Sonntag, 30. November 2014

Die Theologie der Liturgie im Advent: 1. Sonntag

Regem venturum Dominum, venite, adoremus.
Den König, der da kommen soll, kommt lasset uns anbeten!

Die Adventszeit ist liturgisch so dicht wie kaum eine andere. Und unwahrscheinlich gefühlsgeladen, so empfinde ich es zumindest. Da ist die Freude auf den kommenden Erlöser, da die Ankündigung des Weltgerichts, da ist das Alleluja und das Flehen um Erlösung.
Gleich zur 1. Vesper vom Sonntag und heute morgen zur Laudes war ich ganz überwältigt von der Fülle, mit der die Kirche uns in diese neue Jahreszeit willkommen heißt. Besonders bewegt hat mich die Antiphon No. 4 zur 1. Vesper und zu den Laudes:
»Omnes sitientes, venite ad aquas: quaerite Dominum, dum inveniri potest, alleluja.« 
All ihr Dürstenden kommt zu den Wassern, suchet den Herrn, solange er zu finden ist, alleluja.
Solange er zu finden ist! Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir noch die Gelegenheit haben, ihn zu finden. Und wie sehr spürte ich beim Rezitieren den Widerstreit zweier Gefühle in meiner Seele: Den Schmerz, wider besseren Wissens nicht die Quelle des Herrn gesucht zu haben ... und die Dankbarkeit, dass er mich doch wieder mit seiner Gnade überwältigt und zu sich genommen hat. Er hätte das nicht tun müssen. Er hätte mich verschmachten lassen können, ja, sterben, fern von ihm. Drum ist es eine überaus wichtige Übung, um die Gabe der Beharrlichkeit bis zum Ende zu bitten.
Ausdruck und Antwort für dieses Gefühlschaos fand ich dann auch wieder in der Liturgie, im Laudeshymnus, wo es heißt: »Siehe, das Lamm ist zu uns gesandt, umsonst zu tilgen unsere Schuld: allesamt wollen wir unter Tränen um Verzeihung bitten.«

Die Sorge und Angst um unser Seelenheil wegen unserer vielen Sünden und unserer Sündhaftigkeit ist auch Thema der Kollekte: Biete Deine Macht auf und komm! Veni! Wir wollen nicht nur vor den Gefahren unserer Sünden durch das Kommen des Herrn in Macht geschützt werden, sondern wir verlangen mit der Imperativform, dass er kommen soll, um uns zu befreien und zu erlösen. Gregor der Große gibt der Oration einen Klang von Bußgeist und Gnadenlehre. Das Kommen des Herrn bezeichnet das Primat Gottes im Erlösungswerk. Allein gelassen, können wir nur zur Sünde und zum Bösen neigen. Deswegen veni, wir können ja nichts ohne ihn!
Dieser Ruf gewinnt durch das Fehlen einer Faktenaussage - der übliche qui-Einschub (der Du...) - um so mehr an Eindrücklichkeit. Es wird nicht an eine bestimmte Eigenschaft Gottes appelliert, kein Motiv genannt, es steht lediglich die Bitte in der erbärmlichen Nacktheit, in der wir vor Gott stehen.
Wir bitten Christus, seine Macht aufzubieten und zu kommen. Und zwar, um »aus den Gefahren, die wegen unserer Sünden uns drohen, durch Deinen Schutz entrissen und durch Deine Erlösungstat errettet zu werden.« (Schott) Entgegen dieser Übersetzung stehen hier aber eigentlich nicht die erwarteten und üblichen Substantive, z.B protectione tua, sondern Partizipien, te protegente. Wörtlich müsste es also heißen: durch Dich schützend entrissen und durch Dich befreiend errettet. Dies betont sowohl die persönliche Gegenwart Christi als auch seine Tätigkeit, schützend und befreiend. Die Parallelstellung beschreibt die Ankunft Christi, durch die er uns vor den Gefahren der Sünde schützt und uns zur Erlösung führt, und zwar durch fortdauernden Tätigkeiten (durch die aktiven Partizipien). Somit betont das Kirchengebet nicht nur das Bewusstsein unserer Heilsbedürftigkeit, sondern vor allem auch, dass Christi Macht genügt, um uns zu erretten.

Die selbst für römische Verhältnisse stark komprimierte Oration spiegelt in ihrer Komposition auch die Art und Weise wieder, wie Christus handelt, nämlich geschwind, kraftvoll, sicher. Die Gefahren unserer Sünden sind auch offensichtlich nicht nur die Verfehlungen selbst, sondern all ihre schädlichen Auswirkungen, sei es der geschwächte Wille, schlechte Gewohnheiten, Anhänglichkeiten und so weiter...
Ich meine auch, in pro-tegente, wörtlich "über-decken", doch auch etwas von der heutigen Lesung zu sehen, in der uns der Völkerapostel mahnt, den Herrn Jesus Christus anzuziehen. Und durch dieses Anziehen des neuen Menschen werden wir tatsächlich frei.

Zuletzt sei noch eine Bemerkung gestattet. Die in der Kollekte an Christus gerichtete Bitte fällt vor allem auch dadurch auf, dass sie nicht erfleht, dass wir irgendetwas tun, sondern einfach nur, dass Christus all dies für uns tut. In der Eindringlichkeit, dem Bewusstsein der Not, der Direktheit, dort liegt die kraftvolle Seele dieses Gebetes vom 1. Adventssonntag.

Zum Tagesgebet im Neuen Ritus, dem Sacramentarium Gelasianum entnommen und arg zurechtgestutzt, ließe sich auch noch einiges sagen. Aber ich denke, für heute ist es genug.

Samstag, 29. November 2014

Zum Andvent


Cum pervenisset * beatus Andreas ad locum, ubi crux parata erat, exclamavit et dicit: O bona crux, diu desiderata, et iam concupiscenti animo praeparata: securus et gaudens venio ad te, ita et tu exsultans suscipias me discipulum eius, qui pependit in te.
Als der heilige Andreas an den Ort gelangte, wo das Kreuz bereitet war, rief er laut und sprach: O gutes Kreuz, lange ersehnt und schon für die verlangende Seele bereitet, unbekümmert und freudig komme ich zu Dir; so nimm auch Du mich jubelnd auf, den Jünger dessen, der an Dir gehangen hat.
Magnificat-Antiphon der II. Vesper vom Fest, Römisches Brevier, Übersetzung aus dem zweisprachigen Diurnale Romanum, herausgegeben von der Petrusbruderschaft, Thalwil 2011 

Bild: Apostel Andreas im ehemaligen Kollegiatsstift St. Moritz, Augsburg. Sechs Figuren Ehrgott Bernhard Bendls in der gleichen Kirche überlebten den Bombenangriff vom 25./26. Februar 1944 nicht. 

Die Theologie der Liturgie im Advent: Einleitung

Wie vorige Woche leise mit einigen Vorbemerkungen angekündigt, möchte ich mich zu den diesjährigen Adventssonntagen an einer kleinen Serie zur Theologie der Liturgie versuchen - ich hoffe, es möge mir halbwegs gelingen. Natürlich wird es sich dabei nicht um eine erschöpfende Darstellung handeln, ich greife mir lediglich hier und da Aspekte heraus, die mir passend erscheinen ... und über die ich etwas sagen kann. Zu Hilfe nehme ich mir dazu den hier schon so oft zu Worte gekommenen Kardinal Schuster, aber auch Dom Gueranger und ganz besonders Prof. Lauren Pristas.

»Als der Heiland seine Jünger über den Advent des Reiches Gottes und über das Ende der Zeiten dieser Welt belehrte und in den Aposteln die gesamte Kirche unterwies, sprach er: "Achtet auf euch selbst, dass eure Herzen nicht etwa beschwert werden durch Völlerei und Trunkenheit und Sorgen dieses Lebens!" . Diese Warnung bezieht sich, Geliebteste, offenbar ganz besonders auf uns, denen jener angekündigte Tag zwar verborgen, aber zweifellos nahe ist, denn auf den Advent muss sich jedermann rüsten, damit dieser niemand findet, der seinem Bauche frönt oder in weltlichen Geschäften aufgeht.«
Leo der Große († 461): Sermo XIX. 8. Predigt über das Fasten im Dezember
Die Ursprünge der Adventszeit liegen selbst für die liturgiegeschichtliche Forschung unserer Tage noch im Dunkeln. Als sicher kann man annehmen, dass sie zuallererst außerhalb Roms begangen wurde und erst später Einzug in die Ewige Stadt fand. Um so erstaunlicher die Predigt Papst Leos anlässlich der Quatembertage im Dezember, in der in wenigen Zeilen gleich zweimal die Rede vom Advent ist - in einer Zeit, in der es in Rom nachweislich noch gar keinen Advent gab. Noch verwunderlicher ist aber sicherlich, dass der Heilige Vater in der ganzen Predigt das anstehende Weihnachtsfest mit keinem Worte würdigt. Das römische Dezemberfasten ist also keine Vorbereitung auf das Geburtsfest des Erlösers, sondern eine Rüstzeit für das Endgericht. So kannte man in Rom zu Zeiten Leos zwei verschiedene Dezemberbräuche: Die Vorbereitung auf die Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit und das Fest Seiner Geburt. Beide Gedanken sollten den liturgischen Charakter dieser Jahreszeit entscheidend prägen.

Aus dem 6. Jahrhundert ist uns ein capitulare erhalten, welches die Lesungen und Evangelienperikopen der Dezember-Quatember sowie die einer sechswöchigen Adventszeit auflistet. Mit einer Ausnahme werden die gleichen Quatembertexte in der gleichen Reihenfolge noch heute in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus verwendet! Hier handelt es sich aber bereits um eine Weihnachtskatechese mit den Prophezeiungen des Alten Testamentes aus Isaia und der Evangeliengeschichte der Verkündigung, Heimsuchung und der Predigt des Täufers. Buße tun, das ist auch hier wieder Abschluss und Höhepunkt der liturgischen Unterrichtung. Alle Lesungen der sechs Adventssonntage haben einen dreifachen Charakter: Sie enthalten moralische Ermahnungen, weisen auf das Kommen des Herrn hin ... und sie sind eindeutig zweideutig. Die Ankunft Christi kann in Gnade und im Fest, oder aber im Gericht und in Herrlichkeit gedeutet werden. Beides steht in einem inneren Zusammenhang. Die Christgläubigen sollen an die Wiederkunft erinnert werden, damit sie sich um so mehr auf die Ankunft in Gnade zum Weihnachtsfest vorbereiten, geistlich und sittlich.

