister ist dieser Gedanke so zentral, dass Johannes Roger Hanses sein Buch danach benennt. Ein weiteres Problem gibt es auch noch: es stimmt nämlich gar nicht, dass wir in der Theologie nur Gott behandeln, wir reden doch von allen möglichen Dingen - wir wir neulich gesehen haben sogar davon, ob man in der Fastenzeit eine heiße Schokolade trinken darf bzw. durfte. Tangiert Gott das in Seinem innersten Leben?

Thomas gibt zunächst zwei ganz einfache Antworten:

1) Wenn wir von Theologie reden, impliziert der Name bereits eine Diskussion von und über Gott.
2) Der Gegenstand einer Wissenschaft ist das, unter welchem Aspekt alle Dinge die Wissenschaft betreffen. In der Theologie aber werden alle Dinge in Bezug zu Gott unter dem Aspekt Gottes betrachtet, sub ratione Dei. Deswegen ist Gott unter dem Aspekt Gottes Gegenstand der Theologie.
Noch einfacher gesagt: Irgendwie hängt alles mit Gott zusammen, und wie es das tut, davon sprechen wir in der Theologie.

Wenn wir das jetzt etwas auseinander nehmen wollen, müssen wir im Gegenstand Subjekt und Objekt unterscheiden. Am besten mal wieder an einem Beispiel. Das Subjekt der Medizin ist der menschliche Körper unter dem Aspekt der Gesundheit. Alles andere betrachtet die Medizin in diesem Zusammenhang, etwa irgendwelche chemischen Mittelchen. Nicht etwa, um vielleicht mit irgendeinem Stoff die Wäsche schonender zu waschen, sondern einzig und allein unter dem Gesichtspunkt, wie er der Gesundheit weiterhilft. In der Chemie kann das ganz anders aussehen, die betrachtet vielleicht sogar genau die gleiche Zusammensetzung, aber mit ganz anderen Zielen - vielleicht die Beibehaltung der Farbechtheit beim Wäschewaschen. (Pardon, ich habe hier gerade Wäsche hängen, deshalb diese Beispiele...) 
Das Objekt kann sich die Wissenschaft also mit vielen anderen teilen, das Subjekt ist dagegen wesentlich bestimmter.


So viel für heute, das ist alles mal wieder viel länger geworden, als ich geplant habe. Den nächsten Teil reiche ich sehr bald nach.