Freitag, 31. Oktober 2014

Die Piusbruderschaft und das Schisma, für Neuscholastiker

In meinem vorletzten Beitrag habe ich bereits geschrieben, dass ich die Priesterbruderschaft St. Pius X. nicht für formal schismatisch halte. Eine echte Begründung fehlte, die liefere ich jetzt nach.


Wie der hl. Thomas schreibt[i], bezeichnet bereits der Name Schisma (von gr. Σχίσμα, der Riss, die Trennung, die Spaltung) das prinzipielle Verbrechen, nämlich die Trennung von einer Einheit, weshalb die Sünde des Schismas das genannt wird, was in sich und direkt der Einheit entgegensteht.
Nun ist auch die Häresie insofern Schisma, wie sie der Einheit des Glaubens entgegensteht. Wir sprechen vom eigentlichen Schisma aber nicht im Fall der Trennung im Glauben, sondern in bzw. von der Gemeinschaft (non in credendo, sed in communicando); also der Rückzug vom Verbund des Körpers, „sodass sie nicht länger Teil der Kirche sind, sondern als Ganzes bei sich selbst stehen.“[ii] Die Einheit der Kirche aber besteht aus zweierlei: „In der Gemeinschaft der Glieder der Kirche untereinander und in der Gemeinschaft aller Glieder mit dem einen Haupt, (…) dieses Haupt nun ist Christus; dessen Stelle sichtbarerweise vertritt der römische Bischof. Schismatiker also sind jene, welche es verweigern, sich dem Papst unterzuordnen und mit den anderen ihm unterworfenen Gliedern der Kirche in Gemeinschaft zu sein.“[iii]

Wir sprechen also von zwei Merkmalen, der Verbindung oder der Kommunikation der Glieder untereinander (connexio seu communicatio membrorum Ecclesiae ad invicem), dann die Ordnung aller Glieder auf ein Haupt (ordo omnium membrorum ad unum caput). Demzufolge kann es auf zwei Wegen zum Schisma kommen: Durch das direkte Verlassen der Gemeinschaft mit allen Gläubigen, oder aber durch das direkte Sichentziehen von der Obödienz des Papstes, und zwar „durch die Zurückweisung seiner Gebote, und zwar nicht allein der vorgeschriebenen Sache wegen (dies wird einfach Ungehorsam genannt), sondern wegen der Autorität die vorschreibt, und diese anzuerkennen weist er im Haupt und Oberen zurück.“[iv]

Diese für meinen Gedankengang zentrale Unterscheidung beleuchtet Kajetan genauer: „Das Gebot oder das Urteil des Papstes primär aus der gebotenen oder beurteilten Sache heraus zurückzuweisen … sollte er den Richtspruch des Papstes auch hartnäckig verachten, weil er nicht befolgen will, was er befiehlt, und wenn er darin auch schwerstens irrt, so ist er deswegen dennoch kein Schismatiker. Wenn er aber das Gebot oder das Urteil des Papstes seines Amtes wegen zurückweist (ex parte suis officio), dann erst ist er ein eigentlicher Schismatiker. (…) Der Ungehorsam, und sei er noch so hartnäckig, stellt nämlich kein Schisma dar, sondern die Rebellion gegen das Amt des Papstes, sodass er die Unterwerfung ablehnt, ihn nicht als Oberen anerkennt (ex parte rei iudicatae seu praeceptae).[v]

Nun sollte man meinen, wer die Autorität des Papstes an sich nicht anerkennt, der ist kein Schismatiker, sondern Häretiker. Und tatsächlich, die Theologen nach dem 1. Vatikanischen Konzil sind sich darin einig, dass es kein Schisma mehr ohne Häresie geben kann. Um das Schisma der Priesterbruderschaft genau zu benennen, so wäre auch ihre Häresie zu benennen. Ich denke, beides ist nicht so einfach möglich. Die FSSPX möchte nicht alleine und für sich selbst bestehen, ihr eigentlicher Entstehungsgrund ist gerade der Erhalt des Glaubens und der kirchlichen Disziplin in der römischen Kirche unter dem Papst – so fehlgeleitet das vielleicht auch sein mag.
Natürlich gibt es Hinweise auf ein Schisma, schismatische Neigungen, allen voran die unerlaubten Bischofsweihen. Und ich spreche der Kirche keinesfalls die Gewalt ab, derlei Aktionen mit einem Bannspruch belegen zu können. Dennoch macht es die „Piusbrüder“ und ihre Anhänger nicht per se zu Schismatikern, selbst wenn der Ungehorsam fast systematisch ist … aber auch eben nur fast, es fehlt der Wille, sich wirklich von der Kirche und vom Papst zu trennen.





[i] STh IIa IIae, q. 39 a. 1 in corp.
[ii] Billot, De Ecclesia Christi, tom. 1, Rom 1909, p. 305
[iii] Thomas, vide supra
[iv] Billot, vide supra, p. 306
[v] Cajetanus in IIam IIae, ubi supra

Vigil von Allerheiligen

Zu den vielen bedauerlichen liturgischen Verkürzungen ein Jahrzehnt vor der großen Liturgiereform der späten 60er Jahre gehört die Streichung fast aller Vigilien und Oktaven. Wie so oft bei den Reformen des letzten Jahrhunderts denke ich mir, dass die Reformer in ihrem liturgischen Purismus, der irgendwo im Nebelgrau zwischen Archäologismus und Neuerfindung liegt ... die Menschennatur vergessen haben. Oder aber in einem heillosen Fortschrittsoptimismus glaubten, der Mensch sei dem entwachsen, was er jahrhundertelang bedurfte.

Aus der altrömischen Nachtfeier, die wohl unserer Matutin ähnelt, erwuchs die moderne Vigil. Damals, im alten Rom, als der apostolische Feuerbrand des Glaubens noch nicht ganz verglimmt war, sang man die Psalmen, las aus den heiligen Büchern, betete die Nacht hindurch, bis zur frühen Messe im Morgengrauen.
Dieser Brauch wandelte sich schließlich dahingehend, dass man die Vorfeier nicht in der Nacht, sondern am Morgen des Vortages mit einem eigenen Messformular beging. Nicht aber änderte sich der grundsätzliche Charakter, der Gedanke dieser jetzt den ganzen Tag andauernden Nachtwache: Eine Vorbereitung, geistliche Eingewöhnung, eine innere Reinigung. Die Vigilien sind eine kleine Fasten- oder Adventszeit, letztere bereiten auf große Feste vor, erstere auf kleinere. Wie tief diese Fasten- und Bußzeiten vor Festtagen in der heiligen Schrift und Tradition verwurzelt sind, muss ich nicht erst beleuchten. Wie die Oktav das himmlische Leben nach dem Fest symbolisiert, so bezeichnet die Vorfeier das irdische Leben mit all seinen Sorgen, Nöten, ja auch Sünden - von denen wir uns reinigen, frei machen sollen, um reinen Herzens das Fest zu begehen.

Pius Parsch spricht davon, dass die Kirche eine gute Psychologin ist, die die Menschennatur wie kein anderer kennt. Sie weiß, dass der Mensch nicht einfach in ein Fest hineingeworfen werden kann, dass die Eindrücke und Gedanken an einem Tag gar nicht alle verdaut werden können. Die Vigil erlaubt es, langsam in das Festgeheimnis einzutauchen. Die Oktav lässt uns erneut Zeit, dieses Geheimnis zu betrachten - ganz ähnlich wie in der Meditation oder Betrachtung, in der wir uns zunächst sammeln, dann einen Text lesen, aber erst danach den geistlichen Gehalt gänzlich erfassen.
Herr, unser Gott, lass Deine Gnade in noch reicherer Fülle auf uns herabkommen, und lass uns durch ein heiliges Leben jenen in die Freude nachfolgen, zu deren glorreichem Feste wir die Vorfeier begehen. Durch unseren Herrn.
Kollekte der Vigil von Allerheiligen 

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wenn zwei sich streiten

Gerade liefern sich Theodor von Summa Summarum und Geistbraus ein brüderliches Scharmützel auf dem Felde der Piusbruderschaft, Pauls VI., der Liturgiereform und inzwischen geht es auch um die Bedeutung der Form im Gegensatz zum Inhalt. Anlass dazu war die Bannandrohung des Bischofs von Albano, Marcello Semeraro, wider Besucher der Messzentren ebendieser Priestervereinigung in seiner Diözese.

Mit ihm fing alles an...
Zunächst einmal kann ich Theodors Sichtweise weitgehend teilen, seine Argumentation ist nämlich makellos - was anderes würde ich von ihm auch gar nicht erwarten. Vielleicht liegt es auch daran, ein Geistbraus mag soetwas jedenfalls vermuten, dass ich den Inhalt zu weit oben anstelle, wie es ein Katechismus-, CIC- und Denzinger-Katholik eben so tut.
Dennoch würde ich den Sachverhalt weit weniger scharf be- bzw. verurteilen als der geschätzte Autor von Summa Summarum. Der Grund dafür ist einfach der: die Kirche tut es ebenfalls nicht.

Folgt man der Stringenz der Scholastiker, dürfte der Fall der FSSPX relativ klar sein. Wer sich von der Einheit der Kirche trennt, d.h. von der Kommunion aller Gläubigen oder die geschuldeten Unterordnung unter den Papst verweigert, der ist ein Schismatiker. Zunächst einmal hört sich also alles danach an, die "Piusse" seien sogar die lupenreinsten aller Schismatiker.
Obwohl die Kirchenrechtler früherer Tage auch davon sprachen, dass jene Trennung nicht direkt und ausdrücklich sondern auch indirekt, implizit und durch Taten geschehen kann, ist es doch ein ziemlicher Sonderfall, wenn die getrennten Brüder dennoch ihre Gemeinschaft und Unterordnung beteuern. Und zwar nicht nur mit einem diffusem Kirchenbegriff wie vielleicht die Altkatholiken, sondern ganz explizit mit der römisch-katholischen Kirche und dem römischen Pontifex, dessen Name im Messkanon nie unterschlagen wird.