Endgültig und dauerhaft fixierte Papst Gregor der Große († 604) den Charakter der Adventszeit bis zur Liturgiereform im Schatten des II. Vatikanischen Konzils. Die Vierzahl wurde festgelegt, den Quatembertagen andere Kollekten zugewiesen. Nur eine Epistel der oben erwähnten sechswöchigen Adventszeit (der 6. Sonntag fiel immer aus) wurde gestrichen, somit erhielt sich der eschatologische wie ermahnende Charakter und wurde vertieft.
Die Orationen, die Gregor den Sonntagen und Quatembertagen zuweist und wohl teilweise auch selbst verfasst hat, bestimmen letztendlich den geistlichen Gehalt dieser kirchlichen Jahreszeit. Er besteht weniger in der schlichten Erwartung des Herrn als vielmehr in der Art und Weise, wie wir auf ihn warten: nämlich in dem tiefen Bewusstsein unserer Not und im völligen Vertrauen auf Seine Macht, Güte und Barmherzigkeit. Die Kollekten geben die Gnadenlehre der Kirche wieder, während die Lesungen uns zur sittlichen und geistlichen Wachsamkeit ermahnen - so ergibt sich also eine fein ausbalancierte adventliche Theologie, die auf jede Art der Ankunft Christi verweist. Seine Fleischwerdung in der Menschheitsgeschichte, Sein Geburtsfest zu Weihnachten, Seine Einwohnung in Gnade und Seine Wiederkunft in Herrlichkeit.

Freitag, 28. November 2014

Tractatus Saccharino-Moralis


Um der Forderung des Kollegen von Kikreukreu gerecht zu werden, und um auch noch ein klein wenig zur hier und da in der Szese aufgetischten präkonziliaren Moraltheologie/Kasuistik beizutragen ... hier ein Exzerpt aus des hl. Alfons Maria Liguori Moraltheologie, die, schaut man sich die römischen Verlautbarungen so an, quasi mit ihm heiliggesprochen wurde. Mir juckte es nämlich ehrlich gesagt arg in den Fingern, die Kasuistik der Vorangegangenen zu verteidigen, obgleich ich sie als alter Dominikaner auch nicht vollkommen unkritisch sehe* - einen Ansatz dazu habe ich in der Vergangenheit schonmal gebracht. Doch hier nun der Text. Sollte sich jemand berufen fühlen, so möge er ihn übersetzen.

Was die Alten einst gebetet: Sacrosanctae



»Knock, knock!«, (nein, nicht »Who's there?«) so tönt es im Chorgestühl, wenn der Offiziant die Hore "anklopft". Was tun die Choristen vor Beginn des Gotteswerkes? Natürlich auch ein Gotteswerk, sie knien da und beten. Doch nicht irgendwas. Ehedem flocht sich gleichsam ein kleiner Kranz aus Gebeten um das Divinum Officium, ohne welchen letzteres gar nicht mehr zu denken war. Ich entflechte diesen Kranz einmal von hinten nach vorne.

Das Gebet Sacrosanctae, welches man nach dem Amte zu beten pflegte, wurde von Papst Leo X. verfasst. Es soll Nachsicht für die aus menschlicher Schwäche während des Offiziums begangenen Fehler erbitten - wer schon mal regelmäßig die Horen gesungen hat, weiß, wie viel da schief gehen kann - und Wiedergutmachung leisten.
Pflichtprogramm war dieses Gebet nun nicht, aber eine empfohlene und löbliche Praxis. Die weiland auch so gehalten wurde, in vielen Kapiteln verließ man sogar das Gestühl nie, ohne das Sacrosanctae zu verrichten. Durch das Reimschema und die Schönheit der Oration lässt sich dieselbe auch wie von selbst auswendig lernen.

Sacrosanctae et individuae Trinitati, crucifixi Domini nostri Jesu Christi humanitati, beatissimae et gloriosissimae semperque Virginis Mariae foecundae integritati, et omnium Sanctorum universitati sit sempiterna laus, honor, virtus et gloria ab omni creatura, nobisque remissio omnium peccatorum, per infinita saecula saeculorum. Amen.
R/ Beata viscera Mariae Virginis, quae portaverunt aeterni Patris Filium.
V/ Et beata ubera, quae lactaverunt Christum Dominum. 

Der hochheiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, der menschlichen Natur unseres gekreuzigten Herrn Jesus Christus, der fruchtbaren Unversehrtheit der seligsten und glorreichsten und immerwährenden Jungfrau Maria und der Gesamtheit aller Heiligen sei stets Lob, Ehre, Kraft und Verherrlichung von allen Geschöpfen, und uns Nachlass aller Sünden, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
R/  Selig sei der Schoß der Jungfrau Maria, der den Sohn des Ewigen Vaters trug.
V/ Und selig sei die Brust, die Christus den Herrn nährte.

Im Anschluss Pater und Ave.

Bilder: Breviarium Romanum. Editio undevicesima juxta typicam. Tours: Mame und Söhne 1932.

Donnerstag, 27. November 2014

Selfie zum Tage



Domine Jesu Christe, qui beatissimam Virginem Maríam, Matrem tuam, ab origine immaculatam innumeris miraculis clarescere voluisti: concede; ut, ejusdem patrocinium semper implorantes, gaudia consequamur aeterna.
O Herr Jesus Christus, der Du die allerseligste Jungfrau Maria, Deine Mutter, von Anbeginn unbefleckt, mit zahllosen Wundern verherrlichen wolltest: Gewähre uns, dass wir, immer ihr Patronat erflehend, zur ewigen Freude gelangen mögen.
(Kollekte vom Fest Unserer Lieben Frau von der Wundertätigen Medaille, Missale Romanum p.a.l.)

Danke, Mutter, danke, für die Wunder, die Du an mir wirktest ...

Guter Grund



aus Garrigou-LagrangeDes Christen Weg zu Gott. Aszetik und Mystik nach den drei Stufen des geistlichen Lebens (Bd. II). München, Waldsassen: Rex-Verlag Luzern 1952, S.843.

Schlechter Grund


aus Garrigou-LagrangeDes Christen Weg zu Gott. Aszetik und Mystik nach den drei Stufen des geistlichen Lebens (Bd. II). München, Waldsassen: Rex-Verlag Luzern 1952, S.842.

Mittwoch, 26. November 2014

Das geistliche Gebäude


»Dies [mag] alles ein wenig kompliziert und unübersichtlich erscheinen; aber man findet die erhabene Einfachheit der göttlichen Dinge in all dem wieder, wenn man folgende wesentliche und leicht faßliche Erwägung zu Grunde legt: (...) wenn eine tiefe Demut und wahre übernatürliche Nächstenliebe vorhanden sind, ein starkes Zeichen der wachsenden Gottesliebe, - dann geht alles gut! Warum? Weil dann Gott durch Seine sieben Gaben das ergänzt und aus freien Stücken schenkt, was etwa an menschlich erworbener Erfahrung und natürlicher Energie mangelt. Immer wieder kommt Gott dann, uns unsere Aufgaben und Pflichten in Erinnerung zu rufen, und hilft uns mit Seiner Gnade, sie recht zu erfüllen."'Den Demütigen nämlich gibt Gott Gnade", und Er versagt sich niemals denen, die sein großes, einfaches, und doch alles umfassendes Gebot der Liebe erfassen: "Liebet einander so, wie Ich euch geliebt habe! An diesem Zeichen werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid!"«
Garrigou-Lagrange: Des Christen Weg zu Gott. Aszetik und Mystik nach den drei Stufen des geistlichen Lebens (Bd. II). München, Waldsassen: Rex-Verlag Luzern 1952, S.580.
Bild: Ebd., S. 581.

Dienstag, 25. November 2014

Eine volkstümliche Heilige

Dies Martyrium lasst uns künden,
welchs' die Jungfrau herrlich litt:
dass die Gemme, kostbar scheinend
in die Geisteswohnung tritt
und die Dunkelheit vertreibend
nimmt uns zu den Höhen mit.*

Katharina von Alexandrien ist eine der Heiligen, bei der man sich fragen mag, wem sie nicht Patron ist. Jungfrauen und Eheleute, Theologen und Philosophen, Lehrer und Schüler, Wagner und Müller und viele Berufsgruppen, Städte und Schulen mehr. Dass sich jeder gerne unter die Schirmherrschaft einer als so wirkmächtig geltenden Heiligen stellen wollte, ist wohl verständlich.
Schwerer tuen wir uns heute damit, so scheint es mir zumindest, uns so gänzlich auf diese Art von Heiligen einzulassen, deren Leben im Dunkel der Geschichte zu verschwinden droht ... im Fall der Katharina bleibt uns gar nur die Legende. Die Altvorderen hatten da keine Hemmungen, wie die zahlreichen Bilder, Statuen und Altäre in den Domen, Kirchen und Kapellen künden. Ich will meinen, diese volkstümliche Andacht - und volkstümlich keinesfalls in einem pejorativen Sinne - fußt nicht nur auf wundersamen Geschichten, sondern aus dem Glaubensleben und der Glaubenserfahrung der Bevölkerung. "Die Vierzehn Nothelfer sind für uns Bauern wichtiger", so ließ ein Autor ein Urgroßmütterchen in seinem Buche sagen, "als für euch Städter die Tram-Bahn."
Die vorangegangenen Generationen hinkten hier keinesfalls uns hinterher, die wir zumeist doch lieber größeres Vertrauen auf Menschwerk setzen, sondern sie waren uns voraus: Durch die Fürsprache der Heiligen wendeten sie sich direkt an die Erstursache. Und die höchste Ursache bringt immer auch die größten Effekte hervor ... während wir uns oft, ganz horizontal denkend, mit dem Wirken von untergeordneten Zweitursachen begnügen.

Gewissen Kirchenmännern begann im letzten Jahrhundert diese Heiligenverehrung peinlich zu werden, sie erröteten bei dem Gedanken, nicht auf ein historisch sicher belegtes Grab, wenigstens auf ein altes Pergament verweisen zu können. Ob sie nicht darauf kamen, dass der Glaube der Kirche womöglich sicherer ist als alle alten Knochen und schweren Folianten zusammen?
Die Gelegenheit, der Volksfrömmigkeit Einhalt zu gebieten, ergab sich dann, na, ihr wisst schon wann. Die auf dieser Seite vielgescholtenen Liturgiereformer beendeten den universalen Katharinenkult mit einem einzigen Federstrich.
Heute morgen schaute ich mir das ganz feierliche Festoffizium aus dem Dominikanerbrevier an. Und man könnte fast meinen, der Verfasser der Magnificat-Antiphon mahne mit seinen Worten die zukünftige Kirche:
Inclita sanctae Virginis Catharinae solemnia suscipiat alacriter pia mater Ecclesia. Ave, Virgo Deo digna, ave, dulcis et benigna!  Obtine nobis gaudia quae possides cum gloria.
Möge unsere heilige Mutter Kirche dies ehrwürdig ruhmreiche Fest der seligen Jungfrau Katharina eifrig begehen. Sei gegrüßt, Gottes würdige Jungfrau, sei gegrüßt, Du Süße und Milde! Erlange für uns die Freuden, die du in Herrlichkeit besitzt.
Auf einem Nachbarblog las ich den frommen Wunsch, die Heilige möge uns ihr geistiges Schwert wider die Irrlehrer unserer Tage leihen. Recht hat der Kollege - nicht ohne Grund feierte der Predigerorden dieses Fest mit besonderem Pomp - doch mich hat noch ein anderer Aspekt dieser Geschichte angesprochen. Die fünfzig Weisen neigten in Ehrfurcht ihr Haupt vor der größeren Weisheit der Katharina. Sie gaben ihr placet, weil sie die Wahrheit erkannten, sich nicht stur und steif wiedersetzten ... wo es nicht nur von ihnen erwartet, sondern auch verlangt wurde. Das ist die wahre Geistesgröße, die wahre Demut eines Gelehrten, sogar und gerade vor diesem jungen Mädchen. Und sie erlitten für ihr Bekenntnis, begleitet vom Gebet der Jungfrau-Märtyrin, selber das Martyrium.

Mögen auch wir uns nicht verstocken, und mögen auch wir fähig sein, Wahrheit zu erkennen und zu bekennen - dazu verhelfe uns die Fürsprache der hl. Katharina von Alexandrien und die der fünfzig Weisen. Amen.

PS: Ihr Gedenktag wurde glücklicherweise 2002 und 2004 in das Römische Messbuch bzw. das Martyrologium wieder eingefügt. Deo gratias!

* dem lateinischen Katharinenhymnus nachgedichtet

Montag, 24. November 2014

In ewigem Schweigen

»Ein Wort nur sprach der Vater, das war sein Sohn, und er raunte es immer noch in ewigem Schweigen; und nur im Schweigen bleibt es der Seele vernehmbar.«
Johannes vom Kreuz, Maximen 21

Die wunderbare Wirkung der lateinischen Messe



Heute flatterte mir Werbung vom Heiligenkreuzer Be&Be-Verlag ins Haus, von dem ich immerhin schon zwei Bücher im Regal stehen habe, eins lese ich gerade. Das vom Bestseller Numero eins, so ganz zielgruppenorientiert, gerade die lateinische-Messe-Molche* angesprochen sind, dürfte diverse Cliches mal wieder eindrucksvoll bestätigen ...   

*(Altmessler sind die Zisterzienser aus dem Wienerwald ja nun nicht)

Um unsere Finsternis zu Erhellen - Präfation am Fest des hl. Johannes vom Kreuz

»... durch Christus unsern Herrn. Denn Du hast uns den seligen Johannes, Deinen Bekenner, den Du mit dem Lichte göttlicher Dinge erleuchtetest und mit einem außergewöhnlichen Verlangen nach Leiden entflammtest, als vortrefflichen Lehrer und helleuchtendes Beispiel gegeben. Du hast ihn durch den Aufstieg auf den heiligen Berg und die dunkle Nacht auf den Gipfel der Beschauung erhoben, in einem geistigen Bunde an Dich geschlossen und mit der lebendigen Flamme Deiner Liebe wunderbar entzündet, um durch das glänzende Licht seiner Weisheit auch unsere Finsternis zu erhellen. Und darum singen wir ...«

(zitiert nach Missale der Beschuhten Karmeliten, lateinisch und deutsch, herausgegeben im Anschluß an das von den Mönchen der Erzabtei Beuron herausgegebene vollständige Römische Meßbuch, von P. Gundekar Hatzold, O. Carm., Straubing 1950)

Latein:

Sonntag, 23. November 2014

Nochmal zwischen Gott und Welt

Nach der Lektüre eines Auszugs aus Delps  Zwischen Welt und Gott bei Andreas - das Abtippen und Einstellen sei ihm recht herzlich gedankt - kann ich doch nicht anders, als zu später Stunde nochmal einen Aspekt dabei hervorzuholen, den man dabei vielleicht nicht so häufig bedenkt: dass wir nämlich im letzten Weltzeitalter leben ... und das ist nun sowohl ganz wie auch gar nicht apokalyptisch. Die Kirche wandelt auf ihrem Wege durch die Zeit, so schreibt es Augustinus in seinem Gottesstaat (Buch 18, Kap. 51), »zwischen der Verfolgung der Welt und den Tröstungen Gottes.«
Hinnehmen zu müssen, dass der Messias ein Pilgernder und Gekreuzigter sein musste und sein Königreich hier auf Erden genau so pilgernd und gekreuzigt sein muss, das war für die Menschen schon immer ein hartes Wort. Deswegen gab es in der Geschichte auch stets die Sehnsucht nach einem Christentum ohne Kreuz, ohne die göttliche Tugend der Hoffnung. 

In einem gewissen Pessimismus, und er ist den Alten keinesfalls fremd, sind wir geneigt, von einer Abwärtsbewegung der Weltenordnung auszugehen, »eine Bewegung der Auflehnung und des Absteigens in die Finsternis.« So heißt es ja schon bei Paulus, Christus sei zur Fülle der Zeit (Gal 4,4) gekommen. Die erste Zeit war die Zeit des Naturgesetzes, doch die Menschen widersetzen sich. Entzieht ihnen Gott die Gnade? Keineswegs, an ihrer Stelle tritt eine neues Licht, das Licht des Bundesschlusses, des Gesetzes, der Verheißung. Und auch hier wieder Gehorsam gegen Ungehorsam, Heiligkeit gegen Unheiligkeit und Sünde gegen Gnade. Der Völkerapostel stellt die Torheit des Menschen, der weder im Naturgesetz noch im mosaischen Gesetz Gott zu erkennen vermochten, der Torheit Gottes gegenüber - der diese Menschen in seiner unendlichen Liebe retten will. Sooft der Mensch Gott zurückweist, sooft, so erklärt der hl. Thomas, bemüht er sich, wie ein Lehrer, der nicht verstanden wird, andere Worte zu finden, um das zu offenbaren, was er in seinem Herzen trägt. (I ad Corinth., lect. 3) 

Und diese Tragödie der entgegengesetzten Entwicklungen ist mit dem Kommen Christi keinesfalls zu Ende! Christus tritt in die Welt ein, als sie vollends am Abgrund, in der Fülle der Sünde war ... aber auch in der Fülle der messianischen Durchleuchtung, der Prophezeiung. 

Auch jetzt geht es so weiter. »Je tiefer der Mensch fällt, desto tiefer neigt sich das göttliche Erbarmen herab, um ihn aufzurichten.« Wir müssen uns fragen, warum denn die Geschichte weitergeht, warum das Königreich der Herrlichkeit noch nicht angebrochen ist. Die Antwort ist wohl einfach: Weil die Vollzahl der Kirche, die Fülle der Heiligkeit noch nicht erreicht ist. 
"Wenn der Richter unser Heil verzögert, dann geschieht es aus Liebe und nicht aus Gleichgültigkeit, aus Absicht und nicht aus Ohnmacht; wenn er wollte, könnte er augenblicklich kommen, aber er wartet, dass die Zahl all der Unseren bis zum letzten voll gemacht werden kann." (Augustinus, Enarr. in Ps. CXVIII, 16, 6)
Nicht das Böse, nicht das Übel hat die Initiative, die Macht, die Gewalt in der Hand! Nein, Gott hält die Zügel, er möchte seine heilige Stadt bis zum Letzten füllen, er gibt uns so viele Stunden bis zum Ende der Welt bei, wie er sie dafür vorhergesehen hat. Und unsere Sendung ist es, im Geiste daran mitzuwirken, im Geiste, der im Inneren und im Stillen wirkt. Auch, wenn wir dabei mit und durch die Kirchen leiden müssen. Je härter der innere und äußere Widerstand, und damit meine ich in unserer eigenen Seele und in unserem eigenen Fleisch wie auch in der Kirche, um so wirksamer bauen wir auch an der Heiligkeit der Kirche und unserer eigenen Heiligkeit, am Werke Gottes für die Ewigkeit. Das alleine wird bleiben.


Einige Gedanken entlehnt aus 
Charles Journet: Vom Geheimnis des Übels. Essen: Hans Driewer Verlag 1963, S. 330ff.
Ders: Vom Geheimnis des Heiligen Geistes. Köln: Adamas Verlag 1997, S. 94ff.
Humbert Clerissac: Das Haus des lebendigen Gottes. Vom Mysterium der Kirche. Verlag Anton Pustet: Leipzig/Salzburg 1936, S. 136ff.

Steinbruch Thomas


Kein Wunder, dass das mit der deutschen Jugend und der neuen Geistigkeit nichts geworden ist, so ohne Granit und Quader. Denn der vollständigen Deutsche Thomas-Ausgabe harren wir immer noch. Die jungen Leute brechen derweil anderswo Steine...

Bild: Werbung im Anhang an P. Humbert Clerissac, OP, Das Haus des lebendigen Gottes. Vom Mysterium der Kirche, Leipzig/Salzburg 1936

Aufgerüttelt

Beim Rezitieren mancher besonders eindrücklicher Antiphonen läuft einem schon mal ein wohliger Schauer über den Rücken. Heute morgen war es eher ein kalter Schauer, als ich die der Evangelienperikope vorgreifende Benedictus-Antiphon las:
Cum videristis * abominationem desolationis, quae dicta est a Daniele propheta, stantem in loco sancto: qui legit, intellegat.
Wenn ihr sehen werdet * den Gräuel der Verwüstung, von dem der Prophet Daniel sprach, der steht am heiligen Ort: Wer es liest, erwäge es wohl! 
In dieser Prophezeiung finden sich zwei Vorhersagen: Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer wie auch der große Kataklysmos, der das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi ankündigen soll. Jerusalem galt als Mittelpunkt und somit auch als Symbol für die ganze Welt. Und man kann wohl sagen, dass die Erfüllung der ersten Prophetie uns Garant dafür ist, dass auch die zweite zu ihrer Zeit eintreten wird.