Wenn man sich das Motu Proprio Ecclesia Dei adflicta von 1988 anschaut, findet man immerhin drei Mal den Begriff des Schismas. Der schismatische Akt der unerlaubten Bischofsweihen ist schließlich der Grund für die Exkommunikation der Bischöfe. Die Gläubigen dagegen werden gewarnt, dass die formale Zustimmung zum Schisma die Tatstrafe der Exkommunikation mit sich bringt. Aber was heißt das nun konkret, wie sehr muss ich Pius sein, um dem Schisma zuzustimmen, wann bin ich exkommuniziert? Nach inzwischen 26 vergangenen Jahren würde ich immer noch sagen, "nichts Genaues weiß man nicht." Die Angaben von Seiten der Kirche sind höchst widersprüchlich, ein Kardinal Müller spricht von einem "sakramental Schisma", ein Kardinal Castrillón Hoyos sagt, die Piusbruderschaft sei in der Kirche und man könne nicht im eigentlichen Sinne von einem Schisma sprechen. Kardinal Ratzinger erklärte 1991 die Exkommunikation einiger mit der FSSPX affiliierten Gläubigen durch den Bischof von Honolulu für ungültig, da kein formal schismatischer Akt vorliegen würde. Schließlich die Rücknahme der Exkommunikation für die vier noch lebenden Bischöfe der 1988er Weihe, die Papst Benedikt wie folgt begründet:
"Diese Geste war möglich, nachdem die Betroffenen ihre grundsätzliche Anerkennung des Papstes und seiner Hirtengewalt ausgesprochen hatten, wenn auch mit Vorbehalten, was den Gehorsam gegen seine Lehrautorität und gegen die des Konzils betrifft."
Stets ist die Rede von der vollen Gemeinschaft mit Rom, stets wird betont, es handle sich um eine interne Angelegenheit. Der Päpstliche Rat für die Förderung der Einheit der Christen beschäftigt sich nicht mit der "PriBru", wie sie von ihren Anhängern gerne liebevoll genannt wird. Und sollte man nicht meinen, dass die Kirche einfache Gläubige nicht härter bestraft, in dem sie sie weiter im Kirchenbann belässt, während die eigentlichen Verursacher einer (vermeintlichen?) Spaltung in Hinblick auf ihr Seelenheil besser dastehen?

Na klar, es gibt doch auch noch den CCEO!
Liest man Theodors jüngsten Beiträge, könnte man meinen, jegliche Papstkritik stelle einen vor die Wahl: Sedisvakanz oder Schisma. So meint er das sicher nicht. Wenn ich sage, dass Urban VIII. mit seiner Hymnenreform ganz großen Murks angerichtet hat, stelle ich damit sicher nicht sein Papsttum in Frage. Behaupte ich aber, diese Reform habe der Kirche großen Schaden gebracht, nun, dann wäre es etwas ganz anderes. Dass der römische Oberhirte nicht immer die besten Gesetze und Kirchenordnungen erlässt, erklärt sich fast von selbst ... dass sie aber dem Glauben und der Moral abträglich sind, widerspricht der Unfehlbarkeit der Kirche.
Ich gebe zu, gerade bei Paul VI. habe ich die allergrößten Schwierigkeiten, zu sagen, dass die Reformen seiner Zeit, sein Regieren oder Nichtre(a)gieren keinen Schaden über die Kirche brachten. Schismatische, häretische, gar apostatische Neigungen sind im Klerus so weit verbreitet, dass die vier Pius-Bischöfe fast wie Waisenknaben dastehen und nur die ständige implizite Sanatio des ekklesiologischen Status heterodoxer Amtsträger durch die Kirche erklären kann, dass der mystische Leib Christi noch irgendwie intakt ist.

Wenn also Geistbraus schreibt, die Bischofsweihen seien nötig gewesen, um dem Unheil entgegenzutreten, welches Paul VI. verursacht hat ... dann, ja, dann müssen die logischen Konklusionen umgedreht werden. Die Kirche bringt nämlich kein Unheil über die Menschen, derlei Aussprüche wären früher als theologischer Irrtum zensiert worden.Nun scheint es, ich müsse doch mit Theodor konform gehen, Sedisvakanz oder Schisma. Ich stelle aber mal als (nicht mehr ganz  so neue) Novität die allgemein Verwirrung, die Möglichkeit des Irrtums und des Notstandes hinzu. Erzbischof Lefebvre wusste als gebildeter Mann sehr wohl, dass der Zweck nie die Mittel heiligt, dass eine Sünde des Schismas nicht für ein größeres Gut, die "Rettung der Tradition" begangen werden kann. Ich denke, es war für ihn die Unklarheit, die Verdunkelung der Kirche, die ihn diesen Schritt gehen ließ.

Ich teile weder die Position Lefebvres noch die der Piusbruderschaft heutiger Tage. Aber ich halte sie dennoch für entschuldbar und nicht für formal schismatisch. Und ich denke, alleine die Tatsache, dass wir über solche Dinge diskutieren müssen, zeigt, dass die Lage der Kirche keinesfalls so kristallklar ist, wie wir sie gerne hätten. Wir können uns kaum darüber hinwegtäuschen, dass dies eine Zeit einer Kirchenkrise ist. Mit Verlaub, wenn gewisse rotbekleidete Herrschaften nur in dem Maße Vorbehalte gegen die Lehre der Kirche hätten, wie es die Bischöfe im eingerückten Zitat oben bekundet haben, dann bräuchten wir alle keine Synoden mehr zu fürchten.

Eine all zu große Vorliebe für was-wäre-wenn-Szenarien habe ich aber auch nicht, erst recht nicht als Rechtfertigung für in sich schlechte Vergehen. Andernfalls könnte man gleich Luther kanonisieren, wer weiß, vielleicht gäbe es ohne ihn gar keine tridentinische Messe? Es mag auch sein, wie ich es schon andernorts hörte, dass die alte Messe gar nicht so kriminalisiert worden wäre, hätten die Traditionalisten sie nicht als Waffe gebraucht. Aber wer weiß das schon.
Nur eines wissen wir ganz gewiss: der Heilige Geist verlässt seine Kirche nicht, und auch nach diesem mystischen Leiden und Sterben des Leibes Christi wird auch wieder seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt erfolgen. Amen.

*Und gleichzeitig ist das auch immer eine Todsünde gegen den Glauben, wie man vielleicht gerne vergisst... 

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Der uns tröstet in all unserer Trübsal

Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und der Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Trübsal. (2 Kor 1, 3-4)
Kapitel der Vesper im Ordinarium an festlosen Wochentagen während des Jahres und in der Vorfastenzeit, Römisches Brevier

Gebet um Ganzhingabe

Ach Herr Jesus, wann werden wir, nachdem wir Dir alles geopfert, was wir haben, auch alles opfern, was wir sind?
Wann werden wir Dir unseren freien Willen zum Brandopfer darbringen, dieses einzige Kind unseres Geistes?
Wann werden wir diesen freien Willen binden und auf den Scheiterhaufen Deines Kreuzes, Deiner Dornen, Deiner Lanze legen, damit er wie ein Schäflein ein Deinem Wohlgefallen angenehmes Opfer sei, um durch das Feuer und das Schwert Deiner heiligen Liebe zu sterben und zu verbrennen?
O Freiheit meines Herzens, wie gut wird es für dich sein, an das Kreuz des göttlichen Erlösers gebunden und ausgespannt zu sein!
Wie wünschenswert ist es für dich, dir selbst zu sterben, um auf immer als Brandopfer des Herrn zu brennen! Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.
Hl. Franz von Sales 

Dienstag, 28. Oktober 2014

Montag, 27. Oktober 2014

Der Fatalismus der Moderne

Außerhalb der Kirche zieht der Irrtum des Indifferentismus auch eine Art Fatalismus in der sittlichen Auffassung nach sich. Man teilt die Menschen in zwei Klasse, Gute und Böse. Beide sind unveränderlich oder, wenn man das Beieinander von Gut und Böse zugibt, dann geschieht es nur aus Mangel an Unterscheidung, aber man glaubt nicht wirklich an den Übergang des Bösen in Gutes, an die Verwandlung der Sünde in Heiligkeit. Durch die Einsamkeit, wie sie in der Kirche geübt wird, geschieht diese Umwandlung, im Alleinsein der Seele mit Gott. 
P. Humbert Clerissac, OP, Das Haus des lebendigen Gottes. Vom Mysterium der Kirche, Leipzig/Salzburg 1936, S. 110

Sonntag, 26. Oktober 2014

O rex gentium

Trotz der feierlichen Bestätigung des Königtums Christi in der Heiligen Schrift und Liturgie hat sich seit den letzten fünfzig Jahren in der zivilisierten Welt eine hartnäckige Häresie ausgebreitet, die manche Liberalismus und andere "laicisme" nennen. Dieser Irrtum hat viele Facetten, hauptsächlich aber besteht er in der Verleugnung der Herrschaft Gottes und der Kirche über die Gesellschaft und den Staat. Letzter erklärt sich öffentlich frei von jedweder anderen Autorität (eine freie Kirche in einem freien Staat), wenn er nicht gar so weit geht und göttliche Vorrechte beansprucht wie der Moloch früherer Tage, als Opfer sowohl die Rechte des Individuums als auch die der Familie verlangend. Der Staat ist der höchste Ausdruck des Absoluten.
Wie in der Vergangenheit viele Feste aus dem Glaubenseifer der Kirche eingesetzt wurden, um bestimmten Irrtümern entgegenzutreten, so betrachtet der Apostolische Stuhl auch heute die Einsetzung eines feierlichen Festes für das Messianische Königtum Christi als wirksamste Verurteilung des "laicisme". Es ist zugleich Protest und Wiedergutmachung, um für die Idolatrie des Staates Sühne zu leisten, der an einer großen Verschwörung teilnimmt: reges terrae et principes ... in unum, adversus Dominum et adversus Christum eius.*

Sel. Ildefons Schuster, The Sacramentary, Westminster 1927, Teil V, S. 200f, ins Deutsche übertragen

*Die Könige und Fürsten der Erde ... vereint wider den Herrn und wider seinen Christus. (Apg 4,26)

Samstag, 25. Oktober 2014

Samstag ist Büchertag


Auf die eigenen Worte hören

Kürzlich habe ich mich etwas länger mit meinem Vater unterhalten, und ganz unbeabsichtigt kamen wir auf religiöse Dinge zu sprechen. Er war nämlich etwas verwundert darüber, dass ich recht früh aufstehe, wo ich doch zu gar keiner so unüblichen Zeit das Haus verlassen muss. Ich klärte ihn also über meine frühmorgendlichen Gewohnheiten auf, nämlich das Beten der Laudes und das Halten einer Betrachtung. Obgleich der Herr Papa natürlich über mein eigentümliches kirchliches Interesse Bescheid weiß und selbst in den 50er/60er Jahren in einer mennonitischen Gemeinde aufwuchs, die gewiss keine Laissez-faire-Glaubenspraxis kannte, war er einigermaßen erstaunt und stellte verschiedene Fragen.
Ich muss vielleicht dazu sagen, dass ich immer gewisse Hemmungen habe, mit meinen Eltern über Glaubensdinge zu reden. Während selbst krawallkatholische Thesen bei meinen Großeltern stets auf Beifall stoßen, würde ich damit bei den religiös längst entwöhnten Eltern schnell auf Glatteis geraten. Es ist also Fingerspitzengefühl darin gefragt, weder im jugendlichen Hochmut die zu belehren, denen man den höchsten Respekt schuldet, noch von der als richtig erkannten Position abzurücken. Das mag nun freilich für fast jedes Gespräch gelten, in der eigenen Familie aber um so mehr.