Am Anfang des liturgischen Jahres steht der Advent, so denken wir ganz selbstverständlich. Und in der Tat, es steht eine sehr lange Tradition dahinter. Als die Liturgiereformer am Reißbrett des neuen Messbuchs standen, wurde dies aber lange diskutiert, bis man sich auf das Beibehalten der traditionellen Ordnung einigte. Die Frage lautete: Soll der Advent nun am Anfang oder am Ende des Kirchenjahres stehen, soll auf die Geburt des Erlösers vorbereit oder die eschatologische Bedeutung wiederhergestellt werden, wie man sie in der alten Kirche fand? Vorbereitung auf die Weihnacht, auf die Endzeit, oder beides? Ich persönlich denke, das tridentinische Messbuch ist hier gar nicht so defizitär, wie diese hochwürdigen Herren vor weniger als fünfzig Jahren meinten und vereint alle Aspekte ziemlich trefflich.

Vielleicht mag man sich darüber noch länger streiten - und es soll auch hier nochmal thematisiert werden, wenn mir denn eine kleine Adventsreihe im Stile der vergleichenden Liturgiewissenschaft gelingt - bemerkenswert ist doch, dass sich die bis zur Reform gebrauchte Liturgie ganz ungestört über unsere Einteilung hinwegsetzt und Anfang wie Ende mit der gleichen Gebetswendung verschmelzt:
»Excita, Domine. Rüttle auf, o Herr!«
Jede Kollekte der Adventssonntage wird ebenfalls so beginnen. Hier ist es noch der Wille der Gläubigen, der aufgerüttelt werden soll ... nächsten Sonntag wird es allein um den Herrn gehen, der angefleht wird, Seine Macht aufzubieten und zu kommen.
Auch im Evangelium sehen wir diese enge Verbindung vom letzten Sonntag nach Pfingsten und dem 1. Advent. Untrennbar ist für die Kirche die Herrlichkeit Seiner Majestät mit der Demut Seines Leidens verknüpft, die sich zuallererst in Bethlehem zeigt.

Die »größeren Heilmittel« der heutigen Kollekte erinnern mich auch an die Großen Antiphonen, die vom 17. bis 23. Dezember gesungen werden. Ohne Frage sind diese Heilmittel nichts anderes als die Sakramente, in denen sich die Fleischwerdung des Wortes bis zum Ende der Zeiten fortsetzt.

Samstag, 22. November 2014

Cäcilienerlebnis

Als ich heute fürs Rosenkranzgebet zur nächstgelegenen Kirche schreitend von Ferne schon zwei Feuerwehrkameraden sah, die auf der Drehleiter den frischaufgestellten Weihnachtsbaum vor ebendieser Kirche schmückten ... da schwante mir bereits, dass es mit der ersehnten Gebetesstille nicht gut bestellt sein mag. Darüber war ich nun gar nicht besonders erbaut, obgleich doch ausgerechnet diesen Morgen im Betrachtungsbüchlein »Geduld« das Thema war. Der eschatologischen Bedeutung des nahenden und eifrig vorbereiteten Advents bewusst, dachte ich mir aber, der wiederkehrende Heiland solle mich doch besser in einer lauten Kirche kniend betend denn in meiner stillen Wohnung nichtstuend errötend auffinden ... und ging rasch durch die Kirchenpforte.
Na, und sofort sah ich, nein, nicht den Herrn im Tabernakel, sondern zig Musiker im Altarraum sitzen - versus nihilum, übrigens, denn Volk war ja nun keins da. Sie probten für eine anstehende Aufführung. Und die instrumentierten Damen und Herren dort zu sehen trug auch nicht besonders zu meiner Andachtsvorbereitung bei, denn nach meinem Geschmack gehören die dort in etwa genau so hin wie Keyboard oder Klampfe. Damit man mich nicht falsch versteht: Der Chor gehört nach meinem Dafürhalten durchaus in den Chorraum - aber dann bitteschön in Talar und Rochett (und als alter Cäcilianer am liebsten auch tonsuriert, aber man ist ja bescheiden). Und was man derart angetan singt, das sollte ohnehin klar sein.
Aber, nun denn, auch davon ließ ich mich nicht abhalten, begab mich in die Seitenkapelle und begann zu beten. Und, ich gebe zu, ein wenig konnte ich mich an Dvořáks Dies irae doch erfreuen, schließlich hört man die aus dem modernen römischen Ritus verbannte Sequenz nicht mehr all zu häufig außerhalb altmesslerischer Kreise. Und den Rosenkranz habe ich dann doch auch noch geschafft ... und die Übung der Geduld wurde belohnt.

Soviel zu meinen musikalischen Erlebnissen am Cäcilientage. Und damit es nun nicht ganz banal hier zugeht, ein Auszug aus einer Präfation zum heutigen Fest aus dem Leonischen Sakramentar:

Und wie die erste Frau ihren Mann als Führerin zu Falle gebracht hat, so hat nun das Bekenntnis des Mädchens, dem Manne vorhergehend, zum Lohne geführt.

Möge mir durch ihre Fürsprache auch ein klein wenig von der Hochherzigkeit geschenkt werden, die ihr zum ewigen Lohne gereichte ...

Freitag, 21. November 2014

Hart wie das Kreuzesholz ist unser Korporal

Als ich heute nachmittag meine Hemden bügelte, war ich ganz durchseelt vom Geist des demütigen Tempeldienst derer, die selbst zum Heiligtum des Allerhöchsten werden sollte ... und fragte mich, ob nicht das Erstellen einer Bügelanleitung für Kelchgarnituren not täte. Schließlich lebt der »moderne Mann« ganz autark - wenn er es denn kann.
Im beigefügten Foto ein vom Denzingerianer in wilden Jugendtagen gebügeltes Korporale - ohne Tricks und doppelten Boden. Nichts für Schlapphannesser!


ACHTUNG! Für Priester unzugänglich aufbewahren oder am besten gar nicht erst zu Hause nachmachen. Beim Abschaben eines derart gestärkten Korporales mit der Patene löst sich Stärke ab, die optisch kaum von Hostienpartikeln zu unterscheiden sind.

Die Pflanze Gottes

Sicut laetantium * omnium nostrum habitatio est in te, sancta Dei Genitrix.
Alle sind in Freude, * die in Dir Wohnung genommen haben, o heilige Mutter Gottes


Heute feiert die Kirche die Pflanzung des Reises aus der Wurzel Jesse im Tempel Gottes. Und wohl tut sie daran, uns immer wieder die Jungfrau als Beispiel vorzustellen, ihre Vorzüge zu feiern und uns ihr ganz anzuvertrauen. Würde man die Aussprüche der Heiligen sammeln, welche die getreue Andacht zur Muttergottes als sicheres Zeichen der Auserwählung bezeichnen, könnte man damit sicher ein ganzes Jahr lang einen Blog gestalten. Hier sollte ein Gesang aus dem Mund der Kirche reichen, der exemplarisch und im offiziellen Gewande diese Lehre trefflich zusammenfasst.

Soviel als Prooemium und zum Zeichen, wie ich es mit der Andacht zur allerseligsten Jungfrau halte - nämlich recht getreu nach der Lehre des hl. Louis de Montfort, zumindest ist dies bei aller menschlichen Schwäche meine Intention. Heute soll es aber mal um ein eher unangenehmes Thema gehen, von dem ich mich fast nicht traue zu sprechen. Nämlich, wie man trotz des Wortes »de Maria numquam satis« zu viel von Maria sagen kann. Der Dominikanerpater Benedikt Heinrich Merkelbach ermahnt zu Beginn seiner Mariologie, dass dieser Spruch nicht bedeuten könne, ohne Grenze, ohne Zurückhaltung und Vorsicht der Gottesmutter alles mögliche zuzuschreiben. Von Maria ist »als Gottesmutter, und nur als solche« nie genug zu sagen, so der Predigerbruder. Drei Dinge sollen ihr keinesfalls abgesprochen werden:
a) Der Stand der Pilgerschaft (status viae); sie genoss nicht die Gottesschau oder andere himmlischen Privilegien
b) Der Stand der menschlichen Natur und des weiblichen Geschlechts; sie hatte nicht die Qualitäten oder Fähigkeiten der englischen Natur, kein eingegossenes Wissen per se und sie war auch keine Dienerin der Sakramente bzw. übte keine heiligen Weihen aus
c) Ihre Mission der Zusammenarbeit mit dem fleischgewordenen Wort; sie besteht keinesfalls in einer Unsterblichkeit oder Leidensunfähigkeit, auch hier folgt sie ganz ihrem göttlichen Sohne
Nun war man aber schon, sicherlich aus Frömmigkeit, schon in der christlichen Frühzeit darum bemüht, mehr von der allerseligsten Jungfrau zu sagen. Vor allem auch aus Sorge, dass die scheinbar so spärlichen Worte des Evangeliums nicht ausreichen mögen, um ihr die nötige Ehre zu erweisen. Dabei sagt selbst Luther in seinem Kommentar zum Magnificat, dass die Evangelien Maria schon hoch genug erheben, wenn sie sie achtmal Mutter Gottes nennen. Wie könnte man ein Geschöpf noch mehr ehren? Und daraus verstehen sich die Lobpreisungen des Engels und der Elisabeth von selbst.

Ohne Frage hat das apokryphe Protoevangelium des Jakobus einiges zur Genese des Festes Mariä Opferung beigetragen. Und wenn ich es genau betrachte, dann erscheint es mir gar nicht so wunderlich wie vieles, was man dieser Tage so alles lesen kann. Dennoch bleibt zu sagen, dass es nicht diese oder eine andere Schrift ist, keine Legende mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt, die uns an eine Darstellung der Jungfrau im Tempel glauben lässt. Es ist einzig und allein der Glaube der Kirche, der Überlieferungen dieser Art auf die Feuerprobe stellt und dabei jede Verunreinigung entfernt. Erst dann können sie der ganzen Kirche verbindlich vorgeschrieben werden, ohne dass die makellose Braut Christi dabei Schaden nehmen kann. Vom sogenannten Protoevangelium Jacobi bleibt darum auch nicht mehr viel übrig, wenn wir uns die Liturgie der Kirche anschauen. Die Essenz des Festes ist die vollkommene Weihe Marias an Gott von Kindheit an. Mehr noch, »Gott hat sie erwählt und auserkoren, in seinem Zelt lässt er sie wohnen«. Dieses Ereignis hat nichts Unglaubliches an sich und steht ganz im Einklang mit den kanonischen Evangelienberichten, ob mit oder ohne Jakobus.
Dazu fällt mir auch noch eine Stelle aus Scheebens Dogmatik ein. Der Gottgelehrte schreibt, bei dieser Art von "Überlieferung" soll man nie vergessen, den legendarischen Charakter zu vermerken. Des weiteren solle man sich vor dem Ausdruck »die Überlieferung sagt« hüten, damit die doktrinelle Tradition nicht mit der historischen Überlieferung verwechselt werde. So könnte nämlich der Eindruck entstehen, die Lehre der Kirche habe keine bessere Stütze als die wackeligen Beine fabelhafter Erzählungen.