Wie dem auch sei, eine der Fragen war, ob mich diese Glaubenspraxis "glücklich macht".* Diese Problematik wurde jüngst auch in der Blogoezese angesprochen. Nun schmeckt mir einerseits dieser glücklichmachende Glaube nicht, weil er doch die Assoziation des wellness-Glaubens und debil daherlächelnder Jesusfreaks weckt. Andererseits ist es mir aber auch etwas peinlich, als depressiv-finsterer Schriftgelehrter dazustehen, womöglich mit sadistischen, zumindest aber mit masochistischen Tendenzen. Das hört sich nicht gerade nach dem Evangelium an.
Nun wäre ich aber nicht der Denzinger-Katholik, hätte ich nicht einige Antworten auf die Glücksfrage parat, nämlich aus der Schrift, der Tradition und der Vernunft. Die ganzen Argumente sind gemeinhin bekannt, ich brauche sie hier nicht zu wiederholen. Welche Wirkung diese Worte auf meinen alten Herrn hatten, kann ich leider nicht sagen. Im Nachhinein haben sie mich aber sehr beschäftigt.
Ich habe da vom Leiden Christi gesprochen, der dunklen Nacht der Seele, der Sicherheit und dem Frieden des trostlosen Glaubens wider alle Versuchung. Ja, und dann musste ich daran denken, wie ich gerade eben die Vesper gebetet habe. Keinesfalls glücklichmachend, es war halt Zeit zur Rezitation. Vorher wurde erstmal die Rechenmaschine im Kopf angeworfen, wie lange brauche ich für die Hore, wann komme ich zum Essen? Und ehe ich mich versah, sprach ich das Fidelium animae und ich hatte nicht nur die Vesper gebetet, sondern auch im Geiste einen Einkaufszettel geschrieben und die Abendgestaltung geplant.

War das jetzt also das Geborgensein in Gott, egal ob froh oder traurig, von dem ich sprach? Nein, ganz sicher nicht. Eine Nacht der Sinne oder des Geistes bedeutet nicht, dass es genügt, dem Herrgott leere Worthülsen hinzuwerfen. Die Psalme, Hymnen und Orationen kennt er schon. Worauf es ankommt ist die Vereinigung des Willens mit Gott. Ja, sicher, auch das zu Wollen reicht schon aus, aber selbst in der Heimsuchung endloser Zerstreuungen muss man doch immer wieder auf das Ziel, auf Gott, zurückkommen. Auch Zeitmangel und Indisponiertheit dispensieren nicht von einem Mindestmaß an Sammlung und Vorbereitung, ohne die man bestimmt nicht von schuldloser Zerstreuung reden kann.
Was hat mir also die Vesper genutzt? Wenig, will ich meinen. Sicher war sie nicht komplett wertlos. Aber wenn ich in diesem Fall weder getröstet war noch das unfühlbare Glück der Geistesnacht verspürte, kann ich das nur mir selber zuschreiben. Bei aller Kritik der Wohlfühlreligion liegt es nicht zuletzt auch an uns, wenn der katholische Glaube zur Unwohlfühlreligion wird.

Ein andere Frage meine Vaters lautete, wie ich denn andere sehe, die kein Glaubens- oder Gebetsleben führen. Ebenfalls ein interessanter Punkt, in dem meine Worte auch mal wieder wenig mit meinen Taten übereinstimmen. Aufgrund der bereits erreichten Textlänge verzichte ich auf weitere Ausführungen und belasse es dabei: Hören wir doch etwas mehr auf unsere eigenen Worte.


* Es könne ja nicht so sein wie beispielsweise die sportliche Übung, bei der man froh ist, wenn man sie überstanden hat und dabei ständig auf die Uhr schaut, meinte er. Lustigerweise habe ich das Gebetsleben anderswo häufig mit Sport verglichen, inzwischen weiß ich nicht so recht, ob dieser Vergleich wirklich etwas taugt.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Seelenmuße

Das hieratische Leben der Kirche, ihre Liturgie, selbst, wenn sie nicht auf den Sakramenten fußen würde, wäre immer noch das größte der Sakramentalien. Dass es Christen gibt, die es nur als System von Symbolen sehen und ihre äußerlichen und materiellen Elemente mit der Behauptung diskreditieren, sie seien inopportun und langweilig, ist unbegreiflich. (...) Das hieratische Leben ist der Eintritt in die verschiedenen Mysterien des Lebens Christi und ihre Nachbildung. Die lange Feria oder das Fest, dass das Leben der Priester sein soll, und deren Muße die Kirche auf alle Gläubigen ausdehnen will, ist nicht untätiger als die ewige Muße Gottes: 'Pater meus usque modo operatur et ego operor': Mein Vater wirkt bis jetzt, und auch ich wirke. Beunruhigt durch den Tumult der irdischen Begierden und ausgelaugt von den intellektuellen Fiebern dieser Zeiten, wird die Seelenmuße, diese beste und höchste unserer Freuden, nur noch in der Kirche möglich sein.
Nur im hieratischen Leben der Heiden lassen sich Unbeweglichkeit, kalte Konventionalität, Kinderei und Hässlichkeit finden.
P. Humbert Clerissac, OP, Das Haus des lebendigen Gottes. Vom Mysterium der Kirche, Leipzig/Salzburg, 1936 (Zitat aus dem Englischen übertragen)

Die Versuchung des Selbstmordes

Der Mensch kann sich töten und darf es nicht

Nach einer kurzen Erklärung, in welchen Fällen der Selbstmord schuldlos sein mag, nämlich dann, wenn die Tiefe der Verzweiflung selbst den Verstand zum Einsturz bringt, schreibt Charles Journet weiter:
"Dem Menschen, der leidet und die Versuchung des Selbstmordes erfährt, können wir nur eines sagen: Denke daran, was Christus und die Märtyrer gelitten haben. Du mußt wie sie dein Kreuz tragen. Du wirst dadurch nicht aufhören zu leiden, aber das Kreuz des Leidens wird dir selber leicht werden, durch eine unbekannte Kraft, die aus der Mitte der göttlichen Liebe kommt. Du darfst dich nicht töten, weil du dein Kreuz nicht abwerfen darfst. Du brauchst es. Frage auch dein Gewissen, ob du wirklich ohne Schuld bist. Du wirst feststellen, daß du, wenn du vielleicht in einer Sache, die man dir vorwirft, unschuldig bist, doch auf tausend anderer Weisen schuldig bist. Du bist ein Sünder. (...)
Es ist vielleicht eine Art Strafe. Aber die göttliche Strafe hat diese besondere und unvergleichliche Eigenschaft, daß sie aber auch absolut nichts von einer Rache hat und in ihrem Wesen läuternd ist. Wer sich gegen sie auflehnt, lehnt sich in Wahrheit gegen den Sinn des eigenen Lebens auf. Es besteht kein Zweifel, daß es auf Erden keine Gerechtigkeit gibt. Abscheuliche Menschen haben einen glänzenden Erfolg, und niemand leidet mehr als die Heiligen. Wir berühren hier das Geheimnis der Sünde, das eben mit jenem anderen Geheimnis verknüpft ist, daß sich für den Christen der Sinn des Lebens im und durch das Leid verwirklicht. Der Mensch, so sagten wir, ist ein Wesen, das sich töten kann, es aber nicht tun darf. Diese Behauptung erhält jetzt einen deutlicheren Sinn. Die Versuchung existiert und seine Verneinung auch. Wenn diese Verneinung echt christlich ist, offenbart sie einen Akt der Liebe zu Gott und zum Leiden; nicht insofern es Leid ist, das ist unmöglich - die Lust am Leiden ist pathologisch, Christus selbst hat vor dem letzten Leiden gezögert und Gott gebeten, es ihm zu ersparen -, sondern zum Leiden, insofern es ein von Gott gewolltes Heilmittel enthält." 
(Vom Geheimnis des Übels, Essen 1963, S. 279f) 

Dienstag, 21. Oktober 2014

Utopisches

Der jüngste Beitrag* von Andreas auf Pro Spe Salutis ist äußerst ansprechend, poetisch** und geistig. Und doch löst er bei mir ein gewisses Unbehagen aus. Nicht, weil mir der Gedanke fremd wäre, keinesfalls! Vielleicht ist er mir anstößig, weil ich doch selbst täglich mit meinem eigenen Scheitern konfrontiert bin. Und doch, sollte es wirklich nicht schon eine Spur des christlichen Utopias in dieser Welt geben, die mehr ist als ein Werden? Wenigstens ein paar Brosamen auf dem Weg durch den dunklen Wald des irdischen Pilgerweges? Bedeutet es denn gar nichts, dass wir bereits unsere Heimstätte in der Stadt Gottes genommen haben, doch zumindest etwas entrückt sind von der Welt und vom Teufel? Bedeutet das Leib Christi sein nichts anderes als das Anteilnehmen an einem, in diesem Leben, endlosen Passionsspiel?

Die Antwort lautet, wie in so vielen Fragen unseres heiligen Glaubens, ja und nein. Die Christenheit folgt Christus nach. Und so zieht uns die Liebe gleichwie mit zwei Gewichten: Dem Gewicht der Herrlichkeit, zur Göttlichkeit und der vollen Einwohnung des Heiligen Geistes, und dem Gewicht des Kreuzes, in die Fußstapfen Christi, die Entäußerung, um die Welt mit ihm zu erlösen.
Die Kirche ist die Fortsetzung, die Fülle des Heilandes. In ihr ist die Kindheit Gottes eingeprägt, doch Christus ist kein Kind mehr, aber das Mysterium und das innere Leben seiner Kindheit bleibt. Christus leidet auch nicht mehr in der Passion, welch schrecklicher Gedanke, würde diese Schmach fortgesetzt! Und doch bleiben die Leiden Jesu Christi, insofern das Mysterium bleibt, die Gnaden, die Opfergesinnung Christi bleibt. Und jedes dieser Mysterien mit seinen ganz besonderen Gnaden bleibt in Ewigkeit und wird in und durch die Kirche den Menschen kommuniziert. Sie bleibt immer rein und makellos, ohne Sünde, auch wenn sie voll von Sündern ist. Wir spielen also nicht nur Passion, auch wenn sie so wichtig bleibt. Der ganze Christus verwirklicht sich in der Kirche, durch die Liebe und Gnade, und dieser Christus ist auch auferstanden, aufgefahren und verherrlicht. Genügt das fürs Utopia?

Nein, zufrieden macht die Antwort freilich nicht, zumindest noch nicht. Wenn wir uns ein Utopia wünschen, dann wünschen wir uns eigentlich gar keinen Christus, gar keine Erlösung, denn die fand ja erst durch das Eintreten des Leidens in die Welt statt. Trotzdem singen wir Exsultet, die Welt ist gut, ja nicht nur gut wie die Welt der Schöpfung und die Welt nach dem Fall, sondern besser! Vor unserem Auge und in unserem Innersten sehen wir aber viel eher Schmerz und Elend, Krieg und Epidemien, Massenmorden...ist da nicht eher der Unschuldsstand das ersehnte Land? Es lässt sich philosophisch beweisen, dass eine Welt mit Übeln eine bessere Welt sein kann. Dem Traurigen nutzt das wenig, ihm geht es wie Rachel: "Ihre Söhne beweint Rachel und läßt sich nicht trösten, ihre Söhne, weil sie dahin sind." (Jer 31, 15) Es muss noch mehr geben, mehr noch als das irdisch erdachte Utopia und das der Unschuld. Und das gibt es, das, was dem irdischen Paradies fehlte und die unendliche Elendslast auszugleichen vermag. Ein überaus großes, undenkbares Gut.
Es ist der zweite Adam, kein irdischer, sondern der ewige Sohn des Vaters...seine Gnade erfüllt das Leid, ohne es zu beseitigen, in wunderbarer Weise mit Licht, macht aus der Ungerechtigkeit Märtyrer und aus der Sünde Reue, die den Glanz der Ewigkeit vorzeichnet.

Das kann kein Utopia. Vielleicht macht es nicht glücklich. Nur selten verschafft das Fliehen in die Heilsgeheimnisse fühlbaren Trost und Salbung. Und doch ist er hier, der einzige Trost, das lebendige Leben, der Glanz der Ewigkeit. Selbst im Utopia kann niemand Rachel trösten, wenn ihre Kinder dahin sind, dann sind sie dahin. Wenn ich ihr sagen kann, dass ihre Söhne bereits das Licht schauen, und sie im Glanze mit ihnen vereinigt sein wird, dann trocknet das vielleicht noch nicht ihre Tränen. Aber sie findet Erlösung in der Nacht des Glaubens und im Kreuz Jesu Christi, wir können ihr sagen, dass es Leiden gibt, die auf Erden ohne Trost bleiben sollen, ihr aber bereits Gnade zuteil und ihr Trost im Himmel sein wird.
Und wenn wir soetwas sagen können, dann hat das Utopia bereits begonnen. Ja, auf dieser tränenfeuchten Erde, im Werden.

* (durch Verzögerungen beim Schreiben auf meiner Seite ist der jetzt nicht mehr ganz so taufrisch)
** (man verzeihe mir ausgemachtem Kulturbanausen, Andreas gar nicht für den Kulturpreis vorgeschlagen zu haben - es liegt nicht an ihm, es liegt an mir!)

Montag, 20. Oktober 2014

Die Erlösung nicht vergessen

Acerba Christi vulnera,
Haerete nostris cordibus,
Ut cogitemus consequi
Redemptionis pretium.

Ihr bitteren Wunden Christi,
haftet in unseren Herzen,
damit wir daran denken,
den Lohn der Erlösung zu erlangen.

(Aus dem Vesperhymnus Gentis Polonae gloriae zum Fest des Johannes Cantius)

Sonntag, 19. Oktober 2014

O dass doch!

Zu meinem sonntäglichen Morgenritual gehört nicht nur die Tasse Kaffee und noch eine Tasse (zugegeben, es sind weniger Tassen denn Pötte), die gibt es ja jeden Tag, sondern auch das Studium des Messformulars, vor allem mit Hilfe des Sakramentars des sel. Ildefons Schuster sowie der Catena Aurea für die Evangelienperikope. Nicht selten finde ich übrigens in der Catena Passagen, die es auch schon in den Lesungen der Matutin zu rezitieren galt.
Wie dem auch sei, der Vorgänger Montinis (inzwischen ebensoselig) auf der Mailänder Kathedra schafft es fast immer, mich mit irgendetwas besonders anzusprechen. Heute war das bei der Behandlung des Kommunionverses der Fall - der vom Schott übrigens eher unglücklich übersetzt wird, darum hier in anderer Variante:
Tu mandasti mandata tua costudiri nimis: utinam dirigantur viae meae, ad custodiendas justificationes tuas.
Du hast befohlen, Deine Gebote streng zu bewahren: o dass doch meine Wege ausgerichtet wären, Deine Satzungen zu bewahren! (Psalm 118, 4-5)
Der Benediktiner schreibt, dass der Psalmist nicht nur seinen ernsten Willen bekundet, sondern mit dem Ausruf utinam, o dass doch, seine Freude und Begeisterung im Dienste Gottes ausgedrückt wird. "Es ist das Glück, das die Martyrer inmitten ihrer Leiden fühlen. Der kleingläubige Mensch sieht nur die äußerliche und schmerzhafte Seite des Christenlebens, besonders des religiösen Lebens: Crucem videt, unctionem non videt (er sieht das Kreuz, aber die Salbung sieht er nicht - Anm.), wie der hl. Bernhard sagen würde. Die innere Salbung des Heiligen Geistes macht die für Gott ertragenen Sorgen und Nöte so angenehm, dass der Psalmist, wie er sagt, entbrannt mit Liebe für das göttliche Wort, laut singt: Ignitum eloquium tuum vehementer, et servus tuus dilexit illud. (Gewaltig glühend ist Dein Wort, und Dein Knecht hat es geliebt [Psalm 118, 139] - Anm.)"

Eine ergreifende Rede für mich, der ich mich doch all zu häufig am Unchristentum nach Nietzsche schuldig mache...

Thomaskommentar: Wahrheit, Weisheit, Wissenschaft

Im sechsten Artikel der ersten Questio des ersten Teiles der Summa Theologiae wird die Frage gestellt, ob man die heilige Lehre als Weisheit bezeichnen könne. Dem Leser früherer Tage war hier sofort klar, was gemeint ist, nämlich der aristotelische Weisheitsbegriff: Weisheit ist die Erkenntnis der Dinge durch ihren höchsten Ursachen. Nach dem Philosophen ist daher die Metaphysik zuallererst Weisheit. Die anderen Wissenschaften sind ihr untergeordnet, da sie nur die nächstgelegenen Ursachen behandelt; weil die Metaphysik aber die höheren Ursachen sieht, kann sie auch die untergeordneten beurteilen. "Es ist Sache des Weisen", so Thomas, "zu ordnen und zu urteilen. Ein Urteil wird aber von einer höheren Ursache über niedrigere Dinge gefällt."
Da Gott aber ohne Frage die höchste aller Ursachen ist, und die Theologie grundsätzlich von ihm handelt, insofern Er nur sich selbst erkenntlich und anderen durch die Offenbarung erkenntlich wird, ist sie mehr Weisheit als die Metaphysik.
So kann man also sagen, die Theologie behandelt Gott als die höchste aller Ursachen, nicht nur als Schöpfer des Seins, als Autor der Natur, sondern als Ursache der Gnade und Herrlichkeit - wie schon gesagt, nach Art seiner Selbsterkenntnis und der Offenbarung. In anderen Worten, sie behandelt das innerste Leben Gottes oder Gott unter dem Aspekt der Gottheit, wie Paulus schreibt: "Uns aber offenbart es Gott durch den Geist; denn der Geist ergründet alles, auch die Tiefen Gottes."* Über dieses innere Leben Gottes können wir sprechen, insofern Kreaturen Teilhaber sind an den Vollkommenheiten Gottes, z.B. des Seins, der Einheit, der Wahrheit, der Güte usw. Die Gottheit dagegen ist nicht fähig, teilzuhaben, außer durch Gnade, durch die wir "teilhaft werden der göttlichen Natur."** Gott besitzt diese einfachen Vollkommenheiten nicht nur in besonderem Maße, er transzendiert sie gewissermaßen, da er sie in ihrer höchsten Form ganz eigentümlich besitzt. Ein wenig so, wie das Sonnenlicht alle Farben des Regenbogens besitzt, nur in viel höherer Art und Weise.

So ist die Theologie ganz besonders Weisheit, da sie Gott als höchste Ursache und in seinem innersten Leben behandelt. Nur kann die Theologie nicht zu einer wesensmäßigen Erkenntnis Gottes gelangen, wie Er in sich selbst ist, der Theologie sieht die Gottheit nicht, er greift nach ihr in der Dunkelheit des Glaubens. Das gilt ganz besonders für das Mysterium der Dreifaltigkeit. Trotzdem kann die Theologie durch den Griff in die allerhöchsten Dinge alle untergeordneten, geschaffenen Dinge und Handlungen beurteilen. Nämlich durch die höchste Ursache des Seins und der Gnade, nicht nur gemäß des natürlichen, sondern auch des übernatürlichen Endes.

Besonders interessant sind die vom Meister beantworteten Einwände. So die Frage, wie die Theologie andere Wissenschaften beurteilt. Thomas schreibt ganz trocken, dass sich die Theologie nicht darum zu kümmern braucht, die Prinzipien anderer Wissenschaften zu beweisen. Ihre eigentümliches Gebiet ist das der übernatürlichen Offenbarung, während die anderen Wissenschaften direkt bekannt sind oder in einer untergeordneten Wissenschaft bewiesen werden.
Dennoch beurteilt die Theologie andere Wissenschaften auf zwei Wegen, und zwar einmal negativ: Alles, was in anderen Wissenschaften der Wissenschaft des Glaubens widerspricht, muss als falsch gelten. Auf der anderen Seite kann sie z.B. der Metaphysik, der Ethik usw. zustimmen, insofern sie das sagen, was in der Offenbarung ebenfalls vorhanden ist oder aber im Einklang mit ihr steht.

Das bringt uns eigentlich schon zum Ergebnis, das da lautet und auf dem 1. Vatikanum kodifiziert wurde: Die legitime und relative Autonomie der Wissenschaften bleibt bestehen, sofern sie aus den natürlicherweise erkannten Prinzipien hervorgehen und ihre eigenen Methoden verwenden. Nicht aber können sie das als sicher behaupten, was gegen die offenbarte Wahrheit steht, denn Wahrheit widerspricht sich nicht. In den konziliaren Kanones wurde die rationalistische Meinung mit dem Bannspruch belegt: "Wer sagt, die menschliche Vernunft sei so unabhängig, dass ihr der Glaube von Gott nicht befohlen werden könne..."***
Das Konzil, welches die Kraft der Vernunft gegen die Fideisten verteidigte, zögerte dennoch nicht, die Vorzüge der Offenbarung zu benennen: Durch sie wird die Vernunft vom Irrtum befreit, erleuchtet und in der Wahrheit bestätigt, sie ist Norm und Führer der Philosophie. Dass letztere sich keiner Autorität unterordnen muss, das wurde bereits vom sel. Papst Pius IX. im Syllabus verurteilt. In letzter Konsequenz hieße der Semirationalismus, dass alles dem Urteil der menschlichen Vernunft unterstünde, selbst die Dinge des Glaubens formell und an sich nur insofern geglaubt werden, wie sie der Vernunft bekannt werden können. Wie arm der Glaube dann würde, wie schnell er herabgleiten kann in die Irrtümer seiner Zeit, das sollte allen offensichtlich sein.