Die Sprache der Liturgie ist recht schlicht an diesem Tag. Vielleicht gar nicht so, wie man es am liebsten für ein Marienfest hätte. Aber doch spiegelt sich darin, so meine ich jedenfalls, die Gottesmutter mehr als in mancher Privatoffenbarung.

»So war sie im Hause Gottes angepflanzt, mit dem Geist genährt wurde sie einem fruchtbaren Ölbaum zur Wohnstätte aller Tugenden gleich. Sie hielt ihren Geist fern von jedem Laster und der Begierlichkeit des Fleisches und bewahrte so die jungfräuliche Seele in einem jungfräulichen Leib. So geziemte es sich auch für die, die Gott in ihren Schoß aufnehmen sollte.«


Zitate: Antiphon aus der 6. Antiphon der II. Nachtwache, Röm. Brevier, Commune Festorum BMV; Auszug aus der IV. Lesung der Mette vom Fest (aus der Darlegung des orthodoxen Glaubens des Johannes von Damaskus), Röm. Brevier
Bild: Wurzel-Jesse-Darstellung, Limburger Dom

Donnerstag, 20. November 2014

Sic transit gloria mundi


Einen Grund, gerade heute P. Clemens Blume aus dem Jesuitenorden fromm zu gedenken, gibt es eigentlich nicht. Zugegeben, ein besonderer Jahrestag seines irdischen Wirkens wäre wohl passender gewesen, wohl auch das Patrona-Bavariae-Fest. Aber ich denke, zum heutigen Gedenken soll es reichen, dass ich an ihn dachte.
Mir begegnete Pater Blume freilich nie persönlich. Seine Werke begegneten mir aber sehr wohl. Wie kam ich aber nun an seinen Totenzettel? Ganz einfach, ich fand ihn in meinem Liber usualis. Der hat, wie die meisten seiner Art, schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Wenn die Besitzergenealogie auf der ersten Seite erschöpfend ist, hatten ihn schon vor mir vier andere in ihrer Hand - und sangen hoffentlich mehr daraus als ich. Ferner liegt die Vermutung nahe, dass alle Vorbesitzer schon in die Ewigkeit gegangen sind. Nur vom Letzten weiß ich es, aus dessen Händen ich den Liber empfing. Der hochwürdige Herr verschied zum Pfingstsonntage letzten Jahres.
Aber nochmal zurück zu Pater Blume. Er war vor 50 Jahren sicher noch jedem bekannt, der sich auch nur ein kleines bisschen mit dem kirchlichen Gesang beschäftigte. Eine schnelle Google-Suche verrät mir, dass man ihn um diese Zeit noch als »großen jesuitischen Hymnologen« bezeichnete. Doch wie der Lauf der Welt nun mal ist, so ist dieser Ruhm rasch verblasst. Sicher auch nicht zuletzt deswegen, weil die Poesie der Liturgie, des Breviers, des Missales ... weichen musste ... nur wem oder was eigentlich? Es ist jedenfalls verständlich, dass somit auch das Interesse an, im allerweitesten Sinne, mittelalterlicher lateinischer Dichtung schwand.

Einen deutschen Wikipedia-Eintrag ist Pater Blume scheinbar nicht wert. Nur unter dem Artikel seines Vorarbeiters in der Analecta hymnica medii aevi, Guido Maria Dreves, findet man unten noch seinen Namen. Nur, dass ihn seine Eltern Clemens, nicht Christian gehießen haben. Sic transit gloria mundi. Möge er in Frieden ruhen.

Mittwoch, 19. November 2014

Frühstück mit Thomas

Zu den vielen Kultursünden, die ich jeden Tag begehe, gehört das allmorgendliche Frühstück vorm PC. Nicht nur, dass die Zelebrationsrichtung versus computatrum dem Ritual einen quasireligiösen Charakter verleiht, das gebannte Bildschirmglotzen sieht auch nicht schön aus und zumeist verschwende ich dabei all zu viel Zeit - die Lektüre meiner geschätzten Bloggerkollegen sei davon natürlich ausgenommen.

Vor einigen Jahren lebte ich wohngemeinschaftlich mit einem Franzosen zusammen, der mir von einem Bekannten erzählte, welcher jeden Morgen einen Artikel der Summa theologiae las und mit dieser Methode schon mehr als einmal durch alle drei Teile des Riesenwerkes kam. Als getreue Thomasjünger wollten wir uns da nicht toppen lassen und aßen unser Müsli fortan in conspectu magistri. Glücklicherweise hatten wir Zugriff zur vielbändigen zweisprachigen Ausgabe der englischen Dominikanerprovinz. Deren Übersetzung und Fußnotenapparat ist nicht nur ausgezeichnet, vor allem die kurzen Aufsätze zu artikelrelevanten Themen im Anhang jeden Buches verschafften mir einen Einblick in die thomistische Synthese, den ich andernorts nie mehr gefunden habe. Ferner lässt sich aufgrund der größeren Nähe des philosophisch-theologischen Vokabulars der englischen Sprache zum lateinischen Original der Thomas ohnehin besser verdauen.*

Nun habe ich zwar nicht mehr eine so schöne Edition vorliegen, aber das soll meinen Vorsatz mal nicht trüben, diese erbauliche wie lehrreiche Praxis wieder einzuführen. Diesmal nur nicht mit der Summa theologiae, sondern mit der Summe wider die Heiden. Und glücklicherweise hat ein gebildeter Leser vor mir die unbegreiflichen deutschen Schwurbeleien handschriftlich mit leichter verständlichem Latein ergänzt.

Also: Guten Morgen, Thomas!



*Mal willkürlich in der deutschen Summa contra Gentiles aufgeschlagen: ...weil Dazukommendes eine gewisse Form ist, die Wirklichsein gemäß dazukommendem Sein macht. Alles klar!?

Dienstag, 18. November 2014

Kein Räuber verheerend

Ich kann dir die Gräber der Apostel zeigen, denn ob du zum Vatikan gehst, oder entlang der Via Ostiensis, du wirst die Trophäen der Gründer dieser Kirche finden.
Gerne denke ich an dieses Zitat, wenn es um die Apostolizität der Ekklesia und besonders die Vorrangstellung der römischen Kirche geht. Gesprochen hat die Worte der Priester Caius gegen den Montanisten Proclus im 2. Jahrhundert - selbst die Häretiker konnten nicht verleugnen, wer der Eckstein dieser Mutter aller Kirchen ist.

Kardinal Schuster selig, der mit 18 Jahren in die Benediktinerabtei St. Paul vor den Mauern eintrat und zwanzig Jahre später Abt des selben Klosters werden sollte, zitiert in seinem Sakramentar zum heutigen Fest eine von Alcuin komponierte Inschrift in St. Paul. Auch die spricht zu allen Zeiten an, aber in manchen eben ganz besonders:

SERVA • PAVLE • TVI • VENERANDI • SACRARIA • TEMPLI
NE • LATRO • DEPOPVLANS • VASTET • OVILE • TVVM

Bewahre deinen zu verehrenden heiligen Tempel, o Paulus,
dass kein Räuber verheerend deinen Schafstall verwüsten möge.


Zitate nach Eusebius, Hist. Eccles., II, 25-27 sowie Schuster, The Sacramentary, Westminster 1927, Teil V, S. 287
Bild: Silberreliefs der Apostelfürsten, St. Peter am Perlach, Augsburg

Montag, 17. November 2014

Ein Palast, in dem bloß Schwalben sind ...

Mittelalterliche Gebeine im antiken Sarkophag
Andreas, jüngst nicht mehr nur als vielseitig einsetzbar, sondern auch amtlich als qualitativ hochwertig höchstoffiziell bestätigt, teilte anlässlich des Festtages dankenswerterweise einige seiner Gedanken über das Buch der Natur. Ohne Zweifel sind die ihrer Substanz nach nicht ganz neu - aber sie stellen eine derart grundsätzliche Menschheitsfrage dar, dass sie auch nie alt werden. Drum gehört ein immer junger Wein auch in neue Schläuche.
Heute lief mir eine Passage aus Albertus' Sentenzenkommentar über den Weg - oder vielmehr lief ich in die Scholastikabteilung an das Scholastikregal der Universitätsbibliothek, dabei außerdem mehr auf der Suche nach des Jüngers denn des Meisters Summa. Dennoch beileibe kein Fehlgriff!
"Privativ (...) wird von Gott erkannt, was er nicht ist, z.B., daß er nicht Körperwesen ist ..., daß er nicht zeitlich bestimmt ist."
"Daß er aber ist, wird von den Geschöpfen her erfaßt, aber auch auf ausgrenzende Weise (infinitive), daß er Gott ist und erste Ursache und denkende Substanz. So berichtet Tullius im Buch 'Über die Natur der Götter', Aristoteles habe bewiesen, daß Gott existiert. Er sagt nämlich: Wenn man in einer Einöde einen Palast finden würde, in dem bloß Schwalben zu sehen sind, würde aus der Zusammensetzung des Palastes sogleich klar, daß er nicht von den Schwalben hergestellt worden ist. Es wird auch sofort offenkundig, daß die zusammengesetzten Teile ... durch einen Verstand ins Sein geführt worden sind. Und so ist bezüglich der Welt klar, daß nichts Innerweltliches Ursache der Welt sein kann und daß die Teile der Welt durch ein weises Wesen, dessen Kraft jede innerweltliche Kraft übersteigt, ins Sein geführt worden sind. ... Und dieses Wesen, so erkennen wir, ist Gott, und wir lobpreisen ihn als erhaben und über die Eigenschaften des Geschöpflichen hinausragend."
Vielleicht lag es daran, dass ich mich inmitten schwer verstaubter schwerer Wälzer an jeder noch so kleinen Leichtigkeit all zu leicht erfreuen musste, aber mir hat das Bild des Schwalbenpalastes doch den Tag versüßt, der eher ärgerlich begann. Der heilige Albert schreibt schließlich auch: »Kein Mensch kann ohne Freude leben.« Und um so passender, wenn diese Freude doch auf den Höchsten hinweist, denn weiter sagt der Doktor: »Die höchste Freude ist das höchste Gut - Gott.«

Aus der Summa Theologiae sive de mirabili scientia Dei, Tract. 3, q. xvi a. 1, im Deutschen zitiert nach Ingrid Craemer-Ruegenber: Albertus Magnus. In: Beck'sche Schwarze Reihe, Bd. 501: Große Denker, München 1980, S. 51 (eigene Hervorhebung)

Bild: Krypta der Dominikanerkirche St. Andreas, Köln - was ich von der Umbettung des hl. Albert in den Gebrauchtsarkophag halten soll, weiß ich nicht so recht...ins derzeitige Armutsideal dürfte es aber allemal passen!

Mir gehört alles Gold - Die Transzendenz des Robustapreises

Nein, gülden wird der Blog nun nicht wie Salomonis Tempel, doch auch in der kleinen Medaille soll sich der Glanz der himmlischen Herrlichkeit desjenigen spiegeln, der da spricht: Mir gehört alles Silber, mir gehört alles Gold. (Haggäus 2,8) Da sich im Wesen des kostbaren, prächtigen, reinen Goldes das Wesen Gottes offenbart, zeigt sich selbst in der Ehrung der geschaffenen Kreaturen, wem allein alle Herrlichkeit und Verehrung gebührt: Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!


Theologischer Minimalismus

In der alttestamentlichen Wissenschaft spricht man gerne von den Maximalisten, welche die in der Bibel überlieferte Geschichtsschreibung stets als wahr annehmen, sofern keine außerbiblische Quelle dagegenspricht ... und von den Minimalisten, die nur dann mit der hl. Schrift konform gehen, wenn eine andere Quelle das gleiche sagt.
Mir deucht, in diesen unseligen Tagen sollte jedes Theologenwort unter einer Hermeneutik des Verdachts im letztgenannten Stile betrachtet werden: nur, wenn eine gute Quelle das selbe sagt, dann mag man es annehmen.

Sonntag, 16. November 2014

Denzinger vergoldet! Dankesrede und Demutspreis

Dass ein alte-Mess-Molch für besonders frisch befunden wird, das geschieht wahrlich nicht alle Tage. Noch weniger, dass er sich, zumindest virtuell, auf eine Stufe mit dem Erzblogger H.H. Alipius himself stellen darf. Der heutige Tag begann eigentlich eher ein wenig melancholisch - der Himmel noch grau, Trauerkränze grüßten vor Ehrenmalen mit wehenden Schleifen, der Sermon behandelte das Fegfeuer, im meinem Kopf spukte ein zu schreibender Artikel über die Consolatio Philosophiae. Doch bei der Rückkehr vom sonntäglichen Messbesuch öffnete sich der Himmel gleichsam als Vorbote für die kommende Freudennachricht an diesem Tränentage: 41 Stimmen für hiesigen Blog, da staunte ich nicht schlecht. Hätte mich jemand gefragt, wie viele Leute den Denzinger-Katholik wohl kennen mögen, meine Schätzung wäre deutlich unter dieser Zahl geblieben ... dass aber gar so viele für mich abstimmen, das hätte ich nun wirklich nicht gedacht.

Und damit komme ich eigentlich auch schon zum nächsten Punkt: Wenn es sogar Preise für den Hochmut gibt, warum dann keinen für die Demut? Alipius hat bereits vorgelegt, und sicher werden jetzt die meisten Ausgezeichneten darin nachziehen, ihre ach so große Unwürdigkeit für den verliehenen Preis zu bekunden - jaja, den einen Blogger dort natürlich ausgenommen. Vielleicht wäre die demütigste Rede ebenfalls preisverdächtig?

Auf der Kehrseite der Medaille (offiziell wurden sie jedoch noch nicht ausgehändigt) steht allerdings, dass einigen meiner Lieblingsblogs nicht die von mir erwünschte Ehrung zuteilwurde. Aber so ist das halt in der Demokratie wie auch in autokratischeren Systemen, bei denen man selbst nicht am langen Hebel sitzt. Vielleicht wäre es auch ziemlich langweilig, würde immer alles nur so geschehen, wie wir es gerne hätten.

Wie dem auch sei, natürlich ebenfalls an dieser Stelle mein ganz herzlicher Dank an alle, die den Denzinger-Katholiken nominiert und für ihn abgestimmt haben, allen nominierten und ausgezeichneten Bloggerkollegen sowie allen Lesern ... und besonderer Dank natürlich dem Organisator, Stimmenauszähler und unparteiischen Wahlbeobachter, dem Herrn Alipius!

So eine Auszeichnung ist natürlich auch immer ein Ansporn, in gleicher Frische weiterzumachen. Ich versuche jedenfalls mein Bestes, und wer weiß, vielleicht kann man ja auch bei der nächsten Robusta-Preisverleihung wieder für den Denzingerkatholen abstimmen ... dann nur nicht mehr in der Kategorie "Frische"*!

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* Der Frischepreis ist ja auch so ein bisschen der, ich will mal sagen, einfachste Preis. Als Voraussetzung dafür muss man ja weder besonders gut, schön, frech, fromm, frau oder fröhlich schreiben, sondern einfach noch etwas grün hinter den Ohren sein. Aber da war ich augenscheinlich wirklich gut drin! ;-)

Trauertag

So spricht der Herr: Ich denke Gedanken des Friedens, nicht des Verderbens: Ihr werdet zu Mir rufen, und ich werde euch erhören. Heimführen werd Ich euch aus der Gefangenschaft von überall her. Herr, Du hast Dein Land gesegnet und Jakob heimgeführt aus der Gefangenschaft.
Introitus vom XXIII. Sonntag nach Pfingsten

Bild: Kanzelrelief in der Herz-Jesu-Pfarrkirche, Pfersee

Samstag, 15. November 2014

Erhöre uns in unserem Seufzen


Qui caelorum * contines thronum, et abyssos intueris, Domine, Rex regum, montes ponderas, terram palmo concludis; exaudi nos, Domine, in gemitibus nostris. 
Der Du den Thron der Himmel einnimmst und in Tiefen schaust, Herr, König der Könige, der Du die Berge wägst, mit Deiner Hand die Erde umschließt: Erhöre uns, Herr, in unserem Seufzen.
Magnificat-Antiphon zur 1. Vesper vom 4. Sonntag im November (2. entfällt immer), Übersetzung aus dem zweisprachigen Diurnale Romanum, herausgegeben von der Petrusbruderschaft, Thalwil 2011

Bild: Epitaph in St. Moritz, Augsburg, ehemaliges Kollegiatsstift, heutige Stadtpfarrkirche

Unterm selbsterbauten Thron

"Lamennais hatte herrische Worte, einen gebieterischen Ton bei seiner Verherrlichung des Papsttums. Groß und erhaben mußte es sein, denn er wollte es so; auf die Art, wie er es sich dachte, so mußte es sein, und er liebte es, sich den gehorsamen Sohn dieses Papsttums seiner Träume zu nennen. Dieser Gehorsam, so verstanden, paßte ganz in seine Träume; ähnlich wie die mittelalterlichen Bildhauer, die sich zusammengekauert und hingeworfen unter dem Thron darstellten, den sie selbst erbauten. Lamennais warf sich zu Boden vor dem Stuhle Petri, den der selbstherrliche Prophet mit eigenen Händen erbaut und auf eine neue Grundlage gestellt hatte."
Georges Goyau, zitiert nach P. Humbert Clerissac, OP, Das Haus des lebendigen Gottes. Vom Mysterium der Kirche, Leipzig/Salzburg 1936, S. 135

Freitag, 14. November 2014

Germaniens Glanz und Gloria - zur 1. Vesper



O doctor optime, Praedicatorum decus, Germaniae splendor, Ecclesiae sanctae columna aurea, beate Alberte, deprecare pro nobis Filium Dei.

O vorzüglicher Lehrer, der Prediger Zierde, Deutschlands Glanz, der heiligen Kirche goldene Säule, seliger Albert, bitt' für uns den Sohne Gottes.

(Antiphon super Psalmos zur 1. Vesper des hl. Kirchenlehrers Albert, Horae Diurnae S.O.P., Rom 1956)

Visi sunt beatae Mechthildi Albertus et Thomas velut duo praenobiles principes caelestia penetrare: Angeli magni praecedebant eos * Et sic pervenerunt ante thronum Dei. Verba, quae scripserant, in vestimentis eorum velut aureis litteris inscripta apparebant.

Die selige Mechthild sah Albert und Thomas wie zwei berühmte Fürsten in den Himmel eingehen: Große Engel schritten ihnen voran, * und so kamen sie vor den Thron Gottes. Die Worte, die sie geschrieben, erschienen auf ihren Gewändern gleich Lettern von Gold.

(Responsorien, ebenda)

Albertusbild aus der Pfarrkirche St. Albert, Haunstetten

Seelenlabende und vortrefflich erbauliche Orationen aus den holdseligen Allerheiligenoffizien der hehren Religiosen

So oder so ähnlich hat man vollfromme Artikel anzukündigen, um auf eine möglichst geringe Besucherzahl zu kommen. In hiesiger Causa muss ich allerdings wohl zugeben, im Schein der Sonne des Nachbarblogs ein paar Zugriffe erheischen zu wollen.

Lange Vorrede kurzer Sinn: Die geistlichen Gemeinschaften feiern dieser Tage ihre Ordensheilige mit einem ganz eigenen Allerheiligenfest. Ich habe einmal aus drei Orden die Tagesgebete zusammengetragen und geschwind übersetzt. In allen drei Fällen passt die Oration doch sehr eindrücklich zum Charakter der jeweiligen Familien, will ich meinen.