Im zweiten Einwand geht es um den Unterschied zwischen der Gabe der Weisheit und der theologischen Weisheit. Letztere wird vom Menschen im Lichte der Offenbarung diskursiv erarbeitet, während die Gabe des Heiligen Geistes über die diskursive Methode hinweggeht, sie urteilt über die göttlichen Dinge nach Art der Hinneigung und wird aus der Liebe heraus geboren. Vergleichen kann man das bei den moralischen Tugenden z.B. mit einem keuschen Menschen. Er ist nicht mit der Moraltheologie vertraut, aber durch seine Hinneigung zur Keuschheit wird er doch normalerweise die Dinge, die die Keuschheit berühren, richtig beurteilen. Während in den moralischen Tugenden die Klugheit vorausgesetzt werden muss, aus der alle anderen Tugenden hervorgehen und ohne die sie nicht sein können, so setzt das Wissen, welches eine Gabe der Weisheit ist, die Liebe voraus. Deswegen hat der gläubige Theologe im Gnadenstand dem sündigen, um so mehr dem ungläubigen Theologen, so viel voraus.
Wahrhaft große Theologen tun sich natürlich in beiden Arten der Weisheit hervor, in der Gabe und der theologischen Weisheit, die Gabe bestätigt und erleuchtet vor allem das Erarbeitete. Das kann man besonders bei den Kirchenvätern sehen, die vielleicht hier und da philosophischen Irrtümern aufsaßen. Aber dennoch glich die Kraft der Weisheitsgabe von oben diese kleinen Fehler aus und macht ihre Lehre somit doch wieder wahr, richtig und gut.

Am Rande bemerkt: Die Apologetik ist ebenfalls Teil der Theologie, nämlich unter den Prinzipien der Vernunft und insofern Theologie Weisheit ist. Dabei gebraucht sie aber auch untergeordnete Wissenschaften, vor allem die Philosophie und Geschichtsschreibung. Mehr dazu im nächsten Teil.


*1 Kor, 2,10
**2 Petr 1,4
***DH 3031, siehe auch 3008

Samstag, 18. Oktober 2014

Präfation vom hl. Lukas



Wahrhaft würdig ist es und gerecht, billig und heilsam,
dass wir Dir immer und überall danken, 
heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, 
und Dich in den glorreichen Verdiensten Deiner Heiligen
zu loben, zu benedeien und zu preisen; 
die gegen die List der alten Schlange 
und die Verlockungen des eigenen Leibes kämpfend, 
von Dir, 
König der Herrlichkeit,
mit unüberwindlicher Tugend gestärkt wurden. 
Von diesen hat Dein seliger Evangelist Lukas
das Schild des Glaubens, 
den Helm des Heiles 
und das Schwert des Heiligen Geistes aufgenommen, 
mannhaft gegen die Reize der Laster gekämpft, 
und uns die süßen Ströme des Evangeliums zufließen lassen. 
Darum bitten wir Dich, Herr, 
dass Du in Deiner unendlichen Güte, 
der Du ihn mit dem Vorrecht so vieler Verdienste beschenkt 
und uns zum Vorbild gegeben hast, 
auch uns zu Verdiensten verhelfen mögest. 
Durch Christus, unseren Herrn...


Bild: Diurnale Cisterciense, Westmalle 1894

Freitag, 17. Oktober 2014

Omnia responsa sunt in libro

"Wo steht das im Buch?", war eine Frage, die ich vor Jahren von einem meiner Dozenten häufig hörte. Zumeist mit erhobener Stimme.

Erstaunlich, oder auch wieder nicht, der Mangel an Schriftstellen in der Relatio. Dabei stehen alle Antworten im Buch.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Teilhaben am Leiden Christi

Heute morgen hat mich ein Gebet, die Kollekte aus der Votivmesse vom Heiligen Antlitz  in Manoppello, tief berührt. Gerade auch im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse in der ewigen Stadt und die Berufung der Ekklesia:
Domine Jesu Christe, cuius sacratissimus Vultus in passione absconditus sicut sol in sua virtute relucet; concede propitius; ut tuis passionibus communicantes in terris, in revelatione gloriae tuae gaudere valeamus in coelis. 
Herr Jesus Christus, dessen allerheiligstes Antlitz im Leiden verborgen wie die Sonne aus eigener Kraft strahlt; gewähre gnädig, dass wir als Teilhaber Deiner Leiden auf Erden, uns an der Offenbarung Deiner Herrlichkeit im Himmel erfreuen mögen.
Quaerite faciem eius semper, immerdar suchet sein Angesicht!

Der Tag, an dem sich die weiße Taube zum himmlischen Tempel begab

Wahrhaft würdig ist es und gerecht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall danken, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott durch Christus unseren Herrn, denn Er hat Sich gewürdigt, der seligen Theresia die Wissenschaft der Heiligen und das Feuer göttlicher Liebe zu verleihen und durch die Erscheinung eines Engels, der mit feurigem Pfeile ihr Herz durchbohrte, ihre Liebe noch stärker zu entflammen, ihr, mit der Er sich geistig vermählt, Seine Rechte zu geben, und sie so auszuzeichnen. Während nun dieser Liebesbrand das Leben der seligen Theresia verzehrte, sah man, wie ihre Seele in Gestalt einer Taube entflog und eine erhabene Stufe der himmlischen Glorie erstieg. Und darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln...

Vere dignum et justum est, aequum et salutare, nos tibi semper et ubique gratias agere: Domine sancte, Pater omnipotens, aeterne Deus: per Christum Dominum nostrum. Qui beatam Teresiam Sanctorum scientia ac divinae caritatis ardore munerare: et Angeli visione, ignito jaculo praecordia ejus transverberantis, vehementius inflammare, eamque sibi spiritali connubio sociatam, data dextera, significare dignatus est. Quo caritatis incendio, dum beatae Teresiae vita consumitur, spiritus ejus columbae specie egredi visus, sublimen caelestis gloriae gradum conscendit. Et ideo . . 


(zitiert nach "Missale der Beschuhten Karmeliten, lateinisch und deutsch, herausgegeben im Anschluß an das von den Mönchen der Erzabtei Beuron herausgegebene vollständige Römische Meßbuch, von P. Gundekar Hatzold, O. Carm.", Straubing 1950)

Dienstag, 14. Oktober 2014

...warum dann keine sakramentale Kommunion?

Mit geradezu prophetischer Gabe habe ich vor einiger Zeit das Problem der geistlichen Kommunion bei "wiederverheiratet Geschiedenen" angesprochen. Und nun kam ganz folgerichtig die Frage auf, warum denn jene Personengruppe nicht zur sakramentalen Kommunion zugelassen werden können, wenn sie doch geistlich kommunizieren dürfen! Aufmerksam darauf machte mich der amerikanische Kirchenrechtler Ed Peters mit folgendem Beitrag:
Denzinger-Katholiken mögen sowas
From the Relatio post disceptationem:
48. Suggesting limiting [divorced-and-remarried Catholics] to only “spiritual communion” was questioned by more than a few Synodal Fathers: if spiritual communion is possible, why not allow them to partake in the sacrament? As a result a greater theological study was requested…
Fathers with access to the Dictionarium Morale et Canonicum (1962-1968) should consult P. Landucci, “Communio spiritualis”, DMC I: 790-793, esp. 792. The possibility of making a spiritual Communion while in an irregular state is ably discussed there along with the basic differences between spiritual and sacramental reception of holy Communion.
By the way, making a spiritual Communion is a partially indulgenced action under the 2004 Enchiridion, conc. 8 § 2, 1°.
Laut sophophilo widmete sich der Frage von Ehe und der Sakramentalität der Kirche Kardinal de Paolis im Buch der fünf Kardinäle. Da habe ich nun noch keinen Zugriff drauf, wohl aber auf das Dictionarium Morale et Canonicum - auch wenn ich kein Synodenvater bin. Einem Denzinger-Katholiken gefällt freilich schon der knöchrig-modrig-altbackene Titel, aber ich gebe zu, das ist ein acquired taste. Beim Herausnehmen aus dem Regal wurde mir übrigens passenderweise zuerst einmal das Haupt mit Staub geziert (Bild von hier). Nur viel Neues hat mir das Wörterbuch für Kasuisten und Rechtspharisäer nun auch nicht berichten können. Der Autor beschreibt ganz trefflich die hervorragende Wirkung der Praxis der geistlichen Kommunion, selbst und vielleicht besonders im Stande der Sünde, in der sie zwar womöglich nicht für ein Wachstum der Gnade sorgt, so doch aber für die Bekehrung - niemals kann aber das Begehren, Gott und die Sünde gleichzeitig zu besitzen, fruchtbar sein. Es ähnelt in der Tat sogar dem Sakrileg, welches man mit der sakramentalen Kommunion vermeiden möchte.
Dass zur Reue oder aber zumindest die Furcht vor den Höllenstrafen, die ebenfalls die innere Gemeinschaft mit Gott wiederherstellt, so doch kraft göttlicher Einsetzung auch immer das Sakrament der Buße gehört, sollte ohnehin klar sein. Und auch, dass in etwaigen Zwischenzeiten die geistliche Kommunion nicht nur möglich, sondern absolut zu empfehlen ist. Das ist sie ohnehin auch immer, ob im Stande der Gnade oder nicht, ob man kommunizieren kann oder sogar schon am gleichen Tag kommuniziert hat.

PS: Nach P. Landucci könnte ein reuiges Gebet zur geistlichen Kommunion folgendermaßen beginnen: Wenn ich doch würdig wäre, Dich zu empfangen...  

Deutsche in Rom

"Italiener haben uns Deutschen gegenüber allerlei voraus. Sie nehmen nichts tragisch und nichts gründlich. Sie weichen, solange als möglich, grundsätzlichen Lösungen aus. Das 'arrangiare, combinareund dilatare'* ist ihre große Weisheit in der obersten Kirchenleitung. Sie lassen die Zeit arbeiten. Wir Deutschen müßten Gott danken, daß wir nicht zur Regierung der Kirche berufen wurden. Mit unserem Organisationsfanatismus, mit Statistiken und unserer nationale Eigenart der Gründlichkeit des 'andare in fondo'** alles ordnen zu wollen, Fragen und Probleme wissenschaftlich bis in die letzten Schlußfolgerungen auszudenken, eigene Auffassungen anderen aufzudrängen, hätten wir eine Weltkirche, die auf so viele Nationen Rücksicht nehmen muß, nur in die größten Schwierigkeiten gebracht. Der Deutsche ist religiös gründlicher als der Italiener, denn er sucht Probleme, wo sie nicht vorhanden oder nicht zu lösend sind, aber gerade seine Kritiksucht macht ihn nicht geeignet, einen so komplizierten Mechanismus, wie es der römische Katholizismus ist, ruhig und ausgleichend ohne Erschütterungen und gewaltsame Lösungen zu regieren."