Die Benediktiner:
Gewähre, so bitten wir Dich, allmächtiger Gott, dass uns das Beispiel der heiligen Mönche zu einem besseren Leben beruft, sodass wir die Werke derjenigen nachahmen können, deren Fest wir begehen. Durch unseren Herrn. 
Die Dominikaner:
O Gott, Du hast in Deiner Huld den Orden der Prediger an heiligen Nachkommen reich gemacht und in ihnen die heldenhaften Verdienste jeder Tugend gekrönt; verleihe uns, ihren Spuren zu folgen, sodass wir, wie wir sie heute mit der einen Feierlichkeit auf Erden ehren, so auch im ewigen Fest des Himmels mit ihnen vereint sein mögen. Durch unseren Herrn.
Die Karmeliten:
Allmächtiger und barmherziger Gott, der Du uns durch das jährliche Gedächtnis aller Heiligen des Ordens der allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel erfreust, verleihe gnädig, dass wir durch deren Verdienste und Beispiele in beständiger Betrachtung Deines Gesetzes und in vollkommener Abtötung Dir allein leben und so zum Glück des ewigen Lebens mit ihnen zu gelangen verdienen. Durch unseren Herrn.
Ein guter Freund aus Übersee - my warmest felicitations on your birthday anniversary, every heavenly grace and benediction, the perpetual patronage and tutelage of the Blessed Virgin Mary, as well as her most chaste spouse, St. Joseph and all the Saints and holy Angles -  hat vergangenen Monat das Kleine Offizium der Benediktinischen Heiligen in zweisprachiger Version hochgeladen, ein Blick mag durchaus lohnen. Für Interessierte, hier noch die Kollekten in der gleichen Reihenfolge im Original:

Donnerstag, 13. November 2014

Was Denzinger-Katholiken so hören

Unsereiner muss sich ja häufig nachsagen lassen, er lebe im Mittelalter. Zumindest aber bei meinem Musikgeschmack, so kann ich kontern, bin ich durchaus weitherzig und auch für Neueres zu haben. Gerne lasse ich mich ab und an zu Gambenklängen in die Renaissance verführen, ja, die spanische Folia kann mich sogar bis ins 17. Jahrhundert locken! Hättet ihr nicht gedacht, was?



Als Youtube-Suchbegriffe empfehle ich Jordi Savall, Arianna Savall und Hespèrion XXI. Opernfreuden lege ich diesen Orpheus ans Herz.

»De Auctoritate Doctrinali S. Thomae Aquinatis« zum Herunterladen

Zur Feier des Tages habe ich der werten Leserschaft ein Buch des spanischen Dominikaners Santiago Ramírez über die Lehrautorität des hl. Thomas hochgeladen, und zwar gleich dreimal: In lateinicher, spanischer und englischer Sprache. "Ja, prima", mögt ihr fragen, "aber wo gibt's das auf deutsch?" Gibt's net, lautet die einfache Antwort. Und mir ist auch kein vergleichbares Werk bekannt. Soweit die deutsche Zunge klingt fremdelte man stets mit dem heiligen Thomas und seiner Lehre. Zur Aufzählung bedeutender deutscher Thomisten braucht man kaum eine Hand - dankbarerweise aber hat der vorbildliche Kollege Andreas kürzlich einem herausragenden Vertreter gedacht.
Und hier die Links:

De Auctoritate Doctrinali S. Thomae Aquinatis

Introduccion a Tomas de Aquino- Biografia, Obras, Autoridad Doctrinal

The Authority of St. Thomas Aquinas (der äußerst nützliche Anhang und Index der lateinischen Version fehlt hier)

Nach meiner eigenen Erfahrung erschöpft sich die Empfehlung des hl. Thomas dieser Tage in einer verzerrenden Darstellung seiner Methode. Als sei die Novität seiner Lehre sein einziger Verdienst. Gegenteiliger können die Aussprüche der höchsten Kirchenautorität zu dieser Meinung aber kaum sein. Trefflich drückt es Garrigou-Lagrange aus dem Predigerorden aus, und ich denke, was er über die Philosophie sagt, könnte genau so gut für die Theologie gelten:
»Sie sagen außerdem, die modernen philosophischen System sollen getauft werden, wie der hl. Thomas den Aristotelismus getauft hat. Dafür wären zwei Dinge notwendig. Erstens bräuchte man das Genie eines Thomas von Aquin, und zweitens müssten die philosophischen Systeme taufbar sein. Um die Taufe empfangen zu können ist eine Seele vonnöten. Ein System, das gänzlich auf einem falschen Prinzip beruht, kann nicht getauft werden.« 

Der heilige Thomas, Patron der katholischen Schulen

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts führte der Predigerorden das Patronatsfest des heiligen Thomas für die katholischen Schulen ein. Das Offizium ist fast identisch mit dem Fest des engelsgleichen Lehrers am 7. März. Als Totum Duplex I classis wäre dieses Patrozinium, in unseren Kalender übersetzt, heute ein Fest erster Klasse. Doch übertragen musste hier niemand etwas, die Brüder gaben dieses Fest mit der letzten Reform des ordenseigenen Breviers 1962 auf. Vermutlich im Geiste jener Reformer, denen jede unnötige Wiederholung ein Graus war. Eindrucksvoller aber ist wohl noch der symbolträchtige Charakter dieser Entfernung, denn fast gleichzeitig wurde der hl. Thomas aus dem Dominikanerorden und den katholischen Schulen verbannt.
Keine vierzig Jahre hielt also dieses Patronatsfest. Ungefähr genau so lange, ein oder zwei Jahrzehnte nach vorne verschoben, dauerte die Blütezeit der Neuscholastik an. Patron und Fürsprecher ist uns der heilige Thomas aber immer noch, wenn auch ein stiller.
O Thoma, laus et gloria Praedicatorum Ordinis, nos transfer ad caelestia, professor sacri Numinis.
O Thomas, Zierde und Ruhm des Ordens der Prediger, führ' uns zum Himmel, Lehrer der heiligen Gottheit.
(Magnificat-Antiphon zur 1. Vesper, Patrocinii S. Thomae Aquinatis in Scholas Catholicas, Horae Diurnae S.O.P., Rom 1956)

Mittwoch, 12. November 2014

Wirklich unzeitgemäße Gedanken zur Keuschheit

Als Angehöriger des Dritten Ordens betbrüderlicher Junggesellen halte ich zumeist eher Stille, wenn es um das christliche Eheleben geht. Schließlich will ich mir nicht den Vorwurf machen lassen, wie ein Blinder von Farben zu sprechen ... auch wenn es bei einer genaueren Betrachtung doch eine deutliche Verarmung wäre, hätten wir nur das Recht, allein von dem engen Feld unseres eigenen Erlebens zu philosophieren. Würdig und recht ist es aber auf jeden Fall, wenn Eheleute selbst etwas zur Ehe zu sagen haben. Bei Echo Romeo gibt es da z.B. aktuell einen ganz ausgezeichneten Beitrag.

Weshalb schreibe ich hier also? Kürzlich las ich eine, so will ich meinen, doch recht zeitgemäße Betrachtung über das leidliche Thema der Wieverheigeschie und ihre Zulassung zu den Sakramenten (auch wenn es dabei ja des öfteren doch nur um ein Sakrament geht), der mir übel aufgestoßen ist. Stein des Anstoßes war folgender Satz: »Sie gestehen sich ihre Schuld ein, aber zu einem zölibatären Leben haben sie keine Berufung (Memo: Zölibat bedeutet mehr als "kein Sex").« Ich gebe zu, so hundertprozentig verstehe ich den Satz und den gesamten Artikel nicht. Aber dennoch habe ich Grund genug, meine Bedenken anzumelden. 
Gewiss, das zölibatäre Leben ist sicher mehr als "kein Sex" und bei ungeweiht Verheirateten* würde ich tendenziell davon ausgehen, dass keine Berufung in einen Weihestand vorhanden ist. Aber vergisst man da nicht noch was? Ja, genau, nicht alle Menschen sind zum Zölibat oder zur geweihten Jungfräulichkeit berufen, aber Gott ruft ausnahmslos alle zu einem keuschen Leben! Wie diese Keuschheit sich nun konkret verwirklicht, das sieht je nach Stand natürlich ganz unterschiedlich aus. Der Junggeselle muss nicht die gleiche Keuschheit wie die Eheleute oder der gottgeweihte Stand leben. Niemand wird behaupten, dass das keine schwierige Sache sei, nein, es ist eine wahre vita crucifixa, vor der die Kirchenväter sich nicht scheuen, sie gar als dem Martyrium gleichwertig zu bezeichnen. Aber so müssen wir dennoch daran festhalten, dass Gott niemandem die Gnaden wiedersagt, die er benötigt, um nicht zu sündigen. »Denn Gott gebietet nicht Unmögliches; sondern ermahnt durch das Gebieten, zu tun, was du kannst, und zu bitten um das, was du nicht kannst; und er hilft dir, dass du es kannst.« (Konzil von Trient, sess. VI, c. 11.)

Mir liegt es fern, hier Lebenssituationen, die unwahrscheinlich schwierig sein können, kleinzureden. Ebenso klar ist mir, dass man den Menschen kaum mit dem dogmatischen Holzhammer helfen kann. Darum geht es gar nicht. Mir ist wichtig, dass wir Katholiken Gott und den Menschen nicht klein reden. Der Mensch ist in der Lage, mittels Gnade den Weg zur Heiligung zu gehen! Jeder! Zu einem fast schon jansenistischen Natur- und Gnadenpessimismus besteht kein Anlass. Auch der größte Sünder kann umkehren und Seinen Worten folgen.
Ich muss es wissen.
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*das ist mal 'ne neue Kategorie, fällt mir gerade auf!

Papst Martin

In der alten römischen Kirche blühte der Kult um die heilige Menas am 11. November. So hatte man Schwierigkeiten, den heiligen Martin unterzubringen. In manchen Kalendern verschob man sein Fest um einen Tag, in anderen gedachte man seiner ebenfalls am 11. Und am Ende feierte man nun zwei Martinsfeste, sodass man den 12. an den exilierten Märtyrerpapst vergab.