Franz Kardinal Ehrle, SJ, († 1934) zitiert in Alois Hudal, Römische Tagebücher, Graz 1976, S. 39

*das Arrangieren, Kombinieren und Hinausschieben
**(den Dingen) auf den Grund gehen

Montag, 13. Oktober 2014

Fundstück zur Lage im Nahen Osten


Erweitern könnte man diese verrückte Geschichte auch noch um die Fakten, dass ein islamischer Staat, Iran, einen säkularen Staat, Syrien, unterstützt, während der säkularste aller Staaten, die USA, Islamisten ausstattet - die dann wiederum schonmal gegen Islamisten anderer Couleur kämpfen (z.B. Hisbollah), die gegen einen islamistischen Staat streiten! Und dann wäre da auch noch das islamische Saudi-Arabien, enger Verbündeter der USA, das die vermeintlich säkulare Opposition offiziell und IS inoffiziell unterstützt.
Aus verwandten Gründen bin ich übrigens auch keinesfalls für ein Eingreifen der türkischen Bodentruppen in Kobane oder sonstwo in Syrien. Nicht nur, dass sich meine Sympathien für den PKK-Arm YPG in Grenzen halten, die Haltung der islamistischen Regierung der Türkei hat überhaupt erst den rasanten Aufstieg des Islamischen Staates ermöglicht: durch Grenzübergange so porös wie ein Schweizer Käse, materielle Hilfe an die "Gemäßigten" (dazu gehört nicht nur die künstlich am Leben gehaltene FSA, sondern auch die Al-Quaida-affiliiert Al-Nusra-Front) und nun möglicherweise sogar noch, ganz offiziell, die Ausbildung von FSA-Kämpfern. Und wo die am Ende dann meistens landen, hat man ja gesehen.
Was nun Waffenlieferungen bringen, sei auch mal dahingestellt. Die landeten bislang ja alle in der Kurdenhauptstadt Erbil. Und dem dortigen Chef, Barzani (der im kurdischen Bürgerkrieg übrigens von Saddam Hussein und der Türkei unter anderem auch gegen die PKK unterstützt wurde), würde ein Bauernopfer Kobanes vielleicht mehr nutzen als schaden. Eher kemalistisch geprägte türkische Militärs schauen auch lieber zu, wenn sich ihre zwei Lieblingsfeinde, Daesh und die Abdullah-Öcalan-Miliz, gegenseitig umbringen. Auch interessant, dass das Gros der syrischen Kurden dort, ganz nahe an der Grenze lebt, weil sie nach dem gescheiterten Kurdenaufstand in den 20er Jahren vor den Türken nach Syrien flohen. Vielleicht kommen sie jetzt, wenn auch unter grausamsten Umständen, wieder in ihre angestammte Heimat.
Und wie wäre auch ein Eingreifen der türkischen Streitkräfte denkbar? Ein Einmarsch würde zweifelsohne die Integrität des syrischen Staates verletzen - und was machen dieselben Truppen, wenn die Syrische Arabische Armee, die gottlob auf allen Fronten in den letzten Wochen wieder große Fortschritte machen konnte...nahe kommt? Oder will man einfach eine neue Grenze ziehen? Davon mal abgesehen, dass Kurden und Türken sich nicht immer so blendend verstehen - auch wenn sich das Verhältnis verbessert hat und die Macht der AKP auch auf ihre kurdischen Unterstützer fußt - käme eine längere Besatzung wahrscheinlich ebenfalls nicht gut. Und würden sich die Türken schnell wieder zurückziehen, na, dann wären wir ja wieder da, wo wir jetzt sind.
Fairerweise sollte ich aber hinzufügen, dass die Grenze Syriens damals gegen die Türkei genau so offen war, als es um PKK-Kämpfer ging, wie sie aktuell für die FSA und andere Islamisten ist.

Kurzum: Unter der aktuellen Zielsetzung der Beseitigung der Regierung Assads macht eine Bodenoffensive anderer Staaten kaum Sinn. Dieses ungeheure Opfer, welches der Westen dem Land aufgebürdet hat, kann nur durch eine komplette Kursumkehr wiedergutgemacht werden. Sofern dieses Morden, diese Zerstörung überhaupt irgendwie noch gut gemacht werden kann.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Der Rücken Gottes

Das Offertoriumslied vom 18. Sonntag nach Pfingsten ist aus Exodus 24 entnommen und berichtet vom feierlichen Besiegelungsopfer des Bundesschlusses zwischen Jahwe und Israel. In den älteren Antiphonalen schlossen sich daran noch mehrere Verse aus Exodus 33. Moses warf sich vor Gott nieder und bat um Gnade für sein Volk. Der Herr antwortete: "Wonach du begehrt hast, das will ich tun." Nun fasst Moses Mut und bittet den Herrn:
"Zeige mir doch deine Herrlichkeit!" (...) Der Herr entgegnete: "Mein Angesicht kannst du nicht schauen; denn kein Mensch kann mich schauen und dabei am Leben bleiben!" Der Herr sprach aber: "Siehe, hier in meiner Nähe ist ein Platz, da stelle dich auf den Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich ich dich in die Felsenhöhle und bedecke dich mit meiner Hand, bis ich vorüber bin. Nehme ich dann meine Hand weg, so kannst du meine Rückseite schauen. Doch mein Angesicht darf man nicht schauen." (V 18-23)
Keinem lebenden Menschen außer Christus wurde das Privileg zuteil, Gott zu schauen. Wir sind bedeckt mit Gottes Hand, sein Licht beleuchtet unsere Wege, ohne uns aber den Verdienst des freien Willens zu nehmen.
Auch begegnet uns hier die Frage des Gottes-Bildes. Das ein Bildverbot für die zweite Person der Dreifaltigkeit nicht gelten kann, sollte ersichtlich sein. Wie der Damaszener sagte, hieße das ja, sich dem Plan Gottes entgegenstellen. Aber obwohl der Vater nie einen menschlichen Leib angenommen hat und niemals wird, ist er doch menschlich denkbar* - denn Gott ist zwei Mal aus seiner Güte sozusagen aus sich heraus gegangen, in der Schöpfung, die wir in besonderer Weise dem Vater zuschreiben, und einmal in der Menschwerdung, die wir in Christus und in der Kirche leibhaftig sehen. Sendung des Heiligen Geistes ist es aber, uns inmitten der sichtbaren Welt das Geheimnis der Liebe des Vaters und der Liebe und Erlösung des Sohnes begreiflich zu machen. So kommen wir zur eigentlichen Schau der Gottheit, die wir jetzt nur durch die geschaffene Welt, als wäre es ihre Rückseite, erahnen können.

*(man denke an das Bild des "Hochbetagten" aus Daniel 7,9)

Samstag, 11. Oktober 2014

Wie viele Kardinäle braucht man, um die Ehe zu verteidigen?

Die Antwort: Fünf.* Zumindest in Rom.

In Deutschland dagegen braucht es nur einen Blogger ohne roten Hut. Sophophilo von Invenimus Messiam. Leider habe ich es versäumt, ihn für einen Robusta-Sonderpreis vorzuschlagen. Eigentlich gehört da nämlich eine ganz eigene Preiskategorie ausgelobt, der Defensor vinculi, Verteidiger des Ehebandes.

Für alle, die seine Serie noch nicht gelesen haben, hier der Link zur Übersicht.


* Am Buch beteiligten sich die Kardinäle Müller, Burke, Caffarra (ich verlese immer Carafa), Brandmüller und De Paolis.

Per hoc canticum notum

Componitur rosarium totum.

Dem aufmerksamen Leser wird vielleicht aufgefallen sein, dass ich von den vier erwähnten Rosenkranzhymnen nur drei eingestellt habe. Zum Fest der Mutterschaft Mariens hole ich das nun nach. Der Hymnus Te gestientem gaudiis fasst alle Geheimnisse des Rosenkranzes zusammen. Ich musste dabei an das Brevier für Eilige denken, wenn man so will, wäre dieser Gesang der Rosenkranz auf die Schnelle - ich würde jedoch stark davon abraten, den eigentlichen Psalter damit zu ersetzen. ;-)

Dich, die in Freude frohlockt,
dich, die durch Schmerzen verwundet,
dich, die mit ewiger Glorie bekleidet
o Jungfrau, Mutter, besingen wir.

Sei gegrüßt, von Freude Überströmende,
da du empfängst, da du heimsuchst,
und gebärst, darbringst, wiederfindest
als glückliche Mutter den Sohn.

Sei gegrüßt, Schmerzhafte, die im innersten
Herzen den Todeskampf, die Schläge,
die Dornen und das Kreuz des Sohnes
durchlitten hat, Fürstin der Martyrer.

Sei gegrüßt bei den Triumphen des Sohnes,
bei den Feuern des Beistands,
bei der Ehre und dem Licht des Königs,
Königin strahlend in Glorie.

Kommt, ihr Völker, pflückt
Rosen aus den Geheimnissen
und flechtet Kränze der hehren
Mutter der schönen Liebe.

(Übersetzung leicht adaptiert aus dem zweisprachigen Diurnale Romanum, herausgegeben von der Petrusbruderschaft, Thalwil 2011)
Bild: Horae Diurnae S.O.P,, Rom 1956

Freitag, 10. Oktober 2014

Herr, gib uns gebildete Priester!

Neben der geistlichen Lehre der hl. Theresa von Avila ist mir eine Sache aus ihrem Leben ganz besonders in Erinnerung geblieben: ihre Mühe und Not mit den Beichtvätern. Für kaum jemand anderen findet die Karmelitin härtere Worte.

Wäre ich gestorben, mein Seelenheil wäre zweifellos in Gefahr gewesen, denn auf der einen Seite waren meine Beichtväter so ungebildet, und ich so armselig.

Halb-gelehrte Beichtväter haben meiner Seele sehr geschadet, als ich keinen gebildeten Beichtvater nach meinem Geschmack finden konnte. (...) Es war wegen meiner Sünden, so glaube ich, dass Gott es erlaubte, dass sie sich irrten und mich in die Irre führten. Und ich führte andere in die Irre, indem ich ihnen sagte, was diese Beichtväter mir auftrugen.

Ich fürchte jene mit großer Furcht vor dem Teufel mehr, als den Teufel selbst. Jene anderen, besonders, wenn sie Beichtväter sind, können große Verwirrung stiften.

In den zwanzig Jahren, von denen ich schreibe, konnte ich keinen Meister, das heißt keinen Beichtvater finden, der mich verstand, obwohl ich danach suchte.

Es ist besser, einen Beichtvater ganz ohne Bildung als einen mit etwas Bildung zu haben. Denn ersterer wird sich immer Rat bei einem gelehrteren Priester holen. Ein wirklich gelehrter Beichtvater aber hat mich nie in die Irre geführt.

Gewiss, die Heilige spricht auch von wahrhaft geistlichen und gelehrten Männern. Und zwar in höchsten Tönen! Und sie forderte nicht nur die Reform des Beichtwesens anhand rein akademischer Kriterien, sondern auch eine tiefe Spiritualität als notwendige Voraussetzung für die Führung einer Seele. Dennoch, es mag uns, die wir zu recht um heilige Priester bitten, der Ruf um gebildete Priester etwas ungewohnt vorkommen. Kann es daran liegen, dass wir dem Sakrament der Beichte, abgesehen von der ständigen Ermahnung "gehet beichten" ... zu wenig Aufmerksam schenken?
Im traditionsbegeisterten Lager ist man schnell bei Hand, wenn man erklären muss, warum selbst ein unwürdiger Priester die Messe doch rechtens feiern kann. Und schauen dabei zuallererst auf die richtige Ausführung der Riten. Was kann man auch sonst schon wirklich bewerten? Den Gnadenstand des Priesters wohl kaum!
Während die Grundzüge selbst der diffizileren Rubriken der überlieferten Messordnung doch vergleichsweise schnell zu erlernen sind - und eine fehlende Kopfverneigung oder schiefe Orantenhaltung wird für das Seelenheil der Gläubigen kaum von Bedeutung sein* ... in der Beichte und in der Seelenführung sind die Fehlerfolgen dagegen kaum absehbar. "Viele Theologen", so beschwert sich auch der hl. Kirchenlehrer Alfons Maria Liguori, "sind dermaßen unwissend in der Moraltheologie, die die schwierigste Disziplin von allen ist." Derselbe Heilige schreibt in seiner Praxis Confessarii über die wissenschaftlichen Voraussetzungen für das Beichthören, dass der Priester zunächst wissen muss, wie er das Sakrament spendet, was er erlauben oder verbieten muss, wie er undisponierte Pönitenten zur echten Reue führt, welche Motive der Hoffnung, des Glaubens, der Liebe und der Zerknirschung erwacht werden müssen; welche Sünden schwer und welche lässlich sind, welche Verträge verbindlich, welche Ehen gültig sind, welche Wiedergutmachungen zu leisten sind und welche nicht, wie er die Bußgesinnung des Pönitenten erkennt und welche Buße er vorschreibt. Und außerdem noch vieles mehr! Vieles hört sich leicht an, ist es aber beileibe nicht.

Und das alles, so nenne ich es mal, gehört nur zur Materie, dem Handwerkszeug. Da hört die gute Beichte nicht auf, da fängt sie an! Vielleicht kann man hier verstehen, warum der Heilige der Moraltheologie schreiben kann, dass die erwarteten Früchte der sakramentalen Beichte nicht eintreten können, solange sie nicht von gelehrten und tadellosen Priestern gehört werden, die in der heilbringenden Lehre der Kirche gut unterrichtet sind. Kritiker der Kasuistik lässt der Kirchenlehrer übrigens auflaufen. Schon damals hörte man, dass es doch das wichtigste sei, die allgemeinen Prinzipien der Moral zu kennen, alles andere ergäbe sich dann daraus. "Wer leugnet es schon, dass alle Fälle durch Prinzipien gelöst werden müssen? Die Schwierigkeit liegt aber in der Anwendung der Prinzipien auf individuelle Fälle", so Alfons.
Gerne wird bei der Beichte auch das vierfache Amt des Priesters vergessen, nämlich des Vaters, des Arztes, des Lehrers und des Richters. So geht es ja nicht nur um das richtige Richten der Sünden, sondern genau so sehr um die Ausübung der Tugend. Es dürfte offensichtlich sein, dass hier vermutlich die anspruchsvollste Aufgabe des Beichtvaters liegt.

Nun will ich aber doch nochmal zur hl. Theresa zurückkommen, schließlich gehen wir auf ihr Fest zu, nicht auf das Gedächtnis des hl. Alfons.
Ein Aspekt des Christenlebens ist mir besonders tröstlich und ich betrachte dieses Geheimnis immer wieder gerne, gerade, wenn mir sonst keine sinnenfälligere Betrachtung gelingen will: Die Einwohnung des dreifaltigen Gottes in der Seele des Gläubigen. Die Gegenwart der Gnade in uns ist ja nicht nur die Gegenwart einer geschaffenen Gabe, sondern durch diese Gnade nimmt Gott selbst Wohnung in uns. Durch das Geschenk der heiligmachenden Gnade können wir "die göttliche Person selbst genießen." (Sth I, q. 43, a.3, ad 1) Der hl. Theresa war das noch nicht erklärt worden. Sie kannte nur die Gnade, die den Menschen für das Wirken Gottes öffnet, aber nicht die Gegenwart Gottes selbst - und doch spürte sie diese Form der Gegenwart in ihrer Seele! So sprach die Karmelitin mit anderen darüber, sie gaben ihr zur Antwort, Gott als Urheber des Seins und der Gnade sei in allen Geschöpfen gegenwärtig. Das ist richtig, doch erschöpft es die Sache bei weitem nicht!
"Daß Gott so in den Dingen sein sollte, wie er in mir war, schien mir unmöglich zu sein. Andererseits konnte ich nicht glauben, daß er nicht in mir war; denn ich glaubte, genau verstanden zu haben, was seine Gegenwart war. Wenig gebildete Leute sagten mir, daß er nur durch die Gnade in mir wäre. Ich konnte ihnen nicht zustimmen. Denn - ich sage es noch einmal - er war es, dessen Gegenwart ich spürte. Das quälte mich sehr. Ein sehr gebildeter Mönch vom Orden des glorreichen heiligen Dominikus zerstreute meine Zweifel. Er versicherte mir, daß Gott selbst gegenwärtig war, und erklärte mir, wie er sich uns mitteilt. Dadurch wurde ich sehr getröstet."**
Vielleicht war dieser gebildete Mönch Dominigo Banez, ein lobwürdiger Beichtvater der hl. Theresa, der nicht nur ihre Seele zu größeren Höhen führte, sondern auch die Gnadenlehre des hl. Thomas entscheidend entfaltete. Und an dieser Stelle muss ich doch mal meinem hochgeschätzten Kollegen, dem Thomasleser widersprechen, der gerne auf die Trockenheit der thomasischen Traktate hinweist, die nicht unbedingt die Herzen entzünden. Mir geht es da doch etwas anders. Freilich, es liegt in der Natur der Sache, dass ein wissenschaftliches Werk kein geistlicher Gesang einer von Gott umfangenen Seele ist - aber er ist doch Ausdruck einer solchen Seele in einer anderen Weise, ich will meinen, nach der Art der Klarheit, der Nüchternheit. Mehr dazu vielleicht ein andermal.

Am Beispiel der hl. Theresa sehen wir doch sehr anschaulich die Gefahren schlechter Beichtväter gerade für eine hochherzige Seele. Sie will aufgenommen, hochgehoben werden. Wird sie das nicht, so droht die Gefahr, dass sie verkümmert. Mehr noch, durch Fehlleitungen kann sie in gefährliche Fahrwasser geraten.
In diesen unseren Zeiten gehen wahrscheinlich sehr viele von uns (und ich muss mich da momentan auch leider einschließen) den Weg des geistlichen Lebens mehr oder minder alleine. Mit all den Gefahren, die damit zusammenhängen, schließlich kann sich der Arzt schwer selber heilen, der Richter wird sich ungern richten, der Lehrer kann sich nichts beibringen und der Vater sich selbst kaum einen tröstlichen Rat geben. Wir wissen vielleicht und sprechen gerne davon, wie sogar heiligmäßige und gelehrte Priester selbst zur Beichte gehen und da ganz kindlich werden. Aber meinen dann womöglich doch unbewusst, mit der geistlichen Lektüre allein uns schon selber führen zu können. Ja, sicher, es mag möglich sein. Aber es ist ein schwieriger und gefährlicher Weg.
Ich würde mir wünschen, würde die geistliche Leitung, die Seelenführung, gemeinsam mit der Ohrenbeichte aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Doch das geht wirklich und einzig und allein nur, wenn die Priester des höchsten Gottes die nötigen Fähigkeiten dazu haben, sie heilig und gelehrt sind.
Und zur Not reicht dafür auch erstmal eines davon: Herr, gib uns gebildete Priester!


* mal von Rubrikenreitern wie mich abgesehen, denen dergleichen Nachlässigkeiten Gelegenheiten zur Sünde werden können.
** Autobiographie, Kap. 18, Nr. 15, zitiert nach Charles JournetVom Geheimnis des Heiligen Geistes, Köln 1998, S. 95

Bild: Casus Conscientiae, Pedro Lumbreras, OP, Madrid 1959

Donnerstag, 9. Oktober 2014

In den Wunden...

Die Kirche lieben, heißt auch ihre Wunden sehen, aber daran nicht scheitern, sondern religiöser und innerlich vertiefter werden.
Antonio Rosmini 

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Dienstag, 7. Oktober 2014

Das Gebet der Stille und ein eifriger Priester

Als Blogozesaner, der sich mehr oder minder in seinen Beiträgen am Kirchenjahr entlanghangeln will, hat man immer ein Auge auf den Kirchenkalender der nächsten Woche(n). Das sentire cum Ecclesia lässt sich ja auch nicht so einfach aus den Fingern saugen, oder, wenn doch, dann merkt man das vermutlich. Nein, man muss schon etwas überlegen, möglicherweise liturgische Schmuckstücke heraussuchen, übersetzen, Quellen studieren, Bilder heraussuchen oder gar knipsen und eigene Gedanken zum Thema sammeln. Neulich machte ich mir, eigentlich eher nolens volens, Gedanken zur hl. Theresia von Avila, die mir dank dieses Blogs in letzter Zeit sowieso öfters mal im Kopf herumspukt. Und da fiel mir dann doch hier und da etwas ein, das eine kam zum anderen und letztlich hatte ich mehr Material im Kopf angehäuft, als ich gewöhnlich an einem Tag schreibe. Das macht aber natürlich nichts, dann bereichere ich das Fest eben, je nach bedarf, mit Vigil, Novene* oder Oktav. Und diesmal gibt es, so zumindest der vorläufige Plan, ein Dreigestirn: etwas mehr oder minder persönliches, dann etwas mit größerem Fokus auf die Heilige selbst, und schließlich natürlich noch eine liturgische Perle - nach den letzten Beiträgen hätte meine Namenswahl wohl eher auf Brevier-Katholik fallen sollen! Der Name wäre nur etwas unehrlicher, denn ich bete tatsächlich nur Teile des Stundengebetes, und alles was darüber hinausgeht, ist Mühsal und Arbeit...

So geschah es jedenfalls, dass ich zur Vorbereitung einer Jugendfreizeit im Schwarzwald schon ein paar Tage vorher bei einem noch recht jungen Pater zu Gast war, der aber nichtsdestotrotz schon einige Jahre das unauslöschliche Siegel des Priestertums Christi trug. Ich schätzte und schätze den Hw. Herrn sehr als frommen und seeleneifrigen Mann. Vor allem durch seine tätige Hilfsbereitschaft und herzliche Freundlichkeit wurde er allen alles. Im alltäglichen Beisammensein fiel mir aber dann doch etwas auf, was mir Sorgen bereitete. Der Pater machte einen unwahrscheinlich gehetzten, gestressten Eindruck. Kein Wunder, könnte man meinen, schließlich muss er hier und dort die Messe lesen, die Sakramente spenden, Krankenbesuche abstatten und und und. Aber es steckt noch ein klein wenig mehr dahinter. Als gottesfürchtiger Priester vergaß er natürlich nie, das Brevier zu beten, den Rosenkranz. Vor jeder Autofahrt wurde ein Reisegebet gesprochen, der Engel des Herrn und das Tischgebet fiel auch nie...unter den Tisch. Nur, wenn es um die morgendliche Betrachtung ging, da wurde vielleicht schon etwas abgeknapst. Und je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, um so mehr wurde mir klar, dass er völlig ausgezerrt ist, und zwar äußerlich und innerlich. Fern davon, dass er sich im Sinne der amerikanistischen Häresie nur in äußere Tätigkeiten stürzte! Nein, er betete doch viel und oft. Doch ich merkte, es kostet ihm unwahrscheinlich Kraft.