Kardinal Schuster zitiert in seinem Sakramentar Preisungen, die ihm in der griechischen Liturgie gesungen werden. Im Orient fand er nämlich seit jeher weitaus größere Verehrung, als bei uns Lateinern.
Mit welchem Namen soll ich dich grüßen, o Martin? Soll ich dich ehren als den erhabenen Lehrer des orthodoxen Glaubens?
Soll ich Dich den unfehlbaren und heiligen Darleger der göttlichen Dogmen rufen? Soll ich dich als den ehrlichsten Gegner des Irrtums verkünden? ... Wir erkennen in dir das Fundament des heiligen Episkopates, die Säule des orthodoxen Glaubens, den Lehrer der Gottesfurcht. 
Du hast den Stuhl Petri geschmückt, denn nachdem du die Kirche verteidigtest, die auf dem heiligen Felsen gegründet wurde, ward dir die Herrlichkeit des Petrus zuteil. 
(Sel. Ildefons SchusterThe Sacramentary, Westminster 1927, Teil V, S. 272, ins Deutsche übertragen)

Dienstag, 11. November 2014

Mönch Martin

Eigentlich wollte ich ja heute einen Abstecher zu einer Martinikirche machen, um das ein oder andere Foto zu knipsen. Doch, wie so häufig, machte ich mir durch meine Trägheit selber einen Strich durch diese Rechnung. Zugegeben, die Innenausstattung ließ mein halbversteinertes alte-Messe-Molchs-Herz auch nicht gerade höher schlagen. Sei's drum, gut gelegen kam mir daher gerade folgende Passage:
Die meisten Martinusbilder sehen den Heiligen einseitig: entweder als Soldat oder als Bischof. Der wahre Martinus ist zuerst und vor allem Mönch. Als solcher lebte er, als solcher starb er (...).*
Der weiland kaiserliche Offizier wird Mönch. Und zwar so sehr Mönch, dass der hl. Patriarch Benedikt den alten Apollotempel auf Monte Cassino seinem Namen weiht, und vor dem Altar des hl. Martin haucht er seinen Lebensgeist aus.
Ein Lebemann war Martin sicher auch als Soldat nicht, kein Streiter für Venus, Mars und Bacchus - der sich irgendwann spät bekehrt, weil ihn die Altersschwäche sowieso an all zu großer Unheiligkeit hindert. Vielmehr zeigt sich hier die anima naturaliter christiana, die von Natur aus christliche Wesensart, die nicht erst im Moment der Mantelteilung geboren wird. Und diese Natur nimmt der heilige Martin mit auf seinem Kriegsdienst in der Miliz Christi, bei aller Askese und Mönchstum.
Da ist kein ängstliches Wenn und Aber, kein furchtsames Gezeter über "die böse Welt", keine Verneinung natürlicher Werte, weil sie etwa den übernatürlichen Platz wegnehmen könnten. Er lebte ganz aus der Bejahung: "Alles ist euer, ihr aber seid Christi und Christus ist Gottes." Er steht zweifüßig mitten in dieser Welt und ist doch gar nicht von dieser Welt. Wohlwissend, daß auch ihm "alles erlaubt" ist, verzichtet er in erhabener Gelassenheit darauf, weil "nicht alles nützt". Das ist wahre Askese: die Dinge in ihrem gottgeschenkten Wert anerkennen, aber sie dennoch heiter entbehren können, ohne sich als "Opferseele" bemitleiden zu lassen. *
Dieses unverkrampfte, ungezwungene Christenleben ist die Seele insbesondere des benediktinischen Mönchtums ... aber natürlich auch die Seele eines jeden Christenlebens. Da findet sich nichts von ängstlichem Sichwegsperren, von Sühneseelen mit immer melancholisch-leidvollem Blick. Gesund, frisch, mannhaft, so steht Martin da: uns zum Vorbild, ob in der strahlenden Rüstung der kaiserlichen Reiterei oder in der Stola der Herrlichkeit, mit der ihn der König der Ewigkeit schmückte.

*Albert Krautheimer, Heilige Deutschlands, Karlsruhe 1945, S. 20ff

Montag, 10. November 2014

Katholische Streitkultur

In letzter Zeit lieferten sich bekanntlich Theodor von Summa Summarum und Geistbraus einige Wortgefechte, in die ich auch ungefragt meine Nase steckte (die kann sich, übrigens, durchaus messen lassen). In seinem jüngsten Beitrag schrieb Theodor ein klein wenig über den gut-katholischen Streit, der idealerweise nach »Art eines katholischen Herrenabends« beigelegt würde. Einen Burgunder könnte ich dafür nun nicht anbieten, dafür aber einen Scotch - ich versuche eben, immer auf einen höheren geistigen Gehalt zu achten. 

Theodor sprach auch einen der turbulentesten innerkatholischen Zwiste an, den Gnadenstreit. Auf wessen Seite ich mich da sehe, brauche ich wohl nicht gesondert zu erwähnen. Und vermutlich auch nicht, dass ich die molinistischen Lehrsätze und vor allem noch, was aus ihnen folgte, für sehr bedenklich halte; nicht ohne Grund gebe ich vielen meiner Beiträgen etwas thomistische Gnadenlehre bei, zumindest in homöopathischen Mengen.
Aber hier sollte es nun um die Streitkultur gehen, nicht den Streit selber. Der Gelehrtenpapst Benedikt XIV. schrieb dazu etwas in seiner Zensurkonstitution Sollicita ac provida (1753), und da muss ich mir doch auch immer wieder selbst an die bereits erwähnte eigene Nase fassen. 
Der engelgleiche Fürst der Schulen und Lehrer der Kirche, der hl. Thomas von Aquin, greift notgedrungen die Meinungen der Philosophen und Theologen an, die er unter Antrieb der Wahrheit zurückweisen musste. Den sonstigen Ruhm des so großen Lehrers vermehrt aber in wunderbarer Weise noch der Umstand, dass er offensichtlich keinen von seinen Gegnern geringschätzt, gekränkt oder in üblichen Ruf gebracht, sondern alle höflich und freundlich für sich gewonnen hat ...Die einen solch hervorragenden Lehrer anzuführen und sich seiner zu rühmen pflegen ..., die sollen sich, um diesem so großen Lehrer nachzueifern, beim Schreiben Mäßigung und eine äußerst ehrenvolle Umgangs- und Disputationsweise mit ihren Gegnern vornehmen. Sich daran auszurichten, sollten auch die anderen bemüht sein, die von seiner Schule und Lehre abweichen. Denn die Tugenden der Heiligen wurden von der Kirche allen als Beispiel vor Augen gestellt; und da der engelgleiche Lehrer in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen wurde, ist es zwar erlaubt, eine andere Meinung als er zu vertreten, in eine ihm entgegengesetzte Umgangs- und Disputationsweise einzutreten, ist jedoch keinesfalls erlaubt.
(Übersetzung nach DH, Fußnote zu Nr. 2167)

Bendikt XIV. wollte die Willkür der Schriftsteller zügeln, die »ihre eigene Meinung lieben, nicht weil sie wahr ist, sondern weil sie die ihre ist« (Augustinus, XII. Confessiones 25,34). Schauen wir also nicht nur auf unsere eigene Meinung, sondern auch auf die Gesinnung, die dahintersteckt.

Sonntag, 9. November 2014

Der Ort des Gebetes, der Opfer, der Verzeihung

... ewiger Gott: und zum jährlichen Gedächtnis der Weihe dieses Tabernakels, Dir die geschuldete Ehrung durch Jesus Christus darzubringen, durch Seine große Tugend und reiche Frömmigkeit. Blicke, so bitten wir Dich, vom Himmel herab, beschaue und besuche dieses Haus, damit jeder, der in Deinem Namen demütig fleht, gnädig erhört wird, und Du die Genugtuungen gütig anerkennst. Hier bringen Dir nämlich Deine Priester das Lobopfer dar, hier erfüllt das gläubige Volk seine Gelübde, hier wird die Bürde der Sünder abgelegt, hier wird der heilige Glaube gefestigt, hier kehrt die vollkommene Frömmigkeit zurück, hier verschwindet der verbesserte Frevel. Dieser Ort der Verzeihung sei Dir nahe, o Herr, damit wer immer sühnend hierher flieht, sich schmerzhaft der Sünde bewusst, er sie auch vor Deinem Altar mit seinem Tränenfluss tilge. Wenn irgendwann Dein Volk betrübt und schwermütig hier zusammenkommen sollte, es trostsuchend bittet, so möge es das Erbetene gnädig erlangen. Durch Ihn ...

(Präfation In Anniversario Dedicationis Basilicae, Gregorianisches Sakramentar)

Freitag, 7. November 2014

Beigemischtes

Seligpreisung, Weihnachtsaltar in
Herz-Jesu, Pfersee
Repelle, quod cupidinis
Ciente vi nos impetit,
Aut moribus se suggerit,
Aut actibus se interserit.

Weise zurück, was mit der Begierde
erregender Kraft uns angreift
oder sich in den Sitten einschleicht
oder sich den Handlungen beimischt.

Diese Verse aus dem Vesperhymnus Hominis superne Conditor vom Freitag (Übersetzung aus dem zweisprachigen Diurnale Romanum, herausgegeben von der Petrusbruderschaft, Thalwil 2011) ist eigentlich für sich genommen schon ein kleiner aszetischer und moraltheologischer Traktat. Wir, die wir unter den Folgen der Erbsünde leiden, müssen ständig gegen die Welt, das Fleisch und den Teufel streiten, auf dem irdischen Pilgerweg führen wir einen nicht enden wollenden geistlichen Kampf. Wie schnell wird man unachtsam, ehe man sich versieht haben sich schlechte Gewohnheiten eingeschlichen, die man so leicht nicht mehr los wird. Oder vielleicht auch nur Dinge, die gar nicht so schlimm sind, die gerade noch so als erlaubt gelten - und wenn man nur lange genug diesen Balanceakt geht, dann fällt man irgendwann auf der falschen Seite herunter. Deswegen ist es gut, sagen die geistlichen Schriftsteller, sich auch immer mal wieder erlaubte Freuden und Konsolationen vorzuenthalten; damit man sich nicht zu sehr daran gewöhnt, damit man auch in der Lage ist, Opfer bringen zu können, wenn es mal hart auf hart kommt ... und nicht gänzlich verweichlicht.
Viel schwieriger ist es aber wahrscheinlich noch bei den Sachen, die sich den Handlungen beimischen. Diese Zeile hat mich heute ganz besonders bewegt. Gutes tun, Richtiges tun, aber aus den falschen Gründen. Oder ein bisschen Gutes mit ein bisschen Schlechtem vermischen. Sicher ist das besser, als nur das Schlechte zu begehen ... aber es ist doch eine Perversion. Schon vor der Vesper hat mich dieser Gedanke umgetrieben, um so dankbarer war ich, ihn mit der Kirche zu einem kräftigen Stoßgebet umformen zu können: Repelle! 
Da sind wir übrigens auch wieder bei dem Trakt. Denn ohne Gottes Gnade können wir nichts tun. Wer würde nicht in den Abgrund des Todesschattens der Sünde versinken, wenn er uns seine Hilfe, seine schützende Hand entzieht?

Erbarme Dich unser, Herr!
Repelle!