Sicher, Gebet und Andacht kann man sich nicht aus den Rippen schwitzen, es gibt immer Zeiten großer Trockenheit, die hl. Therese von Lisieux kannte zumindest in ihrem späteren Leben kaum etwas anderes. Aber hier steckte noch mehr dahinter. Erst sehr viel später habe ich ein wenig verstanden, was. Bei einem Telefonat berichtete er mir von Theresa von Avila und ihrem "Gebet der Ruhe" oder der Stille. Es war ihm völlig neu! Und ich war baff - gehört diese erste Stufe des beschaulichen Gebetes doch an den Anfang des Erleuchtungsweges, auf dem ich ihn doch längst sah. Und schließlich war er, quasi ex utero in und mit der Tradition aufgewachsen. Doch der Geistliche kannte nicht das passive Gebet, die Eingießung, die einfach Vereinigung mit Gott. Sein geistliches Leben war voll und ganz auf die Aszese ausgerichtet. Und durch das ständige Sprechen, das Tun, das schnell zum Quasseln der Heiden werden kann, verausgabte er sich nicht nur selber, sondern verhinderte auch, dass der Höchste selbst in der Ruhe in seiner Seele wirken kann. Dass der Wille eingenommen wird von Gott, der die Seelenkrafte schlafen legt. Er zwang sich nur, immer und immer weiter zu beten...
Die hl. Theresia selbst vergleicht die Stufen des Gebetes mit vier Arten der Bewässerung eines Gartens. Die erste Stufe ist das Wasserholen mit Hilfe der Arme, es stellt die diskursive Betrachtung dar. Zweite Stufe ist das Bild des Schöpfräderwekes, der "Noria", mit deren Hilfe man das Wasser befördert - dies ist das Gebet der Ruhe, man führt eine gewisse Tätigkeit aus, die auf das Wirken Gottes bereit macht. Vierte Stufe ist das Umleiten eines Baches, und schlussendlich, für die weit vorangeschrittene Seele, der Regen.

Nun, um das Ganze nicht noch länger zu machen: In dem angesprochenen Telefonat berichtete er mir, wie viel Frieden und Entlastung ihm das Gebet der Stille brachte. In der er nicht mehr tätig sein musste, sondern endlich Gott wirken konnte. Und ich denke, es hat nicht nur ihn entlastet, sondern große Früchte für sein Geistesleben und sein Apostolat gebracht.
Ich will den frommen Priester nun hier keinesfalls schlecht machen. Er war und bleibt mir in den Geistesdingen, im Tugendleben doch weit überlegen. Aber an diesem Beispiel kann man doch sehr anschaulich sehen, wie schnell wir uns in allerlei, vielleicht all zu löbliche, Tätigkeiten und einer sich anhäufenden Zahl aszetischer Übungen verstricken können. Und dem Herrgott gar keinen Platz lassen, zu walten. Wir können nämlich großen Schaden davontragen, wenn wir sehen, wie unser Wirken vielleicht immer und immer so fruchtlos bleibt. Und haben doch so viel Kraft dafür aufgewendet. Den Frieden der Seele, zumindest irgendwo ganz oben in der Seelenspitze, wo Thomas von Aquin den Seelenfrieden Christi selbst in seiner Todesqual sieht, können wir nur so, selbst in größter Trockenheit, erhalten. Der Frieden findet sich, da sind sich die geistlichen Schriftsteller einig, in der ganz persönlichen Zustimmung zum Willen Gottes, zu seiner Vorsehung. Und nichts kann eine größere Zustimmung unseres Willens hervorrufen, als das durch Gnade verursachte Eingenommensein unseres Willens von Gott.
Und ob wir nun selber durch Gottesgnade einen Moment der passiven Schau, des Erleidens erhalten, uns nicht in einem falschen Mystizismus täuschen, das können wir ganz leicht unterscheiden. Folgt daraus ein wachsendes Verlangen nach einer noch größeren Einigung mit Gott, der Fortschritt in den Tugenden, so ist unser passives Gebet unzweifelhaft echt.

Darum: Vergessen wir die Ruhe nicht.


*Als notorischer Novenenverbummler hat mich bislang nur Hw. Windlicht bei Stange halten können.

Die glorreichen Geheimnisse: Iam morte, victor, obruta

Als schon der Tod bezwungen war,
kehrte Christus als Sieger aus der Hölle zurück,
und da die Fesseln der Sünde zerbrochen sind,
öffnet er die Pforten des Himmels.

Zur Genüge von den Sterblichen geschaut,
steigt er empor zu den Himmlischen
und sitzt zur Rechten des Vaters
als Teilhaber der väterlichen Herrlichkeit.

Den Heiligen Geist, den er den Seinen
schon zu geben versprochen hat,
regnet er in feurigen Zungen der Liebe
in die betrübten Jünger hinein.

Gelöst von der Schwere des Fleisches
wird die Jungfrau zum Himmel erhoben,
empfangen vom Jubel des Himmels
und den Liedern der Engel.

Zweimal sechs Sterne umkränzen
das Haupt der holden Mutter,
nahe beim Thron des Sohnes
herrscht sie über alle Kreatur.

(Übersetzung leicht adaptiert aus dem zweisprachigen Diurnale Romanum, herausgegeben von der Petrusbruderschaft, Thalwil 2011)
Bild: Herz-Jesu-Kirche, Pfersee

Montag, 6. Oktober 2014

Die schmerzhaften Geheimnisse: In monte olivis consito

Auf dem olivenbepflanzten Berg
fällt der Erlöser betend nieder,
er trauert, er zittert, verliert seine Kräfte
und blutiger Schweiß rinnt herab.

Vom Verräter ausgeliefert,
Gott wird unter Schmerzen weggeschleppt,
gefesselt mit rauen Stricken,
wird er mit blutigen Geißeln gefoltert.

Geflochten aus scharfen Dornen
die Krone der Schmach,
einen beschmutzen Purpurmantel
bekleidet den König der Herrlichkeit.

Die dreifach schwere Last des Kreuzes tragen,
er schwitzt, er keucht, er fällt,
gar bis zur Spitze des Berges
wird er gezwungen.

An den furchtbaren Pfahl geschlagen,
unschuldig unter Verbrechern,
betend für seine Häscher,
haucht er ausgeblutet den Geist aus.

Bild: Breviarium Romanum, Tours 1932, Hymne der Mette vom Rosenkranzfest

Sonntag, 5. Oktober 2014

Rosenkranzhymnen - Caelestis aulae nuntius

Als ich zum ersten Mal das Messformular vom Rosenkranzfest aufschlug, da war ich doch etwas enttäuscht. Wie konnte ein so hohes Fest mit einer so mageren Zusammenstellung beehrt werden? Der Benediktinerkardinal Ildefons Schuster bedauert in seinem Liber Sacramentorum ebenfalls, dass die Komposition minderwertig sei - und macht doch gleichzeitig aufmerksam auf das vom (meines Erachtens letzten) großen Gelehrtenpapst Leo XIII. 1888 genehmigte Festoffizium, welches "nicht ganz ohne Anmut und Erhabenheit "wäre. Sowohl die Antiphonen als auch die Hymnen geben die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes wieder. In der 1. Vesper die freudenreichen, in der Matutin die schmerzhaften und in den Laudes die glorreichen Geheimnisse, in der 2. Vesper werden alle Geheimnisse in einer Hymne zusammengefasst. Geschrieben wurden sie 1757 vom Dominikaner Augustinus Thomas Ricchini, ein Freund des nicht minder gelehrten Benedikt XIV., sie gingen zunächst in das Ordenbrevier der Predigerbrüder ein. Dass gerade Papst Leo XIII. ein gutes Gespür für poetische Kompositionen hat, sollte nicht verwundern. Er verfasste seit seinem elften Lebensjahr lateinische Gedichte, sogar in seiner Amtszeit als Summus Pontifex schrieb er unter einem Pseudonym für die römische Zeitschrift Vox Urbis in der Sprache Vergils.
Damit nun nicht alles gleich auf einen Tag kommt, antizipiere ich die Hymne von der ersten Vesper:

Der Bote der himmlischen Hallen,
die Geheimnisse der Gottheit eröffnend,
begrüßt die Jungfrau voll Gnade
als Mutter Gottes.

Die Jungfrau besucht die blutsverwandte
Mutter des Johannes,
der, im Schoße eingeschlossen, freudig
die Gegenwart Christi verkündet.

Das Wort, das vor aller Zeit,
aus dem Geiste des Vaters hervorging,
wird aus dem Schoße der Jungfrau
als sterbliches Kind geboren.

Im Tempel wird der Knabe dargestellt,
und dem Gesetz gehorcht der Gesetzgeber,
hier opfert sich der Erlöser,
erlöst durch einen armen Preis.

Den sie schon als verloren beklagt,
findet bald froh die Mutter,
Unbekanntes legt der Sohn,
den gelehrten Geistern dar.


Bild: Horae Diurnae S.O.P,, Rom 1956

Samstag, 4. Oktober 2014

Die Würden der Heiligkeit

Die hierarchischen Würden sind Privilegien - die Weihe ihres Standes für die Priester, der göttliche Beistand für den Papst und das Bischofskollegium; aber diese Privilegien sind schließlich dazu verliehen, um allein die kostbarsten Güter, ohne die niemand in den Himmel gelangen kann, zugänglich zu machen. Denken wir an Mose: er allein hatte die Macht, Wasser aus dem Festen zu schlagen, doch wenn er nicht auch davon hätte trinken können, hätte er neben der Quelle verdursten müssen. Wir sollten uns folgenden Grundsatz einprägen: die hierarchischen Würden stehen im Dienst der Würden der Heiligkeit. Haben denn jene Frauen, die unbedingt Priesterinnen werden wollen, überhaupt nichts verstanden von den Würden der Heiligkeit, die Würden der Liebe sind und gewissermaßen in ihrer Natur liegen? Die heilige Teresa von Avila und die heilige Katharina von Siena waren keine kirchlichen Würdenträgerinnen, und genausowenig Marie de l'Incarnation, und der heilige Franz von Assisi war nur Diakon, doch sie alle trugen die Würde der Heiligkeit. Und das gilt in noch weitaus höherem Maße für die Jungfrau Maria, die ja auch nicht ausgesandt wurde, um zu predigen und die Sakramente zu spenden! Sie verkörperte bereits die himmlische Kirche, in der es keine hierarchischen Würden mehr geben wird, sondern nur mehr die Würden der Heiligkeit.
Charles JournetVom Geheimnis des Heiligen Geistes, Köln 1998, S. 